Kapitel 2 Acht Gruppensituationen (Übersetzt von Peter Hauck) Die acht Gruppensituationen, die in diesem Kapitel dargestellt sind, geben Ihnen Gelegenheit, eigene Interventionen zu überlegen, wenn Sie der Leiter der Gruppen wären. Es sind Situationen, die sich wirklich in Gruppen ereignet haben. Sie zeigen mögliche Dreh- oder Wendepunkte im Gruppenprozeß und es hängt viel davon ab, wie diese Krisen gelöst werden. Eine Gruppe kann zerfallen, stagnieren oder auf andere Art destruktiv Ihren Mitgliedern gegenüber werden, wenn unzweckmäßige Lösungen von der Gruppe angenommen werden. Der Leiter hat die Gelegenheit durch seine Intervention, das Gleichgewicht der Ereignisse von einer ungünstigen Entwicklung in Richtung einer günstigen zu verschieben. Hauptsächlich sollten Sie fähig sein, sich die beschriebene Situation vorzustellen und ein Gefühl dafür haben, was gerade passiert, was vorher geschah und was in der Zukunft geschehen könnte. Wenn Sie sich Ihre Intervention bereits überlegt oder aufgeschrieben haben, können Sie in Kapitel 3 bis 10 nachlesen, um Interventionen zu studieren, die von einer Anzahl von erfahrenen Therapeuten zusammen mit einem Kommentar der Autoren dieses Buches erstellt wurden. Dies wird Ihnen die Möglichkeit geben Ihre eigene Intervention einzuschätzen und darüber nachzudenken, wie es anders hätte sein können. Sie dürften es als eine gute Übung empfinden, nach dem Lesen dieses Buches, die Beantwortungen zu wiederholen. Die folgenden Seiten werden Ihnen jede Situation oben auf dem Blatt präsentieren, worauf drei Fragen dazu folgen. Der
28 Kapitel 2 Platz darunter ist dafür vorgesehen, Ihre eigenen anfängliche Ideen der Beantwortung dieser Fragen niederzuschreiben. Nachdem Sie das ganze Buch gelesen haben, können Sie feststellen ob Ihr Verständnis jeder Situation und Ihre entsprechende Antwort darauf, sich geändert haben.
Acht Gruppensituationen 29 Situation 1 Die erste Sitzung eine offensichtliche Ablenkung Es ist das erste Treffen einer neuen Gruppe. Die sechs Teilnehmer beginnen damit, nacheinander kurz ihre Namen zu nennen, geben aber keine weiteren Informationen. Ein Teilnehmer beginnt, über Therapie zu reden und erwähnt den Namen Carl Rogers. Ein anderer zeigt eine aus einer Zeitung herausgerissene Anzeige über einen Ronald Laing Workshop, der hier in ungefähr einer Woche stattfinden soll, und reicht sie herum.
30 Kapitel 2 Situation 2 An-der-Reihe-sein in den ersten Sitzungen In einer neuen Gruppe haben die Mitglieder das Muster entwickelt, daß in jeder Sitzung einer an der Reihe ist, seine Leidensgeschichte zu erzählen. Die anderen hören zu, geben Ratschläge und therapieren. Jetzt in der sechsten Stunde ist (X) an der Reihe. Er beginnt.
Acht Gruppensituationen 31 Situation 3 Ein drohender Abbruch Die Gruppe ist zwei Monate alt. In den ersten Wochen hatten zwei Mitglieder ohne jede Diskussion darüber die Gruppe verlassen. Ein anderes Mitglied, John, hat nun zwei Sitzungen versäumt ohne sich zu melden. In diesen beiden Sitzungen bringt die Gruppe ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck, daß John deprimiert und sozial isoliert erscheint. Zur nächsten Sitzung kommt John einige Minuten zu spät. Ein Gruppenmitglied grüßt ihn freundlich: Hallo John, schön dich zu sehen! Daraufhin spricht die Gruppe über die negative Haltung einiger Arbeitskollegen zur Psychotherapie und in einer eher intellektuellen Weise darüber, warum Menschen Depressionen bekommen. John wird nicht angesprochen und er bleibt still.
32 Kapitel 2 Situation 4 Ein Gruppenmitglied fragt nach der Einwilligung zu einer gleichzeitigen Einzeltherapie Die Gruppe trifft sich seit einem Jahr. Eine attraktive junge Frau, (eine von fünf Geschwistern) hat sich nach einem schwierigen Start in der Gruppe, indem sie über die anderen zu bestimmen versuchte anscheinend in die Gruppe eingewöhnt und ist ein besser integriertes Gruppenmitglied geworden. Es ist Ihnen dennoch bewußt, daß sie ein intensives und ungelöstes Rivalitätsproblem mit ihrer Mutter in Beziehung auf ihren Vater hat. Heute teilt sie mit schüchternem Zögern mit, sie sei sicher, daß die Gruppe ärgerlich auf sie sein werde, weil sie ohne Wissen der Gruppe oder der Gruppentherapeutin in den letzten sechs Monaten bei einem männlichen Psychotherapeuten eine Einzeltherapie wahrgenommen habe. Die Gruppe reagiert warm und hilfreich auf ihre Enthüllung, lobt sie für ihren Mut, das zu tun und ermutigt sie dazu, beide Therapien fortzusetzen. Sie wendet sich der Therapeutin zu und fragt nett, ob sie etwas dagegen habe.
Acht Gruppensituationen 33 Situation 5 Eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier Es ist die letzte Sitzung vor der Weihnachtspause in einer Gruppe, die sich nun schon seit einem Jahr trifft. Die Mitglieder waren, trotz vieler Bemühungen Ihrerseits unfähig ihre Verleugnung der Angst vor der drohenden Trennung zu akzeptieren; tatsächlich erscheinen sie alle extrem fröhlich. In dieser Situation bringt ein Mitglied unerwartet einen Korb voll mit selbstgemachtem Weihnachtsgebäck herein, das köstlich riecht; ein anderer bringt eine Flasche Wein und Gläser für jeden, auch für den Therapeuten.
34 Kapitel 2 Situation 6 Androhung eines Therapieabbruchs Eine alleinstehende Frau in den Dreißigern, die seit einem Jahr in der Gruppe ist, kündigt an, daß sie die Gruppe in vier Wochen verlassen wird die Ankündigungsfrist, die zu Beginn mit den Gruppenmitgliedern vereinbart wurde. Obwohl sie während dieses Jahres an Vertrauen gewonnen hat, scheint der Zeitpunkt verfrüht, da die Gruppe erst begonnen hat, schwierige Bereiche zu explorieren, insbesondere ihre Schwierigkeit mit den eigenen aggressiven Gefühlen und denen der anderen in der Gruppe umzugehen. Als sie von den anderen nach ihren Gründen gefragt wird, sind ihre Antworten vage sie habe das Gefühl, nicht das zu erreichen, was sie sich in dieser speziellen Gruppe wünsche. Weiter bedrängt sagt sie, sie verstehe es selbst nicht richtig. Es ist die letzte der vier Sitzungen in der Ankündigungsfrist und es ist nicht klar, ob sie weiterhin vorhat, die Gruppe zu verlassen oder ob sie ihre Meinung geändert hat.
Acht Gruppensituationen 35 Situation 7 Enttäuschung in der Therapie Diese Gruppe trifft sich seit mehr als zwei Jahren und die frühe Idealisierung der Gruppe und ihres Leiters wurde durch verschiedene Arten und Ausmaße von Enttäuschung ersetzt. Heute läßt sich die Gruppe einmütig über die Nutzlosigkeit der Psychotherapie aus. Der Therapeut antwortet nicht und die Gruppenmitglieder wiederholen das Thema immer lauter, bis einer nach dem anderen ins Schweigen verfällt. Das Schweigen dauert 14 Minuten, und es bleiben noch drei Minuten Zeit bis zum Ende der Sitzung.
36 Kapitel 2 Situation 8 Die Bedrohung durch physische Gewalt Eine Borderline-Patientin war seit 18 Monaten in einer bestehenden Gruppe. Sie schien unfähig zu sein, irgendeine Unterstützung der Gruppe anzunehmen und ihre Stimmung wechselte sehr schnell. In dieser Sitzung waren vier der sechs Mitglieder anwesend. Die Patientin war unfähig, ihre Gefühle in Bezug auf den Therapeuten auszudrücken. Kurz vor Ende der Gruppensitzung explodierte sie, und, eine Rasierklinge präsentierend, drohte sie: Dich zerstückele ich. Zwei Mitglieder flohen in Panik.