Auf Komplementarität setzen Die deutsch-französische Partnerschaft inmitten der großen Herausforderungen der Zukunft

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1 Isabelle BOURGEOIS Beitrag anlässlich des Kongresses der französischen Unternehmen in Deutschland, veranstaltet von Villafrance, Haus der deutsch-französischen Wirtschaft Köln, ( Auf Komplementarität setzen Die deutsch-französische Partnerschaft inmitten der großen Herausforderungen der Zukunft Herausforderungen der Zukunft das ist ein facettenreiches Thema. Allein schon die unterschiedlichen Ansätze der heutigen Referenten haben uns gelehrt, dass jeder aus seiner Perspektive etwas anderes darunter versteht. Doch alle diese Perspektiven haben eines gemeinsam: Herausforderungen der Zukunft, das sind Ziele, die wir uns stecken, um die Zukunft zu gestalten. Präziser: Wir stellen fest, dass die Welt oder unser Umfeld sich mehr oder minder plötzlich verändern und versuchen, uns den neuen Gegebenheiten anzupassen. Offizieller formuliert: Wir sind bestrebt, den Wandel zu meistern. Das bedeutet Dreifaches: - Einmal die Erkenntnis des Wandels, oder, auf das Geschäftsleben gemünzt: das Identifizieren neuer Trends bzw. Entwicklungen. - Dann die Reaktions- bzw. Anpassungsfähigkeit an die Veränderungen. Konkret: das Entwerfen neuer Politikansätze oder Unternehmensstrategien. - Die Zielsetzung und zugleich die Rechtfertigung dieser Antworten lautet: Wettbewerbsfähigkeit sprich: Nachhaltigkeit. Es gilt, diese zu bewahren und noch besser, weiter zu entwickeln. Es handelt sich also um eine Dynamik, und diese ist allen Perspektiven wie Interessenlagen gemeinsam. Was bedeutet das für die deutsch-französische Partnerschaft? Und welche sind eigentlich die großen Herausforderungen der Zukunft, denen wir uns als Partner stellen müssen und wollen? Die Liste der Stichworte ist immens und vielfältig. Sie reicht vom demographischen Wandel über globale Klimastrategie bis hin zur Nachhaltigkeit der Staatshaushalte oder der Sozialversicherung, den Einzug in die digitale Welt oder etwa praxisorientierter: modernere, der Globalisierung entsprechende Managementprozesse. Hauptaufgabe für Deutschland und Frankreich als EU-Mitgliedstaaten ist es, den europäischen Integrationsprozess gemeinsam weiter zu führen. 1

2 Das bedeutet, innerhalb der Eurozone und der EU ein Lebensumfeld zu schaffen, das über die Sicherung der derzeitigen Besitzstände und über den Erhalt der bestehenden Kulturen hinaus unseren Werten, unseren kulturellen wie sozialen oder gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht und so gestaltet ist, dass es gleichzeitig ökonomisch tragfähig ist und der Wirtschaft ermöglicht, das Reichtum zu erwirtschaften, das die Grundvoraussetzung für das Erreichen dieser Ziele ist. Also auch hier: Nachhaltigkeit (im Sinne von nachhaltigem Wirtschaften). Zwar gestalten sich für die Politik die Herausforderungen anders als für Branchen oder Unternehmen, doch gilt für alle derselbe Maßstab: nämlich die Anpassungsfähigkeit bzw. Innovationskraft. Und, soweit es um partnerschaftliches Handeln geht, steht im Vordergrund natürlich auch die Fähigkeit, sich auf den anderen einzulassen Grundvoraussetzung für Zusammenarbeit. Dies ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Denn zu groß sind die Unterschiede, die uns, Deutschland und Frankreich, trotz all dem im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gemeinsam Erreichten trennen. Hier liegt vielleicht die größte aller Herausforderungen der Zukunft, die wir zu meistern haben: Aus der viel beschworenen Freundschaft eine enge, vertrauensvolle, d.h. selbstverständliche sprich: tragfähige Partnerschaft zu machen. Das gilt übrigens ebenso für die Politik wie für die Unternehmen. Doch bleiben wir auf der Ebene des Staaten: unsere Partnerschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist innerhalb Europas nicht nur unumgänglich, sondern auch die Grundvoraussetzung an sich für das Gelingen des Projekts Europa. Warum? Beide Länder trennen klare Gegensätze, die nicht nur auf EU-Ebene, sondern auch im Unternehmensalltag weitreichende Konsequenzen haben. Erst wenn wir zueinander finden, uns fähig zeigen, gemeinsam Kompromisse zu schließen, die beiden zu Gute kommen, dann können wir auch die anderen Mitgliedstaaten überzeugen. Erst wenn wir die Hürden der extremen Systemunterschiede zwischen uns beiden überwinden, kann Europa Gestalt annehmen. Betrachten wir doch einmal genauer, was uns trennt. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff Wachstum genauer Wachstumspolitik, was ja eine unserer Herausforderungen der Gegenwart wie der Zukunft ist. Auf jeder Seite des Rheins versteht man etwas anderes darunter. Vereinfacht formuliert: - In Frankreich obliegt es dem Staat, Wachstum (und Arbeit) zu schaffen. Er ist zentraler Akteur und versucht die Wirtschaftsentwicklung zu steuern. Seit jeher gehörte zu seinen Steuerungsinstrumenten auch die Währungspolitik. 2

3 - In Deutschland setzt der Staat allein Rahmenbedingen fest (Ordnungspolitik). Alles andere ist Sache der Wirtschaft sie ist es, die Wachstum schafft. Für die Währungspolitik war fast von Beginn an die unabhängige Zentralbank (heute die EZB) zuständig. Ihre Unabhängigkeit gilt als das notwendige Korrektiv für kurzsichtige Initiativen bzw. Fehler der Politik. Allein deshalb schon sind Konfliktherde im Euroraum so schwer auszuräumen und seine Zukunft so schwer auszugestalten. Zu Beobachten an den gegensätzlichen Vorstellungen von Rolle und Aufgaben des EZB, u.a. bei der Bankenaufsicht. Und à propos Wirtschaft: In Frankreich ist damit die Volkswirtschaft gemeint, in Deutschland die Gesamtheit der Unternehmen Auf der einen Seite eine abstrakte Größe, auf der anderen das konkrete, alltägliche Handeln der Akteure. Diese Lesarten entsprechen der Vorstellung der Gesellschaft und ihrer Macht im Gewaltengefüge. Vereinfacht formuliert: In Frankreich bedeutet Staat die Regierung, in Deutschland die Allgemeinheit der Bürger und ihrer Interessenvertreter. Zu diesen Vorstellungen reimt sich auch der krasse Unterschied bei der Struktur der Hierarchie oder der Entscheidungswege im Unternehmen: streng pyramidal versus flach. Gleiches gilt für die Regierungen. Solche Begriffe sind mehr als falsche Freunde. Sie sind gefährlich, wenn man sie nicht hinterfragt, da sie den trügerischen Anschein von Gemeinsamkeiten verbreiten. Die Liste kann man beliebig verlängern. Nehmen wir noch einmal den Begriff Wirtschaft. Auf Deutsch beinhaltet er auch das Soziale. In Frankreich keineswegs, denn dort ist auch der Begriff der sozialen Marktwirtschaft unbekannt und wenn nicht, dann gilt er als Widerspruch an sich. Dass unter den Bedingungen eines funktionsfähigen Marktes erst Reichtum erwirtschaftet werden muss, bevor es zu sozialen Zwecken umverteilt werden kann, ist in Frankreich nur schwer verständlich. Ein letztes Stichwort noch: Solidarität. Was aus deutscher Sicht in der französischen Auffassung fehlt, ist das Gegenstück, nämlich Verantwortung bzw. Eigenverantwortung. Oder nehmen wir das Subsidiaritätsprinzip, das ja auf 2 untrennbaren Facetten beruht, nämlich: Freiheit und zugleich Verantwortung im Sinne von Haftung. Leider lässt sich der Begriff Haftung nur sehr schwer ins Französische übersetzen Doch ist genau das Verständnis dieses Begriffspaares die Kernherausforderung der Zukunft Europas wie des Euroraums, denn das gesamte EU-Regelwerk beruht auf diesem Fundament. 3

4 Diese wenigen Begriffe, an denen man den Kern der Gegensätze zwischen Deutschland und Frankreich innerhalb der EU verdeutlichen kann, sind fast ausreichend, um die Herausforderung der Ausgestaltung Europas darzustellen. Oder die der Bewältigung von Krisen: Staatsschuldenkrise, Griechenland Man kann die Gegensätze auch täglich nachvollziehen in der jetzigen Flüchtlingskrise, die erfordert, dass Deutschland und Frankreich nicht nur vor den Kameras, sondern auch tatsächlich die dringenden Fragen der Außengrenzen Europas, der Freizügigkeit innerhalb der EU sowie einer europäischen Einwanderungspolitik gemeinsam angehen. Das erfordert Kompromissbereitschaft auf beiden (und auch allen anderen) Seiten. Kompromisse à l allemande, d.h. solche, wo jeder zwar Abstriche machen muss, am Ende aber jeder auch gewinnt. Doch wie kommt man zu Kompromissen? Hier, in dem Wie, liegen die größten Gegensätze zwischen unseren beiden Ländern. Und hier stellt sich uns auch die größte Herausforderung der Zukunft. Denn Kompromissbereitschaft bedeutet ja nichts anderes als sich dem Wandel, d.h. den Vorzeichen der Zukunft zu stellen oder sogar chaotischen Zuständen, wenn die Situation sich plötzlich wandelt, wie das derzeit bei der Flüchtlingskrise der Fall ist. Der Gegensatz zwischen beiden Ländern kann hier nicht größer sein: Unsere Weltvorstellung in Frankreich ist statisch, sie ist auf einem alten Staatsverständnis aufgebaut und streng hierarchisiert, als wäre sie für ewig geschaffen. In Deutschland dagegen ist sie dynamisch, die Welt wird ständig in Bewegung gesehen. Das beginnt schon bei der Sprache, wo im Französischen im Vergleich zum Deutschen so viele Verben fehlen, um einen sich entwickelnden Prozess in Begriffe zu fassen. Das schlägt sich in vielerlei Weise nieder, so etwa bei der Berufsausbildung, die in Deutschland in den Produktionsprozess eingebettet ist und ebenso auf Fertigkeiten wie Wissen setzt insbes. auf das Mitdenken, das Vorausschauen, kurz: die Anpassungsfähigkeit oder auch Innovationsfähigkeit eines Jeden. Das bedeutet jedoch nicht, dass es Frankreich an Innovationsfähigkeit mangeln würde. Nur ist sie anders gelagert, in feste institutionelle Strukturen eingebettet, sie setzt weniger auf den Menschen als treibende Kraft. Und improvisieren d.h. entgegen den Regeln handeln wenn sie nicht mehr funktionieren, das können Franzosen meisterhaft, was Deutsche immer wieder aus der Fassung bringt. Zusammen gefasst: Die Funktionsweisen der Gesellschaften, ihrer institutionellen Strukturen sind konträr. Ganz anders die Menschen. Sie sind durchaus in der Lage, komplexe Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Das wissen Sie als Unternehmer aus der alltäglichen Erfahrung. 4

5 Aber das können die Menschen nur unter einer Bedingung: Dass sie die Sprache des Anderen beherrschen und somit in der Lage sind, sich in seine fremde Vorstellungswelt hinein zu fühlen und ihre Herangehensweise nachvollziehen zu können. Man kann all diese Gegensätze als unüberwindliche Hürde betrachten. Man kann sie auch als DIE Chance begreifen, denn sie bergen ein enormes Potential an Komplementaritäten. Gleich und gleich gesellt sich gern? Das wäre langweilig, und es käme nicht viel dabei heraus. Nein, die Vielfalt ist unser Reichtum. Und die beste Strategie, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, ist, sich den Gegensätzen zu stellen und das Potenzial der Komplementarität, das in ihnen liegt, zu fördern. Dann wächst auch das gegenseitige Vertrauen, was uns noch so oft fehlt. In der Politik wie im Geschäftsleben gilt: Jeder kann innovativ sein, sich dem Neuen stellen. Die Voraussetzungen dafür sind eine entsprechende Qualifikation, also Sprachkenntnisse und eine offene Einstellung, sowie das Wissen um unsere Vielfalt. Das Meistern der Herausforderungen der Zukunft ist ein gesellschaftlicher Prozess, an dem jeder beteiligt ist, als Individuum, als Bürger, als Wirtschaftsakteur. Um ein berühmt gewordenes Zitat abzuwandeln: Wir schaffen das gemeinsam!. Oder, noch besser: Wir schaffen das NUR gemeinsam! 5

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