Informationsökonomik



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Transkript:

Informationsökonomik Vorlesung zur Volkswirtschaftstheorie Prof. Dr. Isabel Schnabel Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, inbs. Mikroökonomie Johannes Gutenberg-Universität Mainz Wintersemester 2007/2008 Montags, 11.45-14.15 Uhr, Hs 16 22. Oktober 2007 1/25

Gegenstand der Vorlesung Organisation der Veranstaltung I. Einführung II. Gütermärkte mit unvollständiger Qualitätsinformation 2/25

Gegenstand der Vorlesung Einführung in die Informationsökonomik und Vertragstheorie Ausgangspunkt: Viele ökonomische Beziehungen sind durch eine asymmetrische Informationsverteilung gekennzeichnet Aber: Die Neoklassische Theorie vernachlässigt die Probleme einer asymmetrischen Informationsverteilung Implizite Annahme: Wenn die Informationsprobleme gering sind, ist auch die Abweichung vom neoklassischen Ergebnis gering Diese Schlussfolgerung erwies sich als falsch! 4/25

Gegenstand der Vorlesung Wichtige Erkenntnis: Viele Ergebnisse der Neoklassischen Theorie lassen sich bei Vorliegen einer asymmetrischen Informationsverteilung nicht aufrecht erhalten Dies revolutionierte die Wirtschaftstheorie George Akerlof, Michael Spence und Joseph Stiglitz wurden hierfür im Jahre 2001 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet Informationsökonomik ist auch die Grundlage für die Theorie des Mechanism Design (diesjähriger Nobelpreis an Leonid Hurwicz, Eric Maskin und Roger Myerson) Heute ist die Informationsökonomik aus der modernen Wirtschaftstheorie nicht mehr wegzudenken 5/25

Anwendung der Informationsökonomik Sehr viele Märkte sind durch Informationsasymmetrien gekennzeichnet, d. h., eine Vertragspartei verfügt über eine Information, über die die andere Vertragspartei nicht verfügt Märkte mit großen Informationsasymmetrien: Gütermärkte mit unvollständiger Qualitätsinformation (z. B. Gebrauchtwagenmärkte) Arbeitsmärkte Versicherungsmärkte Kreditmärkte... Informationsökonomik ist von großer praktischer Relevanz (auch aus betriebswirtschaftlicher Perspektive!) und erklärt viele Probleme, die wir aus dem Alltag kennen 6/25

Organisation der Veranstaltung Wöchentlich dreistündige Vorlesung Im Anschluss an jedes Vorlesungskapitel: Übungsaufgaben Vorlesung richtet sich an Studierende des Hauptstudiums im Kernfach Volkswirtschaftstheorie Vorkenntnisse: Mikroökonomik, Mathematik, Statistik (auf dem Niveau des Grundstudiums), Kenntnisse in Spieltheorie sind hilfreich Aktive Mitarbeit in der Vorlesung erwünscht! 8/25

Organisation der Veranstaltung Homepage der Veranstaltung: http://www.wirtschaftstheorie.vwl.uni-mainz.de/168.php Unterrichtsmaterialien (Folien, zusätzliche Literatur etc.) werden auf der Homepage bereitgestellt Login: studentschnabel, Password: wird angekündigt Kontakt zur Dozentin: Dozentin steht in der Pause und im Anschluss an die Vorlesung für Fragen zur Verfügung Fragestunde vor der Klausur Kritik an der Vorlesung: Jederzeit! Email: isabel.schnabel@uni-mainz.de Möglichst keine inhaltlichen Fragen per Email Kurzfristige Ankündigungen zur Vorlesung erfolgen über das Newsboard des Lehrstuhls (bitte eintragen) Fragen zur Organisation? 9/25

Literatur Skript: Vorlesungsnotizen zur Informationsökonomie von Helmut Bester (FU Berlin) In deutscher Sprache Relativ formal Struktur orientiert sich an Anwendungsproblemen (Märkten) Skript steht auf der Homepage zum Download zur Verfügung Bitte beachten Sie, dass dieses Skript dem Copyright von Herrn Bester unterliegt! Zusätzlich: Einzelne Aufsätze aus der Fachliteratur (werden auf der Homepage bereitgestellt) 10 / 25

Klausur Am Ende des Semesters findet eine anderthalbstündige Klausur statt Inhalt der Klausur Konzeptionelle Fragen zu den besprochenen Modellen Rechenaufgaben (orientieren sich an den Übungsaufgaben) 11 / 25

Ein paar Fragen zur Motivation Warum verlieren Neuwagen so schnell an Wert? Warum könnte ein Universitätsstudium selbst dann sinnvoll sein, wenn man im Studium nichts lernt? Warum werden Löhne oberhalb des gleichgewichtigen Lohns gezahlt, obwohl hierdurch unfreiwillige Arbeitslosigkeit entsteht? Warum bieten Versicherungen verschiedene Arten von Versicherungsverträgen an (z. B. mit und ohne Selbstbeteiligung)? Warum geben Banken manchmal keinen Kredit, selbst wenn die Unternehmen bereit sind, höherezinsenzubezahlenals den Gleichgewichtszins? 13 / 25

Arten asymmetrischer Information Eine asymmetrische Informationsverteilung liegt immer dann vor, wenn eine Vertragspartei über ein entscheidungsrelevantes Element des Vertrages besser informiert ist als die andere Seite Arten von Informationsasymmetrien: 1. Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses: Qualitätsunsicherheit (hidden characteristics) Adverse Selektion 2. Nach dem Vertragsabschluss (Prinzipal-Agenten-Theorie): a Verhaltensunsicherheit (hidden action) Moralisches Risiko (moral hazard) b Neue Information nach Vertragsabschluss (hidden information) Beachte: Klassifizierung ist in verschiedenen Literaturquellen nicht einheitlich (beispielsweise wird der Begriff hidden information zum Teil auch an Stelle von hidden characteristics verwendet) 14 / 25

(1) Qualitätsunsicherheit (hidden characteristics) Bei vielen Gütern lässt sich die Qualität durch einen Außenstehenden nur schlecht beurteilen Beispiele: Gebrauchtwagen, Arbeitnehmer, Versicherungsnehmer, Kreditnehmer Problem: Why should I want to buy the horse that you want to sell? Uninformierte Seite kennt nur die durchschnittliche Qualität und ist daher auch nur bereit, einen durchschnittlichen Preis zu bezahlen Zu diesem Preis sind Verkäufer überdurchschnittlicher Qualität ggf. nicht mehr bereit, das Gut zu verkaufen (sog. adverse Selektion) Folge: Märkte führen nicht mehr zum effizienten Ergebnis oder brechen sogar vollständig zusammen 15 / 25

Lösungen des Problems der adversen Selektion 2Möglichkeiten: 1. Signalisieren (signaling): Die informierte Seite sendet ein Signal, indem sie eine beobachtbare Handlung durchführt (z. B. Ausbildung als Signal hoher Produktivität) 2. Sortieren (screening): Die uninformierte Seite entwickelt Mechanismen, mit deren Hilfe sie verschiedene Typen separiert (z. B. Angebot von Versicherungsverträgen mit und ohne Selbstbeteiligung plus Selbstselektion (self selection)) Beachte: Der Unterschied besteht darin, welche Seite die Initiative ergreift Zentrale Voraussetzung: Das Signal oder der Sortiermechanismus müssen für die unterschiedlichen Typen unterschiedlich teuer sein 16 / 25

(2) Prinzipal-Agenten-Theorie In diesem Fall ist die Information zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses symmetrisch verteilt Die Informationsasymmetrien entstehen erst nach dem Vertragsabschluss Dies wird jedoch von der nicht-informierten Seite antizipiert 2Fälle: 1. Verhaltensunsicherheit (moralisches Risiko): Die eine Seite kann eine Aktion ergreifen, die der anderen Seite schadet; diese ist von der anderen Seite nicht beobachtbar (Beispiel: Arbeitnehmer bringt keinen Einsatz bei der Arbeit) 2. Neue Information nach Vertragsabschluss: Die eine Seite erhält eine Information, die sie zu Lasten der anderen Seite ausnutzen kann (Beispiel: Manager erhält im Verlauf seiner Arbeit Information über die Profitabilität verschiedener Projekte) 17 / 25

Lösungen Im Allgemeinen gibt es auch hier zwei Lösungsmöglichkeiten: 1. Anreizkompatible Verträge: Verträge werden so geschrieben, dass die Interessen des Agenten und Prinzipals gleichgerichtet sind (Beispiel: Gewinnbeteiligung des Arbeitnehmers/ Managers) 2. Kontrolle (monitoring): Die uninformierte Seite wendet Kosten auf, um die Information der informierten Seite herauszufinden (Beispiel: Chef besucht regelmäßig das Büro seiner Mitarbeiter) 18 / 25

Kosten der asymmetrischen Information Durch die asymmetrische Information entstehen häufig Kosten, die die Wohlfahrt schmälern 1. Teure Signale (z. B. Ausbildung) 2. Teure Sortiermechanismen (z. B. Selbstbeteiligung) 3. Kontrollkosten (z. B. Kreditüberwachung) 4. Differenz zwischen First-best- und Second-best-Lösung (bei anreizkompatiblen Verträgen) Diese Kosten werden keineswegs immer von der uninformierten Seite getragen, sondern betreffen im Allgemeinen beide Seiten (Beispiel: Vorteilhafter Handel kommt aufgrund adverser Selektion nicht zustande), Kostenverteilung ist abhängig von der Verteilung der Marktmacht 19 / 25

Abweichungen von der Neoklassischen Theorie Ergebnis 1 (= zentrales Ergebnis der Neoklassischen Theorie): Erster Hauptsatz der Wohlfahrtstheorie Wettbewerbsmärkte sind paretoeffizient Wichtige Voraussetzung für dieses Ergebnis: Symmetrische Informationsverteilung Bei asymmetrischer Information stimmt dies häufig nicht! Vorteilhafter Handel kommt häufig nicht zustande, keine effiziente Risikoteilung etc. 20 / 25

Abweichungen von der Neoklassischen Theorie Ergebnis 2: Markträumung Asymmetrische Informationsverteilung führt häufig zu Rationierungsphänomenen, d.h.,märktesindhäufig nicht geräumt Preisanpassungen zum markträumenden Preis finden nicht statt, weil diese Preisanpassungen mit Qualitätsänderungen verbunden wären Beispiel: Zahlung von Effizienzlöhnen, um den Arbeitseinsatz zu erhöhen, führt gleichzeitig zu unfreiwilliger Arbeitslosigkeit 21 / 25

Abweichungen von der Neoklassischen Theorie Ergebnis 3: Irrelevanz von Institutionen Viele Institutionen lassen sich im Rahmen der Neoklassischen Theorie nicht erklären Beispiel: Modigliani-Miller-Theorem: Die Kapitalstruktur eines Unternehmens (Eigenkapital vs. Fremdkapital) ist irrelevant Hieraus folgt auch, dass Finanzinstitutionen wie z. B. Banken irrelevant sind Bei asymmetrischer Informationsverteilung führen verschiedene Finanzierungsformen zu unterschiedlichen Ergebnissen (z. B. bezüglich des Anstrengungsniveaus des Unternehmers oder bezüglich seiner Risikobereitschaft) 22 / 25

Abweichungen von der Neoklassischen Theorie Zentraler Grund für diese Abweichungen von der Neoklassischen Theorie: Handlungen übermitteln Informationen Dies wird von den anderen Marktteilnehmern antizipiert und beeinflusst ihr Verhalten Beispiele: Ob jemand bereit ist, ein Gut zu einem bestimmten Preis zu verkaufen, sagt etwas aus über die Qualität des Gutes Ob eine Firma bereit ist, eine Garantie auszugeben, sagt etwas aus über die Qualität des Produktes Ob ein Versicherungsnehmer bereit ist, eine Selbstbeteiligung in Kauf zu nehmen, sagt etwas über sein Risiko aus 23 / 25

Fazit Informationsökonomik ist heute ein zentraler Bestandteil der Wirtschaftstheorie Neoklassik bleibt das zentrale Modell für Märkte ohne große Informationsprobleme (z. B. Getreide, Öl) Beachte: Ergebnisse hängen häufig stark von der genauen Modellierung ab (insb. von der Zeitstruktur) Informationsökonomik = Zweig der Mikroökonomie Aber: Wichtige Implikationen für die Makroökonomie Begründung von Arbeitslosigkeit Erklärung von Kreditrationierung (erklärt Investitionsverhalten) Verstärkung von Konjunkturzyklen 24 / 25

Programm der nächsten Woche II. Gütermärkte mit unvollständiger Qualitätsinformation (Bester, 13 22) II.1.: Das Gleichgewicht bei adverser Selektion (Akerlof, Quarterly Journal of Economics, 1970) II.2: Garantien II.3: Moralisches Risiko und Reputation 25 / 25