Elemente der Graphentheorie
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- Angela Weber
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1 Universität Karlsruhe Elemente der Graphentheorie Schnupperkurs SS 2008 verfasst von Prof. Dr. Andreas Kirsch Institut für Algebra und Geometrie Universität Karlsruhe (TH) 1
2 Literaturliste über Graphentheorie M. Aigner: Graphentheorie. Teubner Studienbuch, M.O. Albertson, J.P. Hutchinson: Discrete Mathematics with Algorithms. J. Wiley, R. Balakrishnan, K. Ranganathan: A textbook of graph theory. Springer G. Biess: Graphentheorie. Verlag Harri Deutsch, R. Bodendiek, R. Lang: Lehrbuch der Graphentheorie, Band 1. Spektrum Akad. Verlag, J. Clark, D.A. Holton: Graphentheorie. Spektrum Akad. Verlag, R. Diestel: Graphentheorie. Springer, A. Dolan, J. Aldous: Networks and Algorithms. J. Wiley, 1995 W. Dörfler, J. Mühlbacher: Graphentheorie für Informatiker. Sammlung Göschen, de Gruyter Verlag L.R. Foulds: Graph Theory Applications. Springer, F. Harary: Graphentheorie. Oldenbourg Verlag, G. Nägler, F. Stopp: Graphen und Anwendungen. Teubner Verlagsgesellschaft, K. Neumann: Operations Research Verfahren Bd. III (Graphentheorie, Netzplantechnik). Karl Hauser Verlag, H. Noltemeier: Graphentheorie. degruyter Lehrbuch, L. Volkmann: Graphen und Digraphen. Springer Verlag Wien, New York, W.D. Wallis: A Beginner s Guide to Graph Theory. Birkhäuser Verlag, R.J. Wilson: Enführung in die Graphentheorie. Vandenhoeck & Ruprecht,
3 Inhaltsverzeichnis 1 Einführung 4 2 Eulersche Wege 10 3
4 1 Einführung In dieser Schnuppervorlesung werden wir nicht nur Elemente der Graphentheorie besprechen, sondern auch typische Vorgehensweisen der höheren Mathematik kennenlernen. Dabei kommen streng mathematisch formulierte Definitionen und Sätze vor, Bezeichnungen und das Führen von Beweisen. Wir beginnen zunächst mit einigen Beispielen für Graphen. Beispiele 1.1 (a) In einer Hockeyliga gibt es acht Mannschaften, die wir mit S, T, U, V, W, X, Y und Z bezeichnen. Nach einigen Wochen der Saison haben die folgenden Spiele stattgefunden: S hat gegen X und Z gespielt, T hat gegen W, X und Z gespielt, U hat gegen Y und Z gespielt, V hat gegen W und Y gespielt, W hat gegen T, V und Y gespielt, X hat gegen S und T gespielt, Y hat gegen U, V und W gespielt und Z hat gegen S, T und U gespielt. Wir können diese Situation durch das folgende Diagramm veranschaulichen, wobei die Mannschaften durch (große) Punkte dargestellt werden und zwei solcher Punkte durch eine Linie verbunden sind, wenn die zugehörigen Mannschaften gegeneinander gespielt haben. S T Z U Y V X W (b) Es seien n Gäste zu einem Festessen eingeladen. Der Gastgeber möchte vermeiden, dass Gäste nebeneinander sitzen, die sich nicht mögen. (Wir stellen uns dies an einem runden Tisch vor.) 4
5 P 2 P 1 P 6 P 5 P P 10 7 P 8 P 9 P 3 P 4 P 9 P 8 P 2 P 1 P 3 P 5 P 7 P 6 P4 Hier werden zwei Personen genau dann verbunden, wenn es keine Bedenken gibt, sie nebeneinander zu setzen. Die Ausgangsfrage ist äquivalent zur Frage, ob es einen geschlossenen Kantenzug in diesem Graphen gibt, der alle Personen genau einmal durchläuft. Versuchen Sie es bei den obigen Beispielen! (Links geht s, rechts nicht!) Solche Kantenzüge heißen geschlossene Hamiltonsche Wege. Beim folgenden sogenannten Petersenschen Graphen gibt es auch keinen geschlossenen Hamiltonschen Weg wie wir noch sehen werden. P 2 P 1 P 6 P 5 P 10 P 7 P 8 P 9 P 3 P 4 (c) Das folgende Beispiel des Königsberger Brückenproblems wird allgemein als der Ursprung der Graphentheorie angesehen. Leonard Euler veröffentlichte 1736 eine Arbeit, die dieses alte Problem löste: Die Stadt Königsberg in Ostpreußen wird von dem Fluss Pregel durchflossen, verzweigt und bildet eine Insel (den Kneiphof). Im folgenden Bild sehen Sie links einen alten Stadtplan von Königsberg mit siebeb Brücken. Es war nun die Frage, ob es möglich ist, einen Weg durch Königsberg zu finden, der jede Brücke genau einmal überquert. Rechts ist die Situation in einen Graphen übersetzt worden. Die vier Stadtgebiete R 1, R 2, R 3, R 4 werden durch Ecken eines Graphen repräsentiert, die sieben Brücken b 1,..., b 7 durch verbindende Kanten: 5
6 R 4 b 3 b 1 b 2 R 3 R 2 b 7 b 6 b 5 R 1 b 4 Wir können uns schnell überlegen, dass so ein Weg nicht möglich ist: Angenommen, es gäbe einen solchen Weg. Betrachten wir dann z.b. das Gebiet R 1. Es ist über 3 Brücken mit den anderen Gebieten verbunden. Da alle Brücken genau einmal durchlaufen werden, muss R 1 Start- oder Endpunkt des Weges sein! Genau das gleiche Argument gilt für alle anderen Gebiete, und offenbar können nicht alle Start- oder Zielpunkt sein. Daher gibt es keinen solchen Weg. Bezogen auf den Graphen stellt sich hier also die Frage, ob es einen Weg gibt, der irgendwo beginnt und jede Kante dieses Graphen genau einmal durchläuft. Graphen, bei denen dies möglich ist heißen Eulersche Graphen. Mit diesen werden wir uns im nächsten Abschnitt näher beschäftigen. (d) Bei einem Färbungsproblem ist eine Landkarte gegeben und es wird nach der minimalen Anzahl der Farben gefragt, mit denen man die Länder färben kann, so dass aneinanderstoßende Länder unterschiedliche Farben haben müssen. Aneinanderstoßend bedeutet hier, dass sie eine echte Grenze (nicht nur einen Grenzpunkt) gemeinsam haben müssen. Bei den folgende drei Beispielen reichen 3 Farben (numeriert mit 1, 2 und 3): Bei den folgenden reichen 3 nicht, aber vier: 6
7 Wie können wir diesen Landkarten einen Graphen zuordnen, und wie sieht das Färbungsproblem dort aus? Jedes Land entspricht einer Ecke des Graphen, und zwei Ecken des Graphen sind genau dann durch eine Kante verbunden, wenn sie eine gemeinsame Grenze haben. Dem letzten Beispiel entspricht der Graph (Man überlege sich selbst, welche Ecken hier welchem Land entsprechen.) Das Färbungsproblem geht also über in das Problem, mit möglichst wenig Farben die Ecken so zu färben, dass aneinanderstoßende Ecken ungleiche Farbe haben. Wenn man jemandem z.b. am Telefon einen Graphen schildern möchte, ist die graphische Form ungeeignet. Auch im Rechner benötigt man die Darstellung eines Graphen in geeigneter Form. Wir brauchen eine streng mathematische Definition. Bevor wir dies tun, wiederholen wir einige elementare Begriffe der Mengenlehre: Eine Menge kann explizit durch auflisten ihrer Elemente oder durch eine charakterisierende Beschreibung angegeben werden, z.b. M = {,, } oder M = {A : A Dreieck}. Eine besondere Menge ist die sogenannte leere Menge, die kein einziges Element hat. Sie wird mit bezeichnet. Schreibweise: Wir schreiben x M, wenn x ein Element aus M ist, anderenfalls x M. 7
8 Als Beispiele können wir die folgenden Zahlbereiche nennen: N = {1, 2, 3,...} = {n : n natürliche Zahl} Z = {..., 2, 1, 0, 1, 2,...} = {n : n ganze Zahl} Q = { a : a, b Z, b 0} = {x : x rationale Zahl} b R = {x : x reelle Zahl} Beziehungen zwischen Mengen: Zwei Mengen A und B heißen gleich, wenn sie dieselben Elemente haben. Eine Menge A heißt Teilmenge von einer Menge B, wenn jedes Element von A in B liegt, in Zeichen: A B oder B A. Hier lassen wir ausdrücklich A = B zu, also ist A A. Durchschnitt, Vereinigung und (Mengen-)Differenz sind erklärt durch A B = {x : x A und x B} Durchschnitt von A und B A B = {x : x A oder x B} Vereinigung von A und B A \ B = {x A : x B} Differenz oder Restmenge und erfüllen unter anderem folgende Eigenschaften. A = A = A, A B = B A, A B = B A (Kommutativgesetze), (A B) C = A (B C), (A B) C = A (B C) (Assoziativgesetze), A (B C) = (A B) (A C), A (B C) = (A B) (A C) (Distributivgesetze). Ist eine (nichtleere) Menge A gegeben, so kann man damit die Menge aller Teilmengen betrachten. Dies Menge wird Potenzmenge genannt und mit P(A) bezeichnet, also Ist etwa A = {1, 2, a}, so ist P(A) = { B : B A }. P(A) = {, {1}, {2}, {a}, {1, 2}, {1, a}, {2, a}, A }. Wir benötige die Teilmenge P 2 (A) aller zwei-elementigen Teilmengen von A, im Beispiel: P 2 (A) = { {1, 2}, {1, a}, {2, a} }. Zur exakten mathematischen Definition brauchen wir noch den Funktionsvorschrift: Seien D und W Mengen. Eine Funktion (oder Abbildung) ist eine Vorschrift, die jedem x D genau ein y W zuordnet. Wir schreiben f : D W und y = f(x). Die Menge D heißt Definitionsmenge von f. Die Menge W Wertemenge von f. Wir schreiben Die Menge heißt Bild von D unter f. f : D W x f(x) f(d) = { f(x) W : x D } 8
9 Definition 1.2 Ein Graph besteht aus einer endlichen Eckenmenge E und einer endlichen Kantenmenge K, sowie einer Angabe, welche zwei Ecken {ê, ẽ} zur Kante k K gehören. (Wobei ê ẽ gefordert wird. Wir lassen also keine Schleifen zu.) Mathematisch befriedigender formuliert bedeutet dies, dass es eine Abbildung Ψ : K P 2 (E) von K in die Menge aller zweielementigen Teilmengen von E geben muss. Wir benutzen also das Symbol P 2 (E) für die Menge aller Teilmengen von E, die aus genau 2 Elementen besteht. Durch die Abbildung Ψ wird also jeder Kante die Menge der beiden Endpunkte zugeordnet die verschieden sein müssen! Beispiel 1.3 (a) Ein Graph kann etwa so aussehen: e 1 e 2 e e 5 4 k 2 k 4 k 1 k 3 e 3 e 6 Hier ist E = {e 1,..., e 6 }, K = {k 1,..., k 4 } mit der Zuordnung Ψ : k 1 {e 2, e 3 }, k 2 {e 3, e 4 }, k 3 {e 3, e 4 }, k 4 {e 5, e 6 }. (b) Das folgende Bild stellt keinen Graph in unserem Sinne dar, da k 2 nur einen Endpunkt besitzt. k 1 k 2 9
10 2 Eulersche Wege Definitionen und Bezeichnungen Ein Weg ist eine Sequenz W = (e 1 k 1 e 2 k 2... e n k n e n+1 ), wobei wir abwechselnd Ecken und Kanten nebeneinander schreiben (beginnend und endend mit je einer Ecke), wobei wir darauf achten müssen, dass alle Kanten verschieden sind nicht aber die Ecken! Mit der Abbildung Ψ können wir das so ausdrücken: 1. ψ(k j ) = {e j, e j+1 } für alle j = 1,..., n, und 2. k i k j für alle i j. Die Anzahl n der Kanten wird Länge des Weges genannt. Die Ecken e 1 und e n+1 heißen Endpunkte von W. Der Graph heißt zusammenhängend, wenn es zu jedem Paar ê, ẽ E einen Weg W = (e 1 k 1... e n k n e n+1 ) gibt mit e 1 = ê und e n+1 = ẽ. Der Weg heißt geschlossen (oder Kreis oder Zyklus), wenn e 1 = e n+1, andernfalls offen. Ein (offener bzw. geschlossener) Weg W = (e 1 k 1... k n e n+1 ) heißt ein (offener bzw. geschlossener) Eulerscher Weg, wenn unter den k 1,..., k n alle Kanten aus K vorkommen, d.h. wenn K = {k 1,..., k n }. Der Graph heißt Eulerscher Graph, wenn es überhaupt einen geschlossenen Eulerschen Weg gibt. Ein Weg (e 1 k 1... k n e n+1 ) heißt ein Hamiltonscher Weg, wenn (i) alle e i verschieden sind (bis auf eventuell e 1 = e n+1 ) und (ii) E = {e 1,..., e n+1 }, d.h. wenn unter den e i alle Ecken des Graphen (genau einmal) vorkommen. Der Grad einer Ecke ist die Anzahl der anstoßenden Kanten. Wir schreiben hierfür d(e) (d für degree ). Zu jeder Ecke e können wir dann die Menge Z(e) der Ecken betrachten, die mit e durch einen Weg verbunden sind. Diese Eckenmenge heißt die zu e gehörige Zusammenhangskomponente oder auch Erreichbarkeitsmenge. Offensichtlich zerfällt die Eckenmenge E in eine endliche Anzahl von Zusammenhangskomponenten. Der folgende Graph besteht aus drei Komponenten. 10
11 Ein Unterschied der Mathematik zu den Naturwissenschaften oder gar Geisteswissenschaften ist, dass wir hier, ausgehend von den präzisen Definitionen, Aussagen beweisen können. Wir wissen dann 100prozentig, dass eine Aussage richtig ist vorausgesetzt natürlich, dass wir die Schlussfolgerungen der Logik akzeptieren. Wir wollen dafür einige Beispiele bringen: Satz 2.1 Für jeden Graphen G mit n Eckenmenge E = {e 1,..., e n } und m Kanten gilt: n d(e i ) = 2m. Hier haben wir das in der Mathematik und allen Natur- und Ingenieurwissenschaften benutzte Summensymbol benutzt. Haben wir Zahlen (oder andere Größen, die durchnummeriert werden), wie etwa x 1, x 2,..., x 20, so schreiben wir 20 Der Summationsindex i in 20 x i = x 1 + x 2 + x 20. beginnt also bei 1 und wird hochgezählt bis 20. (Er kann auch ein anderer Buchstabe als i sein, oft j, k oder n.) Damit ist also n d(e i ) eine Kurzform von d(e 1 ) + d(e 2 ) + + d(e n ). Beweis: Jede Kante berührt zwei Ecken, wird also beim Zählen der Grade sowohl bei dem einen wie auch bei dem anderen Eckpunkt mitgezählt. Etwas genauer könnte man so diskutieren: In Gedanken belegen wir jede Kante mit einer Richtung (so etwas heißt gerichteter Graph). Dann hat jede Kante genau einen Anfangspunkt und genau einen Endpunkt. d (e) sei die Anzahl der aus der Ecke e hinauslaufenden Kanten, d +(e) die der in e hineinlaufenden Kanten. Natürlich ist d(e) = d (e) + d + (e). Außerdem ist n d (e i ) als Summe aller aus allen Ecken hinauslaufenden Kanten genau die Anzahl m aller Kanten. (Jede Kante muss irgendwo hinauslaufen 11
12 und kann auch nicht aus mehr als einer Ecke hinauslaufen.) Daher ist n d (e i ) = m. Ge- nauso ist n d + (e i ) = m und n d(e i ) = n d (e i ) + n d + (e i ) = 2m. Folgerung: In jedem Graphen gibt es eine gerade Anzahl von Ecken mit ungeradem Grad. Beweis: Aus dem Satz 2.1 erkennen wir, dass n d(e i ) eine gerade Zahl ist, nämlich 2m. Nummerieren wir jetzt die Ecken so, dass e 1,..., e p die Ecken mit ungeradem Grad und e p+1,..., e n die mit geradem Grad sind, so ist p d(e i ) = 2m n i=p+1 d(e i ), als Differenz zweier gerader Zahlen ebenfalls gerade. Links steht eine Summe von ungeraden Zahlen. Da diese Summe eine gerade Zahl ergibt, muss die Anzahl p der Summanden gerade sein! Übung Ermittle die Grade in folgendem Graphen und überprüfe die Aussagen des Satzes 2.1 und der Folgerung. b a e f c Der folgende Satz wird beim Hauptsatz über Eulersche Grapgen eine entscheidende Rolle spielen. Satz 2.2 Es sei G ein Graph, in dem Grad jeder Ecke mindestens zwei beträgt. Dann enthält G einen Zyklus (d.h. einen geschlossenen Weg). Beweis: Sei e 1 eine beliebige Ecke. Wegen d(e 1 ) 2 gibt es eine angrenzende Kante, deren anderes Ende wir mit e 2 bezeichnen. e 2 e 1 e 3... Wegen d(e 2 ) 2 gibt es eine weitere angrenzende Kante, deren anderes Ende wir mit e 3 bezeichnen. So machen wir immer weiter, bis wir (zum ersten Mal) einen Knoten e n 12
13 treffen, der schon einmal dran war. Dies muss irgendwann einmal passieren, da wir ja nur endlich viele Knoten haben. e n 1 e 4 e n = e 3 e 2 e 1 Dann ist also e n = e j mit n > j, und die gewählten Kanten mit Ecken e j, e j+1,..., e n 1, e j bilden einen Zyklus. Bevor wir den Hauptsatz über Eulersche Graphen beweisen, möchte ich kurz auf das Beweisprinzip der vollständigen Induktion eingehen. Dies wird angewandt, wenn eine Aussage A(n) für alle natürlichen Zahlen n = 1, 2, 3,... bewiesen werden soll. Das Verfahren besteht aus zwei Teilen: 1. Schritt (Induktionsanfang): Zeige die Aussage für n = 1. Beweise also A(1). Dies ist i.a. einfach. 2. Schritt (Induktionsschritt): Nehme an, die Aussage A(n) sei für ein (beliebiges) m 1 schon bewiesen (Induktionsvoraussetzung). Beweise unter dieser Annahme die Aussage A(m + 1), also für die nächste natürliche Zahl. Dann gilt die Behauptung für alle natürlichen Zahlen n 1. Beispiel 2.3 Wir zeigen die Formel n j = j=1 n(n + 1) 2 für jedes n N, mit vollständiger Induktion: Induktionsanfang: Sei n = 1. Dann steht links 1 und rechts 1 2 = 1. Also ist die 2 Behauptung richtig für n = 1. Induktionsschluß: Sei die Behauptung richtig für ein m 1. Unter dieser Voraussetzung 13
14 zeigen wir die Behauptung für m + 1: Es ist m+1 j=1 j = = m j + (m + 1) = j=1 m(m + 1) + 2(m + 1) 2 m(m + 1) 2 = + (m + 1) (m + 2)(m + 1) 2 Dies ist die behauptete Formel für m + 1 statt m. Nach dem Induktionsprinzip gilt die Behauptung jetzt für alle n = 1, 2, 3,.... Beispiel 2.4 (Bernoullische Ungleichung) Für jedes h > 1 und alle n N gilt: (1 + h) n 1 + n h. Beweis durch vollständige Induktion nach n: Für n = 1 ist die Behauptung sicher richtig, es gilt sogar Gleichheit. Sei die Behauptung jetzt für ein m 1 richtig. Dann ist unter Ausnutzung der Induktionsvoraussetzung:. (1+h) m+1 = (1+h) m (1+h) (1+mh) (1+h) = 1+mh+h+mh 2 }{{} 0 1+(m+1) h. Damit ist die Behauptung auch für m + 1 gezeigt. Nach dem Induktionsprinzip gilt die Behauptung jetzt für alle n = 1, 2, 3,.... (Wo wird die Voraussetzung h > 1 benötigt?) Als drittes Beispiel beweisen wir Satz 2.1 noch einmal mit vollständiger Induktion nach der Anzahl m der Kanten: m = 1: Es gibt eine Kante, und dies hat zwei Endpunkte. Daneben kann der Graph noch weitere Ecken enthalten, an denen keine Kanten anstoßen (isolierte Ecken). Da bei denen der Grad Null ist, werden sie nicht mitgezählt. Wir erhalten also n d(e j ) = 2 = 2m. Sei der Satz jetzt für jeden Graphen mit m Kanten richtig, und sei G jetzt ein Graph mit m + 1 Kanten. Wir entfernen jetzt irgendeine Kante von G. Dann erhalten wir einen neuen Graphen G mit der selben Eckenmenge und m Kanten. Für diesen gilt die Formel nach Induktionsvoraussetzung, also n d (e j ) = 2m, j=1 wobei d (e j ) der Eckengrad von e j in G ist. Fügen wir die herausgenommene Kante wieder ein, so erhöhen wir für genau zwei Ecken den Grad um 1, daher gilt n d(e j ) = 2m + 2 = 2(m + 1), j=1 14 j=1
15 und die Behauptung ist für G bewiesen. Jetzt können wir zeigen: Satz 2.5 (Hauptsatz über Eulersche Wege) Sei G ein zusammenhängender Graph. G ist genau dann Eulersch, besitzt also einen geschlossenen Eulerschen Weg, wenn der Grad jedes Knotens gerade ist. Beweis: Der Satz beinhaltet zwei Aussagen, die durch genau dann beschrieben werden. Zuerst zeigen wir: Falls es einen geschlossenen Eulerschen Weg gibt, so ist jeder Grad gerade. Danach zeigen wir die Umkehrung, die schwieriger zu beweisen ist: Wenn jeder Grad gerade ist, so gibt es einen geschlossenen Eulerschen Weg. Sei also zunächst W = (e 1 k 1... e m k m e n+1 ) ein geschlossener Eulerscher Weg, der bei e 1 beginnt und endet, also e m+1 = e 1. Die Ecken {e 1,..., e m ) müssen nicht alle verschieden sein. Sei e eine beliebige Ecke des Graphen. Da G zusammenhängend ist, so hängt an e mindestens eine Kante, und diese kommt unter den {k 1,..., k m } vor (Eulerscher Weg!). Also kommt auch e unter den {e 1,..., e m } vor vielleicht mehrmals, da die {e 1,..., e m ) ja nicht alle verschieden sein müssen. Da an jeder Ecke e j zwei verschiedene Kanten anstoßen, so müssen an e eine gerade Zahl von Kanten anstoßen. Damit ist der Grad d(e) gerade und die erste Richtung des Satzes bewiesen. Jetzt nehmen wir umgekehrt an, dass der Grad jeder Ecke gerade sei. Sei wieder m die Anzahl der Kanten im Graphen. Wir beweisen die Aussage durch vollständige Induktion nach m. Die Aussage A(m) lautet folgendermaßen: Jeder zusammenhängende Graph mit höchstens m Kanten und geradem Eckengrad enthält einen geschlossenen Eulerschen Weg. Für m = 1 haben wir einen zusammenhängenden Graphen mit höchstens einer Kante, also genau einer Kante (da der Graph zusammenhängend ist). Er muss so aussehen: e 1 k e 2, nur das kann nicht sein, da die Gerade der Ecken jeweils eins sind. Daher müssen wir unseren Induktionsbeweis bei m = 2 beginnen. Für m = 2 muss unter der Voraussetzung, dass die Eckengrade gerade sind, der Graph so aussehen: k 1 e 1 e 2 k 2 Ein Eulersche Weg für diesen einfachen Graphen ist (e 1 k 1 e 2 k 2 e 1 ). Sei m 2 jetzt beliebig, und wir setzen voraus, dass jeder zusammenhängende Graph mit höchstens m Kanten und geradem Eckengrad einen geschlossenen Eulerschen Weg enthält. Sei G jetzt ein Graph mit m + 1 Kanten. Da der Grad von jeder Ecke von G mindestens 2 ist, so enthält er nach Satz 2.2 G einen Zyklus Z. (In der folgende Figur ist er rot gezeichnet.) 15
16 G : Z Wir streichen jetzt die Kanten von Z und erhalten einen neuen Graphen G, der nicht mehr zusammenhängend zu sein braucht, die gleiche Eckenmenge wie G besitzt, aber weniger Kanten. G : In diesem Beispiel zerfällt G in 5 Zusammenhangskomponenten. Jeder Eckengrad von G ist wieder gerade, da von jeder Ecke von Z genau zwei Kanten entfernt worden sind. Einige Ecken können aber Grad 0 haben (wie im Beispiel). Insbesondere muss G nicht mehr zusammenhängend sein. Nach der Induktionsvoraussetzung gibt es in jeder Zusammenhangskomponente, deren Eckengrade 2 sind, einen geschlossenen Eulerschen Weg. Wir erhalten nun einen geschlossenen Eulerschen Weg von G folgendermaßen: Man beginne mit einem beliebigen Knoten von Z und gehe die Kante von Z entlang bis zu einem Knoten ê, der zu einer Komponente von G gehört mit Grad 2 für alle ihre Ecken. ê Start 16
17 Dann schließe man einen Eulerschen Weg dieser Komponente an und kommt wieder zu ê zurück. Man verfolge den Zyklus Z weiter bis zur nächsten Zusammenhangskomponenten, etc. Damit ist ein geschlossener Eulersche Weg gefunden! Man versuche, den folgenden Satz durch Rückführung auf Satz 2.5 zu beweisen! Satz 2.6 Sei G ein zusammenhängender Graph. G besitzt genau dann einen (nicht notwendig geschlossenen) Eulerschen Weg, wenn es höchstens 2 Knoten mit ungeradem Grad und sonst alle mit geradem Grad 2 gibt. 17
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