»Alles für das kleine Wort Freiheit«

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1 »Alles für das kleine Wort Freiheit«Unabhängige Medien und freie Meinungsäußerung gibt es in S yrien nicht mehr. Ein deutscher Fotograf besuchte die Menschen in den Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze und bat sie, Briefe an die Welt zu schreiben. Übersetzung KATHARINA GOETZE Fotos JONAS OPPERSKALSKI Zu viele Gräueltaten musste Abdallah Ahmed als Soldat in Assads Armee miterleben. Er desertierte und floh in die Türkei. Doch auch hier an der syrischen Grenze sind die Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes a ktiv. In einer Umgebung großen Misstrauens gehört viel Mut dazu, sein Gesicht fotografieren zu lassen. A B D A L L A H A H M A D, Deserteur, 30 Jahre»Ich habe Assads Armee wegen der grauenhaften Unterdrückung der Demonstranten verlassen. Ich habe mit eigenen Augen die Massaker gesehen, die Assads Armee verübt hat. In dem Dorf Balschun wurden 45 unbewaffnete Männer liquidiert; in Kafr Ajun waren es 250 Männer und in Kafr Ibdita vierzig. 18 Sehen Ich versuche in mein Land zurückzukehren, um in den Reihen der Freien Syrischen Armee zu kämpfen. Wir werden nicht kapitu lieren, und so Gott will, werden wir Syrien von Assads Bande befreien. Gezeichnet: Abdallah Ahmad«Sehen 19

2 I B R A H I M (Name geändert), Flüchtling, 25 Jahre»Als syrischer Flüchtling in einem der türkischen Flüchtlingslager grüße ich dich (den Fotografen, Anm. d. Red.) und bitte dich, meine Identität nicht zu enthüllen und mein Gesicht nicht zu zeigen. Denn das würde bedeuten, dass meine Familie und Verwandten in Syrien verhaftet werden wenn Assads Leute sie nicht sowieso schon umbringen, sobald sie sie nur sehen. Syrien ist mittlerweile wie Guantanamo. Die Grenzen zur Türkei, zum Irak, zu Jordanien und zum Libanon sind die Zäune. Das syrische Volk wird täglich abgeschlachtet, schlimme Massaker finden statt. Die Syrer leiden und sie bluten vor der ganzen Welt aus ihren Wunden, aber das Schweigen der internationalen Gemeinschaft hält an. Ich weiß nicht, wie ich beschreiben kann, was auf syrischem Boden geschieht, weil ich mich unfähig fühle, die grauenhaften 20 Sehen Verbrechen in Worte zu fassen. Wir Flüchtlinge leben hier ein sicheres Leben weit weg von dem Horror, auch wenn es uns an den grundlegendsten Notwendigkeiten fehlt. Aber das ist nicht die Sache, für die wir kämpfen; unsere Körper sind hier, doch unsere Herzen und Gedanken sind bei unserem Volk in jedem Teil meines Landes, in Idlib, Homs, Hama, Latakia, Deir Ez-Zor Ich bitte unsere Brüder, die Europäer die sich von uns nur durch die Freiheit und Demokratie, in der sie leben, unterscheiden, uns zu helfen, auch wenn wir verschiedene Sprachen und Bräuche haben. Helft unserer Sache, unserem Ziel, die Ära von Freiheit und Demokratie einzuläuten Wir alle hier und in Syrien sind bereit, für Freiheit und Menschenwürde zu sterben. Danke jedem, der uns helfen möchte.«ibrahim wollte eigentlich Arzt werden. Doch der Bürgerkrieg zwang ihn, sein Studium abzubrechen. Aus seiner Heimatstadt Latakia floh er allein in die Türkei. Sehen 21

3 Flüchtlingscamp Yayladagi: Zwei Väter stehen mit ihren Söhnen, sieben und neun Jahre alt, auf einem Hügel oberhalb des türkischen Flüchtlingscamps. Dort sind die Flüchtlinge in einer ehemaligen Tabakfabrik und in Zelten drum herum untergebracht. Die alte Heimat ist nicht weit entfernt: Im Hintergrund ragt der syrische Berg Al-Akra in den Himmel. Statt eines Briefes hat der siebenjährige Karim (Name geändert) dem Fotografen ein selbst gemaltes Bild mitgegeben. Darauf sind zu sehen: er selbst, sein Haus in Syrien, die Berge und Apfelbäume. MAYADA (Name geändert), 10 Jahre (mit Hilfe ihrer Eltern) Auf dem Umschlag:»Ich hoffe, dass meine Zunge spricht.die Freiheit ruft. Die Bedeutung von Freiheit ist klein und einfach. Sie gehört den Menschen, die Menschen haben ein Recht auf Freiheit. Wir sind aus unserem Land verstoßen worden, aus einem kleinen Zimmer, in dem ich alle Wärme und Sicherheit dieser Welt fühlte. Sie sind gegen uns mit Panzern, Bomben und Kugeln vorgegangen, haben nicht zwischen Jung und Alt unterschieden. Nicht mal kleine Kinder blieben verschont. Wir sind in einem Zustand des Horrors und der Angst geflohen, extremer Angst. Während ich rannte, schaute ich, was hinter mir passierte und was diese Menschen taten, diese schrecklichen Menschen Der Preis der Freiheit ist gestiegen. Blut wurde vergossen, hunderte Menschen wurden getötet und verletzt, und Menschenteile wurden hier und da verstreut, alles für dieses kleine Wort Freiheit. Ich wusste nicht, dass fern von mei - nem Land zu leben so schwer ist, aber so Gott will, wird er (Assad, Anm. d. Red.) gestürzt. Er hat uns in nie da gewesener Weise gefoltert. Ich werde diese Tage, die wir durchlebt haben, mit all ihrer Verzweiflung und Traurig - keit nie vergessen. Ich bin ein Mädchen von vielen. Ich bin zehn Jahre alt.«22 Sehen Sehen 23

4 Umgeben von Mauern, Stacheldrahtzaun und Flutlichtern: Ein paar Kilometer entfernt von der syrischen Grenze sind im türkischen Apaydin-Flüchtlingslager vor allem ehemalige hochrangige Militärs und Offiziere der syrischen Armee mit ihren Familien untergebracht. Viele von Ihnen sind inzwischen für die Freie Syrische Armee aktiv. 24 Sehen Sehen 25

5 BÜRGERKRIEG IN SYRIEN FLUCHT A U S SYRIEN Mehr als Syrer sind geflohen, jeder Dritte davon in die Türkei. Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011, als während des Arabischen Frühlings auch dort die Menschen auf die Straße gingen und poli tische Freiheit sowie den Sturz des Präsi denten Baschar Al-Assad forderten. Bis Ende Juli 2012 sind mehr als Syrer in die Nachbarländer Jordanien, Libanon, Irak und Türkei geflohen. Etwa jeder Dritte der Flüchtlinge hält sich derzeit in der Türkei auf; die dreizehn türkischen Grenzübergänge nach Syrien wurden zwischenzeitlich geschlossen. Allein in der Region Hatay im äu ßersten Süden der Türkei leben derzeit etwa Syrer in vier verschiedenen Camps, zum Beispiel in der Stadt Yayladagi oder in Apaydin unter ihnen Familien, Rebellen und Deserteure. Assad wirft der Türkei vor, syrische Rebellen zu unterstützen. Es kursieren Gerüchte, nach denen sich auch Ge folgs leute von Assad in den Flüchtlingscamps aufhalten. Anzeige MUSTAFA ZAAOUT, 21 Jahre, Deserteur Der Wehrpflichtige Mustafa Zaaout wurde am 29. April 2011 fahnenflüchtig. Er kämpfte und verteidigte die Bevölkerung und unbewaffnete Demons tranten, die in Hama und Sahel Al-Ghab gegen das Assad-Regime auf die Straße gingen. Dann floh er in die Türkei.»Wir fordern nichts Geringeres als den Sturz des Assad-Regimes, egal, wie viel Blut und Tod und Erniedrigung es uns kostet. Gezeichnet: die Freie Armee.«JONAS OPPERS KALSKI, 24, Fotograf, überzeugte syrische Rebellen mit viel Geduld davon, dass er nicht zum Geheimdienst gehört. Mehre re Tage lebte er mit ihnen in einem Haus. 26 Sehen

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