Prozesse und Übergänge in der Rehabilitation

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1 Prozesse und Übergänge in der Rehabilitation Meilensteine für Angehörige und ihre betroffenen Partner und Partnerinnen auf dem Weg zurück in den Alltag Neurorehabilitation ist für Angehörige und Betroffene ein langer ungewisser Weg. Beide begegnen auf diesem Weg immer wieder anderen Fachpersonen, neuen Institutionen und / oder veränderten Angeboten. Sie müssen sich auf diese neuen Situationen einstellen. Dies ist eine grosse Herausforderung. Für die Projektgruppe Angehörige der SAR sind diese Übergänge in der Rehabilitation eines betroffenen Menschen Meilensteine auf seinem Weg. Meilensteine, weil sie die Wichtigkeit dieser Übergänge betonen. Im folgenden Beitrag zeigen wir auf, auf was Fachpersonen sensibilisiert sein müssen, damit sie Angehörige erfolgreich unterstützen können. 1

2 Alltag Angehörigen von Patientinnen und Patienten in der neurologischen Rehabilitation wird von professioneller Seite zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Die Wichtigkeit der Einbindung der Familie, respektive des Umfeldes, in den Rehabilitationsprozess ist mittlerweile unbestritten. Es ist wichtig den Begriff Angehörige und Familie kurz zu definieren. Wright und Leahey (2002) defininieren die Familie als Kreis nachstehender Menschen, die der Patient, die Patientin selbst als Familie bezeichnen. Dieser Kreis kann aus verwandten und nicht verwandten Personen bestehen. Wichtig sind das Zugehörigkeitsgefühl und die damit verbundenen Verpflichtungen. 2

3 Ein Blitz aus heiterem Himmel Das Ereignis, das alles verändert- ein Blitz aus heiterem Himmel! Es passiert meist ohne Vorwarnung. Es gibt keine Zeit, dass sich die Familie darauf einstellen kann. Eine Zeit extremer Belastung. In dieser Schockphase ist es wichtig, dass Fachpersonen sich bewusst sind, dass die Aufnahmekapazität für Informationen reduziert ist. Schlechte Ernährung und Schlafmangel können noch verstärkend wirken. 3

4 Wie weiter? Die Zeit im Akutkrankenhaus, die Zeit der Unsicherheit ob und wie sich die Situation stabilisiert. Der Weg ist noch nicht klar, die Wegweiser zeigen in alle Richtungen und können nicht alle gelesen werden. 4

5 Der Beginn eines langen ungewissen Weges Für Fachpersonen ist meist schnell klar, dass ein langer Weg der Genesung vor dem Patienten und den Angehörigen liegt. Angehörige können sich diese Dimensionen noch nicht vorstellen. Angehörige werden oft zum ersten Mal mit einer solchen Situation konfrontiert. Sie halten sich aus diesem Grund häufig an Bekanntem fest. Sie brauchen eine einfühlende Begleitung und Informationen in kurzen Abständen. Eine möglichst konstante Bezugsperson ist in dieser Zeit sehr wichtig. Was in dieser Zeit oft für Fachpersonen unbemerkt abläuft, ist die Auseinandersetzung innerhalb der Familie über die veränderten Rollen. 5

6 Stabilisierung der Situation in der akuten Phase In der Akutklinik erfolgt die Stabilisierung des lebensbedrohlichen Zustandes: Kreislauf / Atmung / Behebung von Infektionen Für Angehörige noch einigermassen verständlich Schadensbehebung. Angehörige kennen das vielleicht schon von anderen Familienmitgliedern und Freunden. Der kurative Ansatz ist hier im Zentrum. «Der Patient wird wieder wie vorher.» 6

7 Übertritt in eine Rehabilitationsklinik Unterschiedliche Beschreibung der gleichen Situation. Es wird plötzlich nur noch von Verbesserung, von Nutzung der vorhandenen Ressourcen und von langen Zeitdimensionen gesprochen. Angehörige müssen ihre Erfahrungen und Unsicherheit ausdrücken können. Sie brauchen fachliche Begleitung im Erkennen, dass es nie mehr so wird wie es einmal war. 7

8 Existenzielle Fragen und Ängste Was passiert mit mir und meinem Lebensentwurf? Wie kann ich die Situation bewältigen? Beispiele: Finanzen, nur noch ein Lohn / Kinderbetreuung / eigene Krankheit / Schulden / unklare Verhältnisse (Konkubinat). Fachpersonen müssen Ansprechpersonen sein und Unterstützung anbieten. 8

9 Übergang in eine Nachfolgeinstitution Sicherheit schaffen sich um Ansprechpersonen schon vor dem Übertritt bemühen genaue und umfassende Übergabe vermittelt Sicherheit. Sicherheit schaffen Aufnahmegespräch in der Nachfolgeinstitution so lange der Klient noch in der Rehaklinik ist informieren, klären, vorbereiten auf den Übertritt. Bei Bedarf Beizug einer Fachperson, welche den Klienten und seine Angehörige in Bezug auf versicherungstechnische Fragen unterstützen kann. Instruktion der Angehörigen in Bezug auf das Handling zuhause. Heimabklärung und Anpassung der Wohnsituation vor dem Austritt. Probewochenenden. Checklisten für die Austrittsplanung. 9

10 Rückkehr nach Hause Ab jetzt liegt die Verantwortung im Alltag vollumfänglich bei den Angehörigen. Es gibt keine Fachperson, die jederzeit um Rat gefragt werden kann. Grosse Belastung für die Angehörigen Unterstützung rund um die Uhr mit ungewisser Dauer. Nichts ist mehr wie es einmal war. Der Partner, die Partnerin ist nicht mehr dieselbe Person veränderte Rollen, Auswirkung auf die Partnerschaft und Sexualität, verändertes Familiensystem. Hohe Erwartungen und Druck der Angehörigen an sich selbst, durch ihr Umfeld und ev. auch durch die betroffene Person selber. Es gilt frühzeitig nach Möglichkeiten der Entlastung zu suchen: Tagesstationäre Rehabilitation, Case Management, Fahrdienst zu den Therapien organisieren, Psychologische Unterstützung des Paars, Angebot begleitetes Wohnen Fragile, Kursangebote für Angehörige, Selbsthilfegruppen, Ferien! 10

11 Soziale Rehabilitation Wieder seinen Platz finden in der Familie und Gesellschaft als Paar und als Familie. Konfrontation mit der verminderten Leistungsfähigkeit und den neuen Rollen / Verarbeitung und Akzeptanz der neuen Situation / Logistische Meisterleistungen der Angehörigen 11

12 Berufliche Integration Erkennen und akzeptieren der reduzierten Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit. Der Partner wird vielleicht nie mehr fähig sein seine alte berufliche Rolle auszufüllen, existenzielle Ängste und grosse Trauer. Verarbeitung und Akzeptanz der neuen Situation und neuen Rollenverteilung in der Familie. Unsicherheit in Bezug auf die finanzielle Zukunft und die Möglichkeit für den betroffenen Partner/in beruflich wieder einen Platz zu finden (1. oder 2. Arbeitsmarkt oder Integration in einer Tagesstätte für behinderte Menschen). 12

13 Zurück im Alltag Unsicherheit beim Abschliessen der rehabilitativen Massnahmen. Wer bestimmt den Zeitpunkt? Wie können sich Klient und Angehörige einbringen? Welche langfristigen weiterführenden Massnahmen sind nötig, um die im Rehabilitationsprozess erreichte Selbständigkeit zu erhalten? Neue Tagesstruktur und Wochenstruktur für Klienten und Angehörige. Loslassen und vertrauen in die neuen Strukturen und Kontakte, die auf dem langen Weg der Rehabilitation und Integration aufgebaut wurden. Ankommen zurück im Alltag ankommen in der neuen veränderten Normalität. 13

14 Jeder Übergang ist wieder ein Neuanfang! Damit es zu einem positiven Neuanfang wird, müssen die Fachpersonen die Übergänge sehr sorgfältig und bewusst gestalten. Es braucht einen bewussten Abschluss eines Stadiums, um dann wieder gut in das neue Stadium zu starten. Deshalb sind «Abschlussgespräche» und «Aufnahmegespräche» zentral in der Begleitung von Angehörigen. 14

15 Themen Projektgruppe Angehörige SAR Um Angehörige kompetent begleiten zu können, braucht es viel Wissen und verschiedensten Fähigkeiten. Die Projektgruppe hat sieben Themenblöcke isoliert, die ihrer Meinung nach Fachpersonen in allen Stadien in unterschiedlichem Ausmass in der Zusammenarbeit mit Angehörigen immer wieder begegnen: Gesprächsführung: In der Angehörigenarbeit gehören Gespräche und notwendige Interventionen zum Arbeitsalltag. Kommunizieren, Gespräche führen heisst mitteilen, teilnehmen lassen, ist ein Austausch von Gedanken. Die Verschiedenheit der Menschen prägt unseren Kommunikationsstil und hat Einfluss auf die Zusammenarbeit und den Erfolg der Rehabilitation. Konflikte: Im Klinikalltag können Konflikte entstehen, weil Patienten und/oder Angehörige im Verarbeitungsprozess noch ganz am Anfang stehen. Statt berechtigte Wut und Trauer auszudrücken, kann es sein, dass Angehörige sehr fordernd auftreten und/oder unrealistische Zielvorstellungen haben. Die Kunst diese Konflikte anzugehen ist das gemeinsame Gespräch professionell zu führen und zu gemeinsam definierten Zielen zu gelangen. 15

16 Systeme und Rollen: Ein einschneidendes Ereignis wie z.b. ein Schlaganfall trifft den Menschen selbst und hat Auswirkungen auf die ihn umgebenden Systeme. Beziehungen der Menschen verändern sich, das Familiensystem und die darin verankerten Rollen können ins Wanken geraten. Trauer und Verarbeitung: Angehörige begleiten Betroffene in der Krankheitsverarbeitung und erleben dabei selbst verschiedene Phasen der Trauer und Veränderung. Wie können Fachpersonen die Angehörigen begleiten, ihre Tränen verstehen und mit ihrer Wut und Angst umgehen? Empathische Begleitung unterstützt den Prozess mit Verlusten und Belastungen umzugehen, Depressionen zu vermeiden, Veränderungen zu akzeptieren und neues Leben zu lernen. Tabuthemen: Es gibt Themen in der Partnerschaft, in Familien und in der Gesellschaft, die allgemein verschwiegen und verdrängt werden, die tabuisiert sind. Werden diese Themen innerhalb des Rehabilitationsprozesses relevant, verstärkt sich das Leid gerade bei den Angehörigen. Die professionelle Beratung ist besonders sensibel, da sie sich im unauflöslichen Widerspruch zwischen Abhilfe schaffen und notwendigem, oft schmerzlichen Tabubruch bewegt. Gesundheit und Fürsorge: Familienangehörige zu unterstützen oder sogar zu pflegen ist eine komplexe Aufgabe und kann sowohl als körperliche wie auch als geistige Belastung erlebt werden. Rehafachleute können informieren, aufklären, schulen und unterstützen und somit zur Gesundheit von informell pflegenden Angehörigen beitragen. Prozesse und Übergänge: Neurorehabilitation bedeutet meist ein langer Weg für die Betroffenen und ihre Angehörige. Der Weg ist am Anfang, nach dem akuten Ereignis, oft nicht absehbar. Es sind Zeitdimensionen von Monaten und Jahren, die den Betroffenen und Angehörigen im Laufe der Genesung erst bewusst werden. Die Unsicherheit der Erholung begleitet alle auf dem langen Weg. Im Verlauf der Rehabilitation begegnen sich immer wieder neue Fachpersonen und Teams. Sie müssen sich immer wieder neu einstellen. Für die Fachpersonen bedeutet dies aufmerksam zu sein. Sich müssen sich der Herausforderung, die es für Klienten und ihre Angehörigen bedeutet, sich immer wieder auf neue Situationen und Fachpersonen einzustellen, bewusst sein. Deshalb muss den Übergängen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. 15

17 Fazit: Angehörigenbegleitung ist eine anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe! Die von der Projektgruppe erarbeiteten und gesammelten Unterlage sind ab auf der Homepage der SAR einsehbar: 16

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