Todesursache Schizophrenie?

Ähnliche Dokumente
Behandlung der arteriellen Hypertonie - Wie lautet der Zielwert 2016?

Menschenrechte in der medikamentösen Therapie Umgang mit Psychopharmaka Wirkungen und Nebenwirkungen Indikationen hier: Neuroleptika

Medikamentöse Therapie: Evidenz versus Wunsch und Erleben?

Vaskulitis Priv.-Doz. Dr. med. Eva Reinhold-Keller. Internistisch-Rheumatologische Gemeinschaftspraxis Hamburg & Klinikum Bad Bramstedt

Psychopharmaka bei schweren psychischen Erkrankungen: Evidenz oder Übermaß?

Hereditäre Pankreatitis - mit welchen Komplikationen muß der Patient im Verlauf seiner Erkrankung rechnen?

Prävention durch Bewegung

Statine bei Dialysepatienten: Gibt es

Was ist Neu in der Kardiologie?

Therapie der Herzinsuffizienz S. Achenbach, Medizinische Klinik 2, Universitätsklinikum Erlangen

3. Prophylaxe-Seminar des KNS. Walter Zidek. Differentialindikation von Antihypertensiva. W. Zidek. Med. Klinik IV

Langzeitverläufe der Schizophrenie

Herzinsuffizienz wie kann das Pumpversagen vermieden (und behandelt) werden?

Lebensstilfaktoren und das Risiko

Stellenwert der Neuroleptika in der Behandlung der Schizophrenie Prof. Jürgen Gallinat

Der Körper ist krank, und die Seele?

Auswirkungen der Feinstaubbelastung auf Mortalität und Lebenserwartung

Unverändert höheres Risikoprofil von Frauen in der Sekundärprävention der KHK Sechs-Jahres-Verlauf an Patienten

Der Akute Herzinfarkt. R. Urbien, Arzt in Weiterbildung, Medizinische Klinik II, Katholisches Klinikum Essen, Philippusstift

Die Behandlung des Tourette-Syndroms mit Aripiprazol

ICD nach Reanimation. ICD nach Reanimation. Peter Ammann

Adipositas, Diabetes und Schlaganfall Prof. Dr. Joachim Spranger

Stellungnahme der Arbeitsgruppe Biologische Psychiatrie der Bundesdirektorenkonferenz zur Arbeit Mortalität durch Neuroleptika von V.

Depression im Alter. Dr. med. Ch. Alber Dr. med. M. Hafner

pkn Tagung Psychotherapeutische Behandlung schizophren erkrankter Patienten

Intensivkurs Pneumologie 17. Juni 2016 Bonn Lungenembolie - Praktisches Assessment, Guidelines, Therapien

COPD - Outcome IPS Symposium St. Gallen, 12. Januar 2016

Rehaklinik Heidelberg-Königstuhl

Antikoagulation bei erhöhtem gastro-intestinalem Blutungsrisiko

Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin

Seroquel Prolong ermöglicht kontinuierliche Therapie über alle Phasen

Statine an HD SHARP ist da! Christoph Wanner Würzburg

Sucht im Alter: Epidemiologie, Therapie und Versorgung

Forensische Psychiatrie und Demenz: Zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Osteoporose, Spondylarthropathien

LONG QT SYNDROM IM KINDESALTER " Wer hat s, was macht s, was ist zu tun? " H.E. Ulmer

Herzinfarkt, Geschlecht und Diabetes mellitus

Plötzlicher Herztod Typische Ursachen und Kolibris. Christopher Piorkowski

Diagnostik und Behandlung des Morbus Crohn nach SONIC. PD Dr. med. Andreas Lügering Medizinische Klinik B Universitätsklinikum Münster

Depression als Risikofaktor für Adipositas und Kachexie

Suizid: aktueller Forschungsstand

Körperliche Aktivität bei Krebserkrankungen

Neuroleptika und Abhängigkeit. Volkmar Aderhold Hamburg Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald

Was sagen uns Odds Ratio oder Risk Ratio in medizinischen Studien?

Postinfarkttherapie: Welche Medikamente? Wann ist ein ICD nach den aktuellen Leitlinien indiziert?

Kommentar zum Vortrag von Jürgen Gallinat am in der

Kontroversen und neue Daten zur medikamentösen Therapie des Typ 2-Diabetes U. Brödl

Dem Stress vorbeugen, mit Stress umgehen

Seminar: Schizophrenie: Intervention. Dr. V. Roder, FS Psychoedukation. Nadine Wolfisberg

Vorlesung Psychiatrie WS 2011/2012 Schizophrenie I Symptomatik, Epidemiologie

Einsatzabbruch des NAH: Konsequenzen für den Patienten

Medikamentöse Therapie: Was brauche ich wirklich?

Krankheitsbild und Epidemiologie des akuten Koronarsyndroms

Moderne Therapie der Herzinsuffizienz und Asthma/COPD zwei unvereinbare Entitäten. Stefan Hammerschmidt Klinikum Chemnitz ggmbh

Dr. Christoph Mattern Bezirksklinikum Obermain Ebensfeld Suizidrisiken bei Menschen mit Migrationshintergrund

Eine Klinik der LVA Rheinprovinz

Sport bei Herzerkrankungen: additiv oder alternativ zu Medikamenten?

Delir akuter Verwirrtheitszustand acute mental confusion

Ich habe Vorhofflimmern! Was nun?

Auszug: Was bedeutet Thrombose?

Neue Studie beim Europäischen Kardiologenkongress in München über Herz-Patienten mit Angststörung und Depression

Die Ludwigshafener Herzinfarktregister und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Leitlinien

Mortalität und Neuroleptika Alternative Wege zur traditionellen Psychiatrie

ADHS und Persönlichkeitsentwicklung

DEPRESSIVER STÖRUNGEN BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN

Was ist normal? ao.univ.prof.dr. Michael Krebs

Prädiktoren der Medikamenten-Adhärenz bei Patienten mit depressiven Störungen

Niereninsuffizienz als kardiovaskulärer Risikofaktor

Patientenkarrieren zwischen Allgemeinpsychiatrie und Forensik

Hormon-Substitution und vaskuläres Risiko

Welcher PD-Patient sollte lipidsenkend behandelt werden?

Leuphana Universität Lüneburg. Verordnungspraxis von Antidepressiva bei älteren und jüngeren Patienten Eine Routinedatenauswertung

Wege aus der Abhängigkeit

Demenz Strategien für eine gemeinsame Versorgung

Screening-Untersuchungen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Statistiker. Fazit. XX. Februar 2015

IGV Sport als Therapie

Diabetes mellitus und kardiovaskuläres Risiko: Welches ist die optimale Therapie?

Omega-3-Fettsäuren. aus biochemischer und medizinischer Sicht 4. ERNÄHRUNGSSYMPOSIUM 28. APRIL 2016

EKG Bradykardie AV Blockierungen

COPD: Rehabilitation und disease management

Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.v. DGSP-

Kognitive Defizite bei der bipolaren Störung

Das Berliner Herzinfarktregister Symposium am Übersicht

Alles ADHS? Ursachen, Symptome, Diagnose, Therapie

Pharmakologische Behandlung von psychotischen Symptomen und Delirien im Alter

Objektive Forschung der Pharmaindustrie ist nicht möglich

Suizidalität in den Streitkräften

Marcumar bei VHF und Dialysepflichtigkeit. - Contra - Jürgen Floege. Nephrologie & klinische Immunologie

Intervention bei Angehörigen von Personen mit chronischer Alkoholabhängigkeit: Der CRAFT-Ansatz

Neue Zielwerte in der Therapie der Hypertonie

Mittwoch, 14 bis 18 Uhr: für Praxispersonal Lehrverhaltenstraining. Donnerstag, 9 bis 17 Uhr: für Praxispersonal Lehrverhaltenstraining

Inhalt der Präsentation. Ausgangsüberlegungen zum Konzept des Berichtes. Inhalte des Gesundheitsberichts. Nationale Gesundheitsberichte

Neue Wege zur Reduktion der Antibiotikaverordnung bei Atemwegsinfektionen.

Herzinsuffizienz. Versorgungsformen im Wettbewerb. IGES-Kongress 10/2007 Innovationen im Wettbewerb

Referenz Studientyp Teilnehmer Intervention Kontrolle Zielgröße(n) Hauptergebnis Bemerkung insgesamt

Transkript:

Todesursache Schizophrenie? Klinik für Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf J. Gallinat

Lebenserwartung Klinik und Poliklinik für

Männer und Frauen gleich betroffen SMR steigt über die letzten 3 Dekaden an (p=0.03) Probleme: - welchen Effekt hat die Medikation, - tatsächliche Todesursachen Saha et al. 2007, Arch Gen Psychiatry

Lebenserwartung Klinik und Poliklinik für

Schizophrenie- Mortalität und Komorbidität Klinik und Poliklinik für Vor der Ära der Neuroleptika war die Mortalität schizophrener Patienten gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht 1925-1929 fünfach (Walz; Dissertation 1991 Zürich; n=3.700) 1924-1936 drei- bis fünffach (Skandinavische Studien; n=>30.000) Nach 1957 ca. 1,5 bis dreifach (12 Studien in der Neuroleptikaära) In der Ära der Neuroleptika Mortalität unter Placebo höher als unter Typika und Atypika (Khan et al. 2007; FDA- Datenbank Analyse 1982-2002) Suizidrate seit Einführung der NL unverändert aber nach Atypika reduziert (Baldessarini et al. 2003)

Plötzlicher Herztod Klinik und Poliklinik für Verlängertes QTc- Intervall Polymorphe Kammertachyarrhythmie, Typ Torsades de Pointes ( Umkehr der Spitzen ), potenziell lebensbedrohlich Grenzwert ca. 440 ms mittlerweile Männer=Frauen bei >500ms absetzen! Schwindel, Palpitationen, Synkopen Plötzlicher Herztod (Sekundentod), sudden death

Ray et al. 2009, NEJM

Ray et al. 2009, NEJM

Mortalität unter Neuroleptika

Mortalität unter Neuroleptika Klinik und Poliklinik für Einschluss aller Pat. Finnlands mit Schizophrenie und SAP 1973-2004 Beginn der Verlaufsuntersuchung 1996 (da erst ab hier Daten zur Verschreibungspraxis verfügbar) bis 2007 (11 Jahre) 18.914 (ambulant) unmedizierte Patienten (0,4 Jahre stationär) 47.967 (ambulant) medizierte Patienten (0,3 Jahre stationär) Verlinkung von National Hospital Discharge Register (alle stationär Behandelten) Statistics Finland (Aufzeichnung aller Todesfälle und -ursachen) Social Insurance Institution of Finland (Erfassung aller erstatteten Rezepte; Ausgabedatum und Dosis)

Mortalität unter Neuroleptika Gesamttodesfallrisiko: Periode mit NL vs. Periode ohne NL (alle) HR 0,68 Klinik und Poliklinik für Risiko alle Todesursachen (Monotherapie) adjustiert auf Todesfälle unter Perphenazin Tiihonen et al. 2013

Monotherapie; adjustiert auf Todesfälle unter Perphenazin Mortalität unter Neuroleptika Gesamttodesfallrisiko: Periode mit NL vs. Periode ohne NL (alle) HR 0,68 Klinik und Poliklinik für Suizid Herzinfarkt

Relatives Todesrisiko im Verlauf Clozapin Olanzapin

Todesfallrisiko: Lanzeitbehandlung mit NL besser als Nichtbehandlung NL Geringes Todesfallrisiko unter Clozapin Intensiveres Monitoring? eher nein laut Meltzer et al. 2003 Gute Adhärenz (Tiihonen et al. 2006) à gesunder Lebensstil? Möglicherweise 11 Jahre Verlaufsbeobachtung zu kurz für kardiovaskuläre Todesfälle

Kritik Keine Daten zu: Gesundheitsverhalten, Gesundheitszustand, Lebensqualität, Verheiratet, Ükonomische und Lebensstilfaktoren, Substanzmißbrauch, Rauchen, Psychotherapie, Kurzer Beobachtungszeitraum; unterschiedlicher Rekrutierungszeiträume (Problem für Medikamentenanamnese) Gruppen unterscheiden sich in Alter und anderen Variablen Tod im Krankenhaus ausgenommen (allerdings nur bei akuten, nicht bei kumulativem Effekt)

Clozapin und Suizidalität Untersuchung der Todesursache bei 67.072 Personen (10-54 J.; 85.399 Personenjahre) die aktuell oder früher Clozapin einnahmen (national registry of clozapine recipients to the National Death Index u.a.; Berechnung der Sterberaten kontrolliert für Alter, Geschlecht und Ethnizität 1991-1993) 396 Todesfälle; Mortalität unter Clozapin Niedriger für Suizide RR(rate ratio )=0,17; 95% CI=0,10-0.30 Höher für untypische Todesursachen (Lungenembolie RR=5,2 und Atemwegserkrankungen RR=2,9) Insgesamt erniedrigte Mortalität (6-fach) Walker et al. 1997

Zusammenfassung Verminderte Lebenserwartung bei Schizophrenie, Ursachen: Kardiovaskulär Malignome Suizid Selten plötzlicher Herztod, Agranulozytose, Myokarditis, psychosoziale und krankheitseigene Faktoren? Rolle der NL: Vermehrung kardiovaskulärer Risikofaktoren (Substanzabhängig!) Verminderte Suizidrate unter Clozapin plötzlicher Herztod unter Typika und Atypika (weitere Medikamente)