Beitrag. Rezensionen



Ähnliche Dokumente
Einsatz und Rückzug an Schulen Engagement und Disengagement bei Lehrern, Schulleitern und Schülern

Physische Gewalttätigkeit weiblicher Jugendlicher aus den Fokussen Familie, Peers und Selbstwahrnehmung

Von der Fakultät für Lebenswissenschaften. der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina. zu Braunschweig. zur Erlangung des Grades

Jugendliche und Heranwachsende als Tatverdächtige und Opfer von Gewalt

Formen der Jugendkriminalität. Ursachen und Präventionsmaßnahmen

Gewalttater gleich Gewalttater?

Handbuch der Strukturdiagnostik

Mediation im Strafrecht

Kapitel 25 Checklisten für die Beurteilung psychologischer Gutachten durch Fachfremde

Clarkin Fonagy Gabbard. Psychodynamische Psychotherapie der Persönlichkeitsstörungen. Handbuch für die klinische Praxis

Rechtsextremismus - Herausforderung für das neue Millennium

Karin Strasser (Autor) Bindungsrepräsentation im jungen Erwachsenenalter: längschnittliche Zusammenhänge

Schulabsentismus in der Schweiz Ein Phänomen und seine Folgen Eine empirische Studie zum Schulschwänzen Jugendlicher im Schweizer Bildungssystem

Bernd Schorb, Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft eine notwendige und problematische Verbindung.

Frühe Bindungen und Sozialisation

WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE

Geisteswissenschaft. Sandra Päplow. Werde der Du bist! Die Moderation der Entwicklungsregulation im Jugendalter durch personale Faktoren.

4.4 Ergebnisse der qualitativen Untersuchung Verknüpfung und zusammenfassende Ergebnisdarstellung Schlussfolgerungen für eine

Die Prävalenz traumatischer Erfahrungen, Posttraumatischer Belastungsstörung und Dissoziation bei Prostituierten

Funktionen des Erinnerns im erzählten Lebensrückblick älterer Menschen

Laura Gunkel. Akzeptanz und Wirkung. von Feedback in. Potenzialanalysen. Eine Untersuchung zur Auswahl. von Führungsnachwuchs.

Aggression bei Kindern und Jugendlichen

Aggression bei Kindern und Jugendlichen

Frühe Kindheit als Schicksal?

Marcel Hunecke. Ökologische Verantwortung, Lebensstile und Umweltverhalten

Alkoholkonsum deutscher und polnischer Schüler eine vergleichende Studie

Gabriele Helga Franke im Dezember 2013

Inhalt. 1 Psychoanalytische Einzel- und Gruppen psychotherapie: Das Modell der Über tragungsfokussierten Psychotherapie (TFP).. 3

Angst bei Kindern und Jugendlichen

Alexithymie: Eine Störung der Affektregulation

Verleihung des BKK Innovationspreises Gesundheit 2016 Armut und Gesundheit am 13. September 2017 in Frankfurt a. M.

Einleitung 11 I. THEORETISCHER TEIL 15

Persönlichkeit und Kriminalität

Aggression bei Kindern und Jugendlichen

Peter Hess-Basis-Klangmassage als Methode der Stressverarbeitung und ihre Auswirkungen auf das Körperbild

Forschungslücken finden: Checkliste

Sexueller Missbrauch - Mediendarstellung und Medienwirkung

Master Thesis (Kurzzusammenfassung)

Einstellungen und Verhalten gegenüber körperbehinderten Menschen - aus der Sicht und im Erleben der Betroffenen

Held, Horn, Marvakis Gespaltene Jugend

Lehrstuhl für Sportpsychologie

gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Inhaltsverzeichnis. 1.2 Kinder mit Behinderung in inklusiven Kindertageseinrichtungen 27

Selbstverletzendes Verhalten

Der Autokäufer das bekannte Wesen

Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen

Auswertung: !!!!! Tabelle 1

Inhalt. Kapitel 1. Kapitel 2. Kapitel 3

Emotionale Intelligenz

Andreas Veith. Therapiemotivation. Zur Spezifizierung einer unspezifischen Therapievariablen. Westdeutscher Verlag

Seelische Gesundheit im Langzeitverlauf - Die Mannheimer Kohortenstudie

Inzest und Strafrecht

Seelische Gesundheit von Flüchtlingskindern Eine empirische Untersuchung an Hamburger Schulen

Inhaltsverzeichnis. Vorwort 5. Inhaltsverzeichnis 7. Abbildungsverzeichnis 11. Tabellenverzeichnis Einleitung 15

Inhalt. Abkürzungsverzeichnis 12. Zusammenfassung 15. Kapitel 1 Einleitung 18

DEUTSCHER PRÄVENTIONSTAG

Sport, Fitness und Metabolisches Syndrom epidemiologische Zusammenhänge

Kindliches Temperament: unter Berücksichtigung mütterlicher Merkmale

Emotionale Framing-Effekte auf Einstellungen

Dr. habil. Rüdiger Jacob Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung Vorlesung mit Diskussion

Das Trauma in der Psychoanalyse

Standardisierte Vorgehensweisen und Regeln zur Gewährleistung von: Eindeutigkeit Schlussfolgerungen aus empirischen Befunden sind nur dann zwingend

Fortbildungsprogramm 2014

Die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse im Praxistest

TOA in Deutschland: Einblicke in die Praxis der Mediation in Strafsachen. Christoph Willms

Lehrbuch der Psychotraumatologie

I PABST SCIENCE PUBLISHERS Lengerich, Berlin, Bremen, Riga, Rom, Viernheim, Wien, Zagreb

Schuldangst Kastrationsangst 23

Überqualifizierung von Akademikern in Deutschland: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr ungleich verteilt

Massnahmen im Mahnverfahren in Bezug auf das Zahlverhalten der Kunden

Forschungsstudie der KBAP mit der Uniklinik Köln. Symptom und Problemerfassung der CBCL

Geschichte und Gegenstand der Kriminalsoziologie

EINLEITUNG 7 GLIEDERUNG DER ARBEIT 10 THEORETISCHER HINTERGRUND - AUßERSCHULISCHE LERNORTE 13

Rekonstruktionen interkultureller Kompetenz

4. Fachtag des Aktionsbündnisses Kein Raum für Missbrauch im Landkreis Böblingen

Alexander Friesenegger/Sebastian Riegler Rittner Performance quantitativer Value Strategien am deutschen Aktienmarkt am Beispiel des DAX 30

Selbstgesteuertes Lernen bei Studierenden

GEWALTPRÄVENTION UND SCHULENTWICKLUNG Analysen und Handlungskonzepte

Sandra Linke. Glück - Lebensqualität - Wohlbefinden. Tectum AR.URG 2006

Dieter Kassner. Humor im Unterricht. Bedeutung - Einfluss - Wirkungen

Renate Haack-Wegner Psychodynamische Pädagogische Psychologie

Angst bei Kindern und Jugendlichen

Bedingungen und Folgen des Arbeitsengagements in einem Unternehmen der Automobilbranche

Neue Entwicklungen in der psychoanalytischen Psychotherapie

Die Arbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen: Eine fachliche und persönliche Herausforderung

Institut für Soziologie, Arbeitsbereich Makrosoziologie. Hinweise zur Erstellung von Masterarbeiten

SELBSTKONZEPT UND KREATIVITAT VON MENSCHEN MIT GEISTIGER BEHINDERUNG

Forschungsprojekt Stereotype Geschlechterrollen in den Medien Online Studie: Geschlechterrollenwahrnehmung in Videospielen

Gottesbeziehung und psychische Gesundheit

Transkript:

Rezensionen Taubner, Svenja (2008): Einsicht in Gewalt Reflexive Kompetenz adoleszenter Straftäter beim Täter- Opfer-Ausgleich. Gießen (Psychosozial-Verlag), 349 Seiten, 39,90»Die Integration der Aggression ist die zentrale Aufgabe des 21. Jahrhunderts.«Svenja Taubner beginnt mit diesem Zitat des ehrwürdigen Psychoanalytikers Ernst Federn ihre beachtenswerte Monografie, die in der Buchreihe Forschung des Psychosozial- Verlags erschienen und zugleich Taubners Dissertation an der Universität Bremen ist.»von diesem Ziel der Zähmung der Aggression im sozialisatorischen und gesellschaftlichen Prozess sind wir [ ] noch weit entfernt«, konstatiert sie (15) und entwickelt vor dem Hintergrund ihrer psychoanalytischen Ausbildung ihre Theorie, dass»gewalttätiges Handeln zumeist auf ein Scheitern individueller Entwicklungsprozesse verweist«(ebd.) und Strafe, wenn sie eine»psychische wie gesellschaftliche Desintegration nach sich zieht [ ] das Risiko [birgt], weitere Gewalttaten nach sich zu ziehen, statt sie zu verhindern«(ebd.). Jede psychische und gesellschaftliche Desintegration als Folge einer strafenden Reaktion 1

Autor auf jugendtypische Gewalttaten erziele keine korrigierende Wirkung, sondern schade dem Täter zusätzlich und bedeute negative Effekte für sein zukünftiges Verhalten. Taubners zentrale Fragestellung an der Schnittstelle von Kriminalwissenschaften und Psychoanalyse nimmt»in den Blick, ob Einsicht Gewalt verhindern kann und ob der Täter-Opfer-Ausgleich die Einsicht eines Beschuldigten [ ] fördert«(16). Für ihre Betrachtungen nutzt sie psychoanalytische Objektbeziehungstheorien, insbesondere das Konzept der Mentalisierung (Fonagy und seine Arbeitsgruppe), das über das Konstrukt der Reflexiven Kompetenz einen empirischen Zugang zum Thema Einsicht bietet. Sie stellt dabei Einzelfallanalysen von gewalttätigen Jugendlichen mit einer oftmals traumatischen Geschichte ins Zentrum ihrer Untersuchung. Taubners Arbeit besteht aus einem auch für Juristen und Pädagogen sehr leicht verstehbaren und nachvollziehbaren Theorieteil mit vier gut lesbar geschriebenen Kapiteln (23ff.) und einem umfangreichen empirischen Teil, der aus fünf Kapiteln besteht (133ff.). Beispielhafte Zitate von jugendlichen und heranwachsenden Beschuldigten führen in das Buch ein und machen den Zugang zu adoleszenz-typischen Gewalttaten anschaulich. Taubner untersuchte mit Methoden der psychoanalytischen Psychotherapie- und Bindungsforschung die Auseinandersetzung junger Männer mit ihren Gewalttaten im Rahmen von Täter-Opfer- Ausgleichs-Verfahren im Täter-Opfer-Ausgleich Bremen. Einsichtsfähigkeit wird als eines der Hauptziele der Tätigkeit im psychoanalytisch orientierten Täter-Opfer-Ausgleich in Bremen vorgestellt (103), aber auch philosophische (Kap. 2.1) und juristische Aspekte (Kap. 2.2) von Einsicht werden von Taubner insbesondere vor dem Hintergrund des Jugendgerichtsgesetzes (68) und der Genese von Jugendkriminalität (109) und jugendtypischer Delinquenz bis hin zur antisozialen Tendenz (130) dar- und dem psychoanalytischen Einsichtsbegriff gegenübergestellt (Kap. 3). 2

Taubner betont, dass die von ihr untersuchten Fälle schwerer Gewalttaten und die Ergebnisse der Ausgleichsbemühungen nicht TOA-typisch sind (186). Der empirische Teil des Buches ist umfangreich in sechs Kapitel gegliedert. Zu Beginn werden Konzept und Planung der Vorher- Nachher-Pilotstudie, Durchführung und Forschungsinstrumente beschrieben und die Merkmale der Untersuchungsgruppe (Kap. 5) dargestellt sowie soziodemografische Merkmale der 21 Probanden und ihre begangenen Delikte beschrieben (Kap. 6). Gründlich geht Taubner im Rahmen ihrer Untersuchung auf gravierende belastende Lebensereignisse der Gewalttäter ein (161ff.) und stellt die unterschiedlichen belastenden stressful-life-events auch tabellarisch dar. Unbelastet waren lediglich zwei der untersuchten Probanden (163). In Kapitel 7 folgt, wie es von zahlreichen anderen Studien bekannt ist, die statistische Analyse, in Kapitel 8 die sehr gelungene qualitative Auswertung. Die Diskussion der Ergebnisse schließt die Arbeit ab (Kap. 9). Im Anhang (319ff.) findet der interessierte Leser neben den verwendeten Fragebögen zur Einschätzung der durch die Konfliktvermittler erfahrenen Unterstützung (modifizierter HAQ, 321f.) und zur Einschätzung der eigenen Konfliktfähigkeiten (323) auch das von Taubner verwendete modifizierte Erwachsenen-Bindungs-Interview (AAI, 325) sowie die unterschiedlichen Komparationstabellen (333ff.). Das Buch ist ansprechend und fundiert geschrieben und geht auf juristische wie psychoanalytische Theorien in einer Form ein, die seine Lektüre spannend machen. Auszüge aus den Beschuldigten- Interviews (z.b. 219 232) und die Falldarstellungen (238ff., 259 272) lockern auch die Theorieteile immer wieder auf und geben lebendige Einblicke in die Lebenswelt der Adoleszenten und das Tätigkeitsfeld der Konfliktvermittler im TOA Bremen. Wie es bei einer Pilotstudie sein sollte, wirft Taubners Arbeit aber auch mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Taubner zeigt differenziert die vielfältigen Facetten des Prozesses eines TOA-Versuchs auf und 3

Autor lässt für eher schlichte TOA-Verfahren, die aus lediglich einem Tätereinzel-, einem Opfereinzel- und einem gemeinsamen Schlichtungsgespräch bestehen, nur gering positive oder sogar negative Effekte bzgl. gestiegener reflexiver Kompetenz der Beschuldigten nach einem TOA-Versuch erwarten (278ff.). Allerdings ist Taubners Datenlage schwach und die von ihr ausgewählten Gewalttäter sind keineswegs TOA-typisch, da sie Täter untersuchte, die zwischen zwei und mehr als zehn Einzeltätergespräche mit den TOA-Vermittlern führten, ehe es zu einem Ausgleichsversuch oder -gespräch kam. Reflexive Kompetenz das ist die Kernaussage von Taubners Arbeit wird im Rahmen von TOA mit Mehrfach- und Gewalttätern nur in Mehr-Gesprächen-Settings gefördert, wie sie im TOA in Bremen seit 1990 praktiziert werden. Taubner weist gute Effekte in solchen Konfliktbearbeitungsversuchen nach, in denen mindestens zehn Einzelgespräche mit dem Beschuldigten geführt wurden (279). Solche Ergebnisse und Schlussfolgerungen mögen für viele TOA- Vermittler enttäuschend sein, sind aber zunächst wegen der kleinen Stichprobe und der besonderen Probandenauswahl statistisch nicht valide. Allerdings müssten sie, wenn die Befunde der Pilotstudie sich erhärten sollten, Veränderungen für eine stärkere klinische Orientierung von Setting und Standards der TOA-Verfahren nach sich ziehen. Hingegen besteht da sind Taubners Befunde eindeutig kein statistischer Zusammenhang zwischen erfolgreich durchgeführtem TOA und der Rückfallwahrscheinlichkeit (208ff.), wobei Erfolg definiert, dass»es zu einer einvernehmlichen Einigung zwischen dem Beschuldigtem und Geschädigten gekommen ist, deren Inhalt von beiden Seiten eingehalten wurde (z.b. eine Schmerzensgeldzahlung)«(186). Taubner wies positive Veränderungen der reflexiven Kompetenz der Probanden allerdings auch bei gescheiterten TOA-Versuchen nach, in denen nicht mit dem Opfer gesprochen werden konnte (210), in denen aber eine größere Zahl an Einzelgesprächen mit dem Beschuldigten stattgefunden hatte, und belegt insgesamt für die von ihr untersuchte Gewalttätergruppe nochmals die kriminologisch und 4

psychoanalytisch nicht neue Erkenntnis, dass»nur Probanden rückfällig wurden, für die ein ungelöstes Trauma in ihrer Bindungsklassifikation gefunden wurde«(212). Dipl.Psych. Frank Winter, Lehrbeauftragter der Universität Hannover Veröffentlicht in: psychosozial, 32. Jahrgang, Nr. 117, Heft 3/2009, S. 132-134 5