Themenliste 03404 Bindung 1. John Bowlby: Beruflicher Hintergrund und Forschungsinteresse. - 1907 1990 - Studierte Medizin mit dem Schwerpunkt Kinderpsychiatrie - Psychoanalytische Ausbildung bei einer Freundin von Melanie Klein - Britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater, Psychoanalytiker - Hospitierte an 2 Schulen für Problemkinder und jugendliche - War nach dem zweiten Weltkrieg Leiter der kinderpsychiatrischen Abteilung der Tavistock Clinic in London - Pionier der Bindungsforschung (zusammen mit James Robertson und Mary Ainsworth) - Begründete mit seinem 1969 erschienen Buch Bindung Eine Analyse der Mutter- Kind-Beziehung die Bindungstheorie (Attachement Theory) - Bowlbys Interesse galt den realen und aktuellen Entwicklungsbedingungen von Kindern sowie den kurz- und langfristigen Konsequenzen mütterlicher Deprivation auf die kindliche Entwicklung - Frühe emotionale Bindungen sind ein integraler Bestandteil der menschlichen Natur. Werke: 1951: Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit (WHO-Report) Bedeutung der Trennung von der Mutter für die betroffenen Kinder 1958: The nature oft he Child s tie to his mother Postulat eines biologisch angelegten Systems der Bindung, das für die Entwicklung der emotionalen Beziehung zwischen Mutter und Kind verantwortlich ist. 1969: Bindung: Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung 1973: Trennung: Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind 1980: Verlust, Trauer und Depression Mit diesem Buch begründete Bowlby die Bindungstheorie 1
2. Bindungstheorie (Attachment Theory) Ausgangsfrage: Welche Folgen resultieren für Kinder (und ihre weitere Entwicklung) aus einer Trennung von ihren Hauptbezugspersonen (Müttern)? a) Theoretische Einbettung Prominente und zentrale biopsychosoziale entwicklungspsychologische Theorie Soziogenetische Theorie, d.h. psychische Funktionen ( Selbst ) sind sozialen Ursprungs (Genese = Herkunft/Ursprung) Ausgangsfrage: Welche Folgen resultieren für Kinder (und ihre weitere Entwicklung) aus einer Trennung von ihren Hauptbezugspersonen (Müttern)? b) Zentraler Aspekt Rolle von Beziehungen für die lebenslange Entwicklung Prominente und zentrale biopsychosoziale entwicklungspsychologische Theorie Soziogenetische Theorie, d.h. psychische Funktionen ( Selbst ) sind sozialen Ursprungs c) Definition Bindung Bindung : ein sich in der frühen Entwicklung etablierendes emotionales Band zwischen dem Kind und ausgewählten Bezugspersonen (Mutter) d) Begriffsverständnis/-unterscheidung: Bindungssystem, Bindungsverhalten, Explorationsverhalten Bindungs(verhaltens)system: - Grundlegendes zielkorrigiertes Steuerungssystem für Verhaltensweisen zur Regulation von Nähe und Sicherheit. - überwacht die physische Nähe/Distanz und psychologische Verfügbarkeit einer Bindungsperson und aktiviert & reguliert entsprechendes Bindungsverhalten - Das Bindungssystem wird aktiviert, wenn der Säugling die eigenen Sicherheitsbedürfnisse bedroht sieht, und zielt darauf ab, Nähe und Sicherheit durch die Bezugsperson zu erhalten - umweltstabil 2
Bindungsverhalten: Verhalten mit dem Ziel, Nähe zur Bindungsperson herzustellen und das Gefühl von Sicherheit zu erzeugen, z.b. durch Kommunikationsverhalten, Festhalten, Klammern, Schreine, direktes Nähe suchen durch Laufen/Krabbeln Bindungsverhalten bezieht sich auf Verhaltensweisen des Kinds, um die Nähe der Bezugsperson zu sichern, während mit Bindung das emotionale Band zwischen Kind und Bezugsperson gemeint ist. Explorationsverhalten: Erkundungsverhalten, Neugierverhalten, z.b. Spiel Bindungsrepräsentation: Organisation bindungsrelevanter Erinnerungen und Bewertungen von Erfahrungen mit den Bezugspersonen (evaluativ-deklarative Ebene). Wichtiges Kriterium ist die Kohärenz der sprachlichen Darstellung (z.b. im AAI, BISK) e) Funktion des Bindungssystems - Grundlegendes zielkorrigiertes Steuerungssystem für Verhaltensweisen zur Regulation von Nähe und Sicherheit. - überwacht die physische Nähe/Distanz und psychologische Verfügbarkeit einer Bindungsperson und aktiviert & reguliert entsprechendes Bindungsverhalten - Das Bindungssystem wird aktiviert, wenn der Säugling die eigenen Sicherheitsbedürfnisse bedroht sieht, und zielt darauf ab, Nähe und Sicherheit durch die Bezugsperson zu erhalten 3. Beschreibung des Regelkreisprinzips von Explorations- und Bindungssystem Explorations- und Bindungssystem sind zueinander komplementär: Wenn sich das Kleinkind sicher fühlt, fungiert die Bindungsperson als sichere Basis, deren Präsenz Explorationsverhalten ermöglicht. Unter Stressbedingungen wird Explorationsverhalten unterbrochen und Bindungsverhalten aktiviert (Regelkreis-Prinzip). Bindungsverhalten wird nur bei wahrgenommener Bedrohung sichtbar und aktiviert! 3
4. Beziehung zwischen Fürsorgesystem und Bindungssystem Die Bindungstheorie unterscheidet zwischen einem Bindungssystem auf der Seite des Kindes und einem Fürsorgesystem auf der Seite der Bezugsperson. Beide sind aus der Evolution hervorgegangen.. Auf elterlicher Seite existiert als korrespondierende Verhaltenssystem das sog. Fürsorgesystem vergl. Intuitives Elternprogramm, Lohaus, S. 95) Fürsorgesystem (Lohaus) Das Fürsorgesystem dient dazu, die Bedürfnisse des Säuglings nach Nähe und Sicherheit zu befriedigen. Es ist darauf ausgerichtet, durch geeignete Fürsorgeverhaltensweisen (Aufnehmen, Streicheln, Wiegen, Singen) die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe und Sicherheit zu befriedigen. Dabei greifen die Bezugspersonen auf frühere Fürsorgeerfahrungen zurück, die in einem inneren Arbeitsmodell gespeichert sind. 5. Was ist mit der Aussage gemeint: Das Bindungssystem ist umweltstabil? Umweltstabil = genetisch gegeben Mit der Aussage ist gemeint, dass jedes Kind im ersten Lebensjahr selbst bei einem Minimum an Interaktionskontakten eine personenspezifische Bindung. Die Ausformung einer spezifischen Bindungsqualität hingegen ist umweltlabil (=erfahrungsabhängig) Das Bindungssystem ist umweltstabil: Jedes Kind entwickelt im ersten Lebensjahr selbst bei einem Minimum von Interaktionskontakten eine personenspezifische Bindung. Die Ausformung einer spezifischen Bindungsqualität ist jedoch umweltlabil (erfahrungsabhängig). Bindungsqualität: Spezifische Organisation des Bindungsverhaltenssystems gegenüber einer Bezugsperson, die sich in spezifischen Verhaltensstrategien manifestiert (implizit-prozedurale Ebene). Wichtiges Kriterium ist die Bindungs-Explorationsphase (z.b. in der Fremden Situation ) 4
6. Phasen der Bindungsentwicklung Phasen der Bindungsentwicklung (inkl. Lohaus) 0-3 Monate Vorphase der Bindung Einfache, sofort aktivierbare Verhaltenssysteme sind wirksam. 3-6 Monate Phase der entstehenden Bindung -Bindungsverhalten bei jeder Person -angeborene Signale, um Bedürfnisbefriedigung zu erreichen Einfache, sofort aktivierbare Verhaltenssysteme sind wirksam und richten sich ab dem 4. Monat langsam auf spezifische Personen. -Zunehmend spezifische Reaktionen auf vertraute Personen; -Entwicklung spezifischer Erwartungen an das Verhalten der Bezugspersonen 6 Monate 3 Jahre Phase der ausgeprägten Bindung Spezifische Bindung des Kindes an einige wenige Bezugspersonen tritt deutlich in Erscheinung; Bindungsverhalten wird zielorientiert auf die Nähe zur Bindungsperson hin orientiert. Ab 3. Jahr Phase reziproker Beziehungen -Aktive Bezugsaufnahme zur Bezugsperson -Protest bei Trennungen -Spannung in Anwesenheit von Fremden Ziel- korrigierte Partnerschaft zwischen den Bindungspartnern. Mit wachsenden kognitiven Fähigkeiten gewinnt das Kind durch Beobachtung und Erfahrung Einblick in die Motive, Gefühle und Interessen der Bindungsperson und berücksichtigt diese zunehmend bei der Verwirklichung der eigenen Pläne und Absichten. -Entstehen eines inneren Arbeitsmodells zur Bindungsrepräsentation -Akzeptieren von Trennungssituationen 5
7. Fremde-Situation-Test (Strange Situation Test, SST) von Mary Ainsworth. Klassifikation unterschiedlicher Bindungsqualitäten bei einjährigen Kindern a) Beschreibung der einzelnen Schritte 1. Mutter und Kind werden vom Beobachter in einen Raum geführt; Mutter setzt das Kind auf den Boden. 2. Mutter und Kind sind alleine; Mutter liest Zeitschrift; Kind kann Umgebung & Spielzeug erkunden 3. Eine freundliche Fremde tritt ein, setzt sich, unterhält sich mit Mutter eine Minute lang und beschäftigt sich dann auch mit dem Kind 4. Mutter verlässt unauffällig den Raum; die Fremde bleibt mit Kind allein und beschäftigt sich mit ihm und tröstet es, wenn dies notwendig ist. 5. Mutter kommt zurück, während die Fremde geht. Mutter und Kind sind allein. Mutter beschäftigt sich mit Kind und versucht es, wieder für das Spielzeug zu interessieren. 6. Mutter verlässt mit deutlichem Abschiedsgruß den Raum und lässt das Kind alleine. 7. Die Fremd tritt ein und tröstet (wenn notwendig) das Kind. 8. Mutter kommt wieder, die Fremde verlässt gleichzeitig den Raum. b) Klassifizierung der Bindungsmuster (Interaktionsstil der Mütter) Bindungsmuster ergeben sich aus der Verhaltensbeobachtung in den Wiedervereinigungsphasen ergeben: Bindungsmuster sicher Unsicher-vermeidend Unsicher-ambivalent Interaktionsstil Mutter feinfühlig Vermeidung von Körperkontakt außerhalb von Pflegsituationen Sehr unzuverlässiges Verhalten c) Prozentuale Verteilung der Bindungsmuster Bindungsmuster Interaktionsstil Mutter Prozent sicher feinfühlig 67% Unsicher-vermeidend Vermeidung von 21% Körperkontakt außerhalb von Pflegsituationen Unsicher-ambivalent Sehr unzuverlässiges Verhalten 12% Verteilung der Bindungsmuster ist über viele Studien (auch in anderen Ländern) hinweg relativ ähnlich. d) Relevante Beobachtungssequenzen für die Klassifizierung des Bindungsstils 6
Wiedervereinigungsszenen: 5. Mutter kommt zurück, während die Fremde geht. Mutter und Kind sind allein. Mutter beschäftigt sich mit Kind und versucht es, wieder für das Spielzeug zu interessieren. 8. Mutter kommt wieder, die Fremde verlässt gelichzeitig den Raum. 8. Stabilität der Bindungsklassifikation im Kleinkindalter im weiteren Entwicklungsverlauf Geht eine sichere Bindung im Kleinkindalter mit später erhobenen Entwicklungsdimensionen einher (z.b. Beziehung zu Eltern, zu Peers; Persönlichkeitsmaße; Verhaltensmaße)? - Sehr viele Studien, widersprüchliche Befunde - Andere Maße (soziale Entwicklung; Persönlichkeit): sehr gemischte Ergebnisse Stabilität: - Regensburger Längsschnittstudie: Stabilität von 12 bzw. 18 Monaten bis 6 Jahre - Berkeley: Stabilität von 12 bzw. 18 Monaten bis 6 Jahre - Regensburg & Bielefeld: uneindeutige Ergebnisse bei 10jährigen; keine Stabilität mehr bei 16jährigen. 9. Was sind Internale Arbeitsmodelle (Internal Working Models of Self and Other )? Interne Arbeitsmodelle Internal Working Models of Self and Other Dynamische Repräsentationen des eigenen Selbst und der Bindungsperson(en): Steuern, regulieren, sagen vorher Die Arbeitsmodelle der eigenen Person und der Bindungsperson sind nach Bowlby komplementär: Arbeitsmodell vom Anderen : Ist emotional verfügbar, unterstützt Exploration Arbeitsmodell vom Selbst : Person fühlt sich wertgeschätzt und kompetent Beide Seiten einer Beziehung werden also durch die komplementären Arbeitsmodelle repräsentiert. 7
10. Möglichkeiten zur Erfassung von Bindungsqualitäten bei älteren Kindern und Erwachsenen a) Methode Adult Attachment Interview (George, Kaplan & Main, 1985) Halbstrukturiertes Interview zur Rekonstruktion der Beziehung zu Mutter und Vater in der Kindheit b) Auswertung Auswertung richtet sich auf die Formaspekte der Schilderung der Beziehung (Kohärenz, Konsistenz), nicht auf die Inhalte! Klassifikation der Bindungsstile im AAI Bindungsstil Merkmale des Interviews Sicher-autonom Wertschätzung der Beziehung Köharente & objektive Darstellung Unsicher-distanziert Auswirkung bindungsrelevanter Erfahrung wird abgestritten, abgewertet oder geschönt ; z.b. kann die Darstellung fast perfekter Eltern nicht mit konkreten Erinnerungen belegt werden Unsicher-verwickelt Aktiv-ärgerliche oder passive Verstrickung mit der vergangenen Beziehung; Langatmige, irrelevante Schilderungen Unverarbeitet-traumatisiert v.a. bei traumatischen Erlebnissen plötzlicher Wechsel im Sprachstil, Gedankenfehler 8