Seminar: 1
Zwei Aspekte der Seminarüberschrift Was ist Beratung? Welche Variationsformen sind heute am einschlägigen Markt zu beobachten (z.b. Coaching, Mediation, Supervision, Therapie)? Was ist (unterscheidet, spezifiziert) systemische Beratung? 2
Drei allgemeine Thesen vorweg: Unter den Lebensbedingungen differenzierter Gesellschaften nimmt der Bedarf an Beratung in schwierigen Entscheidungssituationen bzw. in Krisen- und Konfliktsituationen des Lebens kontinuierlich zu, der Umfang gesellschaftlich (!) definierter Beratungsgegenstände erweitert sich permanent, beratungsförmige Verfahren sind konstitutiver Bestandteil (lebenslanger) Bildungsprozesse in modernen Gesellschaften. 3
Typische Themen, Fragen und Anlässe für Beratung: Elterliche Erziehungsschwierigkeiten, Probleme und Krisen in der Partnerschaft, typische Fragen im Jugendalter, Migrationsprobleme, Mobbing, Arbeitsstörungen, Leistungsprobleme in Schule, Ausbildung, Beruf, Umgang mit Suchtmitteln Alkohol, Medikamente, Drogen, Glücksspiel, Burnout, Selbstwertprobleme, Stimmungskrisen, Identitätsthemen, Verschuldung, Gesundheit, Lebenssinnfragen. 4
Zielbeschreibungen von Beratung: Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit (wieder) herstellen, Autonomie der Lebenspraxis und Selbstorganisation fördern, Möglichkeitsräume erweitern, Handlungsentwürfe erproben. 5
Voraussetzung (Formaspekt): Zeitliche Distanzierung der Entscheidung/Handlung durch den Einschub einer Zwischenphase von Reflexion. Weitere Voraussetzung: Objektives Vorhandensein von Alternativen und Handlungsfreiräumen. 6
Unterscheidung von Beratungs-/Unterstützungstypen: Informieren: Wissen zur Verfügung stellen, Anleitung/Übung/Training: Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen, Fördern: vorhandene, jedoch momentan inaktive Möglichkeiten aktivieren, Begleiten: stellt die Struktur des Gesprächs bereit, um Ratsuchende zu stabilisieren oder bei der Bewältigung unabänderlicher Problemlagen zu helfen, Therapie: Beseitigung oder Linderung eines Leidens. 7
Professionelle Beratung bedeutet eine spezifische Kunstform des Fallverstehens in der unmittelbaren, lebendigen, je einmaligen Begegnung zwischen Berater-/innen und Ratsuchenden. 8
Skizze eines Konzepts professionellen beraterischen Handelns Theoretisches Wissen, philosophische Grundlagen, Menschenbilder, Berufsethos Die in der Krise problematisch gewordene individuelle Lebenspraxis Der/die Professionelle im persönlichen, organisatorischen und institutionellen Kontext Handwerksregeln und Handwerkszeug B. Hildenbrand, R. Welter-Enderlin: Systemische Therapie als Begegnung. Stuttgart: Klett-Cotta 1996 9
Der besondere Handlungstypus Professionelles Handeln : Steht in engem Bezug zu gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und Krisenphänomenen, Bedeutet eine widersprüchliche bzw. von paradoxen Spannungen durchzogene Praxis, Diese Praxis ist nicht wissenschaftlich steuerbar oder bürokratisch lenkbar bzw. expertokratisch aus allgemeinen Regelsätzen ableitbar, Sie bleibt permanent riskant, ungewiss, nicht planbar. 10
Zur professionalisierten Form von Beratung gehören: Theoretische und empirische Grundlagen, Haltung, Setting, Arbeitsbündnis, Aus- und Fortbildungsgänge, Regeln fachlichen Könnens einschließlich ethischer Selbstverpflichtungen, Fachverbände, fachliche Standardwerke, Fachzeitschriften, Gesetzliche Rahmenbedingungen / gesellschaftlicher Auftrag, Ein institutionell-organisatorischer Kontext, Transparenz der Praxis. 11
Was bedeutet das Adjektiv systemisch im Kontext von Beratung? Eine erste Annäherung: Systemisch bezeichnet eine besondere konzeptuelle Sichtweise. Auf soziale Gebilde wie beispielweise Familie oder Schule, Verein oder Klinik; und, natürlich, auch aufs Individuum und die Gesellschaft selbst. 12
Es gibt nicht die e i n e systemische Perspektive, Theorie und Praxiskonzeption, sondern eine Mehrzahl unterschiedlicher Ansätze. Mit dem Begriff systemisch ist ein Programm beschrieben, dessen Ausarbeitung sich in Bewegung und Weiterentwicklung befindet. Ein zentraler Schlüsselbegriff heißt: Selbstorganisation. Denkansätze aus verschiedenen Disziplinen kooperieren im Dialog namens systemisch : z. B. sozialwissenschaftliche Systemtheorie, biologisches Autopoiesemodell, Linguistik, philosophischer Konstruktivismus, physikalische Chaostheorie, Neurobiologie. 13
Selbstorganisation bedeutet u.a.: Soziale Systeme operieren autonom in ihren Umwelten, also selbstreferentiell, auf sich und nur auf sich Bezug nehmend, Sie sind füreinander prinzipiell unverfügbar, Kognition und Kommunikation werden in diesem Sinn als rekursive selbstreferentielle Prozesse verstanden, die in einem geschlossenen Raum prozessieren, Kein Akteur kann Kognition und Kommunikation linear von außen steuern (nicht einmal seine eigene!), Wissensbildung und Erkenntnis bleibt stets beobachterabhängig. 14
Für eine systemische Beratung bedeutet das eine Fokussierung des Blicks auf: Vernetzungen und Muster von Kommunikation, insbesondere festgefahrene und starre Formen, Ressourcen des Systems, Kompetenzen der Handelnden, Selbstkonzepte der Akteure, ihre Anliegen und Aufträge. Den Beobachter selbst (als Berater, Coach, Therapeutin, Supervisorin, usw.). 15