Stichworte: Geld regiert die Welt! Nichts ist gut in der Finanzbranche? Es gilt das gesprochene Wort.

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1 Kanzelrede Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon Redner: Dr. Ekkehard Thiesler, Vorstandvorsitzender KD-Bank Sperrfrist: 9. März 2014, 17 Uhr Salvatorkirche Duisburg Stichworte: Geld regiert die Welt! Nichts ist gut in der Finanzbranche? Es gilt das gesprochene Wort. Sehr geehrter Herr Superintendent Schneider, meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich freue mich sehr, heute hier in der schönen Duisburger Salvatorkirche im Rahmen der 35. Duisburger Akzente vor Ihnen zu sprechen. Vielen Dank für die Einladung, es ist mir eine Ehre. Gott und Geld das war schon immer eine heikle Beziehung. Sie kennen alle die berühmte Bibelstelle im Matthäus-Evangelium 6, 24, die die Diskrepanz dieses besonderen Verhältnisses beschreibt: Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird einen hassen und den anderen lieben, oder wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Hier spüren wir den Absolutheitsanspruch, der hinter diesen Worten steht: Gott oder Mammon! Sehr oft wird der Ausdruck Mammon als unredlich erworbener Gewinn oder unmoralisch eingesetztes Vermögen definiert. Ihr könnt nicht Gott dienen und auf unmoralische Weise Euer Geld verdienen so könnte eine Übersetzung lauten. Sie können sich vorstellen, dass ich als Banker in Zeiten, in denen das Ansehen von vielen Finanzinstituten auf dem Tiefpunkt angelangt ist, oft mit dem Vorwurf konfrontiert werde, die Branche habe seit der Finanzkrise Seite 1 von 19

2 2008 nicht nur Geld, sondern auch Werte vernichtet. Das stimmt ohne wenn und aber! Man könnte sogar behaupten: Nichts ist gut in der Finanzbranche, um den berühmten Satz von Margit Käßmann zu variieren: Nichts ins gut in Afghanistan, sagte sie damals und bezog ihn auf den Einsatz der Alliierten in Afghanistan. Nichts ist gut in der Finanzbranche. Ich füge dem Satz allerdings kein Ausrufezeichen, sondern ein Fragezeichen an: Ist nichts gut in der Finanzbranche? Wenn wir aber, wie in meiner Bibelausgabe von 1982, Mammon mit Geld, und zwar mit unserem ganz normalen Geld definieren, also nicht unmoralisch erworbenem Vermögen dann wird die Sache ernster, kommt uns das Thema schon näher und berührt uns in unserem täglichen Leben... Ob und wie Gott und Geld, Bibel und Zins, Kirche und Wirtschaft zusammenpassen, möchte ich Ihnen heute in meiner Rede erläutern. Wie sehr diese Kategorien miteinander verknüpft sind und wie sehr das so gegensätzlich wirkende Paar Gott und Geld sogar miteinander verwandt zu sein scheint, hat Altbischof Dr. Wolfgang Huber einmal treffend mit folgendem Bonmot formuliert: Von Gott sagen wir: Gott ist alles; deshalb ist ohne Gott alles nichts. Vom Geld aber sagen wir: Geld ist nicht alles; und fügen durchaus kühn hinzu: Aber ohne Geld ist alles nichts. Seite 2 von 19

3 Wofür brauchen wir eigentlich Geld? Geld dient zunächst einmal dem Austausch. Im Laufe der Geschichte haben Menschen viele Dinge als Geld genutzt: Getreide, Dörrfisch, Fischzähne, Kokosnüsse, Kakaobohnen oder auch Opium. Solche Güter hatten unabhängig von ihrer Geldfunktion einen unmittelbaren Wert für den Besitzer. Er konnte sie benutzen oder verzehren. Warengeld hatte allerdings einen gravierenden Nachteil: Es verdarb mit der Zeit. Auch deswegen begehrten die Menschen später liebe seltene Metalle als Geldmittel wie Kupfer, Silber oder Gold. Als erstes kamen die Bewohner Mesopotaniens, des heutigen Irak und Nord- Syriens, auf die Idee, Edelmetallbarren gegen Waren einzutauschen. Das war im dritten Jahrtausend vor Christus. Kaufleute erfanden die ersten Münzen im heutigen Gebiet der Türkei im siebten Jahrhundert vor Christus. Die Chinesen entwickelten schließlich das Papiergeld. Heute wird es immer schwerer, den Geldbegriff zu definieren. Denn Geld sind nicht nur bedruckte Banknoten und Münzen. Heute kann man beispielsweile mit Bonusmeilen einer Fluggesellschaft Hotelübernachtungen oder einen Mietwagen bezahlen. Auch von so genannten Bitcoins haben Sie sicher schon gehört, eine Form von virtuellem Geld, die im Jahr 2009 entstand. Bitcoins werden dezentral in einem Computernetz geschöpft und ver- Seite 3 von 19

4 waltet. Solche Entwicklungen zeigen aber auch die Grundfunktion von Geld als Zahlungsmittel. Nämlich: Man kann alles als Geld verwenden, was andere Menschen als Bezahlung akzeptieren. Der Finanzwissenschaftler Günter Schmölders brachte es einmal mit seinem bekannten Slogan auf den Punkt: Geld ist, was gilt. Was für Menschen sind das nun, die ihr Geld verdienen, indem sie Geld verleihen und Geld vermehren? Denken wir nur ans Geld? Sind wir gottlos? Gibt es so etwas wie einen guten Banker? Vor allem in der Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist der Beruf des Bankers in Verruf geraten. Der Spiegel zierte einmal eine seiner Titelseiten mit einem Bankster also einem Banker in schickem Anzug, aber mit Hut und Aussehen eines Mafiosi: ein Banker als Gangster, also ein Bankster"! Eine aktuelle Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung kommt zu dem Schluss, dass das Image des Bankers auf dem niedrigsten Stand seit Jahren angekommen ist. Nur Politiker auf Bundes- und Landesebene haben einen noch schlechteren Ruf... In vielen Fällen haben die Kritiker Recht: Der Beruf des Bankers ist in Verruf geraten! Durch die Finanzkrise 2008 wurde deutlich, es gab viele schwarze Schafe und schlechtes Verhalten in unserer Branche. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Es ist weder rechtlich zu verantworten noch moralisch vertretbar, Kunden Finanzprodukte Seite 4 von 19

5 aufzuschwatzen, die weder der Sparer noch der Kundenberater versteht, die mit hohem Verlustrisiko eingebunden sind und offenkundig den Interessen der Anleger widersprechen. Auch ist es absolutes Unrecht, wenn Kurse manipuliert werden am Geld- und Devisenmarkt, ja vielleicht sogar der Goldpreis, wie jetzt immer mehr Experten (HB, , S. 26) behaupten und dadurch die Anleger durch überhöhte Kaufpreise geschädigt werden. Auch das Angebot vieler internationaler Banken zur Geldwäsche und Steuerhinterziehung in ganz großem Stil ist kein Ruhmesblatt eines um Seriosität bemühten Gewerbes. Ganz zu schweigen von Produkten, die zur Spekulation auf Lebensmittelpreise kreiert wurden oder auf den frühen Tod von Lebensversicherungsnehmern spekulieren. Für solche Fälle tritt die Definition des Begriffs Mammon in der Bibelstelle im Matthäus-Evangelium 6, 24 zu: Mammon ist unredlich verdientes Geld und moralisch verwerflich. Ist aber deswegen nichts gut in der Finanzbranche? Nein. Ich kann Ihnen versichern: Nicht nur wir, die Kirchenbanken, die wir ethisches Handeln als Verpflichtung von Anfang an in unser Wirtschaften eingebettet haben, sondern auch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken und auch einige Privatbanken stellen sich der Frage nach Wertorientierung mit großer Ernsthaftigkeit. Seite 5 von 19

6 Dennoch müssen auch wir uns stets aufs Neue die Frage nach Maßstäben für verantwortliches Handeln im Markt stellen zumal bisher bestimmt noch nicht alles getan wurde, um Finanzkrisen, wie wir sie jetzt erlebt haben, zukünftig zu verhindern. Der Job des Bankers sollte aber eben nicht selbstsüchtig, eitel und gierig sein. Die Aufgaben der Banken sind absolut notwendig! Die Finanzbranche hat eine wichtige Schlüsselrolle für die Realwirtschaft und konkret drei wichtige Funktionen: 1. die Liquiditätsversorgung und den Zahlungsverkehr, 2. die treuhänderische Verwaltung von Vermögenswerten und 3. die Bereitstellung von Finanzmitteln in Form von Krediten und Darlehen. Banken haben bei der Verteilung von Kapital an Unternehmen eine wesentliche Steuerungsfunktion und beeinflussen damit die Ausrichtung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Sie sind sozusagen der Schmierstoff für einen funktionierenden Wirtschaftsmotor. So auch wir, die wir das Geld insbesondere der evangelischen Kirche sammeln, um es vor allem als Finanzierungen für soziale Projekte in der Diakonie anzulegen. Wir nennen es den kirchlich-diakonischen Geldkreislauf. Von welchen Werten sich die Banken leiten lassen, dazu sollten sie sich und der Gesellschaft Rechenschaft ablegen. Klar ist: Zielgerichtetes unternehmerisches Handeln Seite 6 von 19

7 ist per se ethisch relevant. Gewinnorientierung steht auch bei Banken nicht im Widerspruch zu dem, was wir gemeinhin als moralischen Wert fassen jedenfalls wenn die Gewinnorientierung auf der Einsicht fußt, dass eigener Profit nicht auf Kosten Dritter erwirtschaftet werden darf. Ethische Verpflichtung und unternehmerisches Interesse gehen Hand in Hand. Dauerhaft und ich betone dauerhaft ist ein Erfolg für ein Unternehmen nur möglich, wenn eigener Vorteil, Kundennutzen und gesellschaftliche Akzeptanz im Dreiklang stehen. Das ist auch die Ansicht der EKD und der deutschen Bischofskonferenz, die diese unter der Überschrift für eine gerechte Gesellschaft! in der letzten Woche gemeinsam verabschiedet haben. (FAZ, , S. 19) Nur, wie erreichen wir das? Nun, es gibt immer neue Gesetze und Verordnungen... Und das ist richtig so... Aber seien wir nicht naiv: Wo so viel Geld im Spiel ist, ist auch sehr viel Kreativität. Kommen wir nochmals zurück auf unsere zweite Version der Mammon-Übersetzung, nämlich einfach mit Mammon ist Geld. Jetzt betrifft es uns alle. Luther übersetzte den aus dem Aramäischen stammenden Begriff Mammon ins Deutsche und interpretierte ihn in Richtung eines Dämons, der uns Menschen zu Geiz und Habgier animiert. Seite 7 von 19

8 Also, machen wir es uns nicht zu einfach: betrachten wir hierzu das Gleichnis vom reichen Kornbauern in Lukas 12, 16-21, der genug für seinen Lebensabend eingefahren hatte. Habe ich genug für die Altersversorgung angespart? Liebe Seele habe nun Ruhe,... oder die Geschichten vom reichen Jüngling (in Lukas 18, 18-27), der all seinen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben soll. Wenn ich die Finanzkrise betrachte, dann muss ich auch konstatieren, dass die Gier und Habsucht auch bei vielen Privatkunden durchaus vorhanden war: Immer höhere Rendite, immer mehr Dividende. Das waren nicht nur Stammtischgespräche, das wurde zum Volkssport! Es ist jedoch zweifellos so, dass wir fürs Leben Geld benötigen. Auch die Kirchen benötigen Geld auch wenn viele Theologinnen und Theologen alle anwesenden natürlich ausgeschlossen am liebsten nichts mit Geld zu tun hätten. Vielleicht haben sie auch sehr ehrenwert versucht, nach der Bergpredigt zu leben. Denn wie hat Superintendent Schneider vorhin aus Matthäus 6 vorgelesen: Seht die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlische Vater ernähret sie doch! Seite 8 von 19

9 Aber die konstruktive Auseinandersetzung mit Geld und ökonomischen Notwendigkeiten ist leider notwendig und nimmt wohl endlich auch in der Kirche zu. Ökonomisches Handeln ohne Ethik ist genauso verkehrt wie christliche Moral ohne ökonomischen Sachverstand. Um Vorurteile gegenüber Geld abzubauen und um zu verstehen, wie Geld im besten Sinne funktioniert, müssen wir uns mehr denn je mit Geld beschäftigen. In den Siebziger-, Achtziger- oder auch Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts war das Thema Geld unter vielen Theologen verpönt. Dass sich das in diesem Jahrhundert und vor allem aktuell in Zeiten klammer Kassen auch hier im Rheinland wandelt, ist dringend notwendig. Die Landessynode der EKiR hat jüngst beschlossen, 20 Millionen Euro zu sparen. Das ist ein großes Vorhaben und wahrlich nicht einfach! Altbischof Huber hat uns anlässlich der Eröffnung unserer Bank im Jahr 2006 in Dortmund mit auf den Weg gegeben, dass die Kirche den materiellen Bedingungen des Lebens nicht ausweichen kann. Die Kirche muss sich deshalb stets nach dem verantwortlichen Gebrauch mit den ihr anvertrauten Mitteln fragen. Wie für alle gilt, gilt auch für die Kirche: Man muss den Umgang mit Geld und die Voraussetzungen seines Erwerbs beherrschen, um nicht vom Geld beherrscht zu werden. Ein Auto oder erst recht ein Flugzeug dürfen wir ohne Führerschein gar nicht bewegen und es würde i.d.r. auch bös enden. Aber Geld darf jeder bewegen! Sie wissen vielleicht: Die Kenntnisse über Vor- und Nachteile von Seite 9 von 19

10 Geldanlagen sind in Deutschland sehr niedrig und kommen unserem allgemeinem Wissen über Fisch- oder Muschelzucht nahe sind also nicht ausreichend. Ein solches Wissen ist aber nicht über Nacht aufzubauen! Also brauchen wir eine Bank oder Sparkasse, die uns fair und ehrlich berät und mit Rat und Tat unterstützt. Wie können wir als Bank nun Werte und Ethik am Kapitalmarkt vertreten? Kann sich eine Bank überhaupt Moral leisten? Die Finanzkrise hat deutlich gemacht, wie gefährlich der Mangel an Werten und ethischer Verantwortung für unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem werden kann. Hier ist besonders das Auseinanderklaffen von Risiko und Haftung zu beklagen. Es hätte wohl alles nicht zu solch desaströsen Auswirkungen geführt, wenn nicht eine grenzenlose Gier nach immer höherer Verzinsung nach der Maxime Gewinne werden privatisiert Verluste sozialisiert (möglichst schnell möglichst viel ) bei vielen eine vernünftige Risikoabwägung verdrängt hätte. In Lukas 16, 9, heißt es: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Manche Investmentbank hat das wohl falsch verstanden und als Freibrief für überzogene Anreizsysteme, ruinösem Wettbewerb bis hin sogar für illegale Preisabsprachen interpretiert. So meinte doch tatsächlich Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, der größten amerikanische Investmentbank, in einem Interview mit voller innerer Überzeugung: Ich bin ein Ban- Seite 10 von 19

11 ker, der Gottes Werk verrichtet. (FAZ ). Bei so viel Selbstherrlichkeit kommt man schon ins Staunen. Kein Wunder, dass der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler bereits im Jahr 2008 die Investmentbanker freilich etwas dramatisch als Monster bezeichnet hatte. (Stern-Interview vom ) Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Gemeint ist mit diesem Bibelzitat eher, dass sich beispielsweise auch Banker nach dem verantwortlichen Gebrauch mit den ihnen anvertrauten Mitteln fragen lassen müssen. Geld ist schmutzig, das lernt mein Sohn gerade im Biologie-Unterricht. Insbesondere das Papiergeld ist voll von Bakterien also bitte immer Hände waschen, wenn Sie es anfassen! Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Das heißt für mich, wir sollen das schmutzige Geld anfassen, in den Werkraum gehen, wie Luther sagen würde, und uns nach dem verantwortlichen Gebrauch fragen lassen. Selbst unser Bürgerliches Gesetzbuch, dessen Wurzeln das römische Recht und die Bibel sind, setzt den Schwerpunkt auf Treu und Glauben, festgeschrieben im 242 BGB. Eine Bank kann sich nicht, sondern sie muss sich eine Moral leisten. Ich meine: Moralisch zu handeln, zahlt sich für ein Unternehmen langfristig aus. Moral ist ökonomisch vernünftig. Hierhin muss die Finanzbranche zurückfinden. Seite 11 von 19

12 Was können Banken nun Gutes bewirken? Und wie funktioniert der verantwortungsvolle Umgang mit Geld? Oft werde ich gefragt, ob es ein Christliches Banking gibt. Die Antwort darauf fällt mir schwer. Wenn wir von Moral und Ethik reden, sprechen wir ja von einer Tradition der menschlichen Geschichte, die nicht erst mit dem Christentum beginnt und auch nicht mit der biblischen Geschichte. Zweifellos gehört aber die Bibel zu den Grundkomponenten unserer abendländischen Kultur. Und wenn wir dann über Christliches Banking nachdenken wollen, nehme ich die Zehn Gebote als Maßstab. Nach diesen christlichen Wertvorstellungen handeln alle Vorstandsmitglieder von Sparkassen und Volksbanken. Das ist gut so. Solches Verhalten zeichnet auch den ehrbaren Kaufmann aus. Agnostiker würden möglicherweise eher von Banking mit Gewissen und Moral sprechen. Auch das ist richtig. Doch was machen wir Kirchenbanken mehr, mehr als Banking mit gutem Gewissen und Moral? Die Grundlagen unseres ethischen Handelns sind eher unsere christlichen Wurzeln als die Philosophie eines Aristoteles oder Kant. Wir Christen machen es nicht nur unserer selbst Willen, sondern wir wollen und sollen und das könnte den Unterschied ausmachen auch immer das Wohl unseres Nächsten im Blick haben. Dazu Luther: In seiner Freiheitsschrift heißt es: Nun will ich dem Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, wiederum frei, fröhlich und Seite 12 von 19

13 umsonst tun, was ihm gefällt und auch meinem Nächsten gegenüber ein Christ werden...(und)... dem Nächsten umsonst zu dienen. Das bringt mich zu einer zweiten Frage. Sie lautet: Arbeiten wir als Bank in Übereinstimmung mit der Bibel? Luther sagt eindeutig Dienen ohne Gegenleistung übertragen auf das Geld: verleihen ohne Zins zu nehmen. Das ist für uns Banker wahrlich harter Tobak! Dazu sollten wir uns einzelne Bibelzitate anschauen: Luther bezieht sich auf das 2. Buch Mose: Wenn du Geld verleihst an einem aus meinem Volke, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln, du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen! Dann heißt es weiter: Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen. Also von jemandem, der nicht aus deinem Volk, aus deinem Stamm, aus deiner Familie stammt... Luther und Calvin waren in dieser Frage uneins. Calvin meinte nämlich, Geld sei dazu da, sich durch wirtschaftliche Tätigkeit zu vermehren und legitimierte eine maßvolle Zinswirtschaft. Das Ende des christlichen Zinsverbotes datieren Historiker in das Jahr 1545, als der englische König Heinrich VIII. Zinseinnahmen nach seinem Bruch mit dem Papst legalisierte. Im westfälischen Frieden von 1648 wurden schließlich mit fünf Prozent verzinste Darlehen für zulässig erklärt. Seite 13 von 19

14 Auch Mohammed lehnte das Zinsnehmen konsequent ab. Und bis heute ist es in der islamischen Welt strikt verboten. Allerdings wird dies vielfältig umgangen sei es durch Leasing, Mietkauf oder anderen Finanzierungsvarianten. Oder der Zins wird als Gebühr ausgewiesen. Ich meine jedoch: Wir müssen uns die Lebensverhältnisse und Umstände in der Bibel und in der Zeit Martin Luthers ansehen. Sie lebten in einer Agrargesellschaft, das Leihen von Geld war eine Hilfe in der Not also ein Kredit für eine Notlage, zum Beispiel als Überbrückung bis zur nächsten Ernte. Noch heute gibt es Initiativen, die auch in diesem Punkt ganz genau nach der Bibel leben wollen. Bürgerinnen und Bürger haben deshalb beispielsweise den Chiemgauer ins Leben gerufen eine regionale Währung im Chiemgau. Dieses Regionalgeld soll nur als Zahlungsmittel fungieren, denn es verliert mit der Zeit an Wert und soll damit zum Ausgeben einladen. Letztlich handelt sich bei diesem Regionalgeld um nichts anderes, als ein auf gegenseitigem Vertrauen basierendes Leistungsversprechen, das allerdings wohl nur in abgeschlossenen, verbindlichen Lebens- und Glaubensgemeinschaften funktioniert. Geht man über diesen Bereich hinaus und betrachtet zum Beispiel mögliche Wechselkurse zu überregionalem Geld, wird schnell die Unzulänglichkeit der Idee in Bezug auf einen globalen Raum klar. Seite 14 von 19

15 Und: Der Chiemgauer hat er keine Sparfunktion. Auch werden mit ihm keine größeren Investitionen ermöglicht, denn eine neue Ladentheke, ein Lkw oder Traktor können wohl kaum aus der Portokasse bezahlt, sondern müssen in der Regel längerfristig finanziert werden. Wir brauchen den Kredit. Er ist der Wegbegleiter des Geldes durch die Wirtschaftsgeschichte. Ohne Kredit wäre vieles unmöglich: Weder die einzelnen noch das Gemeinwesen können große Vorhaben ohne Kredite realisieren. Menschen, die mit einer neugegründeten Firma eine neue Idee umsetzen wollen, benötigen Kredit. Gut florierende Unternehmen, die ihre Produktion ausweiten wollen, sind auf einen Kredit angewiesen. Ohne geliehenes Geld könnten sich nur ganz reiche Menschen ein Haus kaufen. Andere müssten dafür sparen bis ins hohe Alter oder kämen wahrscheinlich überhaupt nie dazu. Mit einem Kredit kauft man heute, was man in der Zukunft abbezahlt. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die auf ein Ziel hin ansparen. Sie legen dieses Geld bei einer Bank, einer Sparkasse oder Genossenschaftsbank an. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass ein Teil der Bürger spart und ein anderer Teil investiert. Ohne Sparen gäbe es keine verfügbaren Investitionsmittel. Natürlich würden auch Sie keinen Zins von einem Freund oder Nachbarn einfordern, der sich mal Geld leihen muss oder in Not ist. Anders sieht es aus, wenn es um größere Seite 15 von 19

16 Summen und um einen längeren Zeitraum geht. Dann werden auch Sie sicher schon zurückhaltender. Das ist ganz natürlich. Denn erstens: Sie brauchen einen Ausgleich für das eingegangene Risiko. Gegebenenfalls bekommen Sie das Geld vom Kreditnehmer später oder gar auch nicht zurück. Zweitens benötigen Sie einen Ausgleich für die Inflation, sprich Geldentwertung, da Sie das Geld ja in der Regel längerfristig verleihen und damit heute nicht in Sachwerten anlegen können. Wir Banken übernehmen die Funktion des Mittlers: Wir bringen die Einlagen vieler Sparer zusammen und überführen sie in eine produktive Investition. Diese Idee war übrigens auch das Hauptmotiv für unsere Gründung als Bank in den zwanziger Jahren in Dresden, Magdeburg und Münster und 1953 dann in Duisburg. Damals in Münster konnte der Theologe Martin Niemöller zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise keinerlei Darlehen für die Gründung eines Kinderhortes heute sagen wir KiTa dazu von den örtlichen Sparkasse oder der Landesbank bekommen. Er gründete unter anderen mit Fritz von Bodelschwingh unsere Bank. Ziel war es, die Gelder selber zu verwalten und aus diesen die geplanten Einrichtungen der Diakonie oder wie man früher sagte der Inneren Mission zu finanzieren. In Duisburg fehlte 1953 das Geld zum Wiederaufbau der kirchlichen Gebäude, auch hier wurde dann eine eigene Bank benötigt. Seite 16 von 19

17 Wenn wir uns die Bibel anschauen und fragen, kann es ein Christliches Banking geben, dann müssen wir meiner Meinung nach zwangsläufig auch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter betrachten: Wir kennen die Geschichte, in der ein Reisender einem anderen, der von Räubern überfallen wurde, hilft und versorgt. Andere hingegen, insbesondere geistliche Würdenträger, lassen den Hilfesuchenden links liegen. In Beschwerdebriefen und Reklamationsgesprächen wird uns öfter vorgeworfen, wir müssten christlich handeln und uns am Barmherzigen Samariter orientieren also Hilfe leisten. Dieser Satz fällt in der Regel, wenn wir einen Kredit ablehnen müssen, das kommt und dafür bin ich sehr dankbar nicht so oft vor. Aber wenn es doch vorkommt, tun wir uns schon schwer damit. Wir rechnen dann doppelt und dreifach nach, ob wir das Darlehen nicht vielleicht doch machen können. Denn eines muss man wissen: Eine Kreditablehnung kommt einer Ehescheidung nahe. Ich sage das ganz bewusst. Denn eine Ablehnung trifft den Kunden ins Mark. Aber manchmal geht es einfach nicht anders. Wenn wir dann einen Kredit ablehnen müssen, antwortet uns dann der enttäuschte Kunden schon mal: Ihr seid doch eine christliche Bank, ihr müsst doch helfen! Haben wir mit dieser Kreditablehnung gegen den Grundsatz der Bibel sozusagen als Pharisäer und nicht als Barmherziger Samariter gehandelt? Ich meine, wir haben unserem Kunden ein Risiko erspart. Wir haben ihn Seite 17 von 19

18 vor möglicherweise existenzbedrohenden Schulden und Überschuldung geschützt. Ich möchte Ihnen noch ein weiteres Beispiel für Samariterdienste nennen. Im Rahmen unserer rechtlichen und strategischen Möglichkeiten setzen wir uns als Kapitalanleger übrigens auf unsere Initiative sogar mit 36 anderen evangelischen Investoren dafür ein, dass Arbeitsbedingungen insbesondere bei Zulieferern von großen deutschen und europäischen Unternehmen vor allem aus der Textilindustrie bei Unternehmen wie H&M, Adidas oder Puma eingehalten werden. Wir sprechen mit diesen Firmen gemeinsam mit unserem Kapitalmarktpartner Union Investment und versuchen auf Basis von Informationen unserer Partner wie Brot für die Welt, Kindernothilfe oder Südwind etwas für die arbeitenden Menschen, vor allem für die Arbeiterinnen, zu tun. Existenzsichernde Löhne und keine ausbeuterische Kinderarbeit sind zwei unserer wichtigsten Ziele. Es ist ein dickes Brett, aber kleinere Erfolge können wir heute schon aufweisen. Die Botschaft ist, wir werden gehört und können hier dem Beispiel des Barmherzigen Samariters folgen. Kommen wir zum Fazit: Als Kirchenbank haben wir uns dem verantwortungsbewussten Umgang mit Geld verschrieben. Das Zahlen von Zinsen für Anlagebeträge und das Berechnen von Zinsen für Darlehen gehört auch Seite 18 von 19

19 dazu. Nach unserer Einschätzung ist der ganzheitliche Verzicht auf das ertragreiche Einsetzen von Kapital in der heutigen modernen, globalen Gesellschaft und Wirtschaftsordnung nicht möglich. Und dennoch: Unsere Finanzbranche ist zu Recht in Verruf geraten. Was können wir Banken tun? Martin Luther hat uns schon das Rüstzeug mit auf den Weg gegeben, nämlich die Freiheit eines Christenmenschen. Auch wir Banker sind frei in unseren Entscheidungen, dem Mammon zu trotzen also Geld als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck zu sehen. Auch haben wir die Freiheit eines Christenmenschen, uns zu bemühen, redlich und moralisch einwandfrei zu verhalten. Das dies trotz allem Bemühen nicht immer gelingen kann, ist uns wohl allen klar. Es ist auch menschlich. Aber das Bemühen ist schon sehr viel. Augustinus hat dies in einer Erkenntnis zusammengefasst, die ich mir oft in Erinnerung rufe, und die ich Ihnen nun zum Schluss gerne mit auf den Weg geben möchte. Sie lautet: Lieber auf dem rechten Weg hinken, als abseits aufrecht gehen. Vielen Dank! Seite 19 von 19

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