Just People? Der Micha-Kurs. Willkommen im Boot!

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1 Just People? Der Micha-Kurs Willkommen im Boot! Schön, dass du dich für mehr Gerechtigkeit und die Bekämpfung weltweiter Armut interessierst genau darum geht es im Just People?-Kurs. Und das ist seine Geschichte: Als wir anfingen, uns für diese großen Themen zu interessieren, gab es keinen solchen deutschsprachigen Kurs. Es gab die Micha-Initiative in Deutschland und StopArmut 2015 in der Schweiz beides Kampagnen, die Christinnen und Christen zu einem gerechteren Lebensstil motivieren möchten. Aber eben keinen Kurs. Also suchten die Micha-Initiative Deutschland und StopArmut 2015 Menschen, die einen schreiben würden. Ende 2007 fingen wir an. Titel und grobe Struktur übernahmen wir vom englischsprachigen Kurs Just People?. Alles andere haben wir selbst dazugestrickt, Fachliteratur gewälzt, Ideen in Gemeindekreisen testen lassen usw. Und das hat Geld gekostet, Geld das die Micha-Initiative Deutschland und StopArmut 2015 bezahlten. So war das. Inzwischen wurde das Buch bereits 3000 mal verkauft und der Kurs in vielen Gemeinden in Deutschland und der Schweiz durchgearbeitet. Für die 2. Auflage haben wir von Sommer 2012 bis Frühling 2013 noch einmal die Kursinhalte überprüft, Daten aktualisiert und einige Verbesserungen vorgenommen. Auch diese 2. Auflage bieten wir zum kostenlosen Download an, damit mehr Menschen schneller auf Just People? zugreifen können. Aber wie das so ist: Die Micha-Initiative und StopArmut 2015 leben nahezu ausschließlich von Spenden. Deshalb freuen wir uns, wenn du mit einer kleinen Spende die Arbeit dieser zwei Kampagnen unterstützt. Bankverbindung: Deutsche Evangelische Allianz Evangelische Kreditgenossenschaft eg (EKK), BLZ Konto: Verwendungszweck: Micha-Initiative, Just People Nun denn: Dank dir, ahoi und lass dich gut inspirieren und motivieren, Die Autoren PS: Die gedruckte Version des Kurses kannst du auf zum Preis von 4,95 EUR bestellen.

2 Ein Kooperationsprojekt der Micha-Initiative Deutschland und der Kampagne StopArmut Aktualisierte und überarbeitete 2. Auflage

3 3 Impressum Aktualisierte und überarbeitete 2. Auflage 2013 Der Inhalt dieses Buches ist urheberrechtlich geschützt. Die Online-Version im PDF-Format ist unter frei erhältlich. Texte und Inhalte dürfen ganz oder auszugsweise unter der Bedingung, dass die Quellen klar ersichtlich und nachvollziehbar angegeben werden, für andere nicht kommerzielle Publikationen verwendet werden. Sämtliche im Kursinhalt enthaltene Bezüge auf fremde Quellen wurden als solche kenntlich gemacht. Bei wörtlich übernommenen als auch in eigenen Worten wiedergegebenen Aussagen anderer Autorinnen oder Autoren wurde die Urheberschaft nach bestem Wissen und Gewissen angegeben. Die Kursstruktur und einige Referatsinhalte bauen auf folgendem englischsprachigen Kurs auf: Tearfund und Livability (Hg.), Just People? Equipping churches to respond to local and global poverty, London Copyright Schweiz 2013, 2010 StopArmut 2015, StopArmut 2015 ist eine durch den Verband Interaction verantwortete Kampagne der Schweizerischen Evangelischen Allianz in Zürich, Copyright Deutschland 2013, 2010 Micha-Initiative, Die Micha-Initiative wird von der Deutschen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg verantwortet, Herausgeber Autorinnen und Autoren Lektorin Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (1. A.) Grafisches Inhaltskonzept und Umschlaggestaltung (CH) Umschlaggestaltung (DE) Layout Karikaturen Bibelstellen in den Kursunterlagen Druck Micha-Initiative Deutschland und StopArmut 2015 Schweiz Für StopArmut 2015: Stefan Hochstrasser, Thomas Wieland, Matthias Hochstrasser Für die Micha-Initiative: Alexander Gentsch, Lydia Schubert Lydia Schubert Tilman Gerber, Daniel Rempe, Caroline Richter fortissimo : think visual AG, Robin Sharma, Matthias Hochstrasser Jonathan Wüst, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart Gedruckt auf 100 Prozent Altpapier, ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen Blauer Engel, Druckerei G. Wollenhaupt GmbH

4 Editorial Editorial Herzlich willkommen im Just People?-Kurs! Wir freuen uns sehr, dass du dich mit Armut und Gerechtigkeit sowie dem integralen Missionsauftrag auseinandersetzen willst. Lass dich bewegen und auf eine spannende Reise mitnehmen! Wir wünschen dir viele Aha-Erlebnisse, angeregte Diskussionen und konkrete Impulse für dein Leben. Mit diesem multifunktionalen Kursbuch hältst du auf der einen Seite alles in Händen, was du für eine erfolgreiche Kursdurchführung brauchst. Es wird dich durch die Kurseinheiten begleiten und dich immer wieder herausfordern: im Denken und Handeln. Auf der anderen Seite dient das Kursbuch auch deiner persönlichen Beschäftigung mit Armut und Gerechtigkeit sowie dem integralen Missionsauftrag. Der Kurs besteht aus sechs Einheiten, die aufeinander aufbauen: Kurseinheit 1: Welt einfach wegschauen? Kurseinheit 2: Bibel einfach überlesen? Kurseinheit 3: Mission einfach predigen? Kurseinheit 4: Ich gerechter leben? Kurseinheit 5: Gesellschaft gerechter gestalten? Kurseinheit 6: Kirche gerechter nachfolgen? Das Kursbuch besteht aus zwei Teilen: Alle Kursunterlagen einschließlich Referate: Kursteilnehmende arbeiten vor allem mit diesem Buchteil. Hier findest du Arbeitsblätter, die du für den Kurs brauchst. Außerdem sind alle Referate abgedruckt. So kannst du dich auch nach den Treffen mit den Themen beschäftigen. Falls du selbst an keinem Kurs teilnehmen kannst: Die Referate sowie einige Arbeitsblätter lesen sich auch allein durchaus mit viel Gewinn. Kursanleitung: Der zweite Teil enthält alle nötigen Informationen für Kursleiterinnen oder Kursleiter. Natürlich sind diese methodischen und didaktischen Anweisungen für Kursteilnehmende selbst weniger interessant. Allerdings: Warum nicht selbst auch einen Kurs starten? Wir freuen uns besonders, falls du beim Lesen dieses Kursbuches oder durch eine Kursteilnahme motiviert wirst, selbst einen Just People?-Kurs auf die Beine zu stellen! Auf sind Vertiefungsartikel zu den im Kurs behandelten Themen kostenlos verfügbar. Sie wurden von Personen geschrieben, denen eine gerechtere Welt am Herzen liegt, die sich dafür einsetzen und dadurch entsprechende Kompetenzen erlangt haben. Diese Vertiefungsartikel kannst du völlig unabhängig von einer Kursteilnahme lesen, da sie nur thematisch (nicht methodisch) mit dem Kurs verbunden sind. Bleibt nur noch eines: Herzlichen Dank! Danke für alle Offenheit, Zeit, Energie und Kreativität, die du in den Just People?-Kurs investierst. Los geht s! Micha-Initiative Deutschland und StopArmut 2015 Schweiz 4

5 Inhaltsverzeichnis 5 Inhaltsverzeichnis Impressum...2 Editorial...3 Inhaltsverzeichnis...4 Vorwort von Joel Edwards...6 Vorwort zur zweiten Auflage...7 Alle Kursunterlagen einschließlich Referate Besinnlicher Anfang...8 Besinnlicher Schluss...10 Kurseinheit 1: Welt einfach wegschauen?...13 Referat Die Millenniums-Entwicklungsziele...22 Anleitung zum Untätigsein...24 Angepackt!...26 Kurseinheit 2: Bibel einfach überlesen?...27 Referat Abschließende Diskussion zum Referat...35 Auswahl von Bibelstellen zu Armut und Reichtum...36 Definitionen von Armut und Reichtum...38 Angepackt!...41 Kurseinheit 3: Mission einfach predigen?...43 Rollenspiel Gemeindeleitung...44 Referat Abschließende Diskussion zum Referat...53 Mein persönliches Missionsverständnis...53 Angepackt!...54 Kurseinheit 4: Ich gerechter leben?...55 Referat Kleiner Lebensstiltest...66 Angepackt!...70 Kurseinheit 5: Gesellschaft gerechter gestalten?...71 Referat Der Micha-Aufruf...82 Die Just People?-Aktion...83 Ideen für eine Just People?-Aktion...84 Angepackt!...86 Kurseinheit 6: Kirche gerechter nachfolgen?...87 Referat Abschließende Diskussion zum Referat...93

6 InhaltSverzeichnis Anhang 100 Tipps für ein gerechteres Leben...96 Quellennachweis...98 Kursanleitung Just People? So geht s Detailliertes Inhaltsverzeichnis für die Kursanleitung Zuvor Wozu eigentlich Just People? So klappt s: Rahmenbedingungen des Kurses Die Kurseinheiten Selber machen: Die Just People?-Aktion To-do-Liste für die Kursleitung Wortwahl: Erklärung wichtiger Begriffe Frag uns! Dank dir! Das Perlenspiel Übersichten zu den Kurseinheiten

7 Just People? 7 Foto: Privat Joel Edwards (geboren 1951) ist Direktor von Micah Challenge International. Der britische Theologe mit jamaikanischen Wurzeln war mehr als zehn Jahre Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Großbritannien. Er ist verheiratet mit Carol und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Vorwort Der christliche Glaube steckt voller Geheimnisse; die Jungfrauengeburt, die Dreieinigkeit und die Kraft des Heiligen Abendmahls sind dafür nur ein paar Beispiele. Aber die Leidenschaft Gottes für Gerechtigkeit sollte kein Geheimnis sein! Nach der Götzenanbetung gibt es im Alten Testament kein Thema, über das Gott häufiger spricht. Und auch in der Urgemeinde ging es in der ersten großen Auseinandersetzung um Ungerechtigkeit: Griechische Witwen wurden benachteiligt, die jüdischen Witwen bevorzugt. Man könnte das auch Rassismus nennen. Geheimnisvoll ist vielmehr, dass so wenige Menschen von so wenigen Pastoren so wenige Predigten über Gerechtigkeit hören. Wir sind alle Ergebnisse dessen, was wir aufnehmen. Und eine Kirche, die nichts von Gottes Leidenschaft für Gerechtigkeit aufnimmt, wird es nicht schaffen, nach Gerechtigkeit zu streben, Barmherzigkeit zu lieben und in Demut mit Gott zu gehen (Micha 6,8). Das Problem ist: Viele von uns haben angenommen, dass Gerechtigkeit eine politische Idee von steinewerfenden Globalisierungsgegnern oder radikalen politischen Bewegungen sei. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als das! Und es ist auch wahr, dass viele von uns glauben, Gerechtigkeit solle den Christen überlassen werden, die sich dafür in Kampagnen und Hilfswerken engagieren. Alle anderen, so denken wir, können also weiter wie bisher glauben und leben. Aber die Bibel ist hier sehr eindeutig: Heiligkeit vor Gott und gerechtes Handeln als Antwort auf Ungerechtigkeit sind für Gott ein und dasselbe. Und es ist auch eindeutig, dass gutes Regieren ohne den Einsatz für Gerechtigkeit unmöglich ist (Psalm 72,1-3). Aber Gerechtigkeit sollte genauso im Mittelpunkt unseres Glaubens- und Alltagslebens stehen. Das Problem mit dem Thema Gerechtigkeit ist, dass wir vergessen haben, welche entscheidende Rolle sie in der Kirchengeschichte immer wieder gespielt hat. Der Kerngedanke von Gerechtigkeit wurde untrennbar mit der Theologie des Kreuzes und der Erlösung verbunden. Das motivierte Christen dazu, für die Armen zu sorgen, Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen zu gründen und trotz Widerständen aus den eigenen Reihen sich für die Abschaffung der Sklaverei einzusetzen. In vielen westlichen Gesellschaften war es das christliche Engagement für Gerechtigkeit, das die Grundprinzipien verankerte, die heute unsere Rechtssysteme bestimmen. Und darum geht es bei Just People?: Dieser Kurs möchte dazu beitragen, dass biblische Gerechtigkeit (wieder) ein Thema wird, das alle etwas angeht! Die großartige Nachricht ist, dass Gott durch sein Wort und andere Menschen immer wieder dafür sorgt, uns an seinen Auftrag zu erinnern, nach Gerechtigkeit zu streben. Und Just People? ist ein weiteres großartiges Beispiel dafür, dass die Kirche zu ihrer prophetischen Verantwortung zurückkehrt. Ich hoffe, du wirst dich durch diesen Kurs inspirieren lassen und wünsche dir viel Freude bei der Umsetzung! London, im Juli 2010 Joel Edwards

8 Vorwort Vorwort zur zweiten Auflage Wir waren selbst erstaunt: Im Herbst 2010 haben wir Exemplare dieses Kursbuches drucken lassen die waren im Frühling 2013 ausverkauft verkaufte Kursbücher, das bedeutet auch: Unzählige Just People?- Kursabende, an denen Menschen zusammensaßen, diskutierten und visionierten, wie gerechteres Leben aussehen kann. Das war nur möglich, weil Menschen die Initiative ergriffen und den Just People?-Kurs in ihrer Gemeinde oder ihrer Gruppe durchgeführt oder ganz allein durchgearbeitet haben. Diesen Menschen würden wir am liebsten allen persönlich einen Blumenstrauß (natürlich regional, saisonal und selbst gepflückt) vorbeibringen und uns bedanken. Ihr seid wunderbar! Nun liegt die zweite Auflage des Just People?-Kurses vor. Wir haben erfahrene Kursleitende und -teilnehmende gefragt, was wir verbessern können und uns selbst Gedanken gemacht. Folgendes ist anders als in der ersten Auflage: Viele Daten haben wir aktualisiert. Die Vertiefungsartikel findest du jetzt nur noch auf unserer Website www. just-people.net. Das Kursbuch ist dadurch schmaler, umweltfreundlicher (da weniger Papier) und günstiger. Außerdem können wir so auch kurzfristig weitere Vertiefungsartikel hinzufügen. Ein Besuch auf der Website lohnt sich! Vor allem das vierte Referat wurde grundsätzlich bearbeitet und mit Hintergrundinformationen (Infokästen) angereichert. Abgesehen davon gab es nur leichte Veränderungen. Die Grundstruktur des Kurses und die behandelten Kernthemen sind geblieben, denn sie haben sich bewährt. Wer die erste Auflage kennt, der weiß, dass die Millenniums-Entwicklungsziele eine wichtige inhaltliche Komponente des Kurses darstellen und dass deren Ziellinie durchs Jahr 2015 verläuft. Was kommt danach? Für die Zeit danach planen wir einen neuen Kurs. Der wird wohl etwas anders aussehen, da sich auch die Arbeit der Micha-Initiative in Deutschland und von StopArmut 2015 in der Schweiz ändern wird. Aber wie und was wir als Christinnen und Christen zu einer gerechteren Welt beitragen können, wird immer wichtig bleiben. Nun aber ist es noch nicht Sondern heute. Ein guter Zeitpunkt, anzufangen! Gesegnetes Lesen, Fragen, Wagen, Micha-Initiative Deutschland und StopArmut 2015 Schweiz 8

9 Just People? 9 Besinnlicher Anfang 1. Lied 2. Stille 3. Bekenntnis E (Eine/r): Was anderes verlangt der Herr von uns, als Recht zu tun, Güte und Treue zu lieben und in Ehrfurcht den Weg zu gehen mit unserem Gott? A (Alle): Gott, öffne unsere Augen, unsere Ohren und unsere Herzen für deinen Ruf. E: In einer Welt voller Ungerechtigkeit, Gewalt und Schmerz: Vergib uns, dass wir uns abgewendet haben vom Leiden deiner ganzen Schöpfung. A: Gott, öffne unsere Augen, unsere Ohren und unsere Herzen für die Bedürfnisse um uns herum und in aller Welt. E: Rüste uns aus, damit wir uns in der Welt für Gerechtigkeit einsetzen können. A: Fordere uns täglich heraus, Recht zu tun, Güte und Treue zu lieben und in Ehrfurcht den Weg mit dir zu gehen. A: Amen. Oder: Nach dem Bekenntnis von Accra (Ghana) des Reformierten Weltbundes: 1 E: Wir glauben an Gott, den Schöpfer und Erhalter allen Lebens, der uns zu Partnerinnen und Partnern der Schöpfung und zur Erlösung der Welt beruft. Wir leben unter der Verheißung, dass Jesus Christus gekommen ist, damit alle Leben in Fülle haben. 2 Gestärkt und geleitet vom Heiligen Geist öffnen wir uns der Wirklichkeit der Welt. A: Wir glauben, dass die Wirtschaft dazu da ist, um der Würde und dem Wohl der Menschen im Rahmen der Nachhaltigkeit der Schöpfung zu dienen. 1 Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit, Bericht der Sektion Bundesschluss. Das Bekenntnis von Accra, id=1174&&navi=46, Gekürzt durch StopArmut Das Bekenntnis von Accra wurde von den Delegierten des Reformierten Weltbundes (World Alliance of Reformed Churches, WARC) auf ihrer 24. Generalversammlung in Accra (Ghana) 2004 verabschiedet. 2 Johannes 10,10.

10 Besinnungen E: Darum sagen wir Nein zu allen Wirtschaftssystemen, die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Armen und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben. A: Wir glauben, dass Gott uns dazu aufruft, uns an die Seite der Opfer von Ungerechtigkeit zu stellen. Wir wissen, was der Herr von uns fordert: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott." 3 E: Darum sagen wir Nein zur Kultur des ungebändigten Konsumverhaltens, der konkurrierenden Gewinnsucht und zur Habsucht des Menschen. Weiter sagen wir auch Nein zur unkontrollierten Anhäufung von Reichtum und zum grenzenlosen Wachstum, die schon jetzt das Leben von Millionen Menschen gefordert und viel von Gottes Schöpfung zerstört haben. A: Wir glauben, dass Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist. In einer Welt voller Korruption und Ausbeutung ist Gott in einer besonderen Weise der Gott der Notleidenden, der Armen, der Ausgebeuteten, der ungerecht Behandelten und der Missbrauchten. 4 Jesus selbst bringt den Unterdrückten Gerechtigkeit und den Hungernden Brot; er befreit die Gefangenen und gibt den Blinden das Augenlicht. 5 E: Wir glauben, dass der Geist uns dazu aufruft, Rechenschaft für die Hoffnung abzugeben, die durch Jesus Christus in uns ist, und zu glauben, dass Gerechtigkeit siegen und Frieden herrschen wird. A: Amen. 3 Micha 6,8 nach der Einheitsübersetzung, die in diesem Kurs verwendet wird. 4 Vgl. Psalm 146, Vgl. Lukas 4,18. 10

11 Just People? 11 Besinnlicher Schluss 1. Lied 2. Stille/Gebetsgemeinschaft 3. Gebet Gebet von Detlev Block: 6 Was wir haben, lass uns teilen, nichts gehört uns ganz allein. Hilf uns Not und Hunger heilen und für andre da zu sein. Amen. Oder: Gebet nach Clemens von Rom (um 100 n. Chr.): 7 Wir bitten dich, Herr, uns zu helfen und zu beschützen. Erlöse die Unterdrückten, erbarme dich der Bedeutungslosen, richte die Gefallenen auf, zeige dich den Bedürftigen, heile die Kranken, bringe die Verirrten zurück, gib den Hungrigen zu essen, richte die Schwachen auf, nimm die Ketten der Gefangenen weg. Möge jede Nation erfahren, dass du alleine Gott bist, dass Jesus Christus dein Sohn ist und dass wir deine Menschen sind, die Schafe, die du weiden lässt. Amen. 6 Block, Detlev (1976), in: Gesangbuch der Evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, Nr. 644, Basel/Zürich 1998, Eigene Übersetzung nach: Alkire, Sabina und Newell, Edmund (Hg.), What Can One Person Do? Faith to Heal a Broken World, London 2005, 40.

12 Besinnungen 12

13 Just People? 13

14 Einfach wegschauen? 1: Welt kurseinheit 1: Welt einfach wegschauen? Darum geht s: Viele Menschen müssen heute unter unfairen Bedingungen und in Armut leben Genauer gesagt: So sieht s aus: Zahlen und Fakten Erklärungsversuch: So wurde der Norden reich und der Süden arm Lösungsversuch: Die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen Fragen, die wir stellen: Warum ist der Norden reich und der Süden arm? Was bedeutet es, im Norden geboren zu sein? Was ist an den Millenniums-Entwicklungszielen anders als bei früheren Zielsetzungen? Wie weit sind wir von diesen Zielen noch entfernt? So machen wir s: Perlenspiel mit Auswertung Referat Anleitung zum Untätigsein Die Übersicht zum Ablauf dieser Kurseinheit findest du auf Seite

15 Just People? 15 Anschaulich wird die Lage, wenn man sich die Welt als ein Dorf mit 100 Bewohnern vorstellt. Davon sind ungefähr 15 Personen unterernährt. Referat 1: Welt einfach wegschauen? Das Perlenspiel zeigt eindrücklich, wie sich Ungerechtigkeit am eigenen Leib anfühlt. Natürlich vereinfacht so ein Spiel sehr stark. Und vor allem: Es ist eben nur ein Spiel. Was ist aber deutlich geworden bei diesem Spiel? Besitz bedeutet Macht. Und mit Macht kann man die Spielregeln ändern. Man kann also dafür sorgen, dass sich der eigene Besitz noch stärker vermehrt. Damit bildet dieses einfache Spiel unsere komplexe Realität leider ziemlich gut ab. Einzelpersonen, Konzerne und Staaten nutzen nämlich ihre Macht aus. Wenn man sich mit den weltweiten Zusammenhängen beschäftigt, wird schnell klar: Unsere Welt kann man nicht in ein oder zwei Sätzen erklären. Schon gar nicht ihre Probleme. Aber wir wollen heute zumindest einmal einsteigen und uns einen ersten Überblick verschaffen. Dabei werden wir feststellen: Sehr viele Menschen müssen unter unfairen Bedingungen leben. Dann fragen wir uns, wie es dazu kam. Und schließlich werden wir nach Lösungen suchen. Ein Lösungsversuch sind die Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Ganz oben steht dort, die extreme Armut zu halbieren bis Wenn die Welt ein Dorf wäre Anschaulich wird die globale Lage zum Beispiel, wenn man sich die Welt als Dorf vorstellt. Dieses Bild ist gar nicht so weit weg von der Realität, denn durch die Globalisierung rücken wir immer näher zusammen: Wir können zum Beispiel für drei Tage ans Rote Meer zum Baden fliegen, unsere Tante in den USA anrufen und Schokolade mit Kakao aus Madagaskar essen. Auf den ersten Blick ist das gar nicht so schlecht. Aber sehen wir auch die Kehrseite der Medaille? Also die Mitmenschen im Welt-Dorf, die sich keine Schokolade leisten können? Und die vielleicht auch noch krank werden wegen der Chemikalien? Denn damit werden Kakaopflanzen reichlich eingesprüht, weil Schädlinge sonst die Ernte zerstören. Viele arme Dorfbewohner bekommen von diesen Chemikalien Asthma oder Hautausschlag. 1 Chancen und Wohlstand sind ungleich verteilt das ist ein offenes Geheimnis. Durch Sendungen im Fernsehen und Radio und durch das Internet strömen Nachrichten darüber aus allen Teilen der Welt in unser Wohnzimmer. Also schalten wir doch mal ein und schauen uns unser globales Dorf näher an. Stellen wir uns vor: Die ganze Welt ist ein Dorf. In diesem Dorf leben 100 Menschen: Die folgenden Punkte liest jede und jeder am besten still für sich durch. 1 Vgl. greenpeace magazin, Kinderschokolade, magazin/archiv/3-09/schokolade,

16 Einfach wegschauen? 1: Welt 2 Personen besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Reichtums, 2 24 Personen müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag 3 leben, 17 davon sind Frauen, 4 15 bis 16 Personen sind unterernährt, 5 es gibt zwar mehr als genug Nahrung für alle im Dorf, aber 34 Prozent des Getreides werden an Masttiere verfüttert, um vor allem den reicheren Teil des Dorfes mit Fleisch zu versorgen, 6 10 Personen haben nicht einmal die Grundschule abgeschlossen, 7 7 Personen haben einen akademischen Titel, 8 30 Personen haben keinen Zugang zu den wichtigsten Medikamenten, die Ärmsten im Dorf leiden am meisten unter dem Klimawandel, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben, jeder dritte Dorfbewohner stirbt an den Folgen von Armut. 9 Warum sind manche arm und andere nicht? Viele haben versucht, diese Frage zu beantworten und kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Auch wir wollen es wagen, uns dazu ein paar geschichtliche und politische Zusammenhänge anzusehen: die Kolonialzeit und ihre Vorgeschichte, den Kalten Krieg und die heutige Globalisierung. Der Beitrag der Kolonialzeit Zunächst sehen wir uns einmal die Kolonialgeschichte 10 näher an. Nach wie vor finden wir hier wesentliche Gründe für die Ungerechtigkeit in der Welt. Im 15. Jahrhundert begannen die Europäer in für sie bis dahin unbekannte Gebiete zu segeln. Manche ihrer Entdeckungen erklärten sie zu ihrem Eigentum und nannten sie ihre Kolonien. Über Jahrhunderte plünderten die europäischen Kolonialmächte 11 ihre Überseegebiete aus. Ziel war es, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Am Anfang ging es den europäischen Mutterländern nur um Rohstoffe vor allem Gold, Seide oder Tee. Aber 2 Vgl. United Nations University, Research Uptake Report 2012 Personal Assets from a Global Perspective, Vgl. United Nations, Millenniums-Entwicklungsziele Bericht 2012, Depts/german/millennium/mdg_report%202012_german.pdf, , 4. 4 Eigene Berechnung auf Grundlage der Annahme, dass 70 Prozent der weltweit Ärmsten Frauen sind (vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Hintergrund: Weltweite Diskriminierung von Frauen, ). 5 Vgl. United Nations, Millenniums-Entwicklungsziele Bericht 2012, 5. 6 Vgl. statista, Anteile am Welt-Getreideverbrauch im Jahr 2011/2012, com/statistik/daten/studie/165631/umfrage/anteile-am-welt-getreideverbrauch, Vgl. United Nations, Millenniums-Entwicklungsziele Bericht 2012,18. 8 Vgl. 100people.org, 100 People: A World Portrait, A Global Education Toolbox, Berechnet anhand von Zahlen in: Bleisch, Barbara und Schaber, Peter, Weltarmut und Ethik, Paderborn 2007, Wenn wir Kolonialgeschichte schreiben, meinen wir die Ausdehnung des europäischen Einflusses auf außereuropäische Gebiete, die im 15. Jahrhundert begann und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dauerte. 11 Portugal, Spanien, Niederlande, England, Frankreich, Russland, Belgien, Deutschland und Italien. In der Kolonialgeschichte finden wir wesentliche Gründe für die Ungerechtigkeit auf der Welt. 16

17 Just People? 17 Europa fühlte sich überlegen und sprach fremden Völkern ihr Menschsein ab. schon bald wollten sie auch neue Märkte und Lebensräume erschließen. Dabei bauten die Europäer auch die Infrastruktur ihrer Überseeregionen aus etwa indem sie Straßen oder Kanäle errichteten. Bald brach zwischen den europäischen Großmächten ein Wettkampf aus: Wer die meisten Kolonien hatte, galt als der mächtigste und bewies seinen Fortschritt. Gegenseitig stachelte man sich dazu an, seine Kolonialreiche zu vergrößern. So kam es, dass Ende des 19. Jahrhunderts 85 Prozent der weltweiten Landfläche von europäischen Mächten beherrscht wurden. 12 Was trieb die Kolonialmächte eigentlich an? Und wieso konnten sie überhaupt so viele Gebiete einnehmen und andere Völker unterwerfen? Europa fühlte sich überlegen und sprach fremden Völkern ihr Menschsein ab. Menschen wurden auf ihre Arbeitskraft reduziert, sie wurden zur Ware. So blühte bald der Handel mit Sklaven dabei verloren 15 bis 18 Millionen Afrikaner ihre Heimat und ihre Freiheit. 13 Viele von ihnen starben bereits während der unmenschlichen Überfahrt zum Beispiel nach Amerika. Das Gefühl europäischer Überlegenheit hatte auch mit einer Vereinnahmung des Missionsauftrages zu tun. Beim Auftrag Geht hinaus in die ganze Welt (...) (Markus 16,15) dachten die Europäer vermehrt an die Durchsetzung christlicher Kultur mit allen Mitteln notfalls auch mit Gewalt. So wurde im Namen des Evangeliums in der Kolonialzeit viel unternommen, was sich für die Betroffenen selten als frohe Botschaft herausstellte. Denn auch wenn die Kolonisierten die christliche Kultur übernahmen, wurden sie von den Europäern nicht als gleichwertige Menschen angesehen. Sie waren vielmehr einfach Arbeitskräfte und Statisten im kolonialen Projekt ihrer Eroberer. In der späteren Kolonialgeschichte spielten Missionare teilweise aber auch eine andere Rolle und legten sich nicht selten mit ihren eigenen Kolonialregierungen an, wenn sie für die Rechte der Kolonisierten eintraten. 14 Ein Blick in die Kolonialgeschichte zeigt also, dass Ungerechtigkeit eine lange Tradition hat. Manche Menschen glaubten, anderen von Grund auf überlegen zu sein. Und nicht nur das sie verstärkten mit ihrem Handeln noch die Ungleichheit. Der Beitrag des Kalten Krieges Viele Kolonien erreichten erst nach dem Zweiten Weltkrieg ihre politische Unabhängigkeit. Diese ehemaligen Kolonien hatten jetzt mit großen Herausforderungen zu kämpfen: Oft produzierte man noch traditionell, also ohne oder mit alten Maschinen. Sie waren nun eigenständige Handelsnationen, aber eben auch Teil eines Welthandelssystems, in welchem die industrialisierten Länder nach wie vor die Maßstäbe setzten. Die sozialen Ordnungen waren 12 Die Übermacht der Europäer hat verschiedene Wurzeln. Das Buch Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften von Jared Diamond (7. Auflage, Frankfurt/Main 2000) versucht eine Erklärung. Durch die geographischen Gegebenheiten in Europa waren die dortigen Völker eher dazu in der Lage, sesshaft zu werden. Dadurch konnten sie auch eher als andere Gesellschaften eine Arbeitsteilung organisieren. Das wiederum ermöglichte es ihnen, sich technischen und militärischen Innovationen zu widmen, die es ihnen erleichterten, andere Völker zu unterwerfen. 13 Vgl. UNESCO, International Year to Commemorate the Struggle against Slavery and its Abolition, Paris 2004, Vgl. Hanfstängl, Michael, Niemand kann zwei Herren dienen. in: Evangelisch-Lutherisches Missionswerk Leipzig, Jahresbericht 2007/2008, de/files/lmw-jb pdf, , 6-8.

18 Einfach wegschauen? 1: Welt zerstört und Traditionen vergessen. Jahrhundertelang waren Einheimische nur Menschen zweiter Klasse gewesen, die Befehle ausführten. Nun wurden neue Rollen an sie herangetragen und sie mussten nach einer neuen Identität suchen. Die Kolonialmächte hatten Landesgrenzen willkürlich gezogen ohne Rücksicht auf die dort lebenden Volksgruppen. Grenzkonflikte waren die Folge. Die ehemaligen Kolonien blieben weiterhin abhängig von ihren Mutterländern; diese waren nun mächtige Handelspartner, aber auch die Geber von Entwicklungshilfe. Diese Hilfe wurde einerseits mit Wiedergutmachung erklärt, andererseits ging es auch von Anfang an um bewusste Einflussnahme. Die Industrienationen befanden sich zudem gerade in einem ideologischen Grabenkampf, im Kalten Krieg. Die Lage war dauerhaft angespannt, aber nie kam es zu einer wirklichen militärischen Auseinandersetzung. Auf der einen Seite befanden sich die sozialistischen und kommunistischen Staaten, die ihre Wirtschaft stark regulierten mit dem erklärten Ziel, ihren Wohlstand möglichst gleich zu verteilen. Für die politische Elite wurde da oft eine Ausnahme gemacht, sie lebte häufig weit über dem Lebensstandard der allgemeinen Bevölkerung. Und dass es im sozialistischen Block kaum Demokratie und viele Menschenrechtsverletzungen gab, ist allgemein bekannt. 15 Auf der anderen Seite standen die kapitalistischen Länder. Sie waren der Meinung, dass nur eine freie Wirtschaft Wachstum und Wohlstand für alle bringen könne. 16 Wollte eine ehemalige Kolonie nun Entwicklungshilfe, erwartete man, dass sie sich für einen Machtblock entschied: den kommunistischen oder den kapitalistischen. Nur wenigen der jungen Staaten gelang es, zu beiden Blöcken Beziehungen zu pflegen. Wofür die Entwicklungshilfe eingesetzt wurde, war für die Geldgeber weniger wichtig. Es ist kein Wunder, dass sich einige der neuen Machthaber deshalb viel Geld in die eigene Tasche steckten und zu korrupten Diktatoren wurden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Joseph-Désiré Mobutu regierte von 1965 bis 1997 als diktatorischer Präsident Zaire, also die heutige Demokratische Republik Kongo. Das war ihm nur möglich, weil den USA und Frankreich ein kapitalismusfreundlicher Diktator lieber war als ein Herrscher, der dem Kapitalismus kritisch gegenüberstand. Während das Volk unter Armut und Menschenrechtsverletzungen litt, ließ es sich Mobutu gut gehen wurde sein Privatvermögen auf vier Milliarden US-Dollar geschätzt ähnlich hoch war damals die Auslandsverschuldung von Zaire Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zeigt exemplarisch anhand der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wie das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in sozialistischen Staaten mit Menschenrechts- und Demokratieproblemen zusammenhing. Vgl. Kleßmann, Christoph, Aufbau eines sozialistischen Staates, Vgl. Nuscheler, Franz, Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, 5. Auflage, Bonn Nicht jede Form der Entwicklungshilfe während des Kalten Krieges war kontraproduktiv. Besonders nicht-staatliche Unterstützung kam meistens den Ärmsten der Armen zugute. Seit Ende des Kalten Krieges wird auch bei staatlicher Entwicklungshilfe sehr stark auf die Wirksamkeit der Hilfe geschaut. Das hat zu vielen positiven Veränderungen geführt. Wenn heute Kritiker von Entwicklungshilfe vorrechnen, dass die gezahlten Milliarden der vergangenen 50 Jahre so wenig Gutes bewirkt haben, vergessen sie meistens, dass sich seit den Neunzigerjahren viel bewegt hat. Vgl. Nuscheler, Franz, Sicherheitsinteressen über dem Entwicklungsinteresse. Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Entwicklungspolitik, in: eins Entwicklungspolitik 21/22, Frankfurt/Main Vielen Entwicklungsländern fehlte eine wirtschaftliche und soziale Basis. Sie blieben weiterhin von ihren alten Mutterländern abhängig. 18

19 Just People? 19 Die Freiheit des Kapitals allein führt nicht automatisch zu Wohlstand für alle. Fassen wir noch einmal zusammen: Vielen Entwicklungsländern fehlte eine wirtschaftliche und soziale Basis für eine eigenständige Entwicklung. Sie blieben weiterhin von ihren alten Mutterländern abhängig. Hinzu kamen das internationale Machtgerangel im Kalten Krieg und eine stetig wachsende Bevölkerung. Viele Machthaber waren zudem überfordert oder korrupt oder beides. Deshalb ging es den meisten Menschen in den ehemaligen Kolonien nach Erlangung ihrer formalen Unabhängigkeit nicht besser. Im Gegenteil: Besonders Afrika südlich der Sahara wurde geradezu zum Sinnbild für Armut und Elend. Der Beitrag der Globalisierung Der Kapitalismus hat sich weltweit durchgesetzt. In den meisten Ländern der Welt ist man davon überzeugt, dass Unternehmen privat geführt werden und in erster Linie profitorientiert arbeiten sollten. Das führt häufig natürlich zu mehr Effizienz und Wettbewerb, aber nicht immer. Oft werden wirtschaftliche Interessen als wichtiger erachtet, selbst wenn sie mit der Würde des Menschen oder mit ökologischer Nachhaltigkeit in Konflikt geraten. Vor allem in den Bereichen Bildung und Gesundheit ist das verheerend. Ein Beispiel: In Bolivien, Ghana und Südafrika hat man das Wassernetz von staatlichen in private Hände gegeben mit dem Ergebnis, dass unrentable Gebiete seitdem nicht mehr mit Wasser versorgt werden! 18 Wir sehen also: Die Freiheit des Kapitals allein führt nicht automatisch zu einem Wohlstand für alle. Handel bietet eine große Chance für eine langfristige wirtschaftliche Entwicklung keine Frage. Deshalb fordern vor allem Industrieländer freie Märkte, auf denen jeder mit jedem handeln kann. Diese Liberalisierung der Märkte hat allerdings im globalen Süden nicht immer zu den versprochenen Erfolgen geführt. Denn wer etwas produzieren will, der sucht sich heute meist den Ort aus, wo er das am billigsten tun kann. Unter den niedrigen Preisen leiden aber am Ende die Arbeiter und unsere Umwelt. Außerdem haben die reichen Länder Zugang zu den Märkten der meisten Entwicklungsländer. Diese überschwemmen sie mit ihren billigen Produkten und zerstören somit oft einheimische Industrien oder kaufen erfolgreiche Firmen auf. Hier ein Beispiel: Durch die Unterstützung der EU kann europäisches Geflügel so günstig auf afrikanischen Märkten verkauft werden, dass es die einheimischen Preise unterbietet. Lokale Produzenten werden so vom Markt verdrängt, was die Existenzgrundlage von Menschen zerstört. 19 Aber das ist nicht alles: Die Industrieländer schützen gleichzeitig ihre 18 Vgl. Lobina, Emanuele, Problems with Private Water Concessions: A Review of Experiences and Analysis of Dynamics, in: International Journal of Water Resources Development, Volume 21, Issue 1, London 2005, Noch mehr solcher Beispiele zeigt der Film We feed the world von Erwin Wagenhofer, 2005.

20 Einfach wegschauen? 1: Welt eigenen Märkte vor Produkten aus Entwicklungsländern und zwar genau in den Bereichen, wo es Entwicklungsländern besonders weh tut. Ein Beispiel dafür ist die Baumwolle. Baumwolle aus Westafrika ist zwar billiger und qualitativ besser als die aus den USA, sie hat aber trotzdem auf dem US-Markt keine Chance. Wieso? Weil die USA ihrer eigenen Baumwollindustrie jährlich staatliche Unterstützung zahlen. Dafür geben sie sogar dreimal so viel aus wie für ihre Entwicklungshilfe an Afrika. Nicht nur die Baumwollbauern in Burkina Faso fürchten deswegen um ihre Existenz, sondern der ganze Staat, denn Baumwolle ist sein wichtigstes Exportgut. In der US-Wirtschaft spielt sie hingegen nur eine Nebenrolle. 20 Die Situation steht exemplarisch für viele andere Länder, vor allem in Westafrika. Natürlich haben sich gerade in der Ära der Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte die Machtverhältnisse verschoben. Man kann nicht nur Entwicklungs- und Industrieländer unterscheiden. Das höchste Wirtschaftswachstum gab es in den vergangenen Jahren in Schwellenländern, besonders in China. Auch diese neuen Wirtschaftsmächte tragen bei der Bekämpfung weltweiter Armut eine Verantwortung, zumal sich nahezu alle diese Länder durch eine starke Ungleichverteilung ihres Reichtums auszeichnen. Ein großer Anteil der globalen Armen lebt in Schwellenländern; ist die Bekämpfung globaler Armut dann nicht vor allem Aufgabe dieser Länder? Natürlich müssen Schwellenländer ihren Beitrag leisten, aber das entbindet die traditionellen Industrieländer nicht von ihrer Verantwortung. Erst wenn sie diese wahrnehmen, sind sie in der Lage, auch Schwellenländer glaubwürdig auf ihren notwendigen Beitrag hinzuweisen. Unsere Rolle im Ursachengeflecht Noch viele weitere Faktoren für globale Armut und die ungleiche Verteilung von Wohlstand müssten hier genannt werden: kulturelle Faktoren, geographische Faktoren, bewaffnete Konflikte, der Klimawandel und die Entwicklungen im globalen Finanzwesen 21. Auch das sind noch längst nicht alle Gründe und Zusammenhänge. Wie aber schon zu Beginn erwähnt, ist eine Erkenntnis ganz besonders wichtig: Es handelt sich um ein komplexes Ursachengeflecht. Was heißt das nun für uns? Wenn wir uns an die Welt als Dorf erinnern: Wir gehören zu denen, die privilegiert geboren wurden. Wir gehören zu den Reichen. Oder denken wir an unser Perlenspiel: Dort gehören wir zur reichsten Gruppe. Und der Blick in die Geschichte der globalen Ungleichheit sollte uns deutlich gemacht haben, dass wir eine Verantwortung haben. In diesem Kurs soll gezeigt werden, dass wir eine Menge tun können, um zu einer gerechteren Welt beizutragen in unserem Leben als christliche Gemeinde, durch unseren persönlichen Lebensstil oder wenn wir in der Gesellschaft mitmischen. Und wir sind nicht allein mit unseren Forderungen nach einer gerechteren Welt. Mit den Millenniums-Entwicklungszielen haben sich führende Politiker ehrgeizige Ziele gesetzt. Nehmen wir sie beim Wort, erinnern und unterstützen wir sie! 20 Vgl. Presseportal.de, Oxfam besorgt über Festhalten der USA an Baumwollsubventionen, Vgl. dazu den Vertiefungsartikel von Jürgen Kaiser Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise: Ursachen und Lösungsansätze auf Die Industrieländer schützen ihre eigenen Märkte vor Produkten aus Entwicklungsländern und zwar genau in den Bereichen, wo es Entwicklungsländern besonders weh tut. 20

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