SAKAM Seminar 24.02.2016 Allgemeine Aspekte chronischer Krankheiten A. C. Sönnichsen Institut für Allgemein- und Familienmedizin Universität Witten/Herdecke
Was heißt eigentlich chronisch krank? Chronisch krank ist, wer unter dauerhaften oder wiederkehrenden Beschwerden, Behinderungen oder Einschränkungen des Wohlbefindens leidet Chronische Krankheit ist ein Zustand, der mit dauerhaften oder wiederkehrenden Beschwerden, Behinderungen oder Einschränkungen des Wohlbefindens oder mit einem hohen Risiko für Beschwerden, Behinderungen oder Einschränkungen des Wohlbefindens verbunden ist.
Was heißt eigentlich chronisch krank? Krankheitsrisiko (risk) Kranksein (illness) Krankheit (disease)
Was heißt eigentlich normal? Systolischer Blutdruck der 50-70jährigen Normalbereich 100-185 mmhg, Median 145 mmhg
Prävalenz der Hypertonie 70 60 50 40 30 20 10 0 16-29 2,3 6,2 30-44 11,5 16,3 45-59 35,9 42,6 60-74 60,8 61,5 >=75 68,2 63,7 Alter in Jahren weiblich männlich Sharma et al., J Hypertens 2004; 22: 479
Einteilung chronischer Krankheiten Symptomatische chronische Krankheiten - mit reduzierter Lebenserwartung - mit normaler Lebenserwartung Asymptomatische chronische Krankheiten - Risikofaktor - Frühformen - latente Erkrankungen
Lebenserwartung und behinderungsfreie Lebenserwartung
Alterung und Zunahme chronisch Kranker 25 20 15 10 % > 65 J. % chronisch Kranke > 65 J. 5 0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007
Prävalenz chronischer Erkrankungen in der Bevölkerung 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 Skeletterkr. COPD Osteoporose Depression KHK Diabetes Herzinsuffizienz Demenz Asthma Adipositas Hypertonie Hyperlipidämie mind. 1 Erkrank. % der Bevölkerung Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2012
Die 10 häufigsten chronischen Erkrankungen in der hausärztlichen Ordination Hypertonie Adipornitas KHK Muskuloskelettale Erkankungen Atemwegserkrankungen (Asthma, COPD) Chronische Dermatosen Diabetes mellitus Typ 2 Allergische Rhinitis Hypernippelämie Chronische gastrointestinale Erkrankungen
Konfrontation mit Diagnose und Krankheit Patient Verleugnung Bekämpfung Krankheit als neuer Lebensmittelpunkt (Schicksal, Strafe) Anpassung (Coping) Resignation Arzt Herunterspielen Bekämpfung Krankheit und nicht Patient im Zentrum der Behandlung Angemessene Begleitung Resignation
Reaktionen auf chronische Krankheit Identitätswandel Anpassung (an Einschränkungen) Entwicklung von Krankheitskonzepten Angst Sekundärer Krankheitsgewinn Somatisierung psychischer Erkrankung Compliance/Non-Compliance Handeln (mit Gott, Arzt, Umfeld)
Hausärztliche Aufgaben und Strategien Sicherstellung einer patientenorientierten optimalen Versorgung (Disease/Case Management, evidenzbasierte Therapie) Schutz vor Überversorgung Ehrliche Aufklärung und Information Shared Decision Making (Partizipative Entscheidungsfindung) Hoffnung geben, aber nicht unehrlich verharmlosen Einbeziehung von Angehörigen in Absprache mit dem Patienten
Gefahren Patient Krankheit als neuer Lebensmittelpunkt (Schicksal, Strafe) Arzt Krankheitszentrierte statt patientenzentrierte Behandlung Sekundärer Krankheitsgewinn Resignation Verleugnung Labeling, Disease Mongering Resignation Verharmlosung Falsche Prognoseeinschätzung
Problem 1: Unterversorgung % Statintherapie nach kardiovaskulärem Ereignis 60 50 40 30 20 Frauen Männer 10 0 vor GU nach GU 6 Mon. n. GU Sönnichsen et al., ZfA 2006; 82: 431
Problem 1: Unterversorgung Adäquate Diabetestherapie in Abhängigkeit vom kardiovaskulären Gesamtrisiko 35 30 25 20 15 10 5 0 % risk < 5% 3,7 3,9 4,5 1,2 0,2 risk 5-10% risk 11-15% 3 24,5 risk > 15% 13,2 32,7 sec. prev. 21,2 prevalence treatment
Problem 2: Überversorgung 53jährige Patientin ohne Beschwerden Cholesterin 275 mg/dl (LDL ca. 210 mg/dl) HDL-Cholesterin 45 mg/dl RR 155/90 mmhg Nichtraucherin Kein Diabetes mellitus Negative Familienanamnese Normalgewicht (BMI 24,8 kg/m²) Kardiovaskuläres Risiko: 4% in 10 Jahren
5 4 3 2 1 0 1,3 Primärprävention der KHK: 5-Jahres-Mortalität in % 1,6 Pravastatin n = 3302 West of Scotland-Studie 3,2 1,9 2,3 Placebo n = 3293 4,1 Koronarmortalität kardiovaskuläre Mortalität Gesamtmortalität Absolute Risikoreduktion: 0,9 % (Gesamtmortalität) Relative Risikoreduktion: 22 % (Gesamtmortalität) Das heißt: mit einem Statin senken wir das Risiko dieser Patientin von 4% auf 3% N Engl J Med 333 (1995):1301-1307
Nicht indizierte Statintherapie vor und nach Gesundenuntersuchung % Problem 2: Überversorgung 3 2,5 2 1,5 1 Frauen n=329 Männer n=270 0,5 0 vor GU nach GU 6 Mon. n. GU Sönnichsen et al., ZfA 2006; 82: 431