SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 WISSEN - Manuskriptdienst. Leben nach der Trennung - Über Scheidungsfolgen für Familien

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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 WISSEN - Manuskriptdienst Leben nach der Trennung - Über Scheidungsfolgen für Familien Autorin und Sprecherin: Silvia Plahl Redaktion: Sonja Striegl Sendung: Mittwoch, 15. Mai 2013, Uhr, SWR2 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula (Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/ ! SWR2 Wissen können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: Manuskripte für E-Book-Reader: E-Books, digitale Bücher, sind derzeit voll im Trend. Ab sofort gibt es auch die Manuskripte von SWR2 Wissen als E-Books für mobile Endgeräte im so genannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende App oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iphone oder das ipad gibt es z. B. die kostenlose App ibooks, für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. Für Webbrowser wie z. B. Firefox gibt es auch so genannte Addons oder Plugins zum Betrachten von E-Books. Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de! 1

2 O-Ton 1 - Vater (anonym): Wir sind seit anderthalb Jahren ungefähr getrennt. Ich wohne vier Häuser weiter, in einer kleinen Wohnung. Die Kinder sind bei der Mutter untergebracht. Dem anderen nichts vorzuwerfen, den anderen nicht zu beschuldigen. Ist anfänglich immer ein bisschen schwer, weil man muss da erst mal rein kommen. Weil so ne Vorwürfe kommen halt irgendwann. O-Ton 2 - Joachim Hollnagel: Wir sind ja genau deshalb zusammen, weil wir wissen, dass nicht enden wollender Streit Gift für die Entwicklung der Kinder ist. Also dieses Beharren ist häufig genau das, was alles zum Erliegen bringt und was die Konflikte nachhaltig nährt. Und das wollen wir genau nicht. Ansage: Leben nach der Trennung - Über Scheidungsfolgen für Familien - eine Sendung von Silvia Plahl. Atmo: Rumoren... Können wir mal Luft rein lassen...? O-Ton 3 - zweiter Vater (anonym): Ich hab versucht, ruhig meine Sachen nahe zu bringen. Im Beisein des Jugendamtes. Und sie hat erst mal die ganze Zeit geredet von ihren Anliegen. Und denn hab irgendwann ich was sagen wollen. Und habe nur angefangen, und da ist sie schon aufgestanden und aus der Tür raus gegangen. Also das bringt nichts. O-Ton 4 - Joachim Hollnagel: Ich weiß, was richtig ist und anders geht es nicht, erzeugt häufig genau das, was viele von euch erleben. Das ist schwierig, deshalb werben wir eben dafür, dass wir sagen: Öffnet euch. Atmo: Hollnagel und Raum Der Berliner Psychotherapeut Joachim Hollnagel. Er wendet sich an eine Runde mit vier Frauen und drei Männern. Sie alle leben getrennt und haben Kinder. Mit ihren Ex-Partnern kommen sie nicht gut zurecht, und so gibt es ständig Probleme und heftige Auseinandersetzungen in den Familien. O-Ton 5 - zweiter Vater (anonym) / Joachim Hollnagel: Es funktioniert aber nicht. - Es funktioniert nicht, was würdest du sagen, warum funktioniert es bei euch nicht? - Es ist selbstverständlich, dass ich sie am Donnerstag von der Kita abhole und sie weiß, dass ich dann mit Auto bin und stellt sie mir extra den kaputten Kinderwagen hin, den ich nicht zusammenbauen kann. Atmo: Hollnagel und Raum 2

3 Zusammen mit dem Therapeuten Joachim Hollnagel und der Rechtsanwältin und Mediatorin Stefanie Treder versuchen die getrennten Väter und Mütter, um der Kinder willen aus diesem Kreislauf der Konflikte heraus zu kommen. Sie besuchen den Kurs Kinder im Blick. Die Teilnehmer dieser Runde wollen anonym bleiben. Einige von ihnen streiten vor Gericht um das Sorge- und Umgangsrecht für ihre Kinder und möchten sich nicht öffentlich äußern. Andere schweigen aus Rücksicht auf ihre Ex-Partner. Auch sie haben sich zu diesem Kurs verpflichtet, besuchen jedoch parallel laufende Termine. O-Ton 6 - Vater (anonym): Da wir anfänglich nicht so richtig kommunizieren konnten, hatte sie um diesen Elternkurs gebeten und ich habe zugesagt. Es geht nicht um mich, es geht nicht um den anderen Partner, es geht nicht um die Eltern. Die Eltern müssen eine Einigung finden, damit's den Kindern gut geht. Und den Kindern geht s immer nur gut, wenn beiden Elternteilen es gut geht. Da müssen beide dran arbeiten. Die Mütter und Väter haben erkannt, dass sie einen neuen Umgang miteinander finden müssen. Um ihr Kind zu entlasten. O-Ton 7 - Joachim Hollnagel: Mit Blick auf das Kind wird es nicht passieren, dass ihr in einem Wettlauf seid: Was macht das Kind bei wem? Was ihr aber sagt, das höre ich ganz deutlich, ist: Klappt denn das? Atmo: mehrere Stimmen, Raum Sechs Kursabende, verteilt über mehrere Monate, sollen den Eltern dabei helfen, zu Hause eine Kehrtwende einzuleiten. Die Berliner Gruppe hat sich dafür intensiv und ziemlich offen miteinander ausgetauscht. Heute ist der letzte Termin, und nach einer kleinen Pause blickt die Mediatorin Stefanie Treder zurück. O-Ton 8 - Stefanie Treder: Wie reagiert mein Körper, meine Gefühle, meine Seele auf Stress? Und was kann ich machen, damit es mir besser geht. - Wie kann ich anders reagieren in Situationen, wo der Ex-Partner ins Spiel kommt, eine Rolle spielt, so dass es meinem Kind besser geht? - Wir haben versucht, das zu beschreiben, das was grade gut bei dem Kind ist. - Das Emotionscoaching: Wenn das Kind - ja negative Gefühle hat, auf etwas sitzt? - Die fünfte Einheit: Das Wir. Kommunikationsregeln und auch die drei Bremsen in der Achterbahn. Atmo: Rumoren 3

4 Trennung und Scheidung - eine Beziehung, eine Partnerschaft, eine Ehe zerbricht und eine Familie teilt sich auf meldete das Statistische Bundesamt gerichtliche Ehescheidungen, das betrifft jede elfte von tausend bestehenden Ehen. In den meisten Fällen tragen danach diejenigen die Hauptlast, die den Bruch überhaupt nicht zu verantworten haben: die Kinder. Im Jahr 2011 waren dies über Minderjährige. Sie müssen endlose Auseinandersetzungen aushalten. Sie leben in Patchwork-Familien und pendeln hin und her. Ihr Klavier- oder Sportunterricht muss gestrichen werden. Und sie sollen sich zwischen ihren streitenden Eltern entscheiden. Lange Zeit gingen Scheidungsforscher daher davon aus, dass Kinder extrem darunter leiden, wenn ihre Eltern auseinander gehen. Eine Sicht, die Sabine Walper, Direktorin des Deutschen Jugendinstituts in München, inzwischen etwas relativiert: O-Ton 9 - Sabine Walper: Das scheint so generell nicht unbedingt der Fall zu sein. Sondern das, was die Forschung sicherlich im Verlauf der letzten 30, 40 Jahre zutage gebracht hat, ist, dass die Reaktionen der Kinder sehr, sehr unterschiedlich ausfallen können. Dass das eigentlich auch ein Paradefall dafür ist, zu schauen: Wie bewältigen Menschen einfach herausfordernde schwierige Lebenslagen? Und was passiert da auch mit so einem sozialen System wie einer Familie? Nach Sabine Walpers Erfahrung verläuft mehr als jede zweite Trennung im Streit. Sie hält das allerdings für normal. O-Ton 10 - Sabine Walper: Es müssen ja erst mal wieder Zuständigkeiten neu definiert werden. Es müssen die finanziellen Verpflichtungen auseinander sortiert werden. Wem gehört was? Wer kriegt die Schallplattensammlung oder was auch immer in der Ehe zusammen angeschafft worden ist. Von daher darf man jetzt auch nicht jede Art von Konflikt völlig pathologisieren. Auch Kinder erlebten lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das Problem jedoch, so die Familienpsychologin, sei in den meisten Fällen die anhaltende Feindseligkeit zwischen den Eltern nach der Trennung. O-Ton 11 - Sabine Walper: Also diese Konflikte belasten natürlich Kinder in hohem Maße. Sie nehmen ihnen dieses Ruhekissen oder diesen schützenden Raum, den Eltern ihren Kindern ja bereit stellen sollen. Wo Kinder sich dann wirklich auch um ihre Angelegenheiten und ihre Entwicklungsaufgaben kümmern können. Der Gesetzgeber hat im Familiengesetzbuch festgelegt: Zum Wohl des Kindes müssen sich alle darum bemühen, bei Trennung und Scheidung immer auf ein Einvernehmen 4

5 der Beteiligten hinzuwirken. Das Sorgerecht sollte abgestimmt sein, die Frage, wo sich das Kind aufhält und wie der Umgang mit den Eltern aussieht. Mitarbeiter in Jugendämtern und Beratungsstellen, Therapeuten, Sachverständige, Richter und Rechtsanwälte - alle versuchen mittlerweile verstärkt, hier zu schlichten und den Familien aus vertrakten Situationen heraus zu helfen. Langzeitstudien haben gezeigt, dass Scheidungskinder den Familienbruch durchaus gut verarbeiten können. Jedoch nur, wenn Ex-Paare bereit sind, als Eltern weiterhin für ihre Kinder da zu sein. Dazu müssen sie oft neue und ungewohnte Verhaltensweisen einüben. Sabine Walper entwickelte als Professorin an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität zusammen mit dem Familiennotruf München genau dafür den Eltern-Kurs Kinder im Blick. Er wird inzwischen in ganz Deutschland angeboten. Wie in Berlin. Atmo: Rumoren (kurz frei) O-Ton 12 - Joachim Hollnagel: Schaut doch mal in eurer Elternmappe auf Seite 46: Rollenwechsel zum Arbeitsteam an und wir hatten auch die Seite 47 empfohlen: Eltern sein, zwei Modelle (blättern, Atmo) Die Mütter und Väter in der Berliner Runde greifen zu dicken Heftern mit Arbeitsblättern. Joachim Hollnagel erklärt, dass alle nach der Trennung zunächst einmal grundsätzlich umdenken müssten: O-Ton 13 - Joachim Hollnagel: Die Schwierigkeit in dieser Situation ist, ne klare Vorstellung davon zu behalten: Wie kann ich eigentlich aus dieser ehemaligen Paarebene auf eine Elternebene kommen, und wie kann ich auf dieser Elternebene bleiben. Was sind Spielregeln? Atmo: blättern / Hollnagel Der Therapeut nennt es den Umbau einer Beziehung und spricht vom Arbeitsteam. O-Ton 14 - Joachim Hollnagel: Die Merkmale eines Teams: Keine Annahmen, formale Höflichkeit, öffentliche Treffen. Ein hohes Maß an persönlicher Privatsphäre. Und kaum persönliche Auskünfte. Das sind alles Hürden. Beziehungsweise, wenn man das aber positiv formuliert, auch klare Regeln. Atmo: Hollnagel Klare Regeln, die einem gescheiterten Paar helfen, beim Thema zu bleiben und nicht abzuschweifen. Die Kursteilnehmer nicken zustimmend. Für Ex-Partner bedeutet das zum Beispiel: 5

6 O-Ton 15 - Joachim Hollnagel: Sich beim anderen wie ein Gast verhalten. Nicht im Haus oder in der Wohnung herum wandern. O-Ton 16 - Mutter (anonym): Bei uns im Moment ist es so, mein immer-noch-mann hat die Hälfte seiner Sachen noch zuhause. Er hat immer noch einen Wohnungsschlüssel. Er kommt rein, und dann ist er bei den Kindern, dann klingelt das Telefon, dann telefoniert er und dann essen wir schon Abendbrot, und dann kommt er: Was gibt s noch zum Essen? Atmo: Stimmen zum Schlüssel Als diese Frau ihren Mann schließlich um die Schlüssel bat, gab es Streit, erzählt sie. Lass doch das Schloss auswechseln, empfehlen die anderen. Das findet sie egoistisch. O-Ton 17 - Mutter (anonym): Wenn Papa einfach die Tür aufmacht und die rennen zu Papa und die sind so über-, überglücklich, weil die Papa so vermisst haben! O-Ton 18 - zweite Mutter (anonym): Man hält ja für die auch was aufrecht, das Haus, wenn der Papa nach Hause kommt und so. So ist es ja leider nicht mehr. O-Ton 19 - Joachim Hollnagel: Dieses Mitdenken für andere hält ganz schön davon ab, dass man sich selbst vertritt. Aber die Regel ist: Das kann der andere selbst rüber bringen. Wir müssen tatsächlich nicht in seine Rolle schlüpfen und müssen uns Gedanken darüber machen, sondern wir können jedem zutrauen, dass er für sich selbst sorgt. Und es wird dann auch passieren. Also es hat was mit Verantwortung zu tun. (Atmo) Die Trennung vollziehen, neue Regeln definieren, Verhaltensmuster aufbrechen. Und daneben eigene Zeit mit dem Kind verbringen, seine Traurigkeit zulassen, seine Gefühle für den Ex-Partner akzeptieren. Das alles stärkt beide Elternteile und so profitieren davon die Söhne und Töchter. Im besten Fall verständigten sich Ex-Paare selbst auf eine Kooperation oder auf eine sogenannte parallele gleichwertige Elternschaft. O-Ton 20 - dritter Vater / zweite Mutter (anonym): (Atmo vorweg) Wir leben ein drittes Modell, das ist sozusagen im Prinzip das gerichtlich geregelte, in Stein gehauene parallele Elternmodell. Und das geht nicht anders. - Wir auch. Geht nicht anders. 6

7 O-Ton 21 - Joachim Hollnagel: Das heißt, dass du sagst: Das was bei Gericht beschlossen ist, ist für uns bindend. Und daran halten wir uns. O-Ton 22 - dritter Vater (anonym): Und wir sind also wirklich so weit, dass eigentlich alles definiert ist im Gerichtsbeschluss. Die haben kaum was ausgelassen, wo man noch diskutieren könnte. O-Ton 23 - Joachim Hollnagel: Grundvoraussetzung ist eine Uneinigkeit der Eltern und ne Unversöhnlichkeit offenbar auch. Da geht es immer um Einfluss, da geht es häufig auch um Macht, denke ich. Und wenn wir jetzt hier nochmal zurück kommen auf die kooperative oder die parallele Elternschaft, dann geht es ja genau um das Gegenteil. Da geht es um Vertrauen. Und ich will an der Stelle nochmal genau dafür werben. (Atmo) Nach Kursende sind viele Teilnehmer zwar in diesem Punkt noch skeptisch, gehen aber doch zuversichtlich ihren Weg. Und sie empfinden es als große Bereicherung, sich innerhalb der Gruppe auszutauschen, auch mit dem jeweils anderen Geschlecht, das zeigen Befragungen. - Das Programm Kinder im Blick erhielt 2007 den Präventionspreis der Deutschen Liga für das Kind und rund 200 Therapeuten, Pädagogen und Mediatoren haben sich bereits bundesweit dafür ausbilden lassen. Von München ausgehend gibt es etwa Angebote in Freiburg, in Mainz, in Halle an der Saale, in Düsseldorf, Bremen und Kiel. Neuerdings verordnen sogar Familiengerichte diesen Kurs. Denn vor allem extrem zerstrittene Partner - im Fachjargon heißen sie hoch strittige Eltern - sind selbst oft derart hilflos darin verstrickt, dass sie auf die Nöte ihrer Kinder überhaupt nicht mehr eingehen können. Sie schaffen es nicht, die zehn Euro für die Klassenkasse gerecht aufzuteilen oder den Turnbeutel ordentlich zu packen. So beschreibt es der Psychologe und Erziehungswissenschaftler Peter Dietrich. O-Ton 24 - Peter Dietrich: Die haben schon mehrere Gerichtstermine hinter sich, die waren schon sieben, acht, neun Mal im Jugendamt. Es gab Bemühungen von Vermittlung, es gab vielleicht familienpsychologische Gutachten, es gab Verfahrensbeistände, es gab vielleicht eine gescheiterte Mediation und auch einen Abbruch einer Therapie. Als Leiter des Instituts für angewandte Familien-, Jugend- und Kindheitsforschung an der Universität Potsdam untersuchte Peter Dietrich die Situation der sogenannten Hochkonfliktfamilien. Auch das Deutsche Jugendinstitut und die Bundeskonferenz der Beratungsstellen beteiligten sich an der Studie, die 2010 veröffentlicht wurde. Insgesamt werden etwa fünf bis zehn Prozent der Trennungsfamilien in Deutschland als hoch strittig eingestuft, es gibt allerdings keine eindeutige Definition. Die Forscher haben Fachleute und insgesamt 158 Elternteile zu ihren Problemen befragt. Gerichtsakten und internationale Literatur wurden ausgewertet. Denn die Untersuchung sollte vor allem den Beratern vor Ort Empfehlungen geben, wie sie zum Wohl des Kindes den Familien aus 7

8 der Sackgasse der Unversöhnlichkeit heraus helfen können. Schätzungsweise zehn- bis fünfzehntausend Kinder und Jugendliche sind jährlich neu von solchen anhaltenden heftigen Elternstreitereien betroffen - die meisten der Konflikte ziehen sich über Jahre hin. O-Ton 25 - Peter Dietrich: Man kann symbolisch Kinder einbeziehen, indem man einfach innerhalb einer Sitzung einen Stuhl mit dazu nimmt und sozusagen ihr Kind sitzt dabei. Es sei aber natürlich auch möglich, sagt der Potsdamer Psychologe, dass Berater mit den Kindern selbst sprechen. Oft haben diese dann zum ersten Mal die Chance, einer neutralen Person zu sagen, was sie belastet. O-Ton 26 - Peter Dietrich: Die können mit ihrer Trauer und ihrer Wut nicht raus. Lassen es bei den Eltern auch nicht zu. Man muss ja davon ausgehen, dass diese Kinder im Hochkonfliktfalle einer Dauerspannung ausgesetzt sind, weil sie sehr wachsam das elterliche Verhalten beobachten: Was passiert als nächstes? Was wird jetzt wieder kommen, wenn's draußen an der Tür klingelt und Papa steht vor der Tür? Streitende Eltern, erklärt Peter Dietrich, wirken auf ihre Kinder wie folgt: Die beiden liebsten Menschen verhalten sich auf eine unglaubliche Art und Weise und nehmen sie nicht mehr wahr. O-Ton 27 - Peter Dietrich: Was können die machen? Die können den Raum verlassen, oder die können nen Freund anrufen, sich in ihr Buch vertiefen oder auch einen Nintendo aus dem Regal ziehen. Irgendetwas, um sich zu entkoppeln von dieser Situation brauchen viele Kinder. Aber die meisten senken einfach den Kopf, hören sich den Streit zwei Türen weiter sozusagen mit an und wissen nicht, was sie tun sollen. Sie können's nicht aufhalten, sie können's nicht beeinflussen. So bieten die Fachkräfte inzwischen auch den Trennungskindern eigene Treffpunkte an. Vor allem Beratungsstellen reagieren in ganz Deutschland mit extra Gruppen auf die Nöte der Kinder. Der Berliner Verein Zusammenwirken im Familienkonflikt, eine Arbeitsgemeinschaft aus Psychologen, Pädagogen und Mediatoren, führt zum Beispiel den Elternkurs durch und bringt zweimal im Jahr auch betroffene Kinder zusammen. Sechs- bis Neunjährige und Neun- bis Zwölfjährige können ein halbes Jahr lang einmal wöchentlich von ihren Ängsten, Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen und sie mit Gleichaltrigen teilen. Ein Kind sagte dazu einmal: Die Gruppe ist wie ein Versteck im Gebüsch! 8

9 O-Ton 28 - Jörg Fichtner: Und ganz besonders belastend, wissen wir auch, ist für die Kinder, wenn diese Konflikte unmittelbar um sie sich drehen. Also wenn bei der Übergabe der Kinder am Gartenzaun in Gegenwart der Kinder die Eltern über den Umgang streiten. Also das ist für ein Kind eine maximal belastende Situation. Der Münchner Verhaltenstherapeut und Mediator Jörg Fichtner. Er hat die Studie zu den hoch strittigen Familien mit geleitet und begrüßt es, dass heutzutage die Berufssparten hier zusammenarbeiten. O-Ton 29 - Jörg Fichtner: Auf der anderen Seite bestehen auch weiter im Feld große Hilflosigkeiten, Überforderungsgefühle von den Professionellen, wo viele schon das Gefühl haben: Ich mach schon sehr viel, aber manche Konflikte krieg ich einfach nicht in Griff und das zieht sich durch alle Berufssparten durch. Sogenannte Güterichter werden inzwischen in Scheidungs- und Trennungsverfahren eingesetzt. Und Rechtsanwälte arbeiten explizit deeskalierend und vermitteln ihre Mandanten in Schlichtungen und Beratungen, statt böse Briefe zu schreiben. Der Brandenburger Jurist Eyk Überschär zum Beispiel macht aufgebrachten Eltern von vornherein eines klar: O-Ton 30 - Eyk Überschär: Es gibt bei mir keine schmutzige Wäsche, es wird bei mir auch keine eskalierenden Schriftsätze geben, die also dazu führen könnten, das ohnehin schon Problem beladene Feld oder die vorhandenen Spannungen zu erhöhen, dann hat man auch von vornherein auch dem Mandanten etwas Gutes getan und den Kindern. Im rheinland-pfälzischen Landkreis Cochem-Zell arbeiten Anwälte, Richter, Gutachter, Psychologen und Jugendämter seit 1992 nach dem sogenannten Cochemer Modell. Sie stellen das Wohl von Trennungskindern in den Vordergrund und suchen gemeinsam nach Einigungen zwischen den Eltern. Diese Cochemer Praxis genießt bundesweit Anerkennung und wird auch im Ausland beachtet. Kritiker allerdings betonen: Ein Konsens zwischen streitenden Eltern bedeute nicht automatisch eine gute Lösung für ihr Kind. Rechtsanwalt Überschär sagt, er habe hier dazugelernt. Jeden neuen Fall sieht er sich inzwischen unter zwei Aspekten an: Wie kann er Rechtsfrieden zwischen den Eltern herstellen? Wer kümmert sich um das Familienproblem? Eyk Überschär empfiehlt jedem Kollegen, Erfahrungen in einer Erziehungsberatungsstelle zu sammeln. O-Ton 31 - Eyk Überschär: Und sehen, welche Auswirkungen Entscheidungen der Eltern, der Familienberatungsstellen und auch der Gerichte haben. Also beispielsweise solche heftig diskutierten Angelegenheiten wie begleiteter Umgang, erzwungener Umgang 9

10 gegen Kindeswillen etcetera pp. Es liegt nicht an dem Nicht-Wollen, sondern ich denke, es hängt auch damit zusammen, dass also die soziale Erfahrung gemacht werden muss. Die also den Volljuristen - ich schließ mich da nicht aus - den Volljuristen dann oft abgeht. Sehen Jugendämter das Kindeswohl gefährdet oder können Eltern sich absolut nicht in Sorge- und Umgangsfragen einigen, setzen Gerichte oft psychologische Sachverständige ein. Auch Jörg Fichtner begutachtet Familien und hat qua Gesetz ganz klar die Aufgabe, auf eine Lösung hinzuwirken. Der Gutachter sieht sich also zunächst die Eltern jeweils einzeln und dann die Kinder an, und beobachtet ihren Umgang miteinander. O-Ton 32 - Jörg Fichtner: Geb da unter Umständen auch spezifische Aufgaben, die so altersangemessen sind, wie Wickeln oder Eincremen oder Fingernägel schneiden. Also das kann man schon bei sehr Kleinen, und kann man hoch bis zu Jugendlichen, wo sie über Zukunftsvorstellungen miteinander diskutieren sollen, oder frage, wie zukünftig das mit dem Einkaufen im Haushalt geregelt wird. Zuweilen fragt Jörg Fichtner noch in Kindergärten, Schulen oder in Vereinen nach. Dann geht er mit den Eltern in ein gemeinsames Gespräch. O-Ton 33 - Jörg Fichtner: Jetzt lasst uns doch mal schauen: Auf was könnten wir uns denn da einigen? Wo könnten Sie als Mutter mitgehen, wo könnten Sie als Vater mitgehen? Und dann probieren wir das mal aus. Also dieses Probehandeln erlebe ich für die Eltern als was ganz ganz Wichtiges. O-Ton 34 - Peter Dietrich: Wo wir ganz einfach wollen, dass sie Erfolg haben bei diesen kleinen Schritten. Wir senken das Anforderungsniveau ab. Wir sagen nicht: Ihr müsst das gemeinsame Sorgerecht in den Blick nehmen. Damit sind die komplett überfordert! Und ihnen das weg zunehmen, zu sagen: Das ist nicht euer Konzept. Vielleicht wird es das mal. Wir brauchen einen Übergang, um dorthin zu kommen. Und den versuchen wir gemeinsam zu bahnen. Dann wird eben erst einmal nur über die nächsten Winterferien geredet oder über den Kindergeburtstag, schlägt Peter Dietrich vor. Eltern, so die Scheidungsforscher, brauchen Gelegenheit und Übung, um wieder zu einem einfühlsamen Erziehungsstil zurück zu finden. Dazu gehört dann eben auch, nicht über die Köpfe ihrer Kinder hinweg zu agieren. Denn sie sind nicht für die Trennung der Familie verantwortlich und müssen von der Last befreit werden, für die Versöhnung zuständig zu sein. Sie erleben es 10

11 zudem oft auch als Schock, wenn sie die neuen Arrangements nicht mitentscheiden dürfen. So hat es die Psychologin Michaela Schier in vielen Interviews erfahren. O-Ton 35 - Michaela Schier: Man kann nicht ihnen die Entscheidung überlassen. Aber Kinder schätzen es durchaus und sehen es sehr positiv, wenn sie mit einbezogen werden. Und manche Kinder kämpfen auch. Also wir haben sogar ein Kind, das Unterschriften gesammelt hat, um nicht umziehen zu müssen in einen anderen Ort mit der Mutter. Also die werden aktiv selber und sie wollen auch mitreden können. Michaela Schier untersucht seit 2009 für das Deutsche Jugendinstitut, wie sich Familien an mehreren Orten neu organisieren. Diese sogenannte Multilokalität kann einerseits berufliche Gründe haben, betrifft aber auch vor allem Eltern und Kinder nach Trennung und Scheidung. O-Ton 36 - Michaela Schier: Die Kinder, diejenigen, die häufig dann mobil werden, die pendeln zwischen ihren Eltern - die Kinder sind sozusagen diejenigen, die dann diese mehrörtige Lebensführung, wie wir sagen, leben. Also die mal hier und mal dort wohnen. Mit ihrem Team hat die Psychologin elf Familien mit Kindern ab sechs Jahren in 41 Interviews befragt. Die Forscher waren mehrmals zu Besuch. O-Ton 37 - Michaela Schier: Wir haben die Kinder eben begleitet von einem Elternteil zum anderen, sind da mit zu Fuß gegangen, mit dem Auto gefahren, mit im Flugzeug geflogen, mit in der Bahn gefahren. Das Team bat die Familienmitglieder, frei von der neuen Lebenslage zu erzählen. Die Kinder sollten ihren Alltag bei Mama und Papa fotografieren. Mit Bauklötzen und Spielfiguren auf Karten die für sie wichtigen Orte und wichtigen Menschen aufbauen. Und sie sollten vor allem ihre Tagesabläufe beschreiben. Was packen sie in ihre Reisetasche? Was erleben sie hier, was dort? Wie halten sie Kontakt? O-Ton 38 - Michaela Schier: Und alle Kinder haben auch gesagt, sie haben zwei Zuhause. Und damit verbunden ist, dass die Kinder ja an zwei Orten, in zwei familialen Welten sozusagen auch eingebunden sind. Und dann müssen sie die auch selbst den Alltag für sich selber hier und dort in eine gewisse Kontinuität bringen. Ein Zitat von Lara aus Berlin: 11

12 O-Ton 39 - Lara (Zitat): Ich mag an Berlin, dass ich hier einfach richtig viele Freunde habe und die Kinder in Berlin sind ganz anders. Die sind einfach viel offener. Und ja, und ich mag's, dass man einfach, wenn man was haben will, dann muss man um die Ecke gehen, dann isses gleich da. Der Kudamm is hier gleich und das is toll. Und viele Leute. Alle nett. Lara ist 13 Jahre alt und lebt ihr zweites Leben im 560 Kilometer entfernten Schöndorf. O-Ton 40 - Lara (Zitat): Und in Schöndorf is halt ruhiger. Da mag ich, dass es auch mal ein bisschen ruhig is und dass da gleich das Feld is, dass man einfach da rein gehen kann. Aber das würd ich auch nich auf Dauer mögen. Ich bin eher Stadtmensch. Lara nutzt die Vorteile an beiden Orten, erklärt Michaela Schier. Ein Lebensmuster, das die Forscher bei einigen der befragten Kinder festgestellt haben. Andere akzeptieren hier strenge Regeln und genießen dort ihre Freiheiten. Manche nehmen hier wie dort kaum Unterschiede wahr. Und eine vierte Gruppe führt an zwei sehr unterschiedlichen, meist weit auseinander liegenden Orten, das absolut gleiche Sozialleben. Viele Eltern haben von sich aus darauf geachtet, dass die Kinder sowohl hier als auch dort Freunde haben und ihren Sport machen können. Oder zu der Party am nächsten Wochenende gehen dürfen. Selbst den schwierigen Übergang von einem Elternteil zum anderen haben sie meist gut geregelt. O-Ton 41 - Michaela Schier: Es gibt Familien, die organisieren den auch sehr bewusst über neutrale Institutionen. Also einer bringt morgens das Kind zum Kindergarten oder in die Schule, der andere holt's ab. Und das ist eine wesentlich bessere Variante für Kinder, weil dann können sie sich zum Beispiel in Ruhe verabschieden von dem einen Elternteil. Und können sich auch freuen auf den anderen Elternteil. Und die Eltern müssen sich nicht begegnen. Andere kommunizieren nur per s miteinander oder schicken Excel-Tabellen hin und her, um sich zeitlich abzustimmen: Jeder trägt seine Vorschläge ein bis der Kalender steht. O-Ton 42 - Michaela Schier: Und ich denke, dass die Familienberatungsstellen oder auch die Rechtsprechung, Familiengerichte einen großen Bedarf haben an Wissen. Über solche Alltagspraktiken. Wie's Leute eben machen. Weil die Scheidungsforschung bisher sehr stark immer auf psychologische Aspekte geschaut hat und wenig eigentlich diese ganz alltagspraktischen Dinge betrachtet hat. Und wir haben sehr deutlich gesehen: Also wenn es auch in Ordnung ist, wenn der andere mal kommt und wo's in Ordnung ist, dass man sagt: Ja, ich helf dir jetzt, dass du mit dem Kind reden kannst, ich geb jetzt 12

13 den Hörer weiter und wenn das Kind sehr klein ist, unterstütz ich das Kind auch dabei, mit dir zu telefonieren, dann ist das einfach für das Kind wichtig. Die Zahl streitender Ex-Partner wird weiter steigen, davon gehen die Experten aus. Denn es gibt zum Beispiel auch immer mehr unverheiratete Paare mit gemeinsamem Sorgerecht. Und da Väter sich heute viel stärker um die Familie und die Erziehung ihrer Kinder kümmern, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie sich nach einer Trennung einfach zurück ziehen. Das ist auch nicht gewünscht. (Atmo: Raum) Im Berliner Elternkurs Kinder im Blick weist ein Vater auf ein großes Plakat an der Wand hin: Darauf ist ein Kind zu sehen, das traurig am Fuß von zwei auseinander laufenden Treppen sitzt. Beide Türen am Ende der Treppen sind geschlossen. Joachim Hollnagel greift das Bild auf: O-Ton 43 - Joachim Hollnagel: Das wäre der Grundgedanke, dem die parallele Elternschaft zugrunde liegt. Ich habe meine Verantwortung auf meiner Seite und mische mich nicht in das ein, was auf der anderen Seite ist. Das heißt ne sehr sehr große Autonomie, aber auch vergleichsweise viel Vertrauen! Und zur Verdeutlichung tritt der Therapeut vor das Plakat: O-Ton 44 - Joachim Hollnagel: Jeder von euch hat nur die Macht, eine dieser Türen zu öffnen. Die andere Tür werdet ihr nicht aufmachen können. Für das Öffnen der anderen Tür ist der andere Elternteil zuständig. Und wenn ihr diejenigen seid, die eure Tür öffnet, dann ist das Bild schon noch halb so dramatisch. ******************** Literatur: - Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie. Ein Ratgeber für professionelle Helfer. Psychosozial-Verlag, Matthias Weber, Herbert Schilling (Hrsg.): Eskalierte Elternkonflikte. Beratungsarbeit im Interesse des Kindes bei hoch strittigen Trennungen. 2. Aufl. Juventa Verlag, Claus Koch, Christoph Strecker: Kindern bei Trennung und Scheidung helfen. Psychologischer und juristischer Rat für Eltern. Beltz Verlag, Veronika Richter: Rückenwind für Scheidungskinder: Ein Ratgeber für verantwortungsbewusste Eltern. Kneipp Verlag, Martine F. Delfos: Sag mir mal... Gesprächsführung mit Kindern. (4-12 Jahre). 8.Aufl. Beltz Verlag,

14 Links: - - Elternkurs für Familien in Trennung mit bundesweiten Angeboten - - Deutsches Jugendinstitut München, mit Infos zu Studien - - Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.v., mit Online-Beratung - - zum Cochemer Modell - - mit einer Liste staatlich anerkannter Gütestellen - - Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung Baden-Württemberg e.v., mit allen regionalen Beratungsstellen - - Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungs- und Familienberatung Rheinland-Pfalz e.v., mit Onlineberatung und Beratungsstellenfinder - - Zusammenwirken im Familienkonflikt, Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft e.v., siehe auch 14

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