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2 20 Etappe 1: Reale Außenwirtschaft Unterschiede bei den Produktionsfunktionen zurückzuführen und können sich auf partielle Produktivitäten (Arbeitsproduktivität, Kapitalproduktivität, Bodenproduktivität etc.) oder auf die Gesamtproduktivität beziehen. Das auf David Ricardo zurückgehende»theorem der komparativen Kostenvorteile«, das im Folgenden vorgestellt wird, basiert auf unterschiedlichen Arbeitsproduktivitäten. Bezogen auf das geschilderte Stahl-Weizen-Beispiel ist folgende Situation denkbar: Stahl und Weizen werden in beiden Volkswirtschaften ausschließlich mit Hilfe des Produktionsfaktors Arbeit hergestellt. In Europa können 100 Arbeitskräfte entweder 500 ME Stahl oder ME Weizen herstellen. Diese Arbeitsproduktivität ist unabhängig von der Menge der produzierten Gütereinheiten konstant, sodass die Produktion von 1 ME Stahl stets den Verzicht auf 2 ME Weizen kostet. In den USA können 100 Arbeitskräfte entweder 300 ME Stahl oder 900 ME Weizen produzieren, was zu einem realen Austauschverhältnis von 1 ME Stahl zu 3 ME Weizen führt. Die Unterschiede bei der Arbeitsproduktivität sind somit für die Kostenunterschiede verantwortlich und für die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Relativpreise. Wichtig ist in diesem Kontext, dass sich die Aufnahme des Außenhandels für beide Länder lohnt, obwohl die USA bei der Produktion beider Güter eine geringere Arbeitsproduktivität als Europa aufweisen und deshalb bei der Produktion beider Güter einen absoluten Kostennachteil besitzen. Dennoch verfügen die USA bei der Produktion von Weizen über einen komparativen Kostenvorteil, weil die Herstellung von 1 ME Weizen in den USA lediglich den Verzicht auf 1/3 ME Stahl kostet, während die Produktion von 1 ME Weizen in Europa 1/2 ME Stahl kostet. Im Fall von unterschiedlichen partiellen Produktivitäten, ansonsten aber identischen Produktions- und Nachfragebedingungen, exportiert jedes Land folglich die Güter, bei denen es einen komparativen Kostenvorteil besitzt. Die hier angesprochenen komparativen Kostenvorteile wurden bereits von David Ricardo ( ) als Ursache des Handels identifiziert. Ricardo verdeutlicht dieses Prinzip anhand eines Beispiels mit zwei Ländern (England und Portugal) und zwei Waren ( und ). England ist dabei in einer wirtschaftlichen Situa-

3 Ursachen für relative Preisvorteile 21 tion, in der die Erzeugung des von England pro Jahr benötigten s die Arbeit eines Jahres von 100 Leuten erfordert. Für die Herstellung der jährlich konsumierten menge wird die Arbeit gleicher Zeitdauer von 120 Leuten benötigt. Portugal benötigt zur Produktion der jährlichen menge die Jahresarbeit von 90 Menschen, während für die Herstellung der menge die Arbeit von 80 Menschen gebraucht wird. Übersichtsartig lassen sich die erforderlichen Arbeitsmengen in»mannjahren«wie in Abbildung 1.1. darstellen: England Portugal produktion 100 Mannjahre produktion 90 Mannjahre produktion 120 Mannjahre produktion 80 Mannjahre Abb. 1.1: Notwendiger Arbeitseinsatz zur Herstellung der jährlich benötigten - und mengen in England und Portugal Unter diesen Annahmen lohnt sich die Aufnahme von Handel für beide Länder, obwohl Portugal beide Produkte mit weniger Arbeitseinsatz also billiger als England herstellen kann. Dieses Beispiel beschreibt das so genannte Theorem der komparativen Kostenvorteile. Obwohl Portugal bei der Herstellung von beiden Waren einen absoluten Kostenvorteil - und damit zugleich einen Preisvorteil - hat, ist die Aufnahme von Handelsbeziehungen aus nationaler Sicht dennoch sinnvoll. Wenn Portugal auf die Produktion von verzichtet, spart das Land dadurch die Jahresarbeit von 90 Arbeitern ein. 80 dieser Arbeiter werden in der produktion eingesetzt, um die Menge an zu produzieren, die erforderlich ist, um den portugiesischen Jahresverbrauch an aus England eintauschen zu können. Damit verbleiben 10, die zusätzliche Mengen an oder herstellen können und damit die Menge der Konsumgüter in Portugal erhöhen. Das gleiche Prinzip gilt für die Vorteilhaftigkeit des Handels aus englischer Sicht. England verzichtet auf die Herstellung des s, spart

4 22 Etappe 1: Reale Außenwirtschaft damit 120 Arbeitskräfte ein und setzt 100 von ihnen in der produktion ein. Das wird dann gegen den portugiesischen eingetauscht, sodass England über die benötigten - und mengen verfügt. Die verbleibenden 20 können dann für die Herstellung von zusätzlichem und/oder eingesetzt werden. Ricardo zeigt damit, dass die Vorteilhaftigkeit des Handels mit anderen Ländern nicht von den absoluten Kosten der Produktion abhängt. Theorem der komparativen Kostenvorteile: Ein Land exportiert die Güter, bei denen es relativ gesehen, d. h. im Vergleich zu anderen Ländern, entweder die größten absoluten Kostenvorteile hat oder die geringsten absoluten Kostennachteile. Dieses Theorem lässt sich durch eine weitere Spezifikation des Zahlenbeispiels noch verdeutlichen. Hierzu muss der Output, der in dem oben genannten Beispiel nicht quantifiziert ist, hinzugenommen werden. Angenommen wird, dass in England die Arbeit eines Jahres von 100 Leuten in der produktion ein jährliches Produktionsergebnis von 400 Ballen zur Folge hat, während das Produktionsergebnis der 120 im bau aus 240 Fässern besteht. Die gleichen Mengen an und lassen sich in Portugal hingegen mit den genannten 90 bzw. 80 Menschen herstellen. Bezogen auf jeweils eine Wareneinheit bedeutet dies, dass in England ein Ballen die Arbeit von 0,25 und ein Fass die Arbeit von 0,5 beinhaltet (siehe Abbildung 1.2). Damit kostet die Herstellung von einem Fass den Verzicht auf zwei Ballen. In Portugal hingegen wird zur Produktion eines Ballen s die Jahresarbeit von 0,225 benötigt und zur Herstellung eines Fasses die Jahresarbeit von 0,333, sodass ein Fass den Verzicht auf 1,48 Ballen bedeutet. Tabellarisch lassen sich diese Zusammenhänge wie folgt verdeutlichen:

5 Ursachen für relative Preisvorteile 23 England also gilt: 400 Ballen 240 Fässer 0,5 2 Ballen Austauschverhältnisse in England daher: also gilt: 400 Ballen 240 Fässer bzw. Portugal 0,5 Fass 0,333 1,48 Ballen Austauschverhältnisse in Portugal daher: bzw. 0,675 Fass 0,25 0,5 2 Ballen 0,225 0,333 1,48 Ballen Abb. 1.2: Beispiel für das Theorem der komparativen Kostenvorteile England verfügt über einen relativen Kostenvorteil bei der Produktion von, denn in England kostet die Herstellung von einem Ballen den Verzicht auf 0,5 Fässer, während die Kosten eines Ballens in Portugal den Verzicht auf 0,675 Fässer kostet. In Portugal hingegen ist die Herstellung von gemessen durch den Verzicht auf billiger.

6 24 Etappe 1: Reale Außenwirtschaft Entscheidend für den Handel zwischen zwei Ländern sind nicht die absoluten, sondern die relativen Kosten: im England-Portugal- Beispiel also das Verhältnis von kosten zu kosten in jedem der beiden Länder. Sobald dieses Verhältnis in den Ländern unterschiedlich ist, lohnt sich die Aufnahme internationaler Handelsbeziehungen. Jedes Land spezialisiert sich dabei auf die Produktion der Ware, bei der der relative Kostennachteil am geringsten bzw. der relative Kostenvorteil am größten ist. Außenhandel kann zudem entstehen, wenn die beteiligten Länder über unterschiedliche Faktorausstattungen verfügen. Diese Konstellation wird im so genannten Heckscher-Ohlin-Modell analysiert. Annahmegemäß verfügen die beiden beteiligten Länder in diesem Fall über identische Nachfrageverhältnisse und über identische Produktionsverfahren mit einer neoklassischen Produktionsfunktion. Es gibt zwei Produktionsfaktoren - Arbeit und Kapital - sowie zwei Güter, von denen eines relativ kapitalintensiv und das andere relativ arbeitsintensiv produziert wird. Die Faktoren sind innerhalb eines einzelnen Landes vollkommen mobil, aber zwischen den beiden Ländern vollkommen immobil. Darüber hinaus herrschen annahmegemäß Vollbeschäftigung und vollkommene Konkurrenz. Bezogen auf das Stahl-Weizen-Beispiel sei dabei folgende Situation unterstellt: Europa ist relativ kapitalreich und relativ arbeitsarm, während die USA als arbeitsreich und kapitalarm anzusehen sind. Das Produkt Stahl wird mit relativ viel Kapital und relativ wenig Arbeit hergestellt, während die Produktion von Weizen arbeitsintensiv ist und nur wenig Kapital benötigt. In jedem Land ist der relativ reichlich vorhandene Produktionsfaktor nachfragebedingt preiswerter, d. h. der Faktor Kapital ist in Europa - relativ gesehen - preiswert, sodass Europa bei der Produktion des kapitalintensiv hergestellten Stahls einen relativen Kosten- und daher auch Preisvorteil besitzt. Umgekehrt haben die USA wegen des reichlich vorhandenen Faktors Arbeit und des relativ geringen Lohnsatzes einen Kosten- und Preisvorteil bei der Herstellung des arbeitsintensiv produzierten Weizens.

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