muss ich mir das bieten lassen? Typische Konflikte aus dem Ausbildungsalltag

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1 muss ich mir das bieten lassen? Typische Konflikte aus dem Ausbildungsalltag

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3 Inhalt Vor wor t 5 1. Fall:»... aber der Bus fährt!«6 Thema: Unpünktlichkeit 2. Fall:» was ist denn so schlimm an meinem Outfit?«8 Thema: Unangebrachte Arbeitskleidung 3. Fall:»Der hat mir gar nichts zu sagen!«10 Thema: Unklare Weisungsbefugnisse 4. Fall:»Katja hat Schulden!«12 Thema: Persönliche Probleme 5. Fall:»Ich kann keine Heizkörper mehr sehen!«14 Thema: Unliebsame Arbeiten 6. Fall:»Ihr bleibt so lange, bis alles sauber ist!«16 Thema: Aufräumen des Arbeitsplatzes 7. Fall:»Sandro macht nichts richtig!«18 Thema: Überforderung des Azubis 8. Fall:»Warum darf ich denn mein Handy hier nicht aufladen?«20 Thema: Festsetzung von klaren Regeln Zum Projekt 22 Kontakt, Grundlagen der Fallsammlung 24 3

4 Vorwort Konflikte in der Ausbildung sind ein wichtiges Thema. Offen oder verdeckt zeigen sie widersprüchliche Interessen, Erwartungen und Wünsche der Konfliktbeteiligten auf. Reibungspunkte und Störungen im Ablauf des Ausbildungsalltags werden deutlich. Unbeachtete Konflikte behindern den Ausbildungsverlauf und führen im Extremfall zum Abbruch des Ausbildungsverhältnisses. Frühzeitiges Handeln ist gefragt, damit es erst gar nicht so weit kommt. Doch haben die Beteiligten überhaupt eine Chance? Konflikthintergründe bleiben oft lange Zeit verborgen. Ein Konflikt schwelt meist schon eine Weile, bevor er sich schließlich an einer scheinbar banalen Angelegenheit entzündet. Wenn ein solcher Ausbruch stattgefunden hat, ist das richtige Vorgehen im Konfliktgespräch gefragt. Denn eines ist sicher Reden hilft! Die vorliegende Fallsammlung liefert ausgewählte Beispiele für typische Konflikte in der Ausbildung. Themen wie Unpünktlichkeit, unangebrachte Arbeitskleidung, Probleme mit der Ordnung stehen immer wieder im Raum. Ebenso typisch sind im Ausbildungsalltag die Unzufriedenheit von Azubis bei der Ausführung unliebsamer Arbeiten, persönliche Probleme und fachliche Überforderung. Viele Konflikte resultieren z.b. aus unklaren Weisungsbefugnissen und Regelwerken oder sind Folge von reinen Kommunikationsstörungen. Die Sammlung zeigt vor allem, wie diesen Problemen vorgebeugt und begegnet werden kann. Die Fallbeispiele machen deutlich: Konflikte im Arbeitsleben sind normal und insbesondere im Ausbildungsalltag nicht wegzudenken. Der richtige Umgang mit Konflikten verbessert jedoch das Betriebsklima und unterstützt den positiven Ausbildungsverlauf. 5

5 Thema: Unpünktlichkeit» aber der Bus fährt!«situation Sabines* Bus fährt zu ungünstigen Zeiten. Entweder ist sie eine Stunde vor Ausbildungsbeginn im Betrieb oder zehn Minuten zu spät. Um nach Feierabend den Bus zu erreichen, geht Sabine immer pünktlich, da sie ansonsten eine ganze Stunde warten muss. Die Ausbilderin sieht das Problem. Aus Fairness-Gründen gegenüber den anderen beiden Azubis kann sie eine tägliche Verkürzung der Arbeitszeit von Minuten bei Sabine nicht durchgehen lassen. Sie besteht auf die strikte Einhaltung der im Büro gängigen Arbeitszeitregelung. Wenn Sabine es nicht schaffe pünktlich zu kommen, solle sie sich entweder von einem Elternteil morgens bringen lassen oder über einen Mofa- Führerschein nachdenken. Damit ist für die Ausbilderin die Sache geklärt. * Anmerkung: Alle Namen sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. 6

6 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Die Ausbilderin greift auf den scheinbar einfachsten Lösungsweg zurück und besteht auf die Einhaltung der bestehenden Arbeitszeitregelung. Sabine steht als Verliererin da. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Die Ausbilderin macht einen Vorschlag: Sabine darf morgens den späteren Bus nehmen und kann abends pünktlich gehen. Dafür bleibt sie am Freitag, anders als die anderen Auszubildenden, die bereits um Uhr gehen können, eine Stunde länger. In dieser Stunde bearbeitet sie die zuletzt eingegangenen Kundenaufträge und kümmert sich um längst überfällige Arbeiten im Büro. Die Ausbilderin versucht die Situation zu lösen, indem sie eine Ausnahme regel aufstellt. Akzeptieren alle Beteiligten die neue Regel, kann der Konflikt als gelöst betrachtet werden. Es gibt keinen Verlierer. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN nimmt sich Zeit für das Problem sucht nach individuellen Lösungen bemüht sich im Ergebnis um eine Situation, von der jeder Konfliktbeteiligte profitiert 7

7 Thema: Unangebrachte Arbeitskleidung» was ist denn so schlimm an meinem Outfit?«SITUATION Als einziger männlicher Auszubildender nimmt sich Tobias im Friseursalon von Frau Katt recht viel heraus. Tobias Leistungen sind nicht zu bemängeln vor allem bei den Kundinnen kommt er sehr gut an. Frau Katt ist aus anderen Gründen unzufrieden Mit zunehmenden Ärgernis beobachtet sie Tobias unkonventionelle Art der Kleidung, sowie seine neuerdings bunt gefärbten Haare. Eines morgens kommt Frau Katt in den Salon und sieht Tobias mit einem neuen Augenbrauen-Pircing. Was zuviel ist, ist zuviel! Tobias möge das Pircing auf der Stelle entfernen. Außerdem solle er in Zukunft bitte anständig gekleidet und ohne gefärbte Haare zur Arbeit kommen. Tobias hat kein Verständnis für die Anordnung seiner Chefin. Sein Outfit war doch bislang kein Problem. 8

8 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Bislang gibt es keine klaren Vorgaben, was die Arbeitskleidung angeht. Frau Katt duldet das flippige Outfit von Tobias bis es ihr zuviel wird. Daraufhin untersagt sie auch die Dinge, die sie bislang geduldet hat. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Zu Beginn der Ausbildung stellt Frau Katt ein paar Regeln auf, an die sich alle Auszubildenden halten mögen. Unter anderem wird die Arbeitskleidung angesprochen. Frau Katt erklärt, warum sie im Salon eine gewisse Kleiderordnung für sinnvoll hält. Sie möchte sich gegenüber den Kunden in einer bestimmten Art präsentieren. Eine zu flippige Art würde die Außendarstellung des Salons verändern und die Stammkunden vertreiben. Für Tobias und die anderen Auszubildenden ist klar, was im Salon gewünscht ist und mit welcher Kleidung sie gar nicht erst kommen brauchen. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN sagt offen, was ihn/sie bewegt vermeidet Vorwürfe und beschreibt den Sachverhalt äußert sich klar zu seinen/ihren Sichtweisen, Wahrnehmungen und Vorstellungen, definiert und erklärt sie spricht Probleme direkt und in der konkreten Situation an und wartet nicht, bis ihm/ihr»der Kragen platzt«9

9 Thema: Unklare Weisungsbefugnisse»Der hat mir gar nichts zu sagen!«situation Jennifer macht seit 1½ Jahren ihre Ausbildung zur Friseurin bei»cindy s HairCut«. Cindys Freund Walter hat vor kurzem seinen Arbeitsplatz verloren. Seitdem hält er sich sporadisch im Salon auf. Die Mitarbeiterinnen und Auszubildenden fühlen sich beobachtet. Immer öfter gibt Walter Kommentare zur Arbeitsweise der Auszubildenden im Laden. Cindy merkt nicht, dass besonders Jennifer genervt ist. Eines Abends fegt Jennifer den Laden durch. Sie hat gleich Feierabend. Als sie gehen will, fragt Walter, ob es nicht ihre Aufgabe sei, die Handtücher nach hinten zu bringen. Die Zurechtweisung bringt Jennifer auf die Palme und ihr platzt der Kragen:»Du hast doch überhaupt keine Ahnung von allem und außerdem du hast mir gar nichts zu sagen!«walter ist über Jennifers Ausbruch verärgert und reagiert spontan: Sie solle aufpassen, was sie sagt, schließlich sei sie bloß Auszubildende. 10

10 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Jennifer fühlt sich durch Walters Verhalten gestört, spricht das Problem jedoch nicht an. Der Konflikt schwelt. Walter erwidert den Vorwurf sofort mit einer verbalen Attacke. Die Situation eskaliert. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Walter hält sich mit einer Gegenäußerung zurück und nimmt sich vor, Cindy anzusprechen. Im späteren Gespräch mit Cindy offenbart Jennifer, dass sie sich in ihrer Arbeit durch Walters Kommentare und Anmaßungen gestört fühlt. Cindy war nicht bewusst, dass die Anwesenheit ihres Freundes im Laden von einigen Mitarbeiterinnen als störend empfunden wird. Sie fordert Walter auf, im Laden zurückhaltend zu sein und erklärt ihm, dass er nicht befugt ist, Arbeitsanweisungen zu erteilen, die nicht in seinen Kompetenzbereich fallen. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN legt fest, wer den Auszubildenden gegenüber weisungsbefugt ist und äußert dies auch gegenüber den Auszubildenden spricht Probleme frühzeitig an und wartet nicht, bis diese eskalieren nimmt sich bewusst Zeit, sich zu beruhigen, um sachlich und nicht verletzend zu reagieren 11

11 Thema: Persönliche Probleme»Katja hat Schulden «SITUATION Seit einem halben Jahr macht Katja, ein junges Mädchen aus Slowenien, bei Frau Kalowski eine Ausbildung zur Schneiderin. Eigentlich hat Frau Kalowski von Katja bislang einen guten Eindruck erhalten wenn Katja nur nicht immer so müde und unkonzentriert zur Arbeit käme. Eines Tages fragt Katja vorsichtig an, ob Frau Kalowski ihr einen finanziellen Vorschuss geben könnte. Sie sei momentan pleite. So könne das nicht weitergehen, meint Frau Kalowski und berichtet Katjas Mutter von der Situation. Im späteren Gespräch mit ihrer Tochter erfährt diese, dass Katja ihre Handyrechnung nicht bezahlen kann und total überschuldet ist. Die Mutter befürchtet, dass Katja ihren Ausbildungsplatz verliert. Die finanzielle Belastung wäre für sie schwer tragbar. Es kommt zu einem handfesten Streit. 12

12 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Katja kann die Schulden, die sich aufgrund von Handykosten einstellen, nicht mehr bezahlen. Sie hat ein Problem, sich bei der Arbeit zu konzentrieren. Lange weiß keiner warum, weil sie sich niemandem anvertraut. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN In einer ruhigen Minute spricht Frau Kalowski Katja auf ihre unkonzentrierte Arbeitsweise an. Sie erfährt, dass sich Katjas Eltern vor zwei Jahren getrennt haben. Während sie mit ihrer Mutter nach Deutschland kam, leben Katjas Vater und die beiden jüngeren Geschwister in Slowenien. Um mit ihren Freunden und ihrer Familie in Kontakt zu bleiben, telefoniert Katja viel. Dies zeigen auch ihre hohe Handyrechnungen, die sie langsam nicht mehr bezahlen kann. Ihrer Mutter möchte Katja ihr Heimweh nicht anvertrauen, da zwischen den Eltern weiterhin Unklarheiten bestehen und sie ihrer Mutter Sorgen ersparen will. Frau Kalowski rät Katja, sich ihren Schuldenproblemen zu stellen und eine Schuldner-Beratung aufzusuchen. Sie motiviert sie, sich wieder auf die Ausbildung zu konzentrieren. Mit einem guten Abschluss ständen ihr alle Wege offen. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN schafft eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre hört zu und fragt nach den eigentlichen Hintergründen des Problems beachtet persönliche Probleme und Gefühle bindet professionelle Hilfe von spezialisierten Beratungsstellen ein 13

13 Thema: Unliebsame Arbeiten»Ich kann keine Heizkörper mehr sehen!«situation Markus ist Azubi zum Maler und Lackierer. Seit einigen Wochen arbeitet er mit seinem Chef und zwei Gesellen in einer sanierungsbedürftigen Wohnsiedlung. Markus ärgert sich, dass er als Azubi fast ausschließlich mit der Reinigung und dem Streichen der alten Rippen-Heizkörper beschäftigt ist. Am Ende der Woche äußert Markus seinen Unmut gegenüber seinem Chef, Herrn Kampmann. Herr Kampmann ist mit dem Sanierungsauftrag sehr beschäftigt. Der Fertigstellungstermin drängt. Er reagiert auf Markus Äußerung mit Unverständnis und fragt, wie er sich die Arbeit eines Malers und Lackierers denn vorgestellt hätte. Wenn er nicht in der Lage sei, auch einmal unliebsame Arbeiten durchzuführen, wüsste er nicht, ob er sich den richtigen Job ausgesucht hätte. Markus fühlt sich ungerecht behandelt und hat»keinen Bock mehr auf den ganzen Mist«. 14

14 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Markus hat Angst, dass er zu wenig fachliche Anleitung und Praxis erhält und deshalb die Gesellenprüfung nicht besteht. Ihm fehlt die Anerkennung für seine Arbeit. Er ist unmotiviert. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Herr Kampmann sieht ein, dass das Reinigen und Streichen der Heizkörper keine besonders anspornende Arbeit für einen Azubi ist. Auf der anderen Seite steht er unter Druck, da der Auftrag in spätestens 4 Wochen abgeschlossen sein muss und er keinen anderen Azubi hat. Herr Kampmann zeigt Verständnis für Markus Unmut und betont die Wichtigkeit seiner Arbeit. Er erwähnt aber auch, dass Routinearbeiten zum Ausbildungsalltag dazugehören und später in der Praxis immer wieder vorkommen. Herr Kampmann gibt Markus zu verstehen, dass er sehr froh darüber ist, ihn als Azubi zu haben. Er verspricht ihm, dass er nach diesem Auftrag andere Arbeiten zugewiesen bekommt. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN legt Ausbildungsinhalte und -ziele klar fest bringt Auszubildenden Anerkennung und Wertschätzung entgegen motiviert durch ein Lob betont gemeinsame Interessen und macht deutlich:»wir sitzen in einem Boot«15

15 Thema: Aufräumen des Arbeitsplatzes»Ihr bleibt so lange, bis alles sauber ist!«situation In der Kfz-Werkstatt kommt es immer wieder zu Problemen mit dem Aufräumen und Saubermachen. Der Reinigungsplan wird nicht eingehalten. Einige Azubis schaffen es durch Tricks, die lästige Arbeit zu umgehen. Die Folge ist, dass es immer dieselben sind, die aufräumen. Eines Freitags wird ihnen das jedoch zuviel und sie verweigern das Saubermachen. Als der Chef kommt, wird er ärgerlich. Herr Reichert, Ausbildungsleiter und Chef der Werkstatt, hat das ständige Hin und Her um die Aufräumarbeiten satt:»mir ist egal, wer aufräumt. Ihr bleibt solange, bis alles sauber ist!«die Azubis machen sich an die Arbeit. 16

16 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Ein Machtwort kann manchmal sinnvoll sein, um das Hochschaukeln eines Konfliktes zu verhindern. An dieser Stelle bewirkt es jedoch nur einen kurzfristigen Erfolg. An dem eigentlichen Problem, dass manche Auszubildende Regeln unterwandern, ändert es nichts. Durch das Machtwort geht der Chef der konstruktiven Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem aus dem Weg. Dadurch werden diejenigen, die sowieso immer Aufräumen, doppelt bestraft. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Nachdem Herr Reichert das Machtwort gesprochen hat, bestellt er alle Beteiligten für Montag Vormittag in sein Büro. Ein umstrukturierter Reinigungsplan soll das lästige Problem ums Saubermachen lösen. Am Montag teilt Herr Reichert jedem Azubi einen eigenen Bereich zu, den dieser vor Feierabend ordentlich zu verlassen hat. Mit dem Aufsetzen eines neuen Reinigungsplans zeigt Herr Reichert seinen Azubis, dass er»querschlägern auf die Schliche kommen will«und durchaus bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, wenn jemand die Regeln missachtet. Es wird nicht der Eindruck vermittelt, dass»der Stärkere gewinnt«, sondern dass an einer gerechten Lösung des Problems gearbeitet wird. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN deckt den tatsächlichen Konflikthintergrund auf findet eine gerechte Lösung bespricht den Lösungsvorschlag gemeinsam mit den Beteiligten und versucht einen Konsens herbeizuführen achtet auf die Verbindlichkeit von Vereinbarungen und überprüft sie später 17

17 Thema: Überforderung des Azubis»Sandro macht nichts richtig!«situation Herr Rielke ist ein geduldiger Ausbilder. Seit einem ¾ Jahr bildet er seinen Lehrling Sandro aus. Zu Beginn der Bäcker-Ausbildung war Sandro eigentlich gut und machte einen wissbegierigen Eindruck. Was in der letzten Zeit mit Sandro los ist, kann sich Herr Rielke jedoch nicht erklären... Laut Aussagen des Lehrers kommt Sandro nur noch selten zum Berufsschulunterricht. Zudem gibt es auch im Betrieb immer häufiger Probleme. Sandro macht einfach nichts richtig. Erst gestern musste der Betrieb zwei große Blechkuchen vernichten. Herr Rielke rauft sich die Haare:»Was soll ich mit dem bloß noch machen?«. Herr Rielke bedauert es, Sandro schließlich eine schriftliche Abmahnung wegen seiner zunehmenden Schulversäumnisse erteilen zu müssen. Was anderes scheint nicht zu helfen. Sogar das Gespräch mit der Mutter hat nichts genützt. Einige Zeit später sieht Herr Rielke keine andere Möglichkeit, als den Ausbildungsvertrag aufzulösen. 18

18 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Sandro will nicht in die Berufsschule gehen. Den Grund kennt nur er. Seit geraumer Zeit macht er seine Arbeit im Betrieb nicht mehr richtig. Keiner weiß warum, schließlich hat es doch vorher auch geklappt. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Nach dem Gespräch mit der Mutter will Herr Rielke das Problem nun auf andere Art in die Hand nehmen. Er sucht das Gespräch mit einem Ausbildungsberater und schildert diesem die Situation. Anschließende Gespräche mit Lehrkräften, Sandro und Herrn Rielke haben ergeben, dass Sandro sowohl im Betrieb als auch in der Schule überfordert ist. Der Ausbildungsberater schlägt vor, die Anforderungen anzupassen. Herr Rielke wartet einige Wochen, stellt jedoch immer noch keine Besserung fest. Auch in der Schule verbessern sich Sandros Leistungen nicht. Herr Rielke bleibt hartnäckig. Nach erneuten Gesprächen sind sich schließlich alle einig: Sandro wird das 1. Ausbildungsjahr wiederholen. Nach ca. 4 Wochen ist Sandro wie ausgewechselt. Sein Selbstbewusstsein nimmt wieder zu. Er begibt sich mit neuem Mut ans»brötchen backen«. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN nimmt sich Zeit für das Problem und ist geduldig macht sich durch Gespräche mit Dritten ein umfassendes Bild von der Situation kritisiert sachlich und äußert sich nicht verletzend nimmt die Ausbildungsberatung der Kammer in Anspruch 19

19 Thema: Festsetzung von klaren Regeln»Warum darf ich denn mein Handy hier nicht aufladen?«situation Svenja macht seit einem halben Jahr eine Ausbildung zur Kosmetikerin in einem Friseur- und Kosmetikstudio. Das Verhältnis zwischen Svenja und ihrer Chefin Maria ist sehr herzlich und gut. Svenja sieht in Maria ein Art Freundin und freut sich, dass sie sich sogar über private Dinge ganz offen unterhalten. Am Wochenende hat Svenja vergessen ihr Handy aufzuladen und bringt es mit ins Studio, um es in einer für die Kunden unsichtbaren Ecke ans Stromnetz anzuschließen. Als Maria das Handy auffällt, gibt sie Svenja zu verstehen, dass sie es nicht gut heißt, wenn Mitarbeiterinnen ihre Handys im Laden aufladen. Svenja versteht die Welt nicht mehr. Sie hat mit Maria doch so ein gutes Verhältnis. Warum darf sie denn nicht ihr Handy im Laden aufladen? Nachdem Svenja ihr Handy trotzig in die Tasche gesteckt hat, ist sie für den Rest des Tages schweigsam. Sie dachte, Maria und sie wären gute Freundinnen. 20

20 KERNPROBLEM UND KONFLIKTHINTERGRUND Im Salon fehlen klare Regelungen, unter anderem zur privaten Handynutzung. Privates und Geschäftliches wird vermischt. Es gibt keine oder nur wenig Distanz zwischen Chefin und Auszubildender. ES KANN AUCH ANDERS LAUFEN Maria merkt, dass Svenja ihre Aufforderung, das Handy vom Stromnetz zu nehmen, mit Unverständnis auffasst. Ihr entgehen der trotzige Gesichtsausdruck und die schweigsame Art nicht. Sie nimmt sich vor, mit Svenja zu sprechen, wenn am Abend Ruhe im Laden ist. Maria erklärt Svenja, dass gewisse private Dinge nicht ins Geschäft gehören. Sie erläutert ihr, warum sie als Chefin im Sinne des Geschäfts auch unliebsame Entscheidungen treffen muss. Trotzdem sei ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen ihnen möglich und wünschenswert. DER AUSBILDER/DIE AUSBILDERIN legt zu Beginn der Ausbildung Vereinbarungen und Regeln fest und bespricht sie mit den Auszubildenden trennt zwischen Privatem und Beruflichem und hält zu seinen Auszubildenden eine gesunde Distanz lässt keine Unklarheiten in Bezug auf die Rollenaufteilung»Chefin-Auszubildende«aufkommen 21

21 Zum Projekt»Ziellauf«Die vorzeitige Lösung von Ausbildungsvertragsverhältnissen ist ein Problem, welches alle Wirtschaftszweige, jedoch insbesondere das Handwerk betrifft. Zwischen Ausbilder/ innen und Lehrlingen entstehen immer wieder Konflikte, die der Auslöser für Ausbildungsabbrüche sein können. Die aufgeführten Fallbeispiele zeigen, wie mit relativ leichtem Handwerkszeug Konflikten vorgebeugt werden kann. Hat es dennoch zwischen Ausbilder/ in und Lehrling einmal gekracht, muss es für eine Lösungsfindung noch lange nicht zu spät sein! Das Projekt»Ziellauf Förderung der Konfliktfähigkeit und Coaching der Ausbildung«möchte hierbei Unterstützung liefern und drohenden Ausbildungsabbrüchen entgegenwirken. Die Handwerkskammern Dortmund, Düsseldorf und Münster errichten zu diesem Zweck ein Frühwarnsystem, um mögliche Abbrüche zu erkennen. Ausbildungsstellencoaches sensibilisieren in den berufsbildenden Schulen wie auch in den Betrieben für das Thema. Sie bringen im Einzelfall die Konfliktpartner zusammen, 22

22 beraten sie und erarbeiten individuelle Konfliktlösungsstrategien. Frei gewordene Ausbildungsstellen werden in Zusammenarbeit mit den Arbeitsagenturen neu besetzt. Für Auszubildende, Ausbilder/ innen, Meister/ innen, Ausbildungsberater/ innen und Lehrkräfte wird Informationsmaterial erstellt, das zum Aufbau von Konfliktfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz dient. Die Aktivitäten konzentrieren sich in den Ziel 2-Gebieten Nordrhein-Westfalens auf Lehrlinge in den Berufen Malerund Lackierer/-in, Zahntechniker/-in und in den Nahrungsmittelhandwerken, den Gesundheits- und Körperpflege- sowie den Reinigungshandwerken. Das Projekt Ziellauf wird finanziell unterstützt durch das Land Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union. 23

23 Kontakt Handwerkskammer Dortmund Klaus Engelhardt Reinoldistraße Dortmund Telefon: (0231) Telefax: (0231) Internet: Handwerkskammer Düsseldorf Peter Maaser Georg-Schulhoff-Platz Düsseldorf Telefon: (0211) Telefax: (0211) Internet: Handwerkskammer Münster Gisela Oster Bildungszentrum, Echelmeyerstraße Münster Telefon: (0251) , Telefax: (0251) Internet: Westdeutscher Handwerkskammertag Sylvia Hüls M.A., Carmen Schröder M.A. Sternwartstraße Düsseldorf Telefon: (0211) /-712 Telefax: (0211) Internet: Grundlagen der Fallsammlung Besemer, Christoph,»Vermittlung in Konflikten«, Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden 2003 Crisand, Ekkehard,»Methodik der Konfliktlösung«, 3. Auflage, Verlag Recht und Wirtschaft, Heidelberg 2004 Funk, Tobias; Malarski, Roswitha,»Mediation im Ausbildungsalltag Konstruktiv streiten«, HIBA-Verlag, Heidelberg 2003 Haeske, Udo,»Konflikte im Arbeitsleben Mit Mediation und Coaching zur Lösungsfindung«, Kösel-Verlag, München 2003 Erfahrungsberichte der Ausbildungsstellencoaches der Handwerkskammern Dortmund, Düsseldorf und Münster im Rahmen des Projekts»Ziellauf Förderung der Konfliktfähigkeit und Coaching der Ausbildung«Glasl, Friedrich,»Konfliktmanagement«, 8. Auflage, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart

24 I M P R E S S U M Herausgeber: Westdeutscher Handwerkskammertag Sternwartstraße Düsseldorf Telefax: (02 11) Internet: Ansprechpartnerinnen: Sylvia Hüls M.A. Telefon: (02 11) Carmen Schröder M.A. Telefon: (02 11) Layout: Peter Luttke M.A. Fotos: Handwerkskammer zu Köln (S. 16, 22, 23) Best.-Nr. F-IV-002

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