Prof. Dr. Andrä Wolter

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Transkript:

Prof. Dr. Andrä Wolter Durchlässigkeit und Anpassungsfähigkeit des Bildungssystems - an der 1. Schwelle - Impulsvortrag beim ZDI-Forum Über Akademisierung Lemgo, 09. März 2015

Durchlässigkeit: Was ist damit gemeint? (1) Unterscheidung zwischen zwei Orten, an denen sich Durchlässigkeit niederschlägt: an den Übergangsstellen im Bildungssystem Übergangschancen innerhalb der Bildungseinrichtungen Erfolgschancen (2) Vier Bedingungen von Durchlässigkeit formale (z.b. rechtliche) Barrieren individuelle Kompetenzentwicklung (primäre Herkunftseffekte) Bildungsentscheidungen (sekundäre Herkunftseffekte) Selektionspraxis in Bildungseinrichtungen (Förderung, Unterstützung, Zuweisung) 2

Durchlässigkeit: Was ist damit gemeint? (3) Beim Erwerb einer Studienberechtigung ist das dt. Schulsystem seit den 1960er n durchlässiger geworden. (4) Dennoch gibt es weiterhin (erhebliche) Probleme: u.a. für - Migranten - first-generation -Schüler/innen bzw. Studienberechtigte - Personen mit Behinderung - Berufstätige ohne traditionelle schulische Studienberechtigung (5) Nach wie vor ist die Beteiligung an Hochschulbildung durch soziale Disparitäten gekennzeichnet. Dabei ist die Selektivität an der Schwelle des Hochschulzugangs gering. Die eigentliche Selektion findet im Schulsystem statt. (6) Ein Schlüsselthema ist die Durchlässigkeit zwischen beruflicher u. akademischer Bildung geworden. 3

Problemlagen Problemlagen im Lebenslauf und an den Übergangsstellen auf einen Blick 29 % der unter 6jährigen leben in mindestens einer, 4 % in allen drei Risikolagen (ökonomisch, kulturell, sozial) 4 % aller 7jährigen bereits in Förderschulen 25 % aller Arbeiterkinder (EGP V ff.) auf/unter Kom-petenzstufe I a bei der Lesekompetenz 13 % aller 15jährigen auf/unter Kompetenzstufe Ia bei der Lesekompetenz 21 % der 15jährigen haben mindestens eine Klasse wiederholt Chance zum Gymnasialbesuch für Kinder aus der oberen Dienstklasse 2-3mal so hoch wie für Arbeiterkinder (bei gleicher Kompetenz!) 20 % der Ausbildungsverträge werden innerhalb von 2 n wieder aufgelöst, bei Jugendlichen ohne HS-abschluss 30 % Mehr als die Hälfte der Jugendlichen mit/ohne HS-abschluss ist bis zu 2½ n nach Schulabschluss noch nicht in Ausbildung Anteil der Schulabgänger ohne HSabschluss 6,5 % Nur 2 % der Studienanfänger auf nicht-traditionellem Weg Studierwahrscheinlichkeit bei Jugendlichen aus einem Akademikerhaushalt 6mal so hoch wie bei Jugendlichen aus einer Familie mit höchstens HS-abschluss Teilnahmequote an Weiterbildung bei Personen ohne Berufsabschluss halb so hoch wie bei Hochschulabsolventen Anteil der funktionalen Analphabeten in der erwachsenen Bevölkerung bei 14,5 % (Leo-Studie) Erwerbsquote bei Personen ohne Berufsabschluss um 30% niedriger als bei Hochschulabsolventen 18 % der über 30jährigen ohne Berufsabschluss, Personen mit Migrationshinter-grund etwa doppelt so häufig Qualifikationsspezifische Arbeitslosigkeit bei Personen ohne Berufsabschluss 9mal höher als bei Hochschulabsolventen Armutsrisiko bei Personen mit niedrigem Bildungsniveau (ISCED 0-2) bei 30 % 0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30+ Alter 4

Anteil der Schulabgänger/-innen mit Studienberechtigung an der Alterskohorte, 1950-2012: Source: Statistisches Bundesamt, until 1992 only West-Germany, from 1992 total Germany

Übergangsmöglichkeiten* für Jugendliche im Anschluss an die allgemeinbildende Schule 6

Neuzugänge in Berufsausbildung und Studium, 2000-2013 700.000 600.000 500.000 400.000 300.000 200.000 100.000 0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 StudienanfängerInnen insgesamt SchülerInnen im schulischen Berufsbildungssystem AusbildungsanfängerInnen im dualen System AnfängerInnen im Übergangssystem

Studienwahrscheinlichkeit von Studienberechtigten, 1996-2012, differenziert nach Berufsabschluss ihrer Eltern Quelle: Bildungsbericht 2014 8

Höchster beruflicher Abschluss der Eltern von Studierenden 1985-2012 Quelle: DSW/HIS-HF 20. Sozialerhebung 9

Hochschulzugang nach Bildungsherkunft 2010 (in %) Quelle: Bildungsbericht 2012 Abb. F1-4A (für Präsentation leicht angepasst) 10

Vielfalt beruflich Qualifizierter im Studium (1) Zu unterscheiden sind zwei Grundtypen: Typ I: Schulabschluss mit Studienberechtigung Berufsausbildung, Erwerbstätigkeit Studium Typ II: Schulabschluss (ohne Studienberechtigung) Berufsausbildung Erwerbstätigkeit Weiterbildung Erwerb der Studienberechtigung (schulisch oder alternativ) Studium (2) Weitaus größte Gruppe sind Studierende nach Typ I (3) Typ II ist zu unterscheiden nach schulrechtlichen und hochschulrechtlichen Regelungen schulrechtlich: z. B. Einrichtungen des Zweiten Bildungswegs hochschulrechtlich: Dritter Bildungsweg (= nicht-traditionell) (4) Mischtypen (z.b. doppeltqualifizierende Bildungsgänge) 11

Anteil in % Anteil nicht-traditioneller Studienanfänger an allen Studienanfängern, 1993 bis 2013 3,6 3,2 2,8 2,4 2,0 1,6 1,2 0,8 0,4 0,0 3,0 3,1 2,7 2,8 2,1 2,6 2,7 2,3 2,1 1,5 1,1 1,1 1,1 0,9 0,9 1,0 1,0 0,4 0,6 0,5 0,6 0,8 0,7 0,6 0,8 0,7 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 Jahr Anteil NTS Anteil NTS erweitert 13

Neue bildungspolitische Ansätze zur Förderung der Durchlässigkeit: Silent Revolution? (1) BMBF-Wettbewerb Offene Hochschule/ Aufstieg durch Bildung: 2011 ff. (erste Förderrunde), 2014 ff. (zweite Förderrunde) (2) KMK-Vereinbarung 2009: Neuregelung des Hochschulzugangs für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Studienberechtigung (3) Zahlreiche Programme und Maßnahmen auf Länderebene zur Öffnung des Hochschulzugangs, auch schon vor 2009 (4) BMBF-Programm Aufstiegsstipendien (seit 2008) (5) ANKOM-Projektverbünde I bis III 2006 ff. (6) KMK 2009: Neufassung der Anrechnungsvereinbarung von 2002 (7) Errichtung zahlreicher Privathochschulen in den letzten 10 n, die sich auf das Studium neben dem Beruf spezialisieren (8) Ritterschlag durch WR-Empfehlung zur Gestaltung des Verhältnisses von beruflicher und akademischer Bildung (2014) 14

Deutsche Studienanfängerinnen und -anfänger an Universitäten und Fachhochschulen im Studienjahr 2012 nach Art der Studienberechtigung (in %) Quelle: Eigene Darstellung, Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Hochschulstatistik 2013

Institutionelle Strukturen der Partizipation nichttraditioneller Studierender (1) Fernhochschulen: 36 % aller NT-Studienanfänger/-innen haben sich in Fernstudiengängen eingeschrieben, 2/3 davon an der FernUniversität Hagen. (2) Private Anbieter: 23 % aller NT-Studienanfänger/-innen sind an privaten Hochschulen eingeschrieben. (3) Fachhochschulen: 48 % aller NT-Studienanfänger/-innen sind an FH eingeschrieben. (4) Länder: Es dominieren Hamburg u. NRW aber nur dank Fernhochschulen. Ohne FH Meck-Pomm., HH u. Berlin (5) Kein systematischer Zusammenhang zwischen Erleichterung des Hochschulzugangs nach 2009 und Teilnahmefrequenz 16

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Andrae.Wolter@hu-berlin.de 17