SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst. Meins oder Deins Über die Möglichkeit des Gemeinsamen. Montag, um 10.

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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Meins oder Deins Über die Möglichkeit des Gemeinsamen Autorin: Redaktion: Regie: Andrea Edler Nadja Odeh Michael Utz Sendung: Wiederholung: Montag, um Uhr in SWR2 Montag, um Uhr in SWR2 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben (Montag bis Freitag bis Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/ Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem kostenlosen Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de SWR2 Leben können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: 1

2 MANUSKRIPT Montag 9 Uhr. Auf meinem Schreibtisch liegt das neue Buch von Michael Hardt und Antonio Negri. Hardt ist amerikanischer Literaturwissenschaftler und Negri italienischer Philosoph. Mit ihrem im Jahr 2000 erschienenen Buch Empire ist das Autorenduo weltberühmt geworden. Das neue gemeinsame Werk trägt den programmatischen Titel Common Wealth. Das Ende des Eigentums, und ist eine Art Projektentwurf für eine auf Kooperation und Gemeinschaftlichkeit basierende Weltgesellschaft. Gleich daneben auf meinem Schreibtisch liegt das Verkehrswertgutachten eines Zwei-Familienhauses: Baujahr 1921, Wohnfläche insgesamt: 250 Quadratmeter. Das Haus hat einen traumhaften Garten und ein Arbeitszimmer mit Blick ins Grüne. Und ist der Grund, warum ich letzte Nacht nicht geschlafen habe. Ironie des Schicksals, denke ich, und reibe mir meine müden Augen. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich mit dem Ende des Eigentums beschäftige, überlege ich zum ersten Mal, ob ich ein Haus kaufen und Eigentümerin werden soll. Zitator: Eines der wesentlichen Ergebnisse der Globalisierung ist, eine gemeinsame Welt geschaffen zu haben, eine Welt, die wir wohl oder über teilen, eine Welt ohne Außen. So Hardt und Negri in ihrem Vorwort zu Common Wealth. Die Einteilung in privat oder öffentlich sei deshalb ein genauso irreführender Dualismus, wie die politische Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus, (...) vielmehr ginge es darum, dem politischen Handeln einen neuen Raum zu eröffnen. Und diesen neuen politischen Raum stellen sich Hardt und Negri als ein globales Gesellschaftssystem vor, in dem natürliche Ressourcen, aber auch Wissen und Information, zum gemeinsamen und geteilten Gut zum Common Wealth - werden. Wem gehört denn die Luft? Wem das Meer? Wem unsere Atmosphäre? Und zunehmend stelle sich diese Frage auch bei geistigen Ressourcen: Wem gehört zum Beispiel das digitalisierte Wissen im Internet? Wer hat Zugang zu freier Software? Wie aber soll eine auf den privaten Eigennutz getrimmte Gesellschaft, in der Geiz geil ist und die Jagd nach Schnäppchen zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung zählt, wieder mehr auf das Gemeinsame hin ausgerichtet werden? Um sich dieser Frage anzunähern ziehen Hardt und Negri von Spinoza über Kant und Hegel, von Keynes über Marx zu Smith, alles heran, was Rang und Namen hat. 400 Seiten Theorie stapeln sich da auf meinem Schreibtisch und schauen mich herausfordernd an. Und da beschließe ich, die Sache einmal ganz praktisch anzugehen. Ich will wissen, wie das im Alltag aussieht: Wie ist das, wenn Menschen sich zusammentun und statt auf meins oder deins mehr auf ein Gemeinsames setzen? Wie funktioniert das, wenn Leute in ihrer Freizeit, in der Art wie sie wohnen, wie sie arbeiten oder wirtschaften, versuchen, sich jenseits der vorherrschenden Eigennutzlogik zu organisieren? 2

3 Sprecher: Gemeinsam einen Garten bestellen. Dienstag, 19 Uhr: Ich beginne meine Recherche im schweizerischen Dietikon. Hier, nur wenige Kilometer von der Finanzmetropole Zürich entfernt, bewirtschaftet seit diesem Frühjahr die regionale Gartenkooperative Ortoloco 100 Ar gemeinsames Ackerland. Ortoloco heißt auf Italienisch der lokale Garten. Und genau das will Ortoloco sein: Ein Garten, der vielen gehört und der von vielen beackert wird. Und so kommt es, dass ein gutes Dutzend Mitglieder heute Abend der Aufforderung zum Feierabend- Jäten gefolgt ist. Die 24-jährige Ökologie Studentin Tina erklärt, was zu tun ist: Tina: Also, dass da, das ist das Sorgenkind, das ist Rucola, und der ist zum Teil ganz klein und muss quasi gerettet werden. Weil das Unkraut, das wuchert da einfach so. Und einfach die Sachen von Hand ausreißen und dann einfach auf den Weg schmeißen. Mit Hilfe einer erfahrenen Gärtnerin baut die Kooperative Gemüse an und zwar nachhaltig, ökologisch und marktunabhängig. Die Ernte wird dann wöchentlich zum Selbstkostenpreis an die bereits 80 Mitglieder verteilt: Salat, Gurken, Auberginen. Gleich hinter dem Tunnel befindet sich ein Stück Wiese mit Bauwagen und Feuerstelle. Hier kann man nach getaner Arbeit noch eine Wurst braten, oder wie heute, den Abend einfach mit einem kühlen Bier ausklingen lassen. Denn Ortoloco geht es nicht nur um`s Gemüse: Tina: Es geht eigentlich wirklich darum, dass man wieder mehr zusammen macht. Dass nicht alle in ihren Einzimmerwohnungen hocken und mit dem riesen Flachbildschirm sich irgendwelche realitätsfremden Filme reinziehen, sondern das man wirklich wieder zusammenkommt und was macht. Tina weiß von drei weiteren Kooperativen, die derzeit nach demselben Modell entstehen. Natürlich ist so ein gemeinsamer Acker nicht mit einer Bodengemeinschaft in Tansania zu vergleichen, in der das gemeinsam bewirtschaftete Land die Lebensgrundlage mehrerer Familie sichert. Und ein bisschen drängt sich auch der Verdacht auf, hinter dem Wunsch vieler Städter, gelegentlich mit ihren Händen in brauner Erde zu wühlen, stehe nicht eine neue Form des Gemeinsamen, sondern nur die alte, romantisch verklärte Sehnsucht nach ländlichem Idyll. Trotzdem zeigt sich in der zunehmenden Zahl von Gemeinschaftsgärten, wie sie derzeit europaweit an verschiedenen Orten entstehen, dass das Bedürfnis nach mehr Gemeinsamkeit, der Wunsch, in seiner Freizeit zusammen etwas Sinnvolles zu tun, offenbar zunimmt. Tina: Und zusammen schafft man natürlich mehr. Also wenn ich jetzt daran denke, ich müsste all diese Felder da ganz allein jäten, dann würde ich glaub ich nach fünf Minuten aufhören und denken, ach komm, in der Migros gibt es ja auch Gemüse. Und wenn ich jetzt aber sehe, es gibt da sechs, sieben Leute, die da mitmachen, 3

4 dann ist man erstens schneller und zweitens macht es auch mehr Spaß. In der Abenddämmerung verlasse ich das Feld. Auf dem Weg nach Hause, im Zug, erreicht mich eine SMS von meinem Mann. Er habe die Kalkulation für den Hauskauf noch einmal neu berechnet. Es sähe jetzt schon viel besser aus. Sprecher: Gemeinsam Wohnen. Mittwoch, 10 Uhr. Heute treffe ich Stefan Rost, 66 Jahre und von Anfang an dabei beim Freiburger Mietshäusersyndikat. Der Name erinnert an Mafia und Drogenkartell, ist in diesem Fall aber der syndikalistischen Anarcho-Bewegung entlehnt. Damals schlossen sich die Arbeiter zu Syndikaten zusammen, mit dem Ziel, langfristig die Produktionsmittel zu übernehmen. Im übertragenen Sinn könnte man sagen, steht das Mietshäusersyndikat für die Übernahme von Wohnraum durch die Mieter. Ich habe das Bedürfnis Stefan Rost frei heraus zu gestehen, dass ich gerade dabei bin mir Eigentum anzueignen. Statt es - wie es das Syndikat auf seiner Website fordert - zu neutralisieren. Ob er mir abraten würde?, frage ich. Stefan Rost: Nein, würde ich nicht. Wenn sie das machen wollen, dann müssen sie das machen, das hat ja viele Gründe. Es würde überhaupt nichts dagegen sprechen, um mal anders herum anzufangen, wenn alle Leute Eigentum hätten. Das Problem fängt dann an, wenn es nicht selbst genutztes Eigentum ist. Das heißt, wenn ich aus meiner Wohnung ausziehe, entsteht ein Problem. Man hat dann den Mieter und man hat den Eigentümer. Der Vermieter möchte eben Geld rausziehen, und der Mieter muss dafür zahlen und lebt in einer gewissen Unsicherheit. Und das, findet Stefan Rost, muss nicht so sein. Man kann Mietwohnungen anders organisieren. Stefan Rost: Die Erdoberfläche ist nicht unendlich oder die Siedlungsflächen sind nicht unendlich, und das, was eben so Generationen aufbauen, auch wenn Mieter zum Beispiel mit ihrer Miete über Jahre, Jahrzehnte - es sind ja nicht immer dieselben - wenn die dann eben so ein Haus entschulden und abbezahlen, kann man sich auf den Standpunkt stellen, das ist eine Art Gemeineigentum, und man sollte auch so darüber verfügen. Eben nicht zum privaten Nutzen von zufälligen Eigentümern. Mietwohnungen als Gemeineigentum das funktioniert so: Leute tun sich zusammen und kaufen gemeinsam ein Haus. Dafür gründen sie einen Hausverein, und der wiederum bildet zusammen mit dem Mietshäusersyndikat eine Hausbesitz-GmbH. Über diese GmbH übt das Syndikat so eine Art Kontrollfunktion aus: Zum Beispiel kann es sein Veto einlegen, falls der Hausverein das Haus irgendwann doch verkaufen oder privatisieren möchte. 4

5 Im Gegenzug vermittelt das Syndikat den Hauskäufern günstige Privatkredite und Solidartransfers derjenigen Mieter, die in bereits abbezahlten Häusern wohnen. Dadurch sind die Mieten über die die Kredite abbezahlt werden - deutlich günstiger als auf dem normalen Wohnungsmarkt. Allerdings und das ist das Entscheidende bleibt das Haus immer in Besitz der GmbH. Und das bedeutet in diesem Fall: Es gehört immer denjenigen, die darin wohnen. Stefan Rost: Unsere Häuser sind eben selbst verwaltete Mietshäuser. Man kann dort drin wohnen, wie wenn man Eigentümer wäre. Also es redet einem niemand rein. Man muss sich natürlich, wegen den meist mehreren Leuten, dann einigen, aber man hat halt keinen Eigentümer, der einen rauswerfen kann, der einem eine Eigenbedarfskündigung reindrücken kann, der einem sagt, hier darfst du dieses nicht und musst jenes machen. Das ist der große Unterschied. Ich bin sehr zufrieden, denn offensichtlich bin ich auf eine handfeste Form von Gemeingut gestoßen. Noch dazu eine, die seit zwanzig Jahren gut funktioniert, und sich stetig weiter ausbreitet. Bundesweit gehören mittlerweile fünfzig Immobilien zum Verbund des Mietshäusersyndikats. Im größten Wohnprojekt, einer sanierten Kaserne, leben 260, im kleinsten, einem Zweifamilienhaus, sechs Bewohner. Allerdings wird unserem Hang zum Eigenheim durch ein ausgeklügeltes GmbH- System ein Riegel vorgeschoben. Ganz nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Der persönliche Spielraum der menschlichen Verfehlung wird dadurch relativ gering gehalten. Ich aber will noch weiter, dahin, wo die ungeschriebenen Gesetze gelten, und sich wirklich zeigt, ob der Mensch zum Gemeinsamen taugt. Sprecher: Gemeinsam Arbeiten. Donnerstag, 11 Uhr. In Gernot Pflügers Unternehmen gibt es keine geregelten Arbeitszeiten und niemanden, der die Urlaubstage der Mitarbeiter erfasst. Hier funktioniert alles nach der umgekehrten Maxime, nämlich: Kontrolle ist unproduktiv, Vertrauen ist das Beste. Als ich das Unternehmen in Frankfurt-Offenbach betrete, ist erst die Hälfte der Mitarbeiter da. Viele, so Gernot Pflüger, fangen eben erst nach Mittag an. Ob die dann dafür immer bis tief in die Nacht bleiben? frage ich. - Nehme ich an, antwortet Pflüger, immerhin einer von zwei Geschäftsführern. - Ja, ob er das denn gar nicht kontrolliere?, will ich wissen. - Wie ich kontrollieren wolle, ob jemand, nur weil er physisch an seinem Schreibtisch sitzt und auf den Bildschirm glotzt, auch wirklich arbeitet? Und wenn ja, wie: Volle Kraft oder eher so auf Energiespar?, fragt er zurück. Pflüger ist ein jugendlich wirkender Mitte Vierziger, in schwarzem T-Shirt und Turnschuhen, der ein bisschen stolz darauf ist, dass in seiner Firma noch geraucht werden darf, und eines gleich klar stellen muss: Gernot Pflüger: Ich bin kein Weltverbesserer oder Ideologe oder Idealist. Das Ganze wird letztlich getragen von unternehmerischen Zielen, wenn wir nicht profitabel arbeiten, können wir nicht existieren. 5

6 Wirtschaftsdemokratie, nennt Pflüger heute das, was er vor zwanzig Jahren mit nur einem Mitarbeiter angefangen hat, und was er bis heute - in der auf inzwischen 30 Angestellte angewachsenen Medienagentur - praktiziert: Nämlich, alle reden mit. Egal, ob es darum geht, wer neu eingestellt wird, oder darum, welche Getränke auf Kosten der Firma in den Kühlschrank kommen. Als ich frage, ob bei so viel Abstimmen noch Zeit zum Arbeiten bleibt, winkt Pflüger nur ab. Gernot Pflüger: Wenn man das ganze Getue, das ganze karriereorientierte, Arschkriechende: Chef, ihre Rede gestern war das Tollste was ich je gehört hab, und wie geht s der Frau Gemahlin? Unser Team, es läuft super, wir machen gerade einen Riesensprung. - Wenn man dieses ganze Erwachsenen-Kasperletheater weglässt, da wird so viel Zeit für die Arbeit frei, das ist unglaublich. Vom diplomierten Softwareentwickler bis zum angelernten Veranstaltungstechniker, und egal ob einer eben erst eingestellt wurde oder schon ewig dabei ist, alle verdienen dasselbe Geld. Und am Ende jeden Jahres entscheiden die Angestellten außerdem, wie viel Gewinn sie sich - zusätzlich zu ihrem einheitlichen Grundgehalt auszahlen, und wie viel Geld zum Beispiel in neue Technik investiert wird. Gerade einmal drei feste Mitarbeiter haben im Laufe der letzten zwanzig Jahre die Agentur wieder verlassen. Das spricht für ein gutes Arbeitsklima, und dafür, dass diese Kooperation auch wirklich funktioniert: Und so kommt es, dass auch die Mitarbeiter mit viel Berufserfahrung bleiben, obwohl sie in klassischen Unternehmen als so genannte Führungskraft mehr verdienen könnten. Und natürlich könnte auch Pflüger als Geschäftsführer mit einer konventionellen Unternehmensstruktur mehr für sich herausholen. Ich frage ihn, ob er das denn gar nicht kennt - diesen Moment der Gier? Gernot Pflüger: Wenn ich behaupten würde, dass ich nie dran gedacht hätte, auch auf die klassische Unternehmer Schiene auszuweichen, wäre das gelogen. Das kommt häufig vor. Das, was mir in solchen Situationen hilft, ist, dass ich mir eben vor Augen führe: Was bekomme ich und was zahle ich? Und ich hab quasi jetzt ein ganz normales Angestelltenleben, ich hab keine großen Ersparnisse, mir gehört kein Haus, ich muss wie jeder andere die Rechnungen pro Monat irgendwie grade ziehen. Auf der Soll Seite aber habe ich zwanzig Jahre Arbeit ohne einen einzigen Tag das Gefühl: Oh Gott, ich muss jetzt zur Arbeit. Und das wiegt das bei weitem auf. Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist eine alte Binsenweisheit. Dies aber aus dem Mund eines Unternehmers zu hören, ist schon etwas Besonderes. Womit meine Recherche nach Freizeit, Wohnen und Arbeiten endlich an einem neuralgischen Punkt angekommen ist - um den sich bei Eigentumsfragen doch alles dreht nämlich das Geld. Sprecher: Gemeinsam wirtschaften. 6

7 Freitag 14 Uhr. Von Frankfurt fahre ich weiter nach Kassel. Dort treffe ich Simone, eine 36-jährige Landschaftsplanerin und Christopher, ein 37-jähriger Sozialpädagoge, der sich mit Antirassismusberatung selbständig gemacht hat. Die beiden gehören zu einer sechsköpfigen Gruppe die gemeinsame Ökonomie macht: Das heißt, sie teilen sich das, was selbst in vielen Paarbeziehungen strikt getrennt bleibt, mit jeweils fünf anderen: Nämlich ihr Konto. Simone: Also bei uns würde ich sagen, ist das eigentlich entstanden aus einer Kommune- Idee. Wo aber nicht so sehr das gemeinsame Wohnen, Leben und Arbeiten im Vordergrund stand, sondern tatsächlich die Idee, gemeinsame Kasse zu machen. Sprich die eigene finanzielle Existenz auf gemeinsame Beine zu stellen. Und der Grundgedanke dahinter ist, wir sind sechs Leute, plus mittlerweile drei Kinder, haben ein gemeinsames Konto, sprich, alles Geld, was wir einnehmen, geben wir gemeinsam aus. Und es gibt sozusagen kein meins deins, was das Finanzielle angeht. Jeden Monat überweist jeder das, was er durch seine Arbeit einnimmt, auf das Gemeinschaftskonto. Und von dort nimmt sich ebenfalls jeder, was er so zum Leben braucht: Miete, Essen, die Kosten für den Wochenendtrip, und so weiter. Feste Regeln, wer wann wie viel Geld für was ausgegeben darf, gibt es nicht. Stattdessen existiert das Vertrauen, dass alle verantwortungsvoll mit dem gemeinsamen Geld umgehen. Und das funktioniert?, frage ich ungläubig. Simone: Das ist so eine gängige Befürchtung, die mir gegenüber ganz häufig geäußert wird. Dass Leute sagen, oh, dann habe ich aber nicht unter Kontrolle wer sozusagen mein Geld ausgibt. Und ich hätte Angst davor, dass andere Leute mich ausnutzen und so. Und ich würde behaupten es ist eigentlich eher das Gegenteil, dass die Leute sich eher sehr stark zurücknehmen und erst mal gucken: Passt das überhaupt für die Gruppe? Und die Gruppe, das sind eben sechs Erwachsene und drei Kinder, mit jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorlieben, und die gilt es in der gemeinsamen Ökonomie auch auszuhalten. Simone erinnert sich noch an Auseinandersetzungen darüber, wie viel sind eigentlich hundert Euro wert: Für manche ist das wahnsinnig viel Geld, andere geben das problemlos an einem Wochenende aus. Insgesamt aber ist man sich, was die Konsumgewohnheiten und auch das durchschnittliche Einkommen betrifft, doch ziemlich ähnlich. In den zehn Jahren, die das Gemeinschaftskonto jetzt schon existiert, hat das Reden über alltägliche Ausgaben deshalb kontinuierlich abgenommen. Zwei der Kontoinhaber leben inzwischen sowieso in Hamburg, was bedeutet, dass man sich im Schnitt ohnehin nur alle drei Monate mal für ein Wochenende trifft. Und dann ist es wichtig, meint Christopher, überhaupt erst mal wieder miteinander ins Gespräch zu kommen: 7

8 Christopher: Das heißt, man macht erst mal so einen Socialising-Abend, erzählt sich, was ist die letzten zwei, drei Monate passiert, seit man sich nicht mehr gesehen hat. Wie geht s einem gerade, was bewegt einen im Leben. Und dann guckt man, was steht gerade an. Das war zum Beispiel eine Rentendiskussion, oder die Frage, wie geht man mit größeren Vermögen um, das hat uns die letzten Monate beschäftigt. Das heißt einzelne Leute erben was, gehört das automatisch allen? Wenn nein, warum? Sollte aber. Vor kurzem wurde das erste private Erbe kollektiviert. Ein für Simone wichtiger Schritt, der zeigt: Wir meinen es ernst. Wir wollen gemeinsam durchs Leben gehen. Am Anfang stand für sie das politische Statement im Vordergrund: Mit dem Gemeinschaftskonto wollte sie ein Gegengewicht zur unterschiedlichen Wertigkeit von Arbeit schaffen. Und eine Alternative aufzeigen, zu der Tendenz, dass jeder nur noch nach sich selber guckt. Heute in einer Zeit, in der befristete Arbeitsverträge die Regel sind, und auch sie sich von Stipendium zu Projektvertrag hangelt - schätzt sie vor allem auch die persönliche Sicherheit, die ihr das Gemeinschaftskonto bietet. Simone: Was natürlich daran liegt, dass es ein Unterschied ist, ob ich alleine sozusagen in der Finanzklemme stecke, oder das gemeinsam mit fünf Leuten mache. Was ja viel mehr Ressourcen beinhaltet, und ein Ort ist, um sich über so Sachen auszutauschen, und auch gemeinsam zu überlegen, okay, wie machen wir das jetzt. Und nicht ich für mich alleine überlege mir, wie kriege ich wieder Geld in meinen Geldbeutel. Dabei hat sie die für sie selbst erstaunliche Erfahrung gemacht, dass Nehmen schwieriger sein kann als Geben: Simone: Ich kann das mittlerweile ganz gut annehmen, das würde ich aber sagen, das ist eine Entwicklung. In meinen Anfangsjahren, in der gemeinsamen Ökonomie, war das anders. Da fand ich es wirklich viel leichter, einfach Geld zu verdienen und rein zu geben, als tatsächlich mal so Phasen auch auszuhalten, wo klar ist, ich verdien zu wenig Geld oder eigentlich kein Geld. Das kann ich mittlerweile leichter stehen lassen. Inzwischen, meint Simone, hat sie den Überblick, wer wie viel einzahlt und wie viel raus nimmt, sowieso weitgehend verloren. Längst hat sie aufgehört in Schubladen zu denken wie: Wer so und so viel einbringt, dem steht auch so und so viel zu. Vielmehr haben sie alle zusammen in den letzten Jahren ihren Umgang mit Geld immer mehr darauf ausgerichtet: Wer braucht was, und ist dafür genügend Geld da? Christopher: Und ich glaube, das macht unsere Form des gemeinsamen Wirtschaftens aus, dass wir auf so was Wert legen. Und eben bei dem Konsum nicht Vorstellungen haben nach, es muss immer mehr werden und es ist ein natürliches Wachstum, und irgendwann ist man Eigenheimbesitzer und hat ein dickes Auto vor der Tür stehen. 8

9 Beim Stichwort Eigenheim fällt mir ein, dass mein Mann gerade zu Hause sitzt und zentimetergenaue Berechnungen darüber anstellt wie man besagtes Haus mit schönem Garten in zwei Wohneinheiten aufteilen könnte. Angesichts des vor mir liegenden Kontoauszugs eines Gemeinschaftskontos, kommen mir diese Berechnungen ziemlich kleinlich vor. Und als hätte Christopher mein Unbehagen gespürt, versucht er mich zu beruhigen: Christopher: Ich mache mein Ding, sozusagen nicht immer: Sachzwänge, Sachzwänge, Sachzwänge. Ich versuche sozusagen die Herrschaft über mein Leben zu behalten, und das geht natürlich leichter mit anderen Leuten zusammen. Und für mich ist das keine moralische Entscheidung, sondern das hat für mich mit Vernunft zu tun. Ich glaube es gibt keinen besseren, zurzeit keinen sinnvolleren Weg für mich zu leben. Und das ist nicht so spektakulär, wie man sich das vielleicht vorstellt, aber eher so eine Art Grundzufriedenheit. Vielleicht stimmt es ja wirklich? Vielleicht ist auch das Glück selbst oder diese Art von Grundzufriedenheit, wie Christopher es nennt - nichts Privates, sondern ein kollektives Gut, das durch verschiedene Formen des Gemeinsamen institutionalisiert werden muss, damit seine Dauerhaftigkeit garantiert ist? So Hardt und Negri in ihrem letzten Kapitel mit der Überschrift Das Glück instituieren : Zitator: Glück meint somit schließlich auch den Prozess, mit dem wir unsere Fähigkeiten zu demokratischer Entscheidungsfindung entwickeln und uns in Selbstregierung üben. Fortschritt bemisst sich an unserer wachsenden Fähigkeit, das gemeinsame Glück zu verwirklichen und eine demokratische Welt zu schaffen, in der wir alle zusammen dazu befugt, in der Lage und willens sind zu entscheiden. Wer einmal damit angefangen hat, seinen Blick dafür zu öffnen, der entdeckt sie plötzlich überall: Die kleinen Inseln gegen den Strom, die alle auf verschiedenste Weise versuchen, im Alltag neue Formen des Gemeinsamen auszuloten. Vom Food Coop über Kostnixläden bis zum freien Internetlexikon Wikipedia: Sie alle sind in ihrer Ausrichtung und der Art, wie sie ihre Ziele verfolgen, grundverschieden. Aber sie alle beweisen, dass eine ausschließlich auf den privaten Eigennutz aufgebaute Ökonomie, die produktiven Kräfte des Gemeinsamen übersieht. Und noch etwas verbindet sie alle: Nämlich, dass es nur vordergründig darum geht, wie wir mit Eigentum - mit deins oder meins - umgehen. Viel wichtiger ist die, hinter all diesen Versuchen stehende, grundsätzliche Frage danach: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie wollen wir mit unserer Natur umgehen? Wie mit unseren Ressourcen? Wie mit unseren Mitmenschen? 9

10 Sonntagabend. Wieder zu Hause erfahre ich, dass andere Interessenten den Zuschlag für das Haus mit dem traumhaften Garten bekommen haben. Irgendwie bin ich erleichtert. Nicht, weil ich aufgrund meiner Nachforschungen zu der Überzeugung gelangt bin, dass die Zeiten des Eigentums definitiv vorbei sind und man fortan alles nur noch gemeinsam tut. Aber auch ich habe mir fest vorgenommen, mir zunächst einmal ganz grundsätzlich zu überlegen: Was ist mir wirklich wichtig? Wie will Ich eigentlich leben? Literaturhinweis: Michael Hardt und Antonio Negri Common Wealth Das Ende des Eigentums Campus Verlag Seiten für 34,90 Euro ISBN

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