Mitralklappeninsuffizienz Definition: Mitralklappeninsuffizienz Schlussunfähigkeit der Mitralklappe mit systolischem Blutreflux in den linken Vorhof Zweithäufigstes operiertes Klappenvitium Jährliche Inzidenz: 2-3% Epidemiologie: Zweithäufigstes Klappenvitium in Europa Prävalenz altersabhängig mit 1-2% in der Gesamtbevölkerung und bis > 10% bei den > 75-jährigen Mitralklappenprolaps: - Isoliert mit benigner Prognose: Prävalenz deutlich überschätzt (2.4%) - Mitralklappenprolaps-Syndrom: Mitralklappenprolaps mit Symptomen (-> Mitralklappeninsuffizienz, Herzgeräusch, Palpitationen, Herzinsuffizienz) Ätiologie: Primär: (-> degenerativ bzw. organisch) Typ I (normale Segelbewegung) Typ II (exzessive Segelbewegung) Nicht-ischämisch Degenerativ Degenerativ ( flait leaflet ) Endokarditis (Perforation) Endokarditis (rupturierte Chordae) kongential Traumatisch (rupturierte Chordae, Papillarmuskel) Ischämisch Rheumatisch (akut) Rupturierter Papillarmuskel Sekundär: (-> funktionell) Nicht-ischämisch Ischämisch Typ I/Typ IIIb Typ IIIa (restriktive Segelbewegung in der Diastole und Systole) Rheumatisch (chronisch) Iatrogen (Bestrahlung, Medikamente) Inflammatorisch (Lupus, eosinophile Endokardiits, Endomyokardfibrose) (normale Segelbewegung/restriktive Segelbewegung in der Systole) Kardiomyopathie Myokarditis Andere Ursachen der linksventrikulären Dysfunktion Funktionelle Ischämie Symptome: Leitsymptom: Belastungsdyspnoe, später Ruhedyspnoe Palpitationen Leistungsabfall im Verlauf: Unterschenkelödeme, gestaute Halsvenen 1
Klinischer Fall: Eine 65-jährige Patientin stellt sich in Ihrer Praxis mit seit etwa einem Jahr bestehender zunehmender belastungsabhängiger Atemnot vor. In den letzten Wochen hatte die Atemnot stark zugenommen, aktuell habe sie beim Sprechen Probleme und muss zwischenzeitlich zum Atmen pausieren. Ihnen fallen eine auffällig rot-bläuliche Wangenfarbe sowie eine Lippenzyanose auf. Im Rahmen der körperlichen Untersuchung bemerken Sie deutliche Knöchel- und Unterschenkelödeme. Der Puls ist arrhythmisch und leicht erhöht (-> Frequenz ca. 110/min). Auskultatorisch hören Sie ein mittelfrequentes 5/6-Systolikum mit Punctum maximum über der Herzspitze, welches in die linke Axilla fortgeleitet wird. Diagnostik: 1. Anamnese: Klinik: Leistungsabfall, Luftnot, Palpitationen 2. Körperliche Untersuchung: Herzspitzenstoß verbreitert, verstärkt und nach links verlagert Stauungszeichen Arrhythmischer Puls (-> Vorhofflimmern) Hinweise auf Embolisationen Herzgeräusch Facies mitralis (-> rot-bläuliche Wangenfarbe); ( Lippen -) Zyanose 3. Auskultation: Hochfrequentes, bandförmiges Systolikum unmittelbar im Anschluss an den ersten Herzton mit einem Punctum maximum (p.m.) über der Herzspitze mit Fortleitung in die linke Axilla 4. Echokardiographie (TTE): Untersuchungsverfahren der ersten Wahl Schweregradbeurteilung: - Vena contracta-breite (= Maß der effektiven Regurgitationsfläche unabhängig von Flussrate und geschwindigkeit, kleine Messfehler führen allerdings zu großen Fehlern in der Schweregradbestimmung) - Jet-Fläche - Dynamik der Regurgitation - Rückfluss über die Pulmonalvene - Größe des linken Vorhofs - Funktion des linken Ventrikels MERKE: Primär-TEE ist indiziert bei eingeschränkten Schallbedingungen (-> Adipositas, Notfall, beat-meter Patient) oder erweiterter Beurteilung. 5. Herzkatheteruntersuchung: Schweregradbeurteilung: - Grad I: 4-5 Punkte - Grad I-II: 6 Punkte - Grad II: 7-8 Punkte - Grad II-III: 9 Punkte 2
- Grad III: 10-12 Punkte Therapie: Medikamentöse Therapie: - Primäre Mitralklappeninsuffizienz: o Bei asymptomatischen Patienten -> Verlaufskontrolle o Bei eingeschränkter systolischer LV-Pumpfunktion: - ACE-Hemmer - ß-Blocker - bei symptomatischen Patienten zusätzlich: Diuretika und Aldosteronantagonisten o Leitliniengerechte Therapie der Begleiterkrankungen (-> arterielle Hypertonie, KHK etc.) - Sekundäre Mitralklappeninsuffizienz: o Leitliniengerechte medikamentöse Therapie der Herzinsuffizienz: - ACE-Hemmer - ß-Blocker - Diuretika - Aldosteronantagonisten o CRT-Evaluation: bei gegebener Indikation Reevaluation der Mitralklappeninsuffizienz nach 3 Monaten Operative Therapie: - Primäre Mitralklappeninsuffizienz: 3
- Sekundäre Mitralklappeninsuffizienz: Interventionelle Therapie: - alternative therapeutische Option bei Inoperabilität, fortgeschrittenem Lebensalter, Komorbiditäten mit interdisziplinärem Therapieauftrag Therapeutischer Algorithmus: 4
Prognose-bestimmende Faktoren: - Klinische Symptomatik - Linksherzinsuffizienz - Pulmonale Hypertonie - Schweregrad der Mitralklappeninsuffizienz 5