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1 gründen 2.0 Wie aus Ideen Unternehmen werden. Informationen, Erfahrungsberichte und Tipps für Start-ups. Die Zukunft beginnt heute Wie gesellschaftliche Trends Chancen fürs Business kreieren. Das grosse Abenteuer Drei erfolgreiche Jungunternehmer erinnern sich an den Start. Das neue Leben als Chef Von der Geldsuche bis zur cleveren Marketingstrategie. Das Gründer-ABC Adressen, Beratungsstellen und Checklisten.

2 Realisierungspartner Sie haben die Herausgabe von gründen 2.0 finanziell und inhaltlich unterstützt. Kontaktstelle für Wirtschaft Glarus Stiftung grow Gründer organisation Wädenswil Standortförderung Höfe Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug Wirtschaftsförderung Schaffhausen Die ideellen Partner Sie leisten tatkräftige Unterstützung bei der Bekanntmachung und Verteilung von gründen 2.0. Adlatus Ausbildungsinitiative venture lab BaselArea Biotech Center Zürich CTI-Invest Energie-Cluster ETH Transfer Genossenschaft Denkstation Greater Zurich Area GDI Gottlieb Duttweiler Institut Handelsregisteramt Kanton Zürich Hochschule für Wirtschaft Freiburg IDEE SUISSE Institut für Geistiges Eigentum Institut für Jungunternehmer Kantonaler Gewerbeverband Zürich KMU-HSG an der Universität St. Gallen kmunext MSM Group, Business Legal Office Paul Scherrer Institut ProWeinland Regionalmarketing Zürich Oberland Standortentwicklung Urdorf Standortförderung Dietikon Standortförderung glow. das Glattal Standortförderung Knonauer Amt Standortförderung Limmattal Standortförderung Region Winterthur Standortförderung Wetzikon Standortförderung Zimmerberg-Sihltal Standortförderung Züri-Unterland Standort- und Wirtschaftsförderung Schlieren Stiftung für technologische Innovationen STI SVA Zürich Swiss Biotech Association Swissexport Technopark Allianz Zürich The Ark Stiftung für Innovation im Wallis Unitectra Verband Frauenunternehmen W. A. de Vigier Stiftung Wirtschaftsförderung Kanton Freiburg Wirtschaftsförderung Stadt Zürich Wirtschaftsförderung Kanton Solothurn Wirtschaftsförderung Uster Wyrsch Unternehmerschule Young Enterprise Switzerland Zürich Handelskammer

3 Liebe Leserin, lieber Leser gründen 2.0 Wie aus Ideen Unternehmen werden. Informationen, Erfahrungsberichte und Tipps für Start-ups Die Wirtschaftslage gibt aktuell viel zu diskutieren. Aber nicht nur: Auch die übrigen Entwicklungen der jüngeren Zeit halten uns sprichwörtlich auf Trab. So zum Beispiel die digitale Durchdringung und Beschleunigung unseres Alltags, die Entwicklungen auf den Finanzmärkten und ihre Auswirkungen auf die Realwirtschaft, die gestiegene Mobilität von Mensch und Kapital, die demografische Entwicklung sowie die knapper werdenden Ressourcen, um nur einige zu nennen. Kurz: Wir leben in einer vielschichtigen Welt und sind dem raschen Wandel ausgesetzt. Dies ist zugegeben anstrengend und herausfordernd, eröffnet aber auch neue Chancen. Und um diese Chancen geht es uns mit der zweiten Auflage des gründen-ratgebers. Wir wollen mit gründen 2.0 unternehmenslustigen Menschen ob jung oder auch schon etwas älter Mut zusprechen, Ideen geben sowie aufzeigen, welche Hürden es bei der Unternehmensgründung zu beachten gilt, und einen Werkzeugkasten zur Verfügung stellen. gründen 2.0 bietet Hintergrundinformationen zu zukunftsweisenden Themen und Geschäfts feldern, ermutigende Kurzporträts von Unternehmerinnen und Unternehmern, die den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben, sowie einen Service-Teil mit Anlaufstellen, Checklisten und noch mehr. Schliesslich danken wir allen Beteiligten, die durch ihr engagiertes Mitwirken zum Ausdruck bringen, dass ihnen an der Förderung des Unternehmergeistes und der Entstehung von neuen Unternehmen gelegen ist. Wir wünschen eine inspirierende Lektüre und gutes Gelingen beim Umsetzen Ihrer Ideen. Bei Fragen steht Ihnen wie Sie beruhigt feststellen können schweizweit ein dichtes Netzwerk mit versierten Partnern zur Verfügung. Im Namen der gesamten Trägerschaft Anita Martinecz Fehér Standortförderung des Kantons Zürich Koordination Claus Niedermann Journalistenbüro Niedermann Redaktion Träger gründen 2.0 konnte dank dem gemeinsamen Engagement der folgenden Partner realisiert und finanziert werden: Wirtschaftsförderung Kanton Graubünden und Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur Amt für Wirtschaft Kanton Schwyz Ressort KMU-Politik Editorial 3

4 Wir helfen mit, aus Ihrem Start-up ein Unternehmen zu machen. Sie haben eine Business-Idee oder sind als zukünftiger Unternehmer bereits in den Startlöchern? Höchste Zeit, mit den Start-up-Spezialisten der ZKB zu sprechen. Mit Fachwissen, Engagement und Weitblick stehen sie Ihnen in jeder Phase des Unternehmensaufbaus zur Seite. Als Ihr Finanzpartner sorgen wir dafür, dass aus Ihrer Business-Idee ein erfolgreiches Unternehmen wird. Sprechen Sie mit unseren Start-up-Spezialisten: , Willkommen bei der ZKB.

5 Firmengründer und Volkswirtschaft 6 Gründer als Schwungrad der Wirtschaft 8 Aus Unternehmersicht Gesellschaftliche Herausforderungen 11 Ressourcenknappheit 13 Alternde Gesellschaft 15 Freizeitgesellschaft Branchen mit Zukunftspotenzial 18 Greentech 20 Life Sciences 22 Informations- und Kommunikationstechnologie IKT Das nötige Rüstzeug 25 Unternehmertyp 26 Planung 28 Geschäftsmodell 30 Technologietransfer 32 Geistiges Eigentum 34 Eigenkapital 36 Geld von der Bank 38 Förderagentur für Innovation KTI 40 Marketing 42 Export 43 Zehn Fakten für Unternehmensgründer Service-Teil 44 Gründerzentren und Technologieparks 46 Anlaufstellen 50 Rechtsformenübersicht 56 Informationen für Nicht-Schweizer 58 Checkliste Firmengründung 66 Förderpreise und Wettbewerbe Impressum gründen 2.0 wurde von mehreren Bundesstellen sowie kantonalen Wirtschafts- und Standortförderungen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Verbänden und Organisationen realisiert. Projektkoordination Anita Martinecz Fehér Standortförderung des Kantons Zürich Chefredaktion Claus Niedermann Redaktion Claus Niedermann, Jost Dubacher, Stefan Kyora, Eugen Albisser, Journalistenbüro Niedermann GmbH, Hirschmattstrasse 33, 6003 Luzern, Tel , PDF-Fassung und Bezugsquellen siehe Gastautoren Dr. Thomas Bähler, Kellerhals Anwälte; Prof. Rico J. Baldegger, HSW Freiburg; Alain Egli, GDI Gottlieb Duttweiler Institut; Marc Hamburger, StartZentrum Zürich; Nicole Heim, Young Enterprise Switzerland; Prof. Dr. François Höpflinger, Universität Zürich; Urs Kappeler, HTW Chur; Georges Kotrotsios, CSEM Neuenburg; Prof. Dr. Hansruedi Müller, Universität Bern; Prof. Dr. Heinz Müller, Eidg. Institut für Geistiges Eigentum IGE; Erika Puyal Heusser, Zürcher Kantonalbank ZKB; Sebastien Mabillard, The Ark; Dr. Eric Scheidegger, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO; Beat Schillig, Institut für Jungunternehmen IFJ; Prof. Dr. Lutz E. Schlange, HTW Chur; Rainer Stamm, Unternehmensberater Korrektorat Elisabeth Vetter, Stein am Rhein Fotos Ben Huggler, Luzern Illustrationen Anna Luchs, Zürich Gestaltung und Layout Bernet & Schönenberger, Zürich Druck Fotorotar, Egg fotorotar.ch Auflage Exemplare Trägerschaft gründen Oktober 2009 Ausgabe 2010/2011

6 Gründer als Schwungrad der Wirtschaft Die Zahl der Unternehmensgründungen in der Schweiz steigt stetig. Der Bund unterstützt diesen erfreulichen Trend durch seine Wachstumspolitik. Hintergrund Ein Arbeitstag für die Gründung einer AG Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften Winterthur wollte es einmal genau wissen. Wie gross ist eigentlich der zeitliche Aufwand für die Gründung einer Firma in der Schweiz; und zwar von den ersten Abklärungen bis zur Ablage der letzten erforderlichen Dokumente? Die Antwort für Aktiengesellschaften: Es sind 8,9 Stunden, verteilt über einen Zeitraum von 26 Tagen. Finanziell kommt die Gründung einer AG inkl. Eintrag ins Handelsregister erfahrungsgemäss auf mindestens 3000 Franken zu stehen. Die gute Nachricht: International ist die Schweiz mit diesen Werten guter Durchschnitt. ABB, UBS, Novartis und Nestlé: In der öffentlichen Wahrnehmung sind es vor allem diese grossen Namen, welche für die Schweizer Wirtschaft stehen. Und gewiss: Diese Grossunternehmen sind wichtig. Sie prägen das Bild der Schweiz im Ausland und haben so eine Schrittmacherrolle für die ganze Exportwirtschaft. Andererseits aber stellen die Grossunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern nur rund 33 Prozent der Arbeitsplätze in der Schweiz. Alle übrigen Jobs sind bei Klein und Mittelbetrieben (KMU) angesiedelt. Diese Firmen sind das eigentliche, gleichzeitig starke und flexible Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Seine auch im internationalen Vergleich herausragende Dynamik verdankt der KMU Sektor nicht zuletzt all jenen, die den Sprung in die Selbständigkeit wagen und ihre Kompetenzen und ihre Energie in eine eigene Firma stecken. Unternehmensgründungen spielen im Wachstumsprozess einer Volkswirtschaft eine wichtige Rolle. Von ihnen geht ein entscheidender Beitrag zur Erneuerung der Wirtschaftsstruktur aus. Sie schaffen neue und vielversprechende Arbeitsplätze, die erstklassig ausgebildeten Mit arbeitern die Möglichkeit bieten, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in herausfordernden Projekten zur Anwendung zu bringen. Ebenso fördern Neugründungen den Binnenwettbewerb sowie die Innovationstätigkeit und tragen zu einer verbesserten internationalen Wettbewerbsposition der Schweiz bei. Seit dem Jahr 2002 ist die Anzahl der Unternehmensgründungen in der Schweiz stetig angestiegen. Mit Neugründungen wurde im Jahr 2007 wieder ein Höchstwert erreicht. Bei den neu gegründeten Unternehmen handelt es sich mehrheitlich um kleine Unternehmen. Sie sind hauptsächlich in den Grossregionen Zürich und Genfersee angesiedelt und oftmals in der Branche Dienstleistungen für Unternehmen und Handel tätig. Der Bund unterstützt diesen erfreulichen Trend nach Kräften. Einerseits indem er gezielt die administrativen Hürden bei den Unternehmensgründungen senkt. Andererseits aber mit einer Wachstumspolitik, die auf die Dynamisierung der Gesamtwirtschaft abzielt. Die vom Bundesrat verabschiedete «Wachstumspolitik » setzt sechs Schwerpunkte. Stärkung von Wettbewerb, Innovation und Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für Unternehmen 1. Die Wettbewerbsintensität im Binnenmarkt: Dank der Stärkung der Markt und Wettbewerbsmechanismen, insbesondere einer wirksamen Bekämpfung von Kartellen, soll sich ein schweizerischer Binnenmarkt herausbilden, der auch vom Preis der Leistungen her international konkurrenzfähig ist. Darüber hinaus kann die Schweiz auf eine qualitativ hochwertige Infrastruktur bauen, die den Bedürfnissen des gesamten Landes angepasst ist. Liberalisierungsschritte in diesem Bereich erhalten die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland und tragen zur grenzüberschreitenden Integration dieser Märkte bei. 2. Die internationale Öffnung: Die Aussenwirtschaftspolitik sichert der Schweizer Wirtschaft den Zugang zu den Märkten in Europa und in der Welt, nicht zuletzt indem sie sich für ein global gültiges und respektiertes Regelwerk für den internationalen Handel einsetzt. Die Schweiz fördert zudem eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung bei den Handelspartnern. Im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit setzt sie einen Schwerpunkt bei einer Auswahl noch wenig entwickelter und wenig in den Welthandel integrierter Länder. 3. Die öffentlichen Finanzen: Die Staatsquote wird stabilisiert, insbesondere indem darauf geachtet wird, dass das Wachstum der Gesundheitskosten und der mit der demografischen Alterung verbundenen Transfers in kontrollierten Bahnen verläuft. Die Steuerpolitik sucht nachteilige Leistungsanreize für Unternehmen und Haushalte nach Möglichkeit zu vermeiden. 4. Die Erwerbsbeteiligung: Die hohe Erwerbsbeteiligung ist eine wichtige Ursache unserer Prosperität. Zugleich ist eine breite Beteiligung am Arbeitsmarkt ein wirksames Mittel gegen soziale Ausgrenzung. Um die in 6 gründen 2.0

7 den kommenden Jahren immer stärker spürbare demografische Alterung zu meistern, gilt es unter anderem, die Arbeitsmarktbeteiligung älterer Arbeitnehmer zu fördern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erhöhen. Im Interview: Christian Weber 5. Das Humankapital und das betriebliche Innovationsvermögen: Die Fähigkeiten und die Qualifikation der Erwerbstätigen sind für das Wirtschaftswachstum bedeutend. Deshalb ist die hochwertige Ausbildung über die Berufsschulen, die Fachhochschulen und die Universitäten von grösster Priorität. Neben dem qualitativ hochwertigen Humankapital machen weitere Rahmenbedingungen wie der Schutz geistiger Eigentumsrechte die Schweiz zu einem privilegierten Standort für Forschung und Entwicklung. 6. Der Rechtsrahmen für unternehmerische Aktivitäten: Die Schweiz muss als Standort für Investitionen aus dem Inland wie für ausländische Direktinvestitionen attraktiv bleiben. Die Gründung neuer Unternehmen ist zu erleichtern. Die Bedingungen für die weitere Entfaltung der KMU werden laufend verbessert durch Senkung administrativer Lasten und durch die Gewährleistung eines grossen unternehmerischen Handlungsspielraums. Auch Steuerreformen dienen der Förderung von Unternehmergeist. Besondere Erwähnung verdient schliesslich die beschleunigte Einführung der SuisseID, eines digitalen Identitätsausweises für den Verkehr im Internet. Der Bundesrat hat dieses Vorhaben ausdrücklich in sein drittes Konjunkturpaket aufgenommen, denn er ist der Meinung, dass sich mit einem sicheren elektronischen Identitätsnachweis die Effizienz und die Produktivität in der Schweizer Wirtschaft nachhaltig steigern lassen. Dank diesen Massnahmen und der bisher konsequenten Fortführung der stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik leidet die Schweiz heute trotz weltwirtschaftlichen Verwerfungen weder unter einer Immobilienblase noch unter einer übermässigen Staats und Privatverschuldung. Im internationalen Vergleich stehen wir besser da als viele andere Länder. Gemäss dem jüngsten Länderranking des World Economic Forum (WEF) ist die Schweiz heute der attraktivste Wirtschaftsstandort der Welt; unmittelbar vor den USA und weit vor all unseren Nachbarländern. Diesen Vorsprung will der Bund bewahren und ausbauen, damit die Schweizer Wirtschaft in ihrer Gesamtheit Grossunternehmen, KMU und Jungfirmen vom nächsten Aufschwung voll profitieren können. Dr. Eric Scheidegger Stv. Direktor Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Leiter der Direktion für Standortförderung Foto : PD Mit der SuisseID kann jedermann den Behördenverkehr künftig elektronisch abwickeln, ebenso Geschäfte mit den Unternehmen. Herr Weber, wird das Leben dank SuisseID jetzt einfacher? Christian Weber: Einfacher möchte ich nicht sagen, aber bequemer. Denn dank dem elektronischen Identitätsnachweis SuisseID ist es künftig möglich, im Web zum Beispiel per Rechnung einzukaufen. Und für Zahlungen im Netz kommt ebenfalls SuisseID zum Einsatz. Und ist der elektronische Schlüssel, bei dem es sich entweder um eine Chipkarte oder einen USB- Stick handelt, wirklich sicher? Nach dem heutigen Wissensstand ist SuisseID praktisch nicht zu knacken. Welche Funktionen umfasst SuisseID? Zuerst einmal den elektronischen Identitätsnachweis. Damit kann sich jeder im Web ausweisen. Mit SuisseID können dank der qualifizierten elektronischen Signatur auch Dokumente unterschrieben werden wie ein Kaufvertrag oder etwa der Mietvertrag. Als drittes Element wird ein elektronischer Funktionsnachweis geboten, der über die jeweiligen Kompetenzen der Firmenmitarbeiter und Beamten der öffentlichen Verwaltung Auskunft gibt. Für die Einführung von SuisseID stellte der Bund 17 Millionen Fördert E-Government: Christian Weber, Projektleiter SuisseID beim Staatssekretariat für Wirtschaft SECO «SuisseID macht das Leben bequemer» Mit dem elektronischen Identitätsnachweis können sich Firmen Behördengänge sparen. Franken zur Verfügung. Was wird erwartet? Mit dem E-Government sparen wir massiv Kosten. Dies belegt eine Studie der Universität St. Gallen. Weil Unternehmen zum Beispiel über unseren Online-Schalter elektronisch gegründet werden können, Formulare im Netz zum Download bereitstehen und immer mehr Bewilligungen übers Internet beantragt und ausgestellt werden, konnten und können Dutzende von Millionen Franken eingespart werden. Der Start für SuisseID erfolgt im Mai Erhalten Interessierte den Schlüssel gratis? Der Bund übernimmt bis zu 80 Prozent des Kaufpreises, der zwischen 50 und 100 Franken liegen kann. Den Vertrieb übernehmen die vom Bund zertifizierten Unternehmen: Swisscom, die Posttochter Swiss- Sign, QuoVadis Trustlink und das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation BIT. Dank dem Einsatz von 17 Millionen Franken will der Bund innerhalb eines Jahres eine Nutzerzahl für SuisseID von Personen erreichen. Was wird dies Jungfirmen nützen? Je mehr Leute über eine SuisseID verfügen, desto mehr Geschäfte können elektronisch abgewickelt werden. Dies ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle im Internet, was zusätzliche Business-Chancen für Jungfirmen öffnet. Interview Claus Niedermann Firmengründer und Volkswirtschaft 7

8 Aus Unternehmersicht Wer Unternehmer ist, will es bleiben. Trotz viel Arbeit und Unsicherheit. Denn die eigenen Visionen lassen sich nur so verwirklichen. Studie Frauen sind erfolgreicher Rund ein Sechstel aller Unternehmen wird von Frauen gegründet. Die Jungunternehmerinnen sind nach ein paar Jahren der Selbständigkeit zufriedener als ihre männlichen Kollegen. Sie haben allen Grund dazu. Denn von Frauen gestartete Firmen scheitern deutlich seltener als die von Gründern. Diese Ergebnisse liefern Studien von Rolf Meyer. Der stellvertretende Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der Fachhochschule Nordwestschweiz untersucht Firmengründungen seit einem Jahrzehnt. Gründe für den grösseren Erfolg der Frauen liefern die Studien ebenfalls. So planen die Gründerinnen die Selbständigkeit sorgfältiger und gehen kleinere finanzielle Risiken ein. Noch vor zehn Jahren wurde ich von meinen ehemaligen Mitstudenten von der Universität St. Gallen belächelt. Kaum einer konnte begreifen, warum ich mich nicht einer lukrativen Karriere in einer Grossfirma verschrieben hatte und es stattdessen bevorzugte, als Kleinunternehmer (noch) brotlose Jungunternehmen zu begleiten und Workshops für sie zu or ga nisieren. Das fragte ich mich nie. Mein Antrieb als Unternehmer ist es, meine eigene Vision und meine eigenen Ideen zu verwirklichen. Was ich erreiche und leiste, wird nicht von einem Chef beurteilt, das Urteil über gut oder schlecht liegt einzig beim Kunden. Nicht dass das weniger fordernd wäre. Das ist eine Illusion, wie auch die totale Unabhängigkeit im Unternehmertum eine Illusion ist. Bei vielen Jungunternehmern steht am Anfang der Drang nach Unabhängigkeit. Gar nicht allzu lange dauert es, bis sich die meisten in einem neuen Abhängigkeitsverhältnis wiederfinden. Einer Abhängigkeit gegenüber den wichtigsten Kunden, ihren Anliegen und Bedürfnissen. Und trotzdem: Ich könnte mir kein anderes Leben vorstellen, denn meine Kunden kann ich mir selber aussuchen, meine Chefs nicht. Dass die Arbeitszufriedenheit in der Selbständigkeit ausserordentlich hoch ist, zeigt eine Umfrage des IFJ Institut für Jungunternehmen bei 571 Firmengründern (Durchschnittsalter der Unternehmen 28 Monate): 94 Prozent würden den Schritt in die Selbständigkeit wieder wagen! Wie würde das Resultat aussehen, wenn man 571 Angestellte nach 28 Monaten fragen würde, ob sie denselben Job wieder antreten würden? Ich behaupte, dass die Zahlen weit weniger optimistisch ausfielen. Und das, obwohl die Jungunternehmer mit schlechteren Arbeitsbedingungen konfrontiert sind. Sie arbeiten gut und gerne 60 Stunden pro Woche, sie verdienen weitaus weniger, geschweige denn, dass man von einem gesicherten Einkommen sprechen könnte. Was macht also den Unterschied aus? Einige nennen das spannende Umfeld als Grund, andere den intensiven Lernprozess. Ich höre die Leute auch immer wieder sagen, dass sie in einem halben Jahr als Unternehmer mehr gelernt hätten als in ihrem ganzen Studium. Und ich kenne niemanden, der nach einer erfolgreichen Unternehmerkarriere als Angestellter glücklich wurde. Das Unternehmertum verändert einen, und dabei gilt es auch gleich mit einem alten Vorurteil zu brechen: Als Unternehmer wird man nicht geboren, sondern man wird Unternehmer als Resultat eines Lernprozesses, der übrigens nie abgeschlossen ist. Die Schweiz ist Start-up-Europameisterin Immer mehr jüngere Leute, oft direkt ab der Uni, entscheiden sich für den Weg in die Selbständigkeit. Dabei zeigt eine aktuelle Studie, dass die Überlebensrate von ETH Spin offs bei erstaunlich hohen 86 Prozent liegt doppelt 8 gründen 2.0

9 so hoch wie beispielsweise in den USA. Der Gründer boom an unseren Hochschulen findet seinen Niederschlag übrigens auch in den internationalen Rankings wie TechCrunch oder RedHerring. Bei beiden erscheint die Schweiz als Europameister. Doch sind unsere Schweizer Spin offs wirklich so brillant oder mangelt es Als Unternehmer wird man nicht geboren, man wird Unternehmer als Resultat eines Lernprozesses. ihnen einfach an Risikowillen, noch mehr zu wagen? Ich tippe auf Letzteres. Wir Schweizer starten erst mit einem Unternehmen, wenn wir fast zu 100 Prozent sicher sind, dass es klappt. Der Erfolg der Schweizer Start ups ist aber auch darauf zurückzuführen, dass der Support für sie in den letzten Jahren stark ausgebaut worden ist. Wettbewerbe, bei denen es ansehnliche Summen zu gewinnen gibt, spielen eine wichtige Rolle und versorgen die Spin offs mit dem nötigen Startkapital, um anschliessend weitere Investoren an Land zu ziehen. Beispielsweise konnten die durch venture kick geförderten Projekte in den letzten beiden Jahren ein Finanzierungsvolumen von deutlich über 30 Millionen Franken realisieren. Mehr als 95 Prozent der Neugründungen basieren allerdings nicht auf bahnbrechenden Innovationen, sondern auf Kernkompetenzen der Gründer und real existierenden Kundenbedürfnissen. Das reicht! Gemäss dem Bundesamt für Statistik ist die Hälfte aller Neugründungen nach fünf Jahren noch im Business. Die anderen, die sich nicht etablieren konnten, haben viel gelernt und es mehrheitlich nicht bereut. Das Risiko der verpassten Chance ist somit wesentlich grösser als das Risiko des Scheiterns. In rezessiven Phasen mit steigenden Arbeitslosenzahlen, Firmenpleiten und Massenentlassungen wird einem bewusst, dass, wer sein Dasein als Angestellter fristet, ebenfalls ein Risiko trägt. Strukturelle Umbrüche in der Wirtschaft erheischen ihren Tribut. Die Anforderungen an die Flexibilität und Mobilität von Mitarbeitern werden immer grösser. Gerade für ältere Arbeitnehmer wird die Situation immer schwieriger, und in Management Positionen scheint ab 40 die Altersguillotine bereits erreicht zu sein. Viele meiner HSG Kollegen haben sich jedenfalls aus ihren Karrieren verabschiedet und wollen jetzt auch Unternehmer werden oder sind es bereits geworden. Fazit: Es gibt nichts Gutes ausser man tut es Und weil das Risiko eines Angestellten heutzutage mindestens so gross ist wie das eines Selbständigen, gilt: Je früher, desto besser. Es gibt nichts zu verlieren. Dabei braucht es nicht zwingend eine ultimativ innovative Geschäftsidee. Viel wichtiger ist es, dass für das Angebot grundsätzlich eine Nachfrage besteht und dass die eigene Marktleistung mit viel Herzblut und Leidenschaft erbracht wird. Können sich die angehenden Unternehmerinnen und Unternehmer zudem aktiv verkaufen und scheuen sich nicht vor disziplinierter und harter Arbeit, dann gehören sie damit bereits zur besseren Hälfte und haben den Erfolg praktisch auf Sicher. Beat Schillig Institut für Jungunternehmen venturelab venture kick Young Enterprise Switzerland Schüler werden Unternehmer Mit Unterstützung der Organisation YES gründen Jugendliche ein reales Unternehmen und betreiben es ein Jahr lang. An den Hoch- und Fachhochschulen sensibilisiert der Bund über das Programm Venturelab die Absolventen für das Unternehmertum. Aber auch Schülerinnen und Schüler können unternehmerisches Denken und Handeln lernen. Exakt dafür bietet Young Enterprise Switzerland (YES) das so genannte «Company Program» an. Mit Unterstützung von YES gründen Jugendliche ein reales Unternehmen und betreiben dieses während eines Schuljahres. Sie lernen, wie die Durch das Programm lernen Schüler, wie die Geschäftswelt funktioniert und welche Rolle der Unternehmer in unserer Gesell schaft spielt. Geschäftswelt funktioniert und welche Rolle der Unternehmer in unserer Gesellschaft spielt. Je der Mini-Unternehmer übernimmt eine Funktion wie CEO oder CFO und lebt diese im Verlauf des Projektjahrs real aus. Es werden Produkte entwickelt und produziert, um schliesslich am Markt, unterstützt durch entsprechende Marketingaktivitäten, zu bestehen. Begleitet werden die Jungunternehmerinnen und Jung unternehmer von ehrenamtlichen Beratern (Wirtschaftspaten), ihren Lehrkräften sowie durch YES. Im letzten Schuljahr nahmen insgesamt 70 Unternehmungen an diesem Programm teil, jetzt sind es knapp 90 Firmen. Und sie haben Erfolg, die Schü lerinnen und Schüler aus der Schweiz mit ihren ersten Schritten im Unternehmertum. So gewann die Mini-Unternehmung écovase, gegründet an der Kantonsschule Wohlen, im letzten Schuljahr den nationalen Wettbewerb, holte am EU-Wettbewerb den zweiten Schlussrang und wurde Best Over all Company an der europäischen Handelsmesse in Bodø (Norwegen). e.ch Nicole Heim, CEO YES Firmengründer und Volkswirtschaft 9

10 Inserat_Gruenden_2.0_BDO.pdf :32:45 C M Y CM MY CY CMY INTERNET TREUHÄNDER Die clevere Lösung, um Sie spürbar zu entlasten. K Als KMU sind Sie bestrebt, Ihr Kerngeschäft effizient und wirtschaftlich profitabel zu organisieren. Als nicht verrechenbare Serviceleistung wird die Buchführung oftmals in die Randzeiten gedrängt und einmal im Unternehmen, ein andermal zu Hause für den Treuhänder vorbereitet. In der Folge müssen die elektronischen und physischen Daten mühsam hin und her transportiert werden. Sparen Sie Zeit! Mit der von uns entwickelten Plattform Internet Treuhänder. Informationen unter: oder bei BDO AG Fabrikstrasse Zürich Telefon Prüfung Treuhand Beratung

11 Gesellschaftliche Herausforderungen Die weltweite Verknappung der natürlichen Ressourcen, die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung und der Wandel von der Arbeitszur Freizeitgesellschaft: drei Megatrends, welche Menschen und Märkte schon heute prägen. In Zukunft entscheiden sie auch über Erfolg und Misserfolg von Unternehmen. Das angebrochene «Age of Less» stellt neue Anforderungen: Hart sein in harten Zeiten. Angesichts von wachsenden Knappheiten (Luft, Wasser, Rohstoffe oder etwa Geldmittel) wird Widerstandsfähigkeit zur gefragten Qualität: von Produkten, von Systemen und auch von Menschen. Dafür steht der Begriff Resilienz, d. h. die Entwicklung und Optimierung jener Widerstandskraft, die es erlaubt, Krisen und widrige Umstände zu meistern. Und Resilienz wird, das zeigt der Trendradar des GDI Gottlieb Duttweiler Instituts, immer wichtiger. Handel: Vom Outdoor-Laden zum Survival Store Ressourcenknappheit Wenn die Weltbevölkerung wächst und die Ressourcen schrumpfen, gibt es nur einen Ausweg: aus weniger mehr machen. Regal, die Websites vfestival.com und survivalkitshop.com sind hier höchstens die Spitze des Eisbergs. Die angesehene Design- und Beratungsfirma Graj & Gustavsen geht nämlich noch einen Schritt weiter: Die New Yorker Retail-Experten haben als neues Ladenkonzept einen Survival Store entwickelt mit allem Notwendigen für die aktuelle Krise: günstige Lebensmittel; dauerhafte Kleidung; ein Fahrrad als Ersatz fürs plötzlich zu teuer gewordene Auto usw. Ergänzt wird die Palette durch ein Erlebnisangebot, das uns fit für die Krise machen soll. Die Idee hinter dem Konzept: Hilf den Menschen, mit Spass statt mit Angst in die Zukunft zu gehen. Konsum: Vom Kaufrausch zum Tausch Bis anhin half uns die boomende Outdoor- Branche beim Überleben in der rauen Natur. Ob Trekking im Himalaya, Expeditionen in der Antarktis oder Überlebenswochen im Jura: Der Fachhändler hatte die nötigen Materialien, Geräte und Gadgets. Doch inzwischen ist der Alltag extremer geworden. Gegen die Widrigkeiten der Krise bieten uns jetzt auch die Food-, Fashion- und Unterhaltungsbranchen immer Resilienz bedeutet, auf wechselnde Anforderungen reagieren zu können. Das zeigt sich in der aktuellen Wirtschaftskrise. Wenn weniger Geld für Shopping da ist, müssen Konsumgelüste anders befriedigt werden. Tipps dazu erteilen Leserinnen und Leser der «New York Times» im Blog «Living with less. The human mehr Überlebensprodukte an Resilienz vom side of the global recession». Abhilfe ver- Gesellschaftliche Herausforderungen 11

12 Trendprojekt Auch bei der Technikentwicklung wird in Zukunft mehr auf Resilienz gesetzt: auf robuste Geräte, die selbst unter rauen Bedingungen funktionieren, einfach zu bedienen, warten und reparieren sind und am Ende ihrer langen Leschaffen aber auch Tauschbörsen. Websites wie zum Beispiel Bartercard.com, U Exchange.com, WhatsMineIsYours.com, Freecycle.org oder Hitflip.de bieten eine enorme Vielfalt an gebrauchten Sachen. Entstanden sind solche Börsen schon vor der Krise, empfinden doch zahlreiche Menschen eine latente Unzufriedenheit gegenüber masslosem Konsum. Sie hinterfragen zunehmend die Dringlichkeit und Notwendigkeit Konsumenten wünschen Selbstbestimmung beim Essen. Eine Chance für Anbieter mit klaren Deklarationen. ihrer Einkäufe. Da ist Sachentausch eine naheliegende Option. Entsprechend verzeichnen die Tauschbörsen einen kontinuierlichen Zuwachs. Heute lässt sich über Veggietrader.com selbst Gemüse aus dem eigenen Garten gegen anderes Gemüse tauschen. Da können auch Firmen profitieren: Um Neukunden anzusprechen, führte beispielsweise Ikea Holland eine Möbeltauschaktion durch, wo Leute ihre gebrauchten Stücke untereinander tauschen konnten. Essen: Vom «Refill» zum «Ich will» Selbstbestimmung erhöht die Resilienz. Beim Nahrungsmittelkonsum zeigt sich das Bedürfnis nach Kontrolle exemplarisch: Eine Untersu Heizzentrale im Talkessel Die gefährliche Abhängigkeit von ausländischer Energie lässt sich reduzieren. Mit Projekten wie Agro Energie Schwyz. Geschnitzelte Holzabfälle und Gülle haben zwei Dinge gemeinsam: Sie wurden bisher mit viel Aufwand entsorgt und werden jetzt mehr und mehr als Energieträger genutzt. Wie das geht, sogar im industriellen Stil, zeigt der Schwyzer Baptist Reichmuth beschloss Viehmäster Reichmuth, für die Verwertung seiner Schweine- und Rindergülle eine Biogasanlage zu bauen und das Gas anschliessend zu verstromen. Aber wohin mit der Abwärme? Reichmuth fasste den Bau einer Holzschnitzelheizung mit angeschlossenem Fernwärmenetz ins Auge und suchte nach potenziellen Holzlieferanten. Fündig wurde er bei der Oberallmeindkorporation Schwyz, dem grössten Waldbesitzer im Kanton, der sich sogar unter die Aktionäre der Agro Energie Schwyz AG einreihte. Nach anderthalb Jahren Bautätigkeit nahm das Fernwärmenetz im Oktober 2009 den Betrieb auf. Angeschlossen sind rund 50 Immobilien, darunter das Kantonsspital Schwyz, Schulhäuser und private Immobilien. Bis Ende 2010 sollen rund 500 weitere Anschlüsse dazukommen. Bis dann soll auch ein dritter Schnitzelofen installiert sein. 18 Millionen Franken haben die Initianten für das Projekt bereitgestellt, und energietechnisch zahlt sich dieser Effort bereits aus: Die Leistung der kombinierten Biogas-/Schnitzelfeuerungsanlage liegt bei 13 Megawattstunden. Umgerechnet auf fossile Energieträger bedeutet das: Dank dem Heizzentrum im Schwyzer Talboden muss die Schweiz künftig gut 3 Millionen Liter Heizöl weniger importieren. Jost Dubacher chung des GDI Gottlieb Duttweiler Instituts hat ergeben, dass die Konsumenten die Ernährungskultur der 1990er Jahre rückblickend mit Intransparenz, Machtlosigkeit und Misstrauen assoziieren. Immer mehr Kunden versuchen jetzt, Kontrolle zurückzugewinnen. Davon zeugen das Revival des Gärtnerns ebenso wie die wachsende Nachfrage nach regional, nach haltig und tiergerecht produzierten Lebensmitteln. Dennoch bleibt Essen in der arbeitsteiligen Gesellschaft häufig fremdbestimmt. Dabei fühlen sich die Menschen in einer Werte Wüste, insbesondere in den «Refill Situationen» der funktionalen Nährstoffaufnahme (Zwischenmahlzeiten, Take Away, Lieferdienst), wo sie den Einfluss auf Rohstoffbeschaffung und Fertigung gänzlich abtreten müssen. Findigen Anbietern eröffnen sich dadurch auch in diesem Bereich Marktchancen: Zwischenmahlzeiten, welche die gewünschte De finitionsmacht mitliefern. Dafür lassen sich nebenbei bemerkt auch höhere Preise er zielen. Lernen: Vom Faulpelz zur digitalen Selbstkontrolle Resilienz ist lernbar, das hat die Forschung belegt. Den nötigen Druck verschaffen uns neuerdings elektronische «Commitment Devices»: Googles « Addict» etwa verhilft E Mail Süchtigen zu fünfzehnminütigen Zwangspausen für konzentriertes Arbeiten. Wer zu viel, zu fett oder zu süss isst, abonniert sich eine «virtuelle Ehefrau aus Japan», die in unregelmässigen Abständen per E Mail und SMS über die schlechten Gewohnheiten nörgelt. Und Fitbit zählt Ihre Schritte, die Kalorien, die Sie essen, und die Stunden, die Sie schlafen. Gemäss dem «Journal of the American Medical Association» soll eine solche Selbstüberwachung mit Selbstverpflichtungswerkzeugen viel effektiver sein als eine Magenverkleinerung oder eine Zuckerund Fettsteuer. Und wem die technische Selbstkontrolle nicht genügt, kann sich zusätzlich sozial kontrollieren lassen, indem er seine Fitnesswerte und ziele auf Facebook seinen Freunden mitteilt. Bereits absehbar: Was heute noch freiwillig ist, wird morgen standardmässiger Bestandteil von MS Office, Google oder etwa iphone sein. Jedes Device wird auch unsere Moral überwachen können mit oder ohne Opt out Funktion. Innovation: Vom Funkeln zum Funktionieren 12 gründen 2.0

13 bensdauer demontiert und weiterverwendet werden können. Bisher wurden solche Geräte vor allem für den Einsatz in Entwicklungsländern gebaut, sie sahen grob und minderwertig aus. Das war in vielen Fällen zwar besser als gar nichts, oft aber diskriminierend und vor allem nicht gut genug, um neue Märkte zu erobern. Der bewusste Konsument will Technik, die nachhaltig, robust und schön ist. Um neue Massenmärkte zu erschliessen, müssen Geräte daher beides sein: Kult in Tokio, L. A. oder Zürich und funktionstüchtig in Burkina Faso oder Kasachstan. So erleben Fixies reduzierte Fahrräder ohne Bremsen, Gangschaltung oder Licht zurzeit in allen europäischen Städten einen Boom. Die puristischen Bikes sind Vorreiter einer neuen Generation von Geräten, die, nachhaltig und resilient sind. Unternehmen: Vom Prassen zum Masshalten Eine der häufigsten Todesursachen ist derzeit das Austrocknen zumindest bei US Firmen, denen die flüssigen Mittel ausgehen. Wer wie da mals Lehman Brothers im Standard & Poor s Rating auf ein D abrutscht, bekommt keine Kredite mehr. Früher wusste jeder Unternehmer: Kredibilität (Kreditfähigkeit, aber auch Glaubwürdigkeit) und genügende Eigenmittel sind die Grundvoraussetzungen für die Widerstandskraft die Resilienz von Firmen. Wer zu grosse Risiken eingeht, verliert das Vertrauen. Und wer zu grosse Abhängigkeiten eingeht, gibt seine Selbstbestimmung auf. Nur ein genügender Cashflow erlaubt eine Weiterentwicklung. Damit verliert auch der Fetisch von Eigenkapitalrendite und Shareholder Orientierung an Bedeutung. Doch nicht nur von den Investoren, auch von den Mitarbeitern verlangt eine widerstandsfähige Firma ein gewisses Mass an Bescheidenheit. Geldgier gebiert keine nachhaltigen Ideen, die zuverlässigste Motivation ist intrinsisch; dafür müssen Unternehmen ein geeignetes Umfeld schaffen. Überhaupt ist Selbstsucht ein dürrer Boden. Faire Kooperationen hingegen schaffen eine stabile Basis für die Zukunft. Hier sind Genossenschaften gut aufgestellt. Alain Egli GDI Gottlieb Duttweiler Institut Alternde Gesellschaft Kommende Rentnergenerationen leben bis ins hohe Alter aktiv und selbstbestimmt. Eine Herausforderung auch für die Jungen. Die späteren Lebensphasen (50plus) unterliegen einem dreifachen Wandlungsprozess. Erstens ergibt sich eine rasche demografische Alterung der Bevölkerung. Zweitens kommen neue Generationen mit anderen Lebenshintergründen ins Alter, und drittens damit verbunden zeigen sich neue Modelle und Formen des Alterns. Alle drei Wandlungsprozesse beeinflussen sich gegenseitig, und nur der Einbezug aller Wandlungsprozesse ermöglicht ein differenziertes Verständnis neuer Entwicklungen der zweiten Lebenshälfte. Speziell die Kombination des Alterns von sozial und kulturell mobilen Generationen mit Modellen aktiven und kompetenzorientierten Alterns führt zu einer verstärkten Dynamik der späteren Lebensphase, die historisch neu ist. Wie andere europäische Länder erlebt die Schweiz einen Prozess «doppelter demografischer Alterung»: Einerseits erhöht sich der Anteil älterer Menschen als Folge eines Geburtenrückgangs. Ausgelöst wird dieser Prozess durch geburtenstarke Jahrgänge («Babyboom Generation»), die weniger Kinder zur Welt brachten als ihre Eltern, aber länger leben werden. Andererseits steigt die Zahl älterer Menschen aufgrund der erhöhten Lebenserwartung. In Zukunft wird vor allem die Zahl hochaltriger Menschen in der Schweiz rasch ansteigen, je nach Szenario erhöht sich die Zahl der über 79 Jährigen zwischen 2000 und 2040 von auf bis Menschen. Neue Rentnergenerationen haben andere Lebensvorstellungen Die späteren Lebensphasen unterliegen einer doppelten Bewegung. Zum einen weisen neue Generationen älterer Menschen in vielerlei Hinsicht ein anderes Gesicht auf als frühere Rentnergenerationen. Vor allem mit dem Älterwerden der ersten Wohlstandsgenera Gesellschaftliche Herausforderungen 13

14 Trendprojekt tionen geprägt durch die Aufschwungphase der Nachkriegsjahrzehnte treten im späteren Leben neue Werte und Verhaltensweisen auf. Heutige Rentner sind deutlich besser ausgebildet als frühere Rentnergenerationen, und zukünftige Rentner werden mit modernen Kommunikationstechnologien noch vertrauter Eine Mehrheit der Rentner stuft sich nicht als ältere Menschen ein. Die demografische Alterung wird durch eine soziokulturelle Verjüngung kompensiert. umgehen als viele Menschen der heutigen Rentnergeneration. Zum anderen unterliegt das Altern einem raschen gesellschaftlichen Wandel, sei es, weil sich neue Vorstellungen eines aktiven Rentenalters durchsetzen; sei es, weil technisch medizinische Entwicklungen neue Rehabilitationschancen bis ins hohe Alter bringen. Damit kann die Autonomie auch hochaltriger Menschen verbessert werden. Der rasche gesellschaftliche, technische und medizinische Wandel führt dazu, dass jede Generation ihr Alter unter anderen Umständen erlebt. Dies hat zwei grundlegende Konsequenzen: Erstens sagen Feststellungen über heutige ältere und betagte Menschen wenig über die zukünftige Gestaltung des Alters aus. Entsprechend sind Pflanzen für Senioren Menschen in Altersheimen bewegen sich zu wenig an der frischen Luft. Therapeutische Gärten können dies ändern. Im 19. Jahrhundert gehörte zu einer Klinik selbstverständlich ein ausgedehnter Park für die Patienten. Doch die meisten Gärten mussten irgendwann einer Überbauung weichen. Erst seit kurzem entdeckt man wieder ihr therapeu tisches Potenzial. In der Schweiz führte dies gleich zu drei Pilotprojekten. Derzeit startet gerade ein Vorhaben, das die Gartentherapie für Demenzerkrankte wissenschaftlich untersucht. Zuvor wurde in der RehaClinic Bad Zurzach der Einsatz speziell gestalteter Aussenan lagen für die Rehabilitation erforscht. Das Pionierprojekt auf diesem Gebiet wurde indes im Alterszentrum Gibel eich in Opfikon durchgeführt. Im Rahmen eines KTI-Projektes unter Leitung von Renata Schneiter, Professorin an der ZHAW Wädenswil, wurde das monotone Hochgras rund um das Alterszentrum durch einen Erlebnis- und Nutzgarten ersetzt, in dem Beeren neben 45 Heilpflanzen und Küchenkräutern wachsen. Ein unebener Kiesplatz wurde zum Freilufttherapiezimmer mit einem Hochbeet, das den Betagten die Gartenarbeit erleichtert. Und ein vernachlässigtes Wiesenstück verwandelte sich in einen Flaniergarten. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. «Unsere Bewohner sind viel häufiger an der frischen Luft als früher», freut sich Gibeleich-Leiter Damian Meienhofer. Kommt hinzu, dass die Pflanzen auch ein unverfängliches Gesprächsthema bilden. Es wird daher mehr miteinander geredet als früher. Generell beobachtet der Leiter des Altersheims eine entspannende Wirkung der Freiluftaktivitäten, selbst bei Bewohnern, die beim Einzug sehr unruhig waren. Stefan Kyora lineare Zukunftsszenarien zum Alter sozialplanerisch wenig sinnvoll. Zweitens wissen jüngere Generationen, dass sie anders alt werden als ihre Elterngeneration. Umgekehrt wissen ältere Generationen, dass ihre Erfahrungen für nachkommende Generationen nicht bestimmend sein können. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die demografische Alterung weitgehend durch eine soziokulturelle Verjüngung älterer Menschen kompensiert wird. Damit werden Vorstellungen, dass eine demografisch alternde Gesellschaft an Dynamik und Innovationsfähigkeit verliert, in Frage gestellt. Angesichts der Tatsache, dass mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, kann es paradox erscheinen, den Begriff «Verjüngung des Alters» zu verwenden. Es zeigt sich jedoch, dass das kalendarische Alter für Selbsteinschätzung und Aktivitäten älterer Menschen nicht ausschlaggebend ist. In einer Befragung von 2004 hat sich eine Mehrheit der AHV Rentner nicht als der Gruppe der älteren Menschen zugehörig eingestuft. Neue Modelle des Alters in einer jungbetonten Leistungsgesellschaft Tatsächlich weisen heutige Generationen älterer Menschen vielfach ein «jüngeres Verhalten» auf als frühere Generationen. Viele Aktivitäten, die früher nur jüngeren Erwachsenen zugetraut wurden, werden heute von älteren Menschen ausgeübt. Mobilität und Reiselust älterer Menschen haben stark zugenommen, und sportliche Aktivitäten gehören zum «erfolgreichen Alter» mehr ältere Menschen getrauen sich heute, Leistungssport zu betreiben. Sich im Alter modisch zu kleiden, war früher verpönt, heute gehört es zur Norm. Selbst Sexualität im Alter, lange Zeit tabuisiert, wird offener diskutiert und praktiziert. Lernen im Alter, was lange Zeit als unmöglich oder unnötig erachtet wurde, gilt heute als Voraussetzung für erfolgreiches Altern. Der Lebensstil 65 bis 74 jähriger Menschen, teilweise aber auch der über 75 jährigen Menschen hat sich seit den 1980er Jahren wesentlich geändert, und zwar eindeutig in Richtung einer aktiven und innovativen Lebensgestaltung. Der Anteil älterer Menschen, die einen passiven Lebensstil pflegen, ist deutlich gesunken, und auch der Anteil 65 bis 84 jähriger Schweizer, die sich «ziemlich allein fühlen», sank zwischen 1995 und 2004 von 21 auf 8 Prozent. Studienergebnisse weisen nach, dass zwar nicht alle, aber doch mehr ältere Menschen als früher sozial gut integriert sind und eine hohe Lebenszufriedenheit aufweisen. Eine zentrale Ursache für diese Entwicklung ist einerseits die Tatsache, dass die neuen Rentnergenerationen schon seit ihrer Jugend mit einer aktiven, leistungs und körperorientierten Kultur konfrontiert wurden. Die neuen 14 gründen 2.0

15 Rentnergenerationen sind somit die ersten Generationen älterer Menschen, die erfolgreich gelernt haben, bis ins spätere Leben relativ «jugendlich» zu bleiben. Andererseits hat sich die Gesundheit mancher älterer Menschen verbessert; eine Entwicklung, die eng mit der wirtschaftlichen Wohlstandsentwicklung und einer besseren sozialpolitischen Absicherung des Alters verbunden ist. Damit können mehr Frauen und Männer von einem langen, gesunden Rentenalter profitieren. Hohe Lebenserwartung führt zu einer «Zweiteilung des Alters» Die Tendenz, möglichst lange aktiv (und jugendlich) zu bleiben, ist eine erfolgreiche Strategie, aber nur bis zu einer oberen Grenze. Auch Anti Aging Kampagnen vermögen das Altwerden letztlich nicht zu verhindern. Vor allem ab dem Alter von 80 bzw. 85 Lebensjahren erhöhen sich die Risiken altersbedingter Behinderungen rasch. Ein gutes Drittel der 85 jährigen und älteren Menschen ist pflegebedürftig. Im hohen Alter steigt vor allem das Risiko von Demenzerkrankungen. Die Zunahme der Lebenserwartung führt somit zu einer «Zweiteilung des Alters»: Gesundes, aktives und kompetenzorientiertes Alter in einer ersten Phase, Konfrontation und Auseinandersetzung mit altersbedingten Einschränkungen und Behinderungen im hohen Lebensalter. Die grosse Herausforderung der Zukunft wird es sein, einerseits aktive ältere Menschen entsprechend ihren Kompetenzen anzuerkennen (und dazu gehört die Möglichkeit, auch im Rentenalter erwerbstätig zu sein, sofern gewünscht). Andererseits geht es darum, pflegebedürftige bzw. demenzerkrankte Menschen würdevoll zu pflegen und zu behandeln. Die Gesellschaft der Zukunft benötigt zwei Alterskulturen: eine Alterskultur für aktive ältere Menschen und eine Alterskultur für pflegebedürftige Menschen gegen das Lebensende hin. Prof. Dr. François Höpflinger Titularprofessor für Soziologie, Universität Zürich Forschungsdirektor am Universitären Institut «Alter und Generationen» (INAG), Sitten Freizeitgesellschaft Arbeitsfreie Zeit kann zur individuellen und ökologischen Last werden. Gefragt ist die Wiederentdeckung der Musse. Der neue Konsument ist quicklebendig geworden und auch die ganze Gesellschaft hat sich immer stärker fragmentiert. Politische Grenzen wurden aufgelöst und andere neu festgelegt. Besonders turbulent vollziehen sich diese Veränderungen im näheren und weiteren Umfeld von Freizeit und Reisen. Da überrascht es zunächst, dass es zum Beispiel im Tourismus seit dem Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger stetig aufwärts gegangen ist. Die Schwankungen waren nur minim, während uns die Geschichte lehrt, dass es in der touristischen Entwicklung zuvor immer wieder Einbrüche gab. Tourismusindustrie wird zum Motor der Globalisierung Die weltweiten Globalisierungstendenzen haben alles zum Floaten gebracht: die Nachfrager, die Arbeitskräfte, das Know how, das Kapital. Sie fliessen dorthin, wo die grössten Zukunftshoffnungen liegen. Entsprechend haben sich Produktionsweisen, Unternehmensstrategien, Marketingpläne und Managementstile vereinheitlicht. Touristische Angebote, ja ganze Reiseziele wurden austauschbar, kontinentale und interkontinentale Verkehrsnetze bestimmten die Entwicklungsrichtung und geschwindigkeit, Distributionskanäle bzw. Reservationssysteme wurden zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Weltweit haben praktisch alle Volkswirtschaften den Tourismus als Entwicklungsförderer entdeckt. Die so entstandenen Überkapazitäten in allen touristischen Sparten bei den Verkehrsträgern, im Beherbergungssektor, in Erlebnis und Freizeitpärken, bei den Sporteinrichtungen, bei den Eventangeboten wurden zum Motor der Globalisierung. Aktive Jungsenioren bestimmen den Freizeitund Reisemarkt Zwar kann in den westlichen Industrieländern von stagnierenden Bevölkerungszahlen ausgegangen werden, doch werden sich die Part Gesellschaftliche Herausforderungen 15

16 Trendprojekt Unsere Gesellschaft wird neben dem Massenwohlstand und dem Massentourismus auch durch Massenfreizeit geprägt. nerschaftsverhältnisse und die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändern: Immer weniger Jugendliche, jedoch immer mehr aktive Senioren und vor allem Seniorinnen mit relativ viel Zeit und Geld werden den Freizeit und Reisemarkt bestimmen. Auch der Wertewandel verläuft turbulent. Er wird geprägt von einer hedonistischen Grundhaltung, gepaart mit einem gewissen Zukunftspessimismus. Erlebnisse, Lust, Genuss und Ausleben stehen im Zentrum. Die gemeinsame Wertebasis, die unsere Gesellschaft zusammenhält, wird immer dünner. Nicht nur der Individualismus bestimmt die Konfettigesellschaft, sondern auch die vielen Szenen, Milieus, Netzwerke und Clans mit ihren je eigenen Wertemustern. Aus der psychologischen Karte der Schweiz des Marktforschungsinstituts DemoSCOPE lassen sich neue Wertemuster herauslesen. Beispielsweise könnte die so genannte Mega Generation, mit der sich auch der Tourismus konfrontiert sieht, etwa wie folgt charakterisiert werden: grosse materielle Ansprüche kombiniert mit einer geringen Bereitschaft, dafür auch Besonderes zu leisten, Forderung von mehr Freiheit in allen Lebensbereichen und Klimaguide für Touristen Spass und Wissensvermittlung schliessen sich nicht aus. Dies zeigt ein Klimaprojekt im Berner Oberland. Museumsführer mit akustischen Wiedergabegeräten sind ein alter Zopf. Erlebniswanderwege ebenso. Neu ist hingegen die Kombination von beidem mit Hilfe eines GPS-Signals, das den Nutzer lokalisiert und ihm im Gelände zu dem, was er sieht, Informationen liefert; zum Beispiel zu den Folgen des Klimawandels in der Jungfrau-Region. Entstanden ist die Idee des Klimaguides für Berggänger und Wan derer am Berner Oeschger-Zentrum für Klimawandel. Die Forscher waren im Zuge des 175- Jahr- Jubiläums der Uni Bern angehalten, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse unters Volk zu bringen, und nahmen Kontakt mit Grindelwald Tourismus auf. Die Wahl lag nahe, denn das Dorf am Fuss des Eigers ist mit dem Klimawandel direkt konfrontiert: Im Sommer lässt der schmelzende Eigergletscher jeweils einen natürlichen See entstehen, der konstant überwacht werden muss. Am 4. Juni 2009 war es soweit. Die insgesamt sieben Klimapfade in der Jungfrau-Region wurden eröffnet. Seither kön nen Gäste in den Tourismusbüros Grindelwald, Wengen, Mürren und Lauterbrunnen ein iphone mieten, das ihnen an 43 verschiedenen Audiopunkten wissenschaftliche Hintergründe zur Berg- und Gletscherwelt, aber auch Informationen zu Lawinenverbauungen und Beschneiungsanlagen liefert. «Das Echo der Gäste ist durchwegs positiv», erklärt Gian Tisi, der Produktverantwortliche beim Marketing der Jungfrau Region. Vor allem Schulklassen und Familien würden das neue Angebot schätzen. Für Tisi ist deshalb klar: Der digitale Klimaguide soll etabliert und ausgebaut werden. Jost Dubacher zunehmender Eskapismus, sinkende Anweisungsakzeptanz und abnehmende Hemmungen, zunehmende Verliebtheit in die Technik, sinkende Spannkraft, wachsende Schlappheit und unaufhaltsamer Individualismus, wenn auch oft in der Masse. Uneingeschränkte Mobilität und ökologische Belastungsgrenzen Der Motorisierungsgrad der Bevölkerung nimmt laufend zu. Und mit ihm die Bereitschaft, in der Freizeit mobil zu sein. Der Anteil der Freizeitmobilität ist von rund 30 Prozent in den 60er Jahren auf gegen 60 Prozent um die Jahrtausendwende gewachsen. Dies führt bei voraussichtlich nur geringen Anpassungen der Verkehrsinfrastruktur und weiterhin schlecht koordinierten Schulferienordnungen ungewollt, aber unweigerlich zu noch grösseren Verkehrsproblemen, zu eigentlichen Verkehrsinfarkten. Die Umweltdiskussion verschärft sich von zwei Seiten her: Ökologische Belastungsgrenzen werden vielerorts mehr und mehr erreicht. Die Folgen sind schon heute sicht und spürbar. Andererseits hat gerade in den letzten Jahren in breiten Bevölkerungsschichten ein Prozess der Umweltsensibilisierung eingesetzt. Wie Untersuchungen zeigen, werden Feriengäste immer umweltsensibler, wenn auch auf eine opportunistische Art und Weise: Sie nehmen Umweltschäden insbesondere dann wahr, wenn sie ihr «Ferienglück» gefährden. Entscheidend für die touristische Entwicklung ist die Klimaveränderung. Das Dilemma ist für den Tourismus deshalb besonders gross, weil der Tourismus nicht nur Betroffener der globalen Erwärmung ist, sondern auch ein zentraler Verursacher: Durch die grossen Zuwachsraten im Ferntourismus erhöht sich der tourismusinduzierte Anteil an den Treibhausgasen (insbesondere CO 2) laufend. Freizeit wird zur nimmermüden Aktivzeit Die Freizeit wird für Erwerbstätige insgesamt noch zunehmen, vor allem durch zusätzliche freie Tage und durch längere, zum Teil unbezahlte Urlaube. Es scheint, dass unsere Gesellschaft nebst dem Massenwohlstand und dem Massentourismus auch von einer Art Massenfreizeit geprägt wird. Für immer mehr Menschen wird Freizeit zur süchtigen Medienzeit, zur fortgesetzten Konsumzeit im Sinne von Shopping, Kino, Essengehen, zur nimmermüden Aktivzeit oder zur hektischen Mobilitätszeit. Nur wenigen gelingt es, Freizeit vermehrt auch als Sozialzeit, als Kultur und Bildungszeit oder gar als Musse zu verstehen. Prof. Dr. Hansruedi Müller Leiter des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus (FIF), Universität Bern 16 gründen 2.0

17 Von der innovativen Idee zum marktfähigen Produkt D une idée innovatrice à un produit compétitif STI - Wir unterstützen Innovationen Die Stiftung für technologische Innovation gewährt Gründern von Start-up-Firmen eine finanzielle Unterstützung in Form langfristiger zinsloser Darlehen. Gefördert werden technologische Innovationen mit wirtschaftlichem Potential. STI - Nous soutenons les innovations La Fondation pour l innovation technologique alloue aux créateurs d entreprises une subvention financière sous forme de crédits à long terme exempts d intérêts. Les innovations technologiques économiquement prometteuses bénéficient de ce soutien. Sich unterscheiden durch einen besonderen Auftritt Grafisches Atelier Bernet & Schönenberger CTI Invest The Leading Financing Platform for High Tech Companies in Switzerland Our achievements in a nutshell since 2003: > 70 Investor members, 33 Venture Days, 6 CEO Days > 150 companies presented, > 75 Video podcasts 1/2 of the companies financed, approx. CHF 250 Mio. financing volume Members Aargauer Kantonalbank Affentranger Associates Atlas Venture Aventic Banexi Baytech Venture BiomedInvest Brains To Ventures BSI HealthCapital Business Angels Schweiz BV Group Constellation Core Capital Creathor Venture DEFI Gestion Doughty Hanson Dpixel Draper Investment Earlybird Eclosion Emertec EPS Value Plus ErfindungsVerwertung AG Fongit Seed Invest Gebert Rüf Stiftung Go-Beyond I-Source Imprimatur Capital Invision Jade Invest Logitech Mountain Partner NBGI Ventures New Value Novartis Venture Fund OCAS Ventures Partners Group Polytech Ventures Redalpine Saab Venture SHS Sofinnova StartAngels Network STI Stiftung Swarraton Partners Swisscom Target Partners Technopark Luzern Tschudin+Heid TVM Capital Venture Incubator Vinci Capital Wellington Zürcher Kantonalbank & more than 15 Business Angels Partners and Sponsors The Innovation Promotion Agency CTI Gebert Rüf Stiftung Swisscom Zürcher Kantonalbank Novartis ETH Zurich EPF Lausanne New Value Acceleris/SUN De Vigier Empa Pricewaterhouse Coopers Venture Incubator SIX Exchange Tavernier Tschanz Technopark Luzern Wenger & Vieli Zühlke Engineering CTI Invest The Swiss Venture Platform

18 Zur Person Matthias Foessel Matthias Foessel (42) ist im deutschen Bamberg aufgewachsen und liess sich zum Textilchemiker ausbilden. Von 1990 an war er 17 Jahre ununterbrochen bei der Ciba Spezialitätenchemie tätig; zuerst bei einem Tochterunternehmen, dann am Hauptsitz in Basel. Nur wenige Monate vor der Übernahme der Ciba durch BASF gründete er im Frühling 2008 seine Firma Beyond Surface Technologies. Foessel pendelt täglich mit dem ICE von Freiburg i. Br. nach Basel, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Zukunftsbranche Greentech Nach 20 Jahren als Manager in der Gross-Chemie hat sich Matthias Foessel selbständig gemacht. Heute entwickelt er organische Textilveredler. Man nennt sie High Potentials, begabte junge Leute in grossen Unternehmen, die von ihren Vorgesetzten gezielt gefördert und an die Spitzenpositionen herangeführt werden. Matthias Foessel war ein solcher High Potential. Schon als 25-Jähriger erhielt er den Auftrag, in den USA einen textilen Weichmacher zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Foessel reüssierte. Sein Aufstieg war programmiert. Zuerst bei der deutschen Ciba-Spezialitätenchemie-Tochter, die ihn in die USA geschickt hatte, dann am Basler Hauptsitz. Zuletzt war er bei der Ciba Speziali tätenchemie für die weltweit aufgestellte Geschäftseinheit Textilveredelung verantwortlich. Er führte zwischen 50 und 100 Mitarbeiter, der Umsatz belief sich auf über 200 Millionen Franken. Grossfirmen scheuen das Risiko Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch. Nur eines begann den Aufsteiger mehr und mehr zu stören: die für Grossunternehmen typischen trägen Mechanismen. Selbst wenn es um einen Megatrend wie die Nachhaltigkeit gegangen sei: «Jedem von uns war klar, dass die Textilchemie grün werden musste, aber keiner war bereit, dafür ein Risiko auf sich zu nehmen», resümiert Foessel. Im Januar 2008 zog der heute 42-Jährige die Reissleine: Er kündigte und gründete die Beyond Surface Technologies (BST). Der Name ist Programm, denn BST schaut über den Tellerrand der Textilchemie hinaus. Konventionelle Veredler, die einen Stoff weich oder wasserabweisend machen, werden aus Erdölderivaten und Tierfetten gewonnen. BST sucht nach Alternativen auf Basis nachwachsender Rohstoffe; und zwar in Gebieten, die für Textilchemiker Neuland sind; etwa in der Medizin-, Agro- oder Beschichtungstechnik. «Klingt ehrgeizig», gesteht Foessel, «und ist es auch.» Aber ein Mann mit seiner Erfahrung Foto : Ben Huggler 18 gründen 2.0

19 spielt natürlich nicht Vabanque: «Ich baute vom ersten Tag an auf Spezialisten aus meinem beruflichen Netzwerk.» Fürs Marketing rekrutierte er zum Beispiel ein gutes Dutzend alter Branchenhasen, für die in einer restrukturierungswütigen Branche kein Platz mehr zu sein schien. Nach einem Jahr das erste Produkt Es machte mir Spass während des Starts, wieder einmal selbst Hand anzulegen. Im April 2008 bezog der Jungunternehmer sein Firmendomizil auf dem Gelände der Pratteler RohnerChem. Es handelte sich um aufgegebene Farbchemielabors, und Foessel erinnert sich an zentimeterdicke Staubschichten und Gerätschaften aus der Nachkriegszeit. «Aber es machte Spass, wieder einmal selber Hand anzulegen.» Zusammen mit seinem Gründungspartner Lee Howarth, seiner Frau und seinen Kindern riss er altes Mobiliar heraus und verlegte neue Böden. Kaum ein Jahr später tätigte die BST ihre ersten Verkäufe. Es handelte sich um einen zu 100 Prozent organischen Weichmacher. Die Basistechnologie stammt von einem schottischen Unternehmen, das sich auf pflanzliche Beschichtungssysteme spezialisiert hat. Die Kunden Textilhersteller aus der Schweiz und dem europäischen Ausland profitieren von BST gleich doppelt: Sie polieren mit bescheidenen Mehrkosten ihre Ökobilanz auf und sind fit für den Megatrend Nachhaltigkeit, der in der Textilindustrie vor allem von den Markenherstellern getrieben wird; von Firmen wie Switcher, H & M, Levis oder auch von Ikea. Ab dem kommenden Frühling will Matthias Foessel mehr Geld verdienen als ausgeben. Auch dies ein extrem ehrgeiziges Ziel, aber der gebürtige Oberfranke ist auf Kurs. Mittelfristig will er unter dem geschützten Markennamen Midori (japanisch für grün) eine ganze Palette von rein organischen Textilveredelungsprodukten auf den Markt bringen. Der Mitarbeiterbestand soll auf 20 bis 30 Personen ansteigen. Existenzangst hat der frühere Topmanager noch nie verspürt. «Schlimmstenfalls müsste ich mir einen Job suchen und dann möglicherweise meinen Lebensmittelpunkt aus Freiburg i.br. wegverlegen.» Aber das sei mit der Familie abgesprochen; sie habe seine Entscheidungen immer gestützt. Was das rein Berufliche betrifft, macht er sich schon gar keine Sorgen. Denn, so Foessel: «Ich bin durch die neuen Erfahrungen ein kompletterer Manager als vorher.» Jost Dubacher Partner des Journalistenbüro Niedermann Wachstumsmarkt Greentech Die Zukunft ist grün Sowohl beim Ressourcenschutz als auch beim Ressourcenmanagement erwarten Experten ein rasantes Wachstum. Langfristig, darin besteht weltweite Einigkeit, kann die Menschheit nur überleben, wenn es ihr gelingt, ihre wirtschaftliche Entwicklung auf eine nachhaltige Basis zu stellen. So wie es eine Kommission unter dem Vorsitz der ehemaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland schon 1987 formuliert hat: «Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.» Von heute auf morgen lässt sich dieses Ziel nicht erreichen. Der nötige Transformations Der Transformationsprozess der globalen Wirtschaft hin zur nachhaltigen Entwicklung ist heute bereits voll im Gang. prozess der Wirtschaft ist aber im Gang, und es lassen sich unter dem Übertitel «Greentech» deutlich zwei Stossrichtungen unterscheiden. Beim Ressourcenschutz geht es um den Schutz der natürlichen Ressourcen durch Massnahmen zu Luftreinhaltung und Gewässerschutz sowie durch eine intelligente Bewirtschaftung von Siedlungs und Industrieabfällen. Beim Ressourcenmanagement hingegen stehen Technologien und Verfahren im Zentrum, die helfen, aus den bestehenden Ressourcen und Materialien mehr herauszuholen. Darunter fallen erneuerbare Energiegewinnung, die Entwicklung energieeffizienter Antriebe oder die Einführung von geschlossenen Stoffkreisläufen. In beiden Greentech Sparten erwarten Experten ein rasantes Wachstum. So dürfte allein der weltweite Markt für erneuerbare Energieerzeugungstechniken über die nächsten Jahre von aktuell gut 150 Milliarden Franken auf über 400 Milliarden Franken anwachsen. Jost Dubacher Weltweites Wachstumspotenzial in ausgesuchten Leitmärkten in Milliarden Euro Energieeffizienz Nachhaltige Wasserwirtschaft Nachhaltige Mobilität Energieerzeugung Ressourcen und Materialeffizienz Quelle: Deutsches Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Branchen mit Zukunftspotenzial 19

20 Zukunftsbranche Life Sciences Medizintechnik hat viele, auch überraschende Facetten. Die Zürcher Pearltec etwa hilft mit Styropor und Luft, Millionen zu sparen. Zu Beginn der Geschichte der Pearltec AG wollte Patrizia Fischer nur einem Forscher das Leben erleichtern. Thomas Müller, so sein Name, untersuchte an der ETH Zürich rheumatoide Arthritis mit Hilfe eines Computertomographen (CT). Damit sich die Patienten während der Aufnahme nicht bewegten und das Bild nicht verwackelte, liess Müller für jede Person massgeschneiderte Schienen anfertigen. Das Verfahren war allerdings aufwendig, und die Schienen stellten die Patienten nicht in jedem Fall still. Müller schrieb ein Projekt für eine Bachelor-Arbeit aus, um eine einfachere und zuverlässigere Fixierungshilfe zu finden. Fischer bewarb sich und bekam den Zuschlag. Die Entwicklung der jungen Forscherin stiess nicht nur bei Müller auf Anklang. Die Professoren, denen Patrizia Fischer die Lösung vorstellte, empfahlen ihr sofort, die Idee mit einem Patent zu schützen. Dabei sind die Bestandteile der Fixierungshilfe denkbar einfach: Styroporkügelchen, ein Ballon und etwas Stoff. Die Fixierungshilfe der Pearltec verhindert auf einfache Weise teure, verwackelte Tomographien Zur Person Patrizia Fischer Patrizia Fischer ist erst 26 Jahre alt. Trotzdem hat sie nicht nur ihr Studium in biomedizinischer Technik an der ETH Zürich schon erfolgreich abgeschlossen. Die Tochter eines Experimentalphysikers und einer Lehrerin verfügt bereits auch über Industrie- und Auslanderfahrung. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei der Empa, zwischen Bachelor und Master folgte ein 3-monatiges Praktikum in den USA, und nach ihrem Master-Abschluss arbeitete sie vier Monate bei Siemens Medical. Hinzu kommt ein längerer Auslandaufenthalt in Australien im Rahmen eines Austauschjahres. Diese Bestandteile bilden drei Schichten um den zu fixierenden Körperteil herum. Zuerst kommt ein austauschbarer so genannter dünner Liner, der aus Hygienegründen bei jeder Aufnahme ausgetauscht wird, dann folgt das Styropor, ganz aussen liegt der anatomisch geformte Ballon. Wenn der Patient Hand, Knie oder Kopf in die Fixierungshilfe bettet, wird der Ballon darum herum aufgeblasen und drückt die Styroporkügelchen gegen den jeweiligen Körperteil. Damit werden unwillkürliche Bewegungen verhindert, ohne dass der Patient wesentlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Das Pearltec-Produkt kann allein in der Schweiz Millionen Franken einsparen. Denn hierzulande werden jedes Jahr Hunderttausende Magnetresonanz- und Computertomographien durchgeführt. Ist das Bild verwackelt, wird es wiederholt dauert die Vorbereitung des Patienten lange, so verschlingt der Tomograph auch ungenutzt viel Geld. Dementsprechend gross ist das Potenzial der neuartigen Fixierungshilfe. Kein Wunder, entschloss sich Patrizia Fischer schnell einmal, ihre Entwicklung zur Gründung einer Firma zu nutzen. Mit an Bord sind auch Thomas Müller und zwei weitere Mitarbeiter. Doch ein Spaziergang war der Aufbau bisher nicht. «In den vergangenen Jahren ha- Foto : Ben Huggler 20 gründen 2.0

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