2. Symmetrische Gruppen
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- Bernhard Richter
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1 14 Andreas Gathmann 2 Symmetrische Gruppen Im letzten Kapitel haben wir Gruppen eingeführt und ihre elementaren Eigenschaften untersucht Wir wollen nun eine neue wichtige Klasse von Beispielen von Gruppen und insbesondere auch unsere ersten nicht-abelschen Gruppen kennenlernen Es handelt sich hierbei um die Gruppen aller bijektiven Abbildungen auf gegebenen Mengen Konstruktion 21 Symmetrische Gruppen Zu einer gegebenen Menge M sei SM := { f : M M bijektiv} die Menge aller bijektiven Abbildungen von M nach M Wir behaupten dass SM mit der üblichen Verkettung von Abbildungen die wir mit dem Symbol schreiben eine Gruppe ist Beachte dazu zunächst dass die Verkettung zweier bijektiver Abbildungen wieder bijektiv ist und die Verkettung zweier Elemente aus SM also zweier bijektiver Abbildungen von M nach M damit auch wirklich wieder in SM also wieder bijektiv ist Weiterhin gilt: G1 Wie wir aus den Grundlagen der Mathematik wissen ist die Verkettung beliebiger also insbesondere auch bijektiver Abbildungen assoziativ G2 Die Identität id M : M M ist bijektiv und somit ein Element von SM Sie ist natürlich ein neutrales Element bezüglich der Verkettung denn id M f = f für alle f SM also für alle bijektiven Abbildungen f : M M G3 Zu jeder bijektiven Abbildung f SM ist die Umkehrabbildung f 1 ein inverses Element bezüglich der Verkettung denn es ist f 1 f = id M Sie ist bekanntlich auch bijektiv also ein Element von SM Also ist SM eine Gruppe Man nennt sie die symmetrische Gruppe auf M Sie ist im Allgemeinen nicht kommutativ: ist z B M = R so sind f : R R x x + 1 und g : R R x 2x zwei bijektive Abbildungen mit Umkehrabbildungen f 1 x = x 1 und g 1 x = 2 x also gilt f g SR Aber die Abbildungen f g und g f sind nicht gleich denn für alle x R ist aber f gx = f gx = f 2x = 2x + 1 g f x = g f x = gx + 1 = 2x + 1 = 2x + 2 Aufgabe 22 Stellt euch vor ihr seid Übungsleiter für die Algebraischen Strukturen und bekommt von einem Studenten die folgende Abgabe Was sagt ihr dazu? Stimmt der Beweis so? Stimmt der Satz überhaupt? Satz: Es sei M eine Menge und G = { f : M M injektiv} die Menge aller injektiven Abbildungen von M nach M Dann ist G zusammen mit der üblichen Verkettung von Abbildungen eine Gruppe Beweis: Wir prüfen die Gruppenaxiome nach: G1 Die Verknüpfung ist assoziativ weil die Verkettung beliebiger und damit auch injektiver Abbildungen immer assoziativ ist G2 Die Identität id M ist ein links-neutrales Element bezüglich der Verkettung von Abbildungen Sie ist außerdem injektiv liegt also in G G3 Ist f : M M injektiv so existiert eine Abbildung g : M M mit g f = id M also ein linksinverses Element zu f
2 2 Symmetrische Gruppen 15 Also ist G eine Gruppe Aufgabe 23 Es sei M eine Menge Zeige dass die symmetrische Gruppe SM genau dann abelsch ist wenn M höchstens zwei Elemente besitzt Notation 24 Endliche symmetrische Gruppen Der mit Abstand wichtigste Fall von symmetrischen Gruppen SM ist der wenn M eine endliche Menge also z B die Menge {1n} der natürlichen Zahlen von 1 bis n ist In diesem Fall setzen wir S n := S{1n} = { σ : {1n} {1n} bijektiv } nennen diese Gruppe die symmetrische Gruppe der Stufe n und bezeichnen ihre Elemente in der Regel mit kleinen griechischen Buchstaben Die Elemente von S n kann man offensichtlich am einfachsten durch eine Wertetabelle angeben: ist σ S n also σ : {1n} {1n} eine bijektive Abbildung so vereinbaren wir dafür die Schreibweise σ = 1 2 n σ1 σ2 σn Da in der unteren Reihe dieser Matrix eine Permutation d h eine Anordnung der Zahlen 1n steht kann man S n auch als die Gruppe der Permutationen von n Elementen auffassen Für Permutationen schreibt man die Gruppenverknüpfung also die Verkettung σ τ auch oft ohne Verknüpfungssymbol als στ Beispiel 25 Das neutrale Element in S 3 also die identische Abbildung auf {123} ist Das Element f S 3 mit f 1 = 2 f 2 = 3 und f 3 = 1 ist In der Tat ist es leicht alle Permutationen der Zahlen aufzulisten und somit die Elemente der Gruppe S 3 konkret anzugeben: { S 3 = Die Gruppe S 3 hat also 6 Elemente } Wir wollen nun allgemein untersuchen wie viele Elemente die Gruppe S n besitzt Satz 26 Für alle n N >0 gilt S n = n! wobei n! gesprochen: n-fakultät definiert ist als n! := 1 2 n Wir werden diesen Satz mit dem Beweisprinzip der vollständigen Induktion zeigen das ihr inzwischen schon aus den Grundlagen der Mathematik kennen solltet Dieses Prinzip besagt folgendes: ist An eine Aussage die von einer natürlichen Zahl n abhängt und wollen wir zeigen dass diese Aussage für alle n n 0 gilt wobei n 0 N ein vorgegebener Startwert ist so reicht es die folgenden beiden Aussagen zu zeigen: die Aussage An 0 ist wahr Induktionsanfang ; für alle n > n 0 gilt: wenn die Aussage Am für alle m < n gilt dann gilt auch die Aussage An Induktionsschritt Die Idee ist also dass wir nur die erste Aussage An 0 wirklich direkt zeigen Beim Beweis jeder weiteren Aussage An für n > n 0 können wir dann voraussetzen dass wir alle vorhergehenden Aussagen Am für m < n schon gezeigt haben wobei man in der Praxis oft nur die Aussage An 1 für den direkt vorhergehenden Wert benötigt Mit anderen Worten zeigen wir zuerst An 0 direkt beim Beweis von An können wir dann An 0 bereits als bekannt voraussetzen beim Beweis von An können wir An 0 und An bereits voraussetzen und so weiter Man bezeichnet dabei die Voraussetzung dass Am für m < n schon bekannt ist als Induktionsannahme oder Induktionsvoraussetzung Beachtet dabei bitte insbesondere dass das Wort Voraussetzung auch nach der neuen deutschen Rechtschreibung nur mit einem r geschrieben wird Dass das Beweisprinzip der Induktion funktioniert liegt offensichtlich daran dass man alle natürlichen Zahlen irgendwann erreicht wenn man auf diese Art beliebig oft eins weiter zählt Aber kehren wir nun zurück zum Beweis des obigen Satzes:
3 16 Andreas Gathmann Beweis von Satz 26 Wir zeigen mit Induktion die folgende Aussage für alle n N >0 : sind M = {x 1 x n } und N = {y 1 y n } zwei n-elementige Mengen so gibt es genau n! Bijektionen f : M N Offensichtlich folgt aus dieser Aussage sofort der Satz indem man M = N = {1n} setzt Induktionsanfang: Es ist klar dass es genau eine Bijektion f : {x 1 } {y 1 } gibt Da 1! = 1 ist ist die Behauptung im Fall n = 1 also richtig Induktionsschritt: Wir nehmen an dass wir bereits wissen dass es zwischen zwei beliebigen n 1- elementigen Mengen genau n 1! Bijektionen gibt Induktionsannahme Wir untersuchen nun wie viele Bijektionen f : M N es zwischen zwei n-elementigen Mengen M = {x 1 x n } und N = {y 1 y n } gibt Wir unterscheiden dafür n Fälle je nachdem auf welches Element x 1 abgebildet wird: 1 Fall: f x 1 = y 1 Dann muss f die Menge {x 2 x n } bijektiv auf {y 2 y n } abbilden und jede solche Bijektion liefert auch eine Bijektion f : M N Nach Induktionsannahme gibt es also genau n 1! Bijektionen f : M N mit f x 1 = y 1 2 Fall: f x 1 = y 2 Dann bildet f die Menge {x 2 x n } bijektiv auf {y 1 y 3 y 4 y n } ab wie im 1 Fall erhalten wir also noch einmal n 1! Bijektionen Die anderen Fälle f x 1 = y 3 f x 1 = y n sind offensichtlich analog liefern also ebenfalls jeweils n 1! Bijektionen Insgesamt erhalten wir also n n 1! = n! Bijektionen was zu zeigen war 02 Aufgabe 27 Es seien n N >0 σ S n und i {1n} Ferner sei k N >0 die kleinste Zahl so dass σ k i {iσiσ 2 iσ k 1 i} Beweise dass dann σ k i = i gilt Neben der Schreibweise für Permutationen als Wertetabelle wie in Notation 24 ist noch eine weitere Schreibweise nützlich und auch oft platzsparender Hierfür benötigen wir den Begriff eines Zykels Notation 28 Zykel Es sei n N >0 a Für k N >0 seien a 1 a k verschiedene Zahlen zwischen 1 und n Die Permutation σ S n mit σa 1 = a 2 σa 2 = a 3 σa k 1 = a k σa k = a 1 und σa = a für alle a / {a 1 a k } also die die Zahlen a 1 a k zyklisch vertauscht und alle anderen Zahlen fest lässt wird mit a 1 a 2 a k bezeichnet Eine solche Permutation heißt ein k-zykel Als Spezialfall davon werden 2-Zykel a 1 a 2 also Permutationen die genau zwei Zahlen a 1 und a 2 miteinander vertauschen und alle anderen fest lassen Transpositionen genannt b Zwei Zykel a 1 a k und b 1 b l in S n heißen disjunkt wenn keine Zahl zwischen 1 und n in beiden Zykeln vorkommt Bemerkung 29 a Offensichtlich gilt a 1 a 2 a k = a 2 a k a 1 : beide Zykel beschreiben die Permutation die a i auf a i+1 für i < k und a k auf a 1 abbilden Man sagt: die Einträge eines Zykels können zyklisch vertauscht werden ohne die Permutation zu ändern So ist z B in S = = = Eine beliebige Vertauschung der Einträge eines Zykels liefert in der Regel jedoch eine andere Permutation: im Vergleich zu obigem Zykel ist z B =
4 2 Symmetrische Gruppen 17 b Sind die Zykel σ = a 1 a k und τ = b 1 b l disjunkt so gilt στ = τσ: beide Verkettungen bilden a i auf a i+1 für i < k a k auf a 1 b i auf b i+1 für i < l und b l auf b 1 ab Man sagt: disjunkte Zykel vertauschen miteinander Für Zykel die nicht disjunkt sind gilt dies natürlich nicht: so ist z B in S = aber = beachte dass wie bei Abbildungen üblich zuerst die rechte und dann die linke Permutation angewendet wird so bildet z B die Verkettung die Zahl 3 auf 2 ab denn die 3 wird zuerst durch die rechte Transposition auf 1 abgebildet und diese 1 dann durch die linke Transposition auf 2 Also ist in S 3 c Als Spezialfall ist in Notation 28 a auch k = 1 also ein 1-Zykel zugelassen Die zugehörige Permutation ist dann aber natürlich gerade die Identität Aufgabe 210 Wir betrachten die Permutation σ = S a Berechne σ 2 und σ 1 b Man schreibe σ als Verkettung von Transpositionen Mit Hilfe der Zykel aus Notation 28 können wir jetzt jede beliebige Permutation einfacher schreiben: Konstruktion 211 Zykelzerlegung Wir wollen sehen dass sich jede Permutation σ S n als Verkettung disjunkter Zykel schreiben lässt Dazu betrachten wir einmal als Beispiel die Permutation σ = S Wir versuchen nun in dieser Permutation einen Zykel zu finden Dazu starten wir mit einer beliebigen Zahl in {1n} z B mit 1 und verfolgen sie bei fortlaufender Anwendung von σ: 1 σ 4 σ 6 σ 3 σ 1 Da es nur endlich viele Zahlen von 1 bis n gibt ist klar dass wir hierbei irgendwann einmal wieder auf eine Zahl stoßen mussten die wir vorher in der Reihe schon einmal hatten Nach Aufgabe 27 muss dies sogar wieder die Ausgangszahl sein im Beispiel oben also die 1 Die Abbildung σ lässt sich auf den Zahlen die in dieser Kette vorkommen also durch einen Zykel beschreiben in unserem Fall durch den 4-Zykel Um die Abbildung σ auch auf den anderen Zahlen korrekt zu beschreiben müssen wir jetzt auf die gleiche Art noch Zykel konstruieren die diese anderen Zahlen enthalten Starten wir z B als Nächstes mit 2 so erhalten wir den Zykel 2 σ 7 σ 2 also die Transposition 2 7 Die einzige Zahl die wir nun bisher noch nicht betrachtet haben ist die 5 die aber von σ auf sich selbst abgebildet wird und somit den 1-Zykel 5 bildet Insgesamt können wir σ daher als die Verkettung σ = schreiben Da der letzte 1-Zykel 5 natürlich nach Bemerkung 29 c die Identität ist können wir diesen nun noch weglassen und erhalten σ = Es ist klar dass man mit diesem Verfahren jede Permutation als Vereinigung disjunkter Zykel schreiben kann genau genommen müsste man dies jetzt formal beweisen aber ein solcher formaler Beweis würde hier nur verwirren und keine neuen Erkenntnisse bringen daher möchte ich euch und mir das ersparen Man nennt dies eine Zykelzerlegung von σ
5 18 Andreas Gathmann Anhand der Konstruktion sieht man auch dass die Zykelzerlegung einer Permutation eindeutig ist bis auf zyklisches Vertauschen der Einträge in den Zykeln siehe Bemerkung 29 a: wir hätten im Beispiel oben z B auch σ = schreiben können; Vertauschen der Zykel siehe Bemerkung 29 b: wir hätten oben auch σ = schreiben können; Hinzufügen bzw Weglassen von 1-Zykeln siehe Bemerkung 29 c: dies haben wir oben im Beispiel schon gesehen Natürlich müsste man eigentlich auch diese Eindeutigkeitsaussage formal beweisen; auch dies wollen wir aus den oben genannten Gründen hier jedoch nicht tun
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