Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Überwachung am Arbeitsplatz als Seiteneffekt von Software

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1 Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Überwachung am Arbeitsplatz als Seiteneffekt von Software Bremen, 10. Oktober 2013

2 Nachtrag zur Vita Ich berate seit 1982 Betriebs- und Personalräte in allen Fragen von IT.

3 Was tut die Wissenschaft, um ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht zu werden? Sie bildet diejenigen fachlich aus, die solche Software entwickeln: Informatiker/innen Sie muss die Informatiker/innen auch auf ihre gesellschaftspolitische Verantwortung vorbereiten.

4 Was tut die Wissenschaft? Zwei Haltungen in der Wissenschaft: Forschertätigkeit braucht nach der gesellschaftlichen Relevanz nicht zu fragen Adolf Butenandt 1976, ehem. Präsident der Max-Planck-Gesellschaft; Forschung [kann] nicht mehr losgelöst von den Folgen ihrer Anwendung, die sich daraus für die Gesellschaft ergeben, betrachtet und betrieben werden Hans Leussink 1971, ehem. Wissenschaftsminister.

5 ... und aus der Informatik: Was tut die Wissenschaft? Aufgabe von Informatikern ist es, funktionsfähige Systeme zu entwickeln; wie sie später eingesetzt werden, entzieht sich ihrer Verantwortung Hartmut Wedekind, Universität Erlangen-Nürnberg 1987 Der Informatiker ist für alle Folgen, die sein Tun unmittelbar oder mittelbar auslöst, verantwortlich, d.h. grundsätzlich auch dafür, was andere mit den von ihm entwickelten Produkten oder von ihm erdachten Konzepten tun oder tun können Peter Schefe, Universität Hamburg 1991

6 Verantwortung Verantwortung [ist das] Aufsichnehmen der Folgen des eigenen Tuns, zu dem der Mensch als sittliche Person sich innerlich genötigt fühlt, da er sie sich selbst, seinem eigenen freien Willensentschluss zurechnen muss ([Hoffmeister 1993], S. 640). Eine Definition von Verantwortung beinhaltet mindestens folgende Komponenten: jemand ist verantwortlich (Personen etc.) für etwas (Folgen ) gegenüber einem Adressaten (Betroffene ) vor einer Instanz (Sanktions- und/oder Urteilsinstanzen ) in Bezug auf Kriterien (Normen, Werte ) im Rahmen eines bestimmten Kontextes (Verantwortungs- und/oder Handlungsbereiche )

7 Das Dilemma mit der Verantwortung Software wird meist kollektiv entwickelt; Verantwortung kann nur das Individuum übernehmen. Probleme der Zuschreibung Verantwortung für Handlungsfolgen, die nicht sicher, nur wahrscheinlich sind (Risiken) Rollenpflichten Individuelle vs. gemeinschaftliche Verantwortung, Mitverantwortung Verantwortung für kumulative Wirkungen einzelner Handlungen (Umweltprobleme) politische, soziale, ökonomische Bedingungen für die Zumutbarkeit von Verantwortung.

8 Was kann ich tun? Ex ante Verweigerung Ethische Diskurse Ex post Kennzeichnung der Zweckbestimmtheit eines Informatiksystems Darstellung der alternativen Nutzungsmöglichkeiten Verbot anderweitiger Nutzung unter Hinweis auf das Urheberrecht

9 Was tut die Wissenschaft? Ehemals zahlreiche Aktivitäten in Informatik und Gesellschaft (I&G) Anfang der 1980er Seminare zu I&G in Wien, Dortmund, Bremen Dann 9 Professuren für I&G TU Berlin ( ) Hamburg ( ) Bremen ( ) Freiburg ( ) und 2 weitere Professuren Dortmund ( ) Paderborn (1992- Humboldt-Universität Berlin ( )

10 Was tut die Wissenschaft? Daneben Fernstudium I&G, Tübingen Seminare zu I&G, Tübingen Heute: Paderborn mit neuer Denomination Hamburg mit neuer Denomination Humboldt Universität zu Berlin neue Denomination

11 Was tut die Wissenschaft? Universität Bremen Professur für I&G daneben drei Professuren Angewandte Informatik ( ), ( ), ( ) und viele einschlägige Lehrveranstaltungen Heute: Regelmäßige obligatorische vierstündige Lehrveranstaltung zum Thema Informatik und Gesellschaft

12 Niedergang von I&G Mögliche Ursachen Marginalisierung des Faches durch deren Vertreter fehlender fachwissenschaftlicher Diskurs zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Wirkungen von Informatik-Systemen (Kaufen im Internet, Soziale Netzwerke, Payback-Karten etc.)

13 Was sagt die Gesellschaft für Informatik (GI) zur Verantwortung? Ethische Leitlinien der GI Präambel I Das Mitglied II Das Mitglied in einer Führungsposition III Das Mitglied in Lehre und Forschung IV Die Gesellschaft für Informatik Erläuterungen der Begriffe Kontakt

14 Ethische Leitlinien der GI Art. 2 Sachkompetenz und kommunikative Kompetenz Vom Mitglied wird erwartet, dass es seine Fachkompetenz hin zu einer Sach- und kommunikativen Kompetenz erweitert, so dass es die seine Aufgaben betreffenden Anforderungen an die Datenverarbeitung und ihre fachlichen Zusammenhänge versteht sowie die Auswirkungen von Informatiksystemen im Anwendungsumfeld beurteilen und geeignete Lösungen vorschlagen kann. Dazu bedarf es der Bereitschaft, die Rechte und Interessen der verschiedenen Betroffenen zu verstehen und zu berücksichtigen. Dies setzt die Fähigkeit und Bereitschaft voraus, an interdisziplinären Diskussionen mitzuwirken und diese gegebenenfalls aktiv zu gestalten.

15 Ethische Leitlinien der GI Art. 4 Urteilsfähigkeit Vom Mitglied wird erwartet, dass es seine Urteilsfähigkeit entwickelt, um als Informatikerin oder Informatiker an Gestaltungsprozessen in individueller und gemeinschaftlicher Verantwortung mitwirken zu können. Dies setzt die Bereitschaft voraus, das eigene und das gemeinschaftliche Handeln in Beziehung zu gesellschaftlichen Fragestellungen zu setzen und zu bewerten. Es wird erwartet, dass allgemeine moralische Forderungen beachtet werden und in Entscheidungen einfließen.

16 Ethische Leitlinien der GI Art. 6 Organisationsstrukturen Vom Mitglied in einer Führungsposition wird zusätzlich erwartet, aktiv für Organisationsstrukturen und Möglichkeiten zur Diskussion einzutreten, die die Übernahme individueller und gemeinschaftlicher Verantwortung ermöglichen.

17 Ethische Leitlinien der GI Art. 7 Beteiligung Vom Mitglied in einer Führungsposition wird zusätzlich erwartet, dass es dazu beiträgt, die von der Einführung von Informatiksystemen Betroffenen an der Gestaltung der Systeme und ihrer Nutzungsbedingungen angemessen zu beteiligen. Von ihm wird insbesondere erwartet, dass es keine Kontroll- und Überwachungstechniken ohne Unterrichtung und Beteiligung der Betroffenen zulässt.

18 Ethische Leitlinien der GI Art. 8 Lehre Vom Mitglied, das Informatik lehrt, wird zusätzlich erwartet, dass es die Lernenden auf deren individuelle und gemeinschaftliche Verantwortung vorbereitet und selbst hierbei Vorbild ist.

19 Ethische Leitlinien der GI Art. 10 Zivilcourage Die GI ermutigt ihre Mitglieder in Situationen, in denen ihre Pflichten gegenüber Arbeitgebern oder Kundenorganisationen in Konflikt mit der Verantwortung gegenüber anderweitig Betroffenen stehen, mit Zivilcourage zu handeln. Art. 11 Soziale Verantwortung Die GI unterstützt den Einsatz von Informatiksystemen zur Verbesserung der lokalen und globalen Lebensbedingungen. Informatikerinnen und Informatiker tragen Verantwortung für die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Arbeit; sie sollen durch ihren Einfluss auf die Positionierung, Vermarktung und Weiterentwicklung von Informatiksystemen zu ihrer sozial verträglichen Verwendung beitragen.

20 Ethische Leitlinien der GI gelten seit 2004 Weder die Lehrveranstaltung zu ethischen Problemen in der Informatik noch die Diskussion der ethischen Leitlinien nehmen dem Entwickler die individuelle Entscheidung ab.

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