Fairness eines Tests oder Rasenmäherprinzip?

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Transkript:

Fairness eines Tests oder Rasenmäherprinzip?

Fairness eines Tests Def. Ausmass einer eventuell bestehenden systematischen Diskriminierung bestimmter Testpersonen, z. B. aufgrund ihrer ethnischen, soziokulturellen oder geschlechtsspezifischen Gruppenzugehörigkeit, bei der Abschätzung von Kriteriumswerten (Amelang & Schmidt, 2006, 137) Fairness bei Intelligenztests: Kultur-faire Tests, sprachfreie Tests, Kriteriums-valide und -spezifische Tests (Bewegungskoordination bei motorischen Störungen...)

Kritik an den verteilungsorientierten Tests Intelligenz wird als statisches Persönlichkeitsmerkmal verstanden Leistung orientiert sich am Gruppenvergleich Resultatorientiertheit, keine Prozessorientierung Decken die Denkentwicklung nicht ab

Messen möglicherweise auf versch. Altersstufen versch. Fähigkeiten Geben keine Hinweise auf Prozesse Faktorenanalytische Modelle stehen im Vordergrund nicht die Inhaltsvalidität Bilden sehr stark schulische Fähigkeiten ab Vorhersagekraft der IQ / Prim-schulerfolg:.50 bis.60; IQ / College:.40 -.50; IQ /Graduate School:.30-.40; IQ / Ausbildungserfolg:.35 -.50 und IQ / Berufserfolg:.15 -.30

Entwicklungstheorie der Intelligenz Jean Piaget Inhalte und Strukturen verändern sich im Laufe der Entwicklung Die Funktionen (Organisation, Adaption mit Akkomodation und Assimilation) verändern sich nicht

Weitere Entwicklungslinien Kulturspezifische Untersuchungen zur Intelligenz Geschlechtsspezifische Untersuchungen zur Intelligenz Biologische und neuro-hormonale Strukturen bzw. Funktionen, deren Bedeutung für die Hervorbringung von Intelligenz werden erforscht Intelligenz als neuronale Effizienz.

Intelligenzförderung (Krapp/Weidenmann, 2006:, 238ff 240ff, 251

Intelligenz Bildungsbezug nach Schweizer, 2006 Bildungsbezug von Intelligenz ist ein wichtiges Merkmal und zugleich ein Problem Es gibt positive Korrelationen zwischen Intelligenz und Schulleistung Ceci (1996): Bildung führt zu einer Kristallisierung eines Potenzials, das zunächst nur latent vorhanden ist Potenzial gehört zur kognitiven Ausstattung, kann sich aber ohne entsprechende Stimulation nicht entfalten Intelligenz ist ein Epiphänomen von Bildung Nachteil besteht darin, dass Intelligenzmessungen gewöhnlich mit Auswirkungen von Bildung konfundiert sind Entwicklung von kulturfreien Intelligenztests

Intelligenztests nach Amelang & Schmidt-Atzert (2006) (546 Krapp hinzu) Sind vermutlich die erfolgreichsten Verfahren in der psychologischen Diagnostik erlauben in zentralen Lebensbereichen gute Vorhersagen und liefern relativ zeitstabile Kennwerte Bölte et al. (2000) befragten Psychologen in ambulanten und stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen: 74% geben an immer Intelligenztest anzuwenden, die restlichen 26% wenden sie oft an an 1. Stelle kommt der HAWIK-R (97%), an 2. Stelle das K-ABC (85%) zum Einsatz

Intelligenztests wichtige Merkmale zur Einordnung nach Amelang & Schmidt-Atzert (2006) Messintention: Allgemeine Intelligenz (g) oder eine bestimmte Intelligenzkomponente Ein Globalmass oder Intelligenzstruktur bzw. mehrere Komponenten Intelligenz sprachfrei/kulturfrei oder bildungsabhängig messen Durchführungsbedingungen: Einzel- oder Gruppentestung Speed- oder Powertest Papier- und Bleistifttest oder Computertest Dauer der Testdurchführung Zielgruppe: Bestimmter Altersbereich Bestimmter Intelligenzbereich Gesamtbevölkerung oder spezielle Personengruppe

K-ABC nach Amelang & Schmidt-Atzert (2006) Kaufmann-Assessment Battery for Children 16 Untertests, von denen in Abhängigkeit von Alter nur maximal 13 eingesetzt werden Kann bereits im Vorschulalter eingesetzt werden (2,5 12,5 Jahre)

Gardners multiple Intelligenzen (1983, 2003) aus: Schweizer, 2006 Gardner postulierte 7 (angeblich) voneinander unabhängige Intelligenzen: Sprachliche I., logisch-mathematische I., räumliche I., musikalische I., körperlichkinästhetische I., interpresonale I., intrapersonale I. (noch hinzu gekommen: naturalistische I. & existentielle I.)

Kritik an Gardners Multiplen-Intelligenzen Konstruktvalidität: Wenn jede Fähigkeit als Intelligenz bezeichnet wird, ist das Konstrukt I nicht mehr definierbar (Patry-Intelligenz?!) Die MI sind empirisch nicht überprüft worden und sind nicht überprüfbar Die MI decken wichtige Fähigkeiten ab, die entwickelbar und förderbar sind

Die Bedeutung von Intelligenztests Eignen sich für die Einschätzung des grundlegenden kognitiven Potentials Das kognitive Grundpotential ist notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von verschiedenen Fähigkeiten Intelligenzabklärung wird für die Definition der Sonderbeschulung verlangt Intelligenzabklärung wird für die Definition von Hochbegabung eingesetzt

Intelligenz im Gesamt der diagnostischen Verfahren sehen Leistungstests: Intelligenztests Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests Spezielle Fähigkeitstests Entwicklungstests (Lerntests) Schultests: fachspezifische; Übertrittstests Persönlichkeitsfragebogen Erfassung von Interessen, Motivation Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen wie Neurotizismus; Ängstlichkeit

Projektive Verfahren: Zulliger, Rorschach Verhaltensbeobachtung Diagnostisches Interview Gruppendiagnostik und Interaktionsdiagnostik

Grundsatz für die Praxis Diagnostische Verfahren dienen einer objektiven Einschätzung von Fähigkeiten und des Entwicklungsstandes. Oft müssen Teilleistungsfähikeiten erfasst werden, um ressourcenorientiert fördern zu können und um Fortschritte zu erkennen und beschreiben zu können. Diagnostische Verfahren nicht zum Selbstzweck und aus Neugierde einsetzen, sondern um das Förderpotenzial zu erkennen.

Literaturhinweise Klauer, J.K., (2001). Intelligenz und Begabung. In Rost, D. H. (Hrsg). Handwörterbuch der Pädagogischen Psychologie. 2. Aufl. Beltz PVU. Krapp & Weidenmann (Hrsg.).2001. Pädagogische Psychologie: Kp. 2.4.4; 4.4: 6.4 Ausgabe 2006 5. Aufl. Kp. 2.4.2; 2.4.3; 6.4.1 Kail, R & Pellegrino, J. W.1985. Menschliche Intelligenz. Heidelberg: Spektrum