Selbstgesteuert Lernen Eine Herausforderung für das Management berufsbegleitender Bildungsangebote Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik und Bildungsmanagement guenther.seeber@whl-lahr.de
Übersicht 1. Grundlagen selbstgesteuerten Lernens 2. Die zugrundeliegende Untersuchung 3. Wichtige Untersuchungsergebnisse 4. Konsequenzen für Bildungsangebote 2
Literatur Boerner, S./Seeber, G./Keller, H./Beinborn, P.: Lernstrategien und Lernerfolg im Studium: Zur Validierung des LIST bei berufstätigen Studierenden, in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, Jg. 37, H. 1, 2005, S. 17-26 Seeber, G./Boerner, S./Keller, H./Beinborn, P.: Strategien selbstorganisierten Lernens bei berufstätigen Studierenden. Ausgewählte Ergebnisse einer empirischen Untersuchung und didaktische Folgerungen. WHL Diskussionspapier Nr. 2, Lahr 2004 (http://www.whl.akad.de/whl/detail/1961) Keller, H./Beinborn, P./Seeber, G./Boerner, S.: Selbstgesteuertes Lernen im Fernstudium. Schriftenreihe der Wissenschaftlichen Hochschule Lahr, Heft 5, Lahr 2004 (http://www.whl.akad.de/whl/detail/716) 3
Grundlagen: Selbststeuerung Selbstgesteuertes Lernen bezeichnet ein lernendes Verarbeiten von Informationen, Eindrücken, Erfahrungen, bei dem die Lernenden diese Verstehens- und Deutungsprozesse im Hinblick auf ihre Zielausrichtung, Schwerpunkte und Wege im wesentlichen selbst lenken. Günter Dohmen 1999 Selbststeuerung Selbstorganisation 4
Grundlagen Komponenten selbstgesteuerten Lernens Volitionale K. Motivationale K. Kognitive K. Verhaltensweisen, mit denen Lernmotivation, Lernziel und Lernabsicht gegen konkurrierende Absichten abgeschirmt werden (z.b.: Freunden absagen, Ärger unterdrücken, sich selbst belohnen) intrinsisch: Lernen als Selbstzweck extrinsisch: Herbeiführung positiver oder Vermeidung negativer Folgen Stützstrategien kognitive Strategien Metakognitive Strategien Siehe Folien 9-11 5
Grundlagen Erwachsenene denken epistemisch. Sie haben die Erfahrung, dass Probleme nicht immer strukturiert vorliegen und können damit umgehen. Sie wissen, dass es nicht für jedes Problem eindeutige Lösungen gibt. Sie sind in der Lage ihr eigenes Denken auf seinen Wahrheitsgehalt zu hinterfragen. Berufsbegleitend Studierende Sind nicht nur zeitlich durch ihre Arbeit gebunden. Die Personen müssen darüber hinaus zwischen einer beruflichen Kultur mit praktischen, zumeist wissenschaftsfernen Problemen und einer theoriegeleiteten, wissenschaftlichen Kultur wechseln. 6
Die zugrundeliegende Untersuchung 454 Studierende und 122 Absolventen 55 % männlich, 45 % weiblich Durchschnittsalter: 32 Jahre 48 Befragte von der WHL, 528 Befragte von drei Fachhochschulen Konzept des Blended Learning : Selbststudium, virtuelle Unterstützung, Präsenzphasen Erhebungszeitraum: September bis November 2003 Ziele: Wie werden kognitive Strategien des selbstorganisierten Lernens genutzt? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Nutzung der Strategien und dem Lernerfolg? 7
Die zugrundeliegende Untersuchung (A) Gründe fürs Studium (B) Konsequenzen des Studiums z.b. Berufswechsel, Gehaltsverbesserung (C) Lernerfolg z.b. Notendurchschnitt, Problemlösungswissen (D) Zufriedenheit im Studium z.b. Beratung, Seminarqualität, Lerneinheiten (E) Unterstützung durch den Arbeitgeber Aufbau des Fragebogens (F) Kognitive Lernstrategien (G) Metakognitive Lernstrategien (H) Ressourcenbezogene Lernstrategien 8 (I) Angaben zur Person z.b. Alter, Beruf, Bildungsabschluss (J) Fragen zum Studium z.b. Studienbeginn/-abschluss, Studiengang
Die zugrundeliegende Untersuchung Ressourcenbezogene Strategien (Stützstrategien) Anstrengung Konzentration Zeitmanagement Lernumgebung Studienkollegen Literatur Werden vermehrte Anstrengungen zur Erreichung von Studien- und Lernzielen in Kauf genommen werden (Management interner Ressourcen)? Welche subjektiv wahrgenommenen Aufmerksamkeitsfluktuationen gibt es (Management interner Ressourcen)? Erfolgt eine Zeitplanung für die Lernaktivitäten (Management interner Ressourcen)? Wird eine Lernumgebung geschaffen, die ein konzentriertes Arbeiten ermöglicht (Management externer Ressourcen)? Welche Formen des kooperativen Lernens werden eingesetzt (Management externer Ressourcen)? Werden selbständig Literaturstudien betrieben (Management externer Ressourcen)? 9
Die zugrundeliegende Untersuchung Kognitive Strategien Organisation Zusammenhang Kritisches Prüfen Wiederholung Wird der Lernstoff eigenverantwortlich organisiert? Wird ein Verstehen des Stoffes durch seine Einbettung in Zusammenhänge mit anderen Lernstoffen und vorhandenem Wissen vertieft (= elaborieren)? Wird ein Verstehen des Stoffes durch kritisches Hinterfragen von Aussagen und Begründungszusammenhängen vertieft? Kommen repetitive Aneignungsstrategien zum Zug? 10
Die zugrundeliegende Untersuchung Metakognitive Strategien Planung Kontrolle Regulation Inwieweit werden die Lernaktivitäten insbesondere mit Blick auf Lernziele geplant? Werden Techniken zur Überprüfung des Lernfortschritts eingesetzt? Erfolgt eine Strategieänderung bei festgestellten Dissonanzen zwischen Planung und Ergebnis? 11
Die zugrundeliegende Untersuchung Beispiel-Item 12
13 Wichtige Untersuchungsergebnisse 5 4 3 2 1 0 Anstrengung Lernumgebung Zusammenhang Planung Literatur Instruktionen Konzentration Regulation Zeitmanagement Kritisches Prüfen Kontrolle Organisation Studienkollegen
Wichtige Untersuchungsergebnisse Messung des Lernerfolgs: 1. Erreichte Noten 2. Lernerfolg im Lernfeld (Wissenszuwachs) 3. Lernerfolg im Anwendungsfeld (Transferwissen) Der Einsatz der Lernstrategien hat nahezu keine Bedeutung für den in Noten gemessenen Erfolg. Lediglich die Strategien Anstrengung und Orientierung an Instruktionen korrelieren signifikant positiv mit guten Noten. 14
Wichtige Untersuchungsergebnisse Hyperstrategien selbstorganisierten Lernens 1. Planung der Lernbedingungen 2. Elaboration 3. Bemühen um Stoffverständnis Alle Hyperstrategien korrelieren positiv mit dem Lernerfolg im Lernfeld und im Anwendungsfeld! 15
Wichtige Untersuchungsergebnisse Literatur Zeitmanagement Zusammenhang Organisation 0,206*** 0,140*** 0,208*** 0,183*** 0,095* Lernerfolg im Lernfeld Anstrengung Dargestellt sind die standardisierten Regressionskoeffizienten (ß-Werte) * p.05 *** p.001 16
Wichtige Untersuchungsergebnisse zukünftiger Berufswechsel Aufstiegsmöglichkeit im Beruf Ansehen des akad. Abschlusses Gehaltsverbesserung bessere Arbeitsmarktchancen angestrebte Selbständigkeit Erweiterung des Bildungshorizonts fachliches Interesse zukünftiger Arbeitgeberwechsel betriebliche Umstrukturierungen wirt. schwierige Situation des Arbeitgebers notwendige Qualifikationsanpassung Wunsch des Arbeitgebers 0 20 40 60 80 100 % 17
Wichtige Untersuchungsergebnisse Die Strategien Organisation und Lernen mit Studienkollegen werden zu wenig genutzt. Der Einsatz selbstorganisierten Lernens ist gewünscht. Die Prüfungen fordern diese Fähigkeiten offensichtlich nicht. Noten werden von den Strategien Anstrengung und Orientierung an den Instruktionen positiv beeinflusst. Der Einsatz von Strategien selbstorganisierten Lernens fördert den Lernerfolg. Die intrinsische Motivation fördert den Lernerfolg! Die Zufriedenheit mit den Dozenten und mit der Organisation des Studiums durch den Veranstalter fördern den Lernerfolg. 18
Konsequenzen für Bildungsanbieter 1. Selbstorganisiertes Lernen fördern Techniken der Stofforganisation vermitteln (Texte visualisieren, zusammenfassen, ) Kontaktmöglichkeiten bieten (virtuelle Lerngruppen als Methode, ) Anleitungen zum Selbststudium (Seminarangebot zu Beginn, Gestaltung der Lernmaterialien mit methodischen Hinweisen und entsprechenden Aufgaben, ) 2. Handlungsspielräume ermöglichen geringe Studienrestriktionen bez. der Organisation Anregungsdidaktik, offene Lernprozesse Reduktion reproduzierenden Lernens 19
Konsequenzen für Bildungsanbieter 3. Tests und Prüfungen auf gewünschte Methodik der Bearbeitung hin konzipieren. 4. Intrinsische Motivation unterstützen (z. B. Feedback als Kompetenzerleben; Assoziationen zum Berufsalltag anregen) 5. Fachkompetente Dozenten einsetzen, die entsprechende didaktische Fähigkeiten besitzen (Studierendenevaluation, Weiterbildung). 6. Studienorganisation an den Bedürfnissen Berufstätiger ausrichten (zeitliche Organisation, Beratungsleistungen, ). 7. Studieninhalte Berufstätigen zugänglich machen. (Geringere Kontaktfrequenz als im Präsenzstudium macht die Gestaltung der Studienmaterialien besonders wichtig. Beispiele sollten so gewählt werden, dass z. B. ein Transfer in den Berufsalltag erleichtert wird.) 20