fortan an die Liebe auf den ersten Blick. Dass selbiger damals stark getrübt war, war mir leider nicht klar. Mal Hand aufs eigene Herz: Haben Sie

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2 fortan an die Liebe auf den ersten Blick. Dass selbiger damals stark getrübt war, war mir leider nicht klar. Mal Hand aufs eigene Herz: Haben Sie etwa noch nie Ihr Lenor-Gewissen ignoriert? Hanno lud mich am selben Abend zum Essen ein und erzählte mir alles von sich. Seine Selbstsicherheit, seine gewandten Umgangsformen, sein teurer Maßanzug und seine Erfolgsgeschichte beeindruckten mich sehr. Ich war 25 und hatte bis zu jenem Zeitpunkt drei Liebhaber gehabt. Christoph war der erste. Ich war furchtbar jung und furchtbar verliebt. Er trat nach dem Abitur ein Studium in Göttingen an und erledigte diese große Liebe furchtbar schnell. Während meiner Ausbildung zur Buchhändlerin verliebte ich mich dann in Rainer. Rainer war sehr rücksichtsvoll so rücksichtsvoll, dass es sechs Monate dauerte, bis ich herausfand, dass er auch Verhältnisse mit der Schwester

3 eines Ausbildungskollegen und deren bester Freundin hatte. Kein Wunder, dass ich ihn eher selten zu Gesicht bekommen hatte. Die folgenden zwei Jahre lang konzentrierte ich mich auf meine Ausbildung und machte einen sehr ordentlichen Abschluss. Es folgten ein Jahr im Ausland und der Beginn eines Studiums der französischen Sprache. Im Laufe des zweiten Semesters änderte ich meine Meinung und trat kurz darauf den Job in Quinns Buchhandlung an. Mein Chef und ich wurden kaum acht Wochen, nachdem er mich eingestellt hatte, ein Paar. Quinn, eigentlich Quintus Hartmann, als fünftes und letztes Kind seiner promovierten Eltern an einem 5. Mai geboren, war ein echter Bücherwurm. Wir hatten ein paar schöne Jahre, in denen wir viele schöne Bücher lasen, viele schöne Dinge unternahmen und viele schöne Orte sahen.

4 Dann wollte ich mehr. Ich wollte einen Ehemann. Ich wollte Kinder. Quinn wollte das nicht, und die Beziehung fand ein Ende. Unser Arbeitsverhältnis blieb davon nicht unberührt, und ich hatte mich schon eine ganze Weile nach einer neuen Stelle umgesehen, als ich im Grass schen Jahrhundert landete. Was soll ich sagen? An dem Abend, als Hanno mich zum Essen ausführte, gingen wir ohne große Umschweife miteinander ins Bett. Hanno war ein versierter Liebhaber, der alles unter Kontrolle hatte. Das genügte mir. Lodernde Leidenschaft, da war ich mir sicher, wurde überbewertet. Ich hängte meinen Job in Quinns Laden an den Nagel. Hanno und ich waren sechs Monate später verheiratet, und es folgten viele Jahre, in denen ich mich glücklich wähnte bekamen wir Helene, knapp drei Jahre danach kam Vincent, und weitere drei Jahre später brachte ich Daniel

5 auf die Welt. Wir hatten ein großes Haus in Kleinmachnow, in dem wir regelmäßig unsere Nachbarn, Freunde und Hannos Geschäftspartner bewirteten. Meine Tage waren damit ausgefüllt, drei Kinder und den Haushalt zu organisieren, mich um den Garten zu kümmern, Abendessen mit Gästen auszurichten und unsere Urlaube vorzubereiten. Ich stand jeden Morgen um fünf Uhr dreißig auf Frühstücksbrote für Kita und Schule schmierten sich nicht alleine. Die Vormittage verbrachte ich mit Hausarbeit sowie Einkauf und Planung der Abendessen. Dann holte ich die Kinder ab, fuhr sie zu Sport, Musik und Freunden oder sorgte für ein vernünftiges Rahmenprogramm bei uns daheim für die Zeit bis zum Abend. Wenn die Kinder abends im Bett lagen und kein Dinner anstand, nähte ich kaputte Kinderkleidung, backte Kuchen, Muffins oder Kekse, bereitete das Mittagessen für

6 den nächsten Tag vor und kümmerte mich um die Bügelwäsche. Um Mitternacht, meist sogar weitaus später, fiel ich regelmäßig erschöpft ins Bett. Sporadisch kehrte unsere Nachbarin Franziska auf einen Kaffee oder ein Glas Sekt ein, wenn sie am frühen Nachmittag aus dem Büro kam. Sie wohnte drei Häuser weiter und hatte einen Sohn, der drei Jahre älter als Helene war und eine internationale Ganztagskita und später die Ganztagsschule besuchte, der sie angegliedert war. Franziska war ständig im Stress. Ein Halbtagsjob, das Haus, Kosmetik und vier Sportkurse in der Woche nahmen ihre ganze Zeit in Anspruch. Ich beneidete sie gelegentlich um ihre Putzfrau, teilte aber Hannos Meinung, dass das nicht nötig sei bei uns, da ich ja zu Hause war. Hanno entsprach derweil dem klassischen Vaterbild des zwanzigsten Jahrhunderts. Das

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