Der bestrafte König?

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1 Der bestrafte König? Die Sächsische Frage Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Vorgelegt von: Isabella Blank, M. A. Mannheim August 2013 Erstgutachter: Herr Prof. em. Volker Sellin Zweitgutachter: Herr Prof. Georg-Christoph Berger-Waldenegg i

2 Danksagung Der Prozess der Entstehung dieser Arbeit nahm fast ein Jahrzehnt in Anspruch, meist unter erschwerten Bedingungen parallel zur Berufstätigkeit. Doch umso mehr freue ich mich über den erfolgreichen Abschluss dieses Prozesses und nehme dies sehr gerne zum Anlass, um mich bei all jenen von Herzen zu bedanken, die mich hierbei tatkräftig unterstützt haben. Zuallererst bin ich meinen beiden Gutachtern, Herrn Prof. Dr. Volker Sellin und Herrn Prof. Dr. Georg-Christoph Berger-Waldenegg zu großem Dank verpflichtet. Beide haben mich durch viele anregende Diskussionen, durch kritische Fragestellungen, aber auch durch doktorväterliche Aufmunterungen sehr in meinem Arbeitsprozess unterstützt und mir viele wegweisende Impulse gegeben. Hilfreich waren auch die Feedbacks von Mitstudierenden und promovierenden, die mir in Herrn Prof. Sellins Doktorandenkolloquium zuteil wurden. Mein herzlichster Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien, des Bayerischen Staatsarchivs in München und allen voran des Sächsischen Hauptstaatsarchivs in Dresden, die mich bei meinen Quellenforschungen tatkräftig, freundlich und sehr kompetent unterstützten. Herrn Alexander Graf von Schönborn danke ich für die Erlaubnis, das Stadion-Archiv im Haus-, Hof- und Staatsarchiv einzusehen, auch wenn es leider für die vorliegende Arbeit keine Erkenntnisse bringen konnte. Viele wichtige Anregungen erhielt ich von Herrn Dr. Roman Töppel, dessen Dissertation Die Sachsen und Napoleon. Ein Stimmungsbild ich als ausgesprochen inspirierend empfunden habe. Herr Prof. Rudolf Jenak, der in den letzten Jahren selbst unvermüdlich zur sächsichen Geschichte zur Napoleonzeit geforscht hat, stellte mir großzügig seine Forschungsergebnisse zur Verfügung. Darüber hinaus möchte ich mich bei meiner lieben Freundin Sandra Lode für ihre kompetente Unterstützung beim Lektorat der ersten Fassung dieser Arbeit bedanken. Die Sachsen und Sächsinnen, mit denen ich während meiner Forschungsaufenthalte in Dresden über mein Forschungsvorhaben diskutiert habe, machten mir mit ihrem großen Interesse immer wieder Mut, mich auch als Wessi mit einem ostdeutschen Thema zu beschäftigen. Widmen möchte ich die vorliegende Arbeit meinen Eltern, Ulrike und Martin Blank, ohne deren finanzielle und ideelle Unterstützung diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre! ii

3 Inhaltsverzeichnis Einleitung... 1 A: Schicksalsjahr 1813 Das Königreich Sachsen in den Befreiungskriegen.. 12 I. Sachsen unter Friedrich August III./I.: Vom Kurfürstentum zum Königreich I. 1. Das Kurfürstentum Sachsen 1768 bis I. 2. Das Königreich Sachsen zwischen 1806 und II. Preußen, Österreich, Russland und Großbritannien : Verbündete Napoleons, Gegner Napoleons II. 1. Preußen II. 2. Österreich II. 3. Russland II. 4. Großbritannien III. Januar und Februar 1813 : Unsicherheit und Verwirrung in Sachsen III. 1. Preußen und Österreich im Januar III. 2. Die Lage in Sachsen im Januar III. 3. Februar 1813: König Friedrich August I. verläßt Dresden III. 4. Februar 1813: Die russisch-preußische Konvention von Kalisch III. 5. Februar 1813: Die österreichisch-sächsischen Verhandlungen beginnen IV. Sachsen im März und April 1813: Von Napoleon zu Österreich IV. 1. März 1813: Die weiteren Verhandlungen über den Rückzug der sächsisch-polnischen Truppen und der Abschluß der Konvention vom 8. April IV. 2. März 1813: Weitere sächsisch-österreichische Verhandlungen für ein politisches Bündnis IV. 3. März und April 1813: Besetzung Sachsens durch die Verbündeten IV. 4. Die preußisch-russische Konvention von Breslau, 19. März IV. 5. April 1813: Der Abschluss der sächsisch-österreichischen Konvention IV. 6. Der Inhalt der sächsisch-österreichischen Konvention vom 20. April IV. 7. Exkurs: Die erfolglose bayerisch-sächsische Fühlungnahme im März/April V. Mai 1813: Sachsen in aussichtsloser Situation? V. 1. Von der sächsisch-österreichischen Konvention bis zur Schlacht bei Lützen V. 2. Die Lage für Sachsen verschärft sich: 3. Mai bis 10. Mai iii

4 VI. Mai bis Oktober 1813: Erneut im Bündnis mit Napoleon VI. 1. Von der Rückkehr Friedrich Augusts I. nach Dresden bis zur Kriegserklärung Österreichs an Frankreich am 11. August VI. 2. Sächsische Territorialwünsche im Sommer VI. 3. Die militärische Entwicklung zwischen August und Oktober VII. Die Völkerschlacht bei Leipzig und ihre Folgen für Sachsen VII. 1. Der Verlauf der Völkerschlacht bei Leipzig, Oktober VII. 2. Der sächsische König als Kriegsgefangener VII. 3. Die Errichtung der Zentralverwaltung durch die Leipziger Konvention vom 21. Oktober VII. 4. Die Einrichtung des Generalgouvernements in Sachsen und dessen Maßnahmen im Herbst VII. 5. November 1813: Vergebliche Verhandlungsbemühungen Sachsens in Frankfurt am Main VIII. Der weitere Verlauf des Befreiungskrieges bis zur Absetzung Napoleons IX. Fazit: Die Bedeutung der Ereignisse des Jahres 1813 für Sachsens politische Zukunft 165 Teil B: Die Sächsische Frage auf dem Wiener Kongress 1814/ I. Überlegungen des Königs von Sachsen und seiner Exilregierung zur politischen Strategie von November 1813 bis zur Eröffnung des Wiener Kongresses I. 1. Sächsische Überlegungen zum weiteren Vorgehen an der Jahreswende 1813 / I. 2. Weitere Bemühungen der sächsischen Regierung zur Klärung ihres Schicksals in der ersten Jahreshälfte II. Der Wiener Kongress: Die erste Verhandlungsphase der Sächsischen Frage von September bis Anfang November II. 1. Die Organisation des Wiener Kongresses II. 2. Die Instruktion für den sächsischen Gesandten auf dem Wiener Kongress II. 3. Die Haltung der Großmächte zur Sächsischen Frage zu Beginn des Wiener Kongresses II Preußen II Russland II Österreich II Frankreich II Großbritannien II. 4. Die ersten Verhandlungen zur Sächsischen Frage II. 5. Die Haltung der deutschen Klein- und Mittelstaaten zur Sächsischen Frage iv

5 II. 6. Die Rolle des sächsischen Gesandten Graf Schulenburg bei den Verhandlungen des Wiener Kongresses II. 7. Die Übergabe des Generalgouvernements in Sachsen an Preußen III. Der Wiener Kongress: Die zweite Verhandlungsphase zur Sächsischen Frage von November 1814 bis Anfang Januar III. 1. Zunehmende Spannungen zwischen den Großmächten im Herbst III. 2. Der Beginn der Vier-Mächte-Konferenzen zur Sächsischen Frage im Dezember IV. Der Wiener Kongress: Die Lösung der Sächsischen Frage im Frühjahr IV. 1. Der Kompromiss: Eine Teilung Sachsens IV. 2. Gespräche mit dem König von Sachsen in Pressburg, März IV. 3. Die Vertragsverhandlungen zwischen Sachsen, Österreich, Preußen und Russland im Mai IV. 4. Der Friedensvertrag zwischen Sachsen und Preußen vom 18. Mai IV. 6. Der Abschluss des Wiener Kongresses V. Fazit: Gründe für den singulären Umgang mit Sachsen auf dem Wiener Kongress VI. Der Beitritt Sachsens zum Deutschen Bund und die Durchführung der Landesteilung VI. 1. Der Beitritt des Königsreichs Sachsen zum Deutschen Bund VI. 2. Die Umsetzung der sächsischen Teilung Teil C: Die Sächsische Frage in der Flugschriften-Literatur I. Definition und Hintergrund: Öffentliche Meinung, Stimmung und Flugschrift als publizistisches Genre I. 1. Begriffsbestimmungen: Öffentliche Meinung, Bevölkerungsmeinung und Stimmung. 281 I. 2. Die historische Entstehung der öffentlichen Meinung I. 3. Die Flugschrift als publizistisches Genre II. Die Stimmung in der sächsischen Bevölkerung von 1806 bis zum Sommer II. 1. Die Stimmung in Sachsen von 1806 bis II. 2. Die Stimmung in Sachsen vom Russland-Feldzug bis zum Frühjahr II. 3. Die Stimmung in Sachsen im Sommer III. Die Flugschriftenliteratur zur sächsischen Frage vom Herbst 1813 bis zum Sommer v

6 III.1. Die Debatte beginnt: Ausgewählte Flugschriften zur Sächsischen Frage vom Herbst 1813 bis zur Jahreswende 1813/ III Ein Wort über das Verhältnis des Sächsischen Kabinetts III Kosmopolitische Beleuchtung jenes Wortes III Empfindungen eines patriotisch denkenden Sachsen III Ueber die künftige Lage Sachsens III. 2. Erste Enttäuschung: Ausgewählte Flugschriften zur Sächsischen Frage nach dem Ersten Pariser Frieden III Ein Wort über die Zukunft Sachsens und seines Königshauses III Stimme teutscher Patrioten für Sachsen III Rechtfertigung Friedrich Augusts, König von Sachsen III Ueber die Vereinigung Sachsens mit Preußen III Friedrich August, König von Sachsen und sein Volk III Einige Worte zu der Schrift Friedrich August, König von Sachsen III Ueber die Folgen einer Vereinigung Sachsen und Preussens III Ist eine Vereinigung des Königreiches Sachsens mit dem preußischen Staate nützlich oder schädlich? III. 3 Vergleichende Analyse der Argumente der Flugschriftenliteratur zur Sächsischen Frage vom Herbst 1813 bis zum Sommer IV. Die Stimmung in der sächsischen Bevölkerung während des Wiener Kongresses V. Ausgewählte während des Wiener Kongresses erschienene Flugschriften zur Sächsischen Frage V. 1. Flugschriften zur Verteidigung Sachsens vom Herbst V Sachsen und Preußen V Rüge eines groben Verbrechens an der sächsischen Nation V Wünscht das sächsische Volk eine Regierungsänderung? V Hat der König von Sachsen diesem Lande entsagt? V. 2. Gegen den König von Sachsen gerichtete Flugschriften vom Herbst V Preußen und Sachsen V Preußens Recht gegen den sächsischen Hof V Blicke auf Sachsen, seinen König und sein Volk V An die Sachsen bey ihrer Vereinigung mit der preußischen Monarchie V Deutsche Ansicht der Vereinigung Sachsens mit Preußen V. 3. Flugschriften zur Sächsischen Frage vom Frühjahr V Sachsen, Preussen und Europa V Rechtliche Würdigung der Schrift: Preußen und Sachsen V Anmerkungen zu der Schrift: Preußen und Sachsen V Noten zum Text: Sachsen und Preußen V Akten und thatmäßige Widerlegung einiger der gröbsten Unwahrheiten V Sächsische Aktenstücke der Dresdner geschriebenen Zeitung V. 4. Flugschriften aus der Umgebung des Königs vom Mai vi

7 V. 5. Vergleichende Analyse der Argumente der Flugschriftenliteratur zur Sächsischen Frage vom Herbst 1814 bis Frühjahr VI. Die juristische Erörterung der Sächsischen Frage in der Flugschriftenliteratur an zwei ausgewählten Beispielen VI. 1. Exkurs zur Völkerrechtsgeschichte: Das Französische Zeitalter VI. 2. Die Flugschrift Sachsens Vereinigung mit Preußen VI. 3. Die Flugschrift : Rechtliche Bemerkungen über das Recht der Eroberung VII. Fazit: Zum Wirkungsgrad der Flugschriften zur Sächsischen Frage Schlussbetrachtung Literatur- und Quellenverzeichnis vii

8 Einleitung Fragestellung und Begriffsbestimmung Der Streit um die Zukunft Sachsens und Polens gehört ohne Zweifel zu den zentralen Problemen des Wiener Kongresses 1814/15. Entsprechend ihrer Bedeutung wurde die sogenannte sächsisch-polnische Frage in der historischen Forschung vielfach dargestellt und analysiert. Dennoch ist festzustellen, dass die Geschichtswissenschaft gerade in Bezug auf viele mit dem Schicksal des Königreichs Sachsen und den Ursachen für den Umgang der Großmächte mit seinem Monarchen in den Jahren 1813 bis 1815 zusammenhängenden Fragestellungen bis dato eine Antwort schuldig geblieben ist. Schon bei einem ersten Überblick wird deutlich, dass König Friedrich August I. eine Behandlung erfahren hat, die sich deutlich von derjenigen der anderen Rheinbundfürsten im gleichen Zeitraum unterscheidet: Unmittelbar nach der Völkerschlacht bei Leipzig geriet er in die Gefangenschaft der verbündeten Mächte Russland, Preußen und Österreich und musste die folgenden 20 Monate auf eigene Kosten im Schloss Friedrichsfelde in der Nähe von Berlin verbringen. In dieser Zeit befanden sich zwar noch einige Mitglieder seiner Regierung bei ihm, doch er war der Regierungsgewalt über sein Königreich vollständig enthoben. Sachsen wurde in dieser Zeit von einem russischen und seit September 1814 von einem preußischen Generalgouvernement verwaltet. Diese Institution war der bestehenden und noch voll funktionsfähigen sächsischen Verwaltung übergeordnet worden und diente in erster Linie dazu, die Ressourcen des Landes für den Krieg gegen Napoleon nutzbar zu machen. Die Verhandlungen des Wiener Kongresses bedrohten die politische Existenz Friedrich Augusts I. und mit ihm eines der ältesten Herrschergeschlechter Deutschlands der Wettiner durch die Überlegungen, ganz Sachsen an Preußen anzugliedern und Preußen dadurch für seine ehemaligen Territorien in Polen zu entschädigen, die Russland zu einem in Personalunion mit dem Zarenreich regierten polnischen Königreich umformen wollte. Vollkommen im Gegensatz dazu wurden die Herrschaftsgebiete der anderen deutschen Rheinbundfürsten des bayerischen und württembergischen Königs sowie des badischen Großherzogs weitgehend unverändert belassen und ihr Herrschaftsrecht nicht im geringsten infrage gestellt. Der vehementeste Vorwurf, der gegen König Friedrich August I. von Sachsen erhoben wurde, besagte, dass er 1

9 bis zuletzt ein treuer Anhänger und Verbündeter Napoleons gewesen sei und daher sein Herrschaftsrecht berechtigterweise verloren habe. Ein solcher Vorwurf wurde gegen die anderen deutschen Rheinbundfürsten nicht erhoben, obwohl jeder von ihnen ebenfalls Bündnisverträge mit Napoleon abgeschlossen hatte und manche sogar familiäre Beziehungen durch Einheirat ihrer Kinder in seine Familie eingegangen waren. Bayern war erst kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig dem Bündnis gegen Napoleon offiziell beigetreten, Württemberg und Baden sogar erst danach. Bereits diese ersten Ausführungen zeigen deutlich, dass die Behandlung des Königs von Sachsen und seines Landes in den Jahren 1813 bis 1815 ein Sonderfall ist, der in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon und der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress seinesgleichen sucht. Das zentrale Anliegen dieser Arbeit ist daher die Untersuchung der Gründe, die zum singulären Schicksal Sachsens und seines Königs führten. Die Suche nach den Gründen für den ungewöhnlichen Umgang mit dem Königreich Sachsen und seinem kriegsgefangenen und von der Absetzung bedrohten Monarchen macht rasch deutlich, dass die Betrachtung der Verhandlungen des Wiener Kongress allein nicht ausreicht. Die Haltung der Großmächte zur sächsisch-polnischen Frage hatte sich bereits vor Kongressbeginn im Herbst 1814 herausgebildet, weswegen es unbedingt notwendig ist, die politischen Ereignisse des Jahres 1813 miteinzubeziehen. Sachsen wurde in dieser, einer seiner kompliziertesten und riskantesten politischen Perioden 1 im Frühjahr und Herbst zum Hauptkriegsschauplatz der Gefechte zwischen Russland und Preußen einerseits und Frankreich und seinen Verbündeten andererseits. Der König schloss am 20. April 1813 eine Konvention mit Österreich, um sich dessen neutraler Friedensvermittlung anzuschließen, und hoffte dadurch die Besetzung Sachsens durch russische und preußische Truppen zu vermeiden. Aber noch bevor diese Konvention zum Tragen kommen und Sachsen wie gewünscht neutralisieren konnte, kehrte der König aufgrund militärischen Drucks in das Bündnis mit Napoleon zurück. Bis zu seiner 1 Jenak, Rudolf, Sächsisch-Österreichischer Interessenabgleich im Vorfeld der Convention vom 20. April 1813 und Nachwirkungen auf die Stellung des Königreiches Sachsen zu Frankreich im Sommer und Herbst 1813, Dresden 2004, unveröffentlichtes Manuskript, S. 4. Die Verfasserin dankt Herrn Prof. Jenak, dass er ihr freundlicherweise einige seiner Manuskripte und Forschungsergebnisse zur Verfügung gestellt hat wurde dieser Aufsatz als dritter Abschnitt der folgenden Publikation veröffentlicht: Jenak, Rudolf, Die Realität der österreichisch-sächsischen Konvention vom 20. April 1813, in: Mitteilungen des Vereins für sächsische Landesgeschichte e. V., Neue Folge, 5. Jahrgang, 2007, S

10 Gefangennahme in Leipzig im Oktober 1813 bot sich ihm keine Möglichkeit mehr, das Bündnis mit Frankreich zu lösen. Diese Entscheidungen des Königs bedingten den Umgang der verbündeten Mächte mit seiner Person und seinem Land. Und nicht nur das: Sie bestimmten auch die Sichtweise der Nachwelt auf Friedrich August I. Ohne genauere Kenntnisse der Umstände wurden ihm sein Bruch der sächsisch-österreichischen Konvention und seine damit verbundene Rückkehr zu Napoleon als übergroße Treue zum Kaiser der Franzosen ausgelegt. Die These, der König von Sachsen habe Kriegsgefangenschaft und Verlust der Hälfte seines Landes aufgrund seiner unverbrüchlichen Treue zu Napoleon verdient, hält sich bis in die neuere Zeit erstaunlich hartnäckig. So schrieb Albert von Sachsen 1989: Noch am Ende seines Lebens sah er (König Friedrich August I. von Sachsen) in Napoleon das Heil Europas, auch aus weltanschaulich-religiösen Gründen. Für diese Überzeugung mußte der König in preußische Gefangenschaft gehen und für sie mußte er über die Hälfte seines Landes an Preußen abtreten. 2 In einer landesgeschichtlichen Darstellung aus dem Jahre 2004 findet sich die folgende Aussage: Ursprünglich Verbündeter Preußens, war Kurfürst Friedrich August von Sachsen durch den Beitritt zum Rheinbund Ende 1806 König von Sachsen geworden und hatte seinem neuen Verbündeten Frankreich Truppen zur Verfügung gestellt. Auch nach seiner Gefangennahme in der Leipziger Völkerschlacht im Oktober 1813 stand König Friedrich August unbeirrt zur Allianz mit Napoleon. 3 Die Argumente zur Verteidigung des Königs von Sachsen gegen solche Vorwürfe lauteten zumeist, der König habe im Mai 1813 keine andere Wahl gehabt, als zu Napoleon zurückzukehren, um seine Pflicht als Landesvater zu erfüllen und sein Volk vor Schlimmerem zu bewahren. Diese Sichtweise wiederum stilisiert das Königreich Sachsen zum Opfer der Machtgier Napoleons und später des preußischen Expansionsdrangs. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass sich der König von Sachsen sehr wohl in einer schwierigen Lage befand, die ihm nur wenige Handlungsoptionen offen ließ, dass er und seine Minister diesen Rahmen jedoch so gut wie möglich zum Vorteil Sachsens auszuschöpfen versuchten. Damit reiht sich diese Arbeit in 2 Sachsen, Albert von, Die Albertinischen Wettiner. Geschichte des sächsischen Königshauses , Bamberg 1989, S Stolberg-Wernigerode, Graf Henrich zu, Tagebuch über meinen Aufenthalt in Wien zur Zeit des Congresses. Vom 9. September 1814 bis zum April 1815, bearbeitet von Doris Derdey, Veröffentlichungen der Stiftung Schlösser, Burgen und Gärten des Landes Sachsen-Anhalt, Heft 3, Halle an der Saale, 2004, S. 196, Anmerkung. Ein Quellennachweis zu der in Anführungszeichen gesetzten Passage wird nicht gegeben. 3

11 die gegenwärtige sächsische Landesforschung ein, deren Ziel es ist, die alte sächsische Geschichtsschreibung kritischer zu untersuchen und den Akteuren der sächsischen Politik mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dann erscheint Sachsen in Zukunft vielleicht weniger als bloßer Spielball im Spiel der Mächte, sondern als Mitspieler wenn auch erfolgloser. 4 Oder zumindest ein wenig erfolgreicher, dem die relativ geschickte Ausnutzung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel aufgrund äußerer Umstände wenig positive Ergebnisse brachte. Festzuhalten ist, dass das Jahr 1813 die Grundvoraussetzungen für die Konstellationen geschaffen hat, die auf dem Wiener Kongress den Umgang mit dem Königreich Sachsen bestimmten. Daher muss eine eingehende Analyse des Jahres 1813 ein wichtiger Bestandteil einer Untersuchung der sächsischen Frage sein. Die Geschichtsforschung ist sich darüber weitgehend einig, dass das Ringen um eine Lösung der sächsisch-polnischen Frage auf dem Wiener Kongress und der Ausgleich der dabei zutage getretenen divergierenden Interessen der Großmächte eine wichtige Grundlage für eine dauerhafte territoriale Neuordnung Europas darstellte. Die sächsische Frage hatte damit eine weit über Sachsen hinaus gehende politische Dimension. Noch nicht untersucht wurde bislang, wie sich die mit dem Wiener Kongress immer wieder in Verbindung gebrachten Leitlinien der Restauration, der Legitimität und des Gleichgewichts im Licht der sächsischen Frage darstellen: Wenn sich die Staatsmänner in Wien vorgenommen hatten, die alten Dynastien wieder auf ihre Throne zu setzen, warum wurde dann die Absetzung eines Monarchen aus einem der ältesten deutschen Herrschergeschlechter erwogen? Woher nahmen die verbündeten Monarchen das Recht, einem anderen Monarchen seinen Thron abzuerkennen? Und inwieweit war die Lösung der sächsischen Frage, die in der Teilung Sachsens bestand, für ein künftiges europäisches Gleichgewicht sinnvoll? Wurde der König wirklich mit dem Verlust der Hälfte seines Landes für seine angeblich übermäßige Treue zu Napoleon bestraft? Die sächsische Frage umfasst also weit mehr als nur die Verhandlungen des Wiener Kongresses. Sie besteht zusätzlich aus dem politischen Handeln des Königs und seines Kabinetts im entscheidenden Jahr 1813 und nicht zuletzt auch 4 Töppel, Roman, Zwischen Altem Reich und Deutschem Bund: Eine Epoche im Spiegel sächsischer Publizistik und Historiographie, in: 200 Jahre Königreich Sachsen. Beiträge zur Geschichte im napoleonischen Zeitalter, hg. v. Guntram Martin, Jochen Vötsch und Peter Wiegand, Saxonia. Schriften des Vereins für sächsische Landesgeschichte, Band 10, Beucha 2008, S , hier S

12 aus der Wahrnehmung ihrer Problematik in der Öffentlichkeit. Denn in den Jahren 1813 bis 1815 erschienen neben Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften eine Reihe von Flugschriften, die deutlich machen, dass mit der Frage nach dem künftigen Schicksal Sachsens nicht nur politische, sondern auch soziale, wirtschaftliche und religiöse Aspekte verknüpft waren. Wie Jenak das Wesen der sächsischen Frage in der Überwindung der preußischen Versuche, sich Sachsen einzuverleiben, und in der damit verbundenen Verteidigung der sächsischen Eigenstaatlichkeit zu sehen 5, greift jedoch zu kurz, denn die Erhaltung Sachsens als eigenständiger Staat hat es weniger der Hartnäckigkeit seines Königs, sondern einem Kompromiss der fünf Großmächte zu verdanken. Die bislang in dieser Bandbreite noch nicht ausgeleuchtete Dimension der sächsischen Frage soll ihren Niederschlag auch in den verwendeten Begriffen finden. So wird die Schreibweise Sächsische Frage für den gesamten Themenkomplex der Geschichte Sachsens in den Jahren 1813 bis 1815 und deren Bedeutung für die Bewertung von Legitimität, Gleichgewicht und Herrschaftsverständnis bevorzugt und damit für die Einführung der Sächsischen Frage als einem feststehenden Forschungsbegriff im Gegensatz zum bisher verwendeten Begriff sächsische Frage, die nur die Verhandlungen des Wiener Kongresses fokussiert - plädiert. Anmerkungen zur Gliederung Die Ereignisse des Jahres 1813 stehen im Fokus von Teil A. Zunächst erfolgt ein historischer Abriss der Geschichte Sachsens vor seiner Erhebung zum Königreich 1806, verbunden mit der Biografie Friedrich Augusts I., der 1750 geboren wurde seit 1768 als Friedrich August III. Kurfürst von Sachsen war. Um das Handeln der Großmächte Frankreich, Preußen, Russland, Österreich und Großbritannien im Jahr 1813 einordnen zu können, widmet sich das zweite Kapitel von Teil A deren politischen Standpunkten. Die Verhandlungen zwischen Sachsen und Österreich 5 Das Wesen der sächsischen Frage bestand ( ) in der Zurückweisung und Überwindung jeglicher Versuche, unter der Losung des Aufgehens in größeren und besseren Existenzräumen, diese spezifischen Eigenschaften der Bewohner dieses Landstrichs zu eliminieren. ( ) Dies unter den ungünstigsten Bedingungen der Situation zwischen 1813 und 1815 geleistet zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst des sächsischen Königs Friedrich Augusts I. und der ihm ergebenen Staatsmänner ( ). Ohne ihren Widerstand, ohne ihren Stolz auf die angestammte Heimat mit ihren fleißigen Bürgern, ohne ihre Bereitschaft, eine fast aussichtslos erscheinende Sache zu verteidigen, hätte es in Wien diese Art der Lösung der sächsischen Frage möglicherweise nicht gegeben. Jenak, Rudolf, Die Teilung Sachsens. Zur Geschichte der Teilung des Königreichs Sachsen auf der Grundlage der Entscheidungen des Wiener Kongresses , Dresden 2007, S

13 und der Abschluss der Konvention vom 20. April 1813, sowie die Umstände der Rückkehr des sächsischen Königs zu Napoleon nehmen den Hauptteil der weiteren Ausführungen ein. Den nächsten Schwerpunkt bildet die Völkerschlacht bei Leipzig und die Gefangennahme Friedrich Augusts I. Der chronologische Überblick endet mit dem weiteren Verlauf des Befreiungskriegs bis zur Absetzung Napoleons im Frühjahr Die Verhandlungen zur Sächsischen Frage auf dem Wiener Kongress stellen einen zweiten Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar (Teil B). Verhandlungsgegenstände wie beispielsweise die politische Neuordnung Italiens oder das Schicksal der französischen Kolonien in Übersee bleiben zugunsten der Sächsischen Frage weitgehend außer Betracht. Hierzu sei auf die umfangreiche Literatur zum Wiener Kongress verwiesen. Einen zentralen Bestandteil der Ausführungen von Teil B bilden die anhand bislang nicht veröffentlichter Dokumente aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden rekonstruierten Überlegungen des sächsischen Exilhofes in Friedrichsfelde, wie am besten zur Beeinflussung der Großmächte und der Öffentlichkeit in ihrem Sinne vorgegangen werden könnte. Teil C ergänzt die bis dahin überwiegend im machtpolitischen Rahmen erfolgte Analyse der Sächsischen Frage um ein Stimmungsbild in Sachsen in den Jahren von 1806 bis 1815 und einen Blick auf die öffentliche Meinung zu Sächsischen Frage, der anhand einer Untersuchung von zwischen 1813 und 1815 erschienenen Flugschriften erfolgt. Flugschriften stellen insofern einen interessanten Quellenbestand dar, da sie aufgrund ihrer inoffiziellen Verbreitungswege an der herrschenden Zensur vorbei zwar ein geringeres Publikum erreichten, die Autoren aber dadurch ihre Ansichten zur Sächsischen Frage frei äußern konnten. Die nach Erscheinungsphasen unterteilten Flugschriften werden jeweils der zur gleichen Zeit in Sachsen herrschenden Stimmung gegenübergestellt, um Wechselwirkungen zwischen Stimmung und Argumenten der Flugschriften herausarbeiten zu können. Besonderes Augenmerk gilt den Flugschriften, die sich der Sächsischen Frage mit juristischen Argumenten nähern. An ihnen lässt sich verdeutlichen, wie die Sächsische Frage und mit ihr besonders verbunden das Eroberungsrecht mit Rückgriff auf die zeitgenössischen Rechtslehren diskutiert wurde. 6

14 Forschungsstand Über die Geschichte Kursachsens im späten 18. Jahrhundert und des Königreichs Sachsen im frühen 19. Jahrhundert sowie über König Friedrich August I. erschien bereits im 19. Jahrhundert eine Reihe unterschiedlicher Monographien. Als zwei bedeutende Beispiele seien hier die Werke von Karl Heinrich Ludwig Pölitz von 1830 und die mehrbändige Geschichte des Kurstaates und Königreichs Sachsens von Carl Wilhelm Böttiger und Theodor Flathe aufgeführt. 6 Beide Publikationen illustrieren auf anschauliche Weise einen dezidiert sächsischen Blickwinkel auf die eigene Geschichte, der Sachsen und seinen König überwiegend als Opfer der politischen Verhältnisse betrachtet. Damit standen sie im Gegensatz zur damals immer beherrschender werdenen preußischen Betrachtungsweise, die in König Friedrich August I. einen Verräter an der Befreiung Deutschlands vom französischen Joch sah. 7 Dieser Umstand macht beide Werke für die Forschung noch immer interessant, allerdings sind sie mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, da ihre (oft eher spärlich gehaltenen) Quellenangaben heute nicht immer nachvollzogen werden können, da sich die Bestände des Sächsischen Hauptstaatsarchivs in Dresden durch Kriegsverluste und Neuordnung der Archivalien gegenüber den Beständen des 19. Jahrhunderts stark verändert haben. 8 Gemessen an der Zahl der älteren Werke finden sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur sehr wenige Publikationen zur Geschichte Sachsens zur Napoleonzeit. Die Geschichtsschreibung der ehemaligen DDR widmete sich in erster Linie innenpolitischen und wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten und brachte für sächsische Außenpolitik wenig Interesse auf. 9 Seit Mitte der 1990er Jahre öffnet sich das Forschungsinteresse diesem Bereich erfreulicherweise wieder, wie beispielsweise die im Jahr 2000 publizierte Dissertation von Doris Petschel zur Außenpolitik König Friedrich Augusts I. zeigt. Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit erstreckt sich jedoch nur bis ins Jahr In den letzten Jahren hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Napoleonzeit in Sachsen 6 Pölitz, Karl Heinrich Ludwig, Die Regierung Friedrich Augusts von Sachsen, Leipzig 1830, und Böttiger, Carl Wilhelm, Flathe, Theodor, Geschichte des Kurstaates und Königreichs Sachsen, 3 Bände, Gotha Töppel, Roman, Zwischen Altem Reich und Deutschem Bund, S Petschel, Dorit, Sächsische Außenpolitik unter Friedrich August I. Zwischen Rétablissement, Rheinbund und Restauration, Köln, Weimar, Wien 2000, S Das Kapitel Kurstaat und Königreich an der Schwelle zum Kapitalismus von Reiner Groß, in: Czok, Karl (Hg.), Geschichte Sachsens, Weimar 1989, geht auf die Befreiungskriege ein, stellt aber die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Sachsen in dieser Zeit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. 10 Bibliographische Angaben in Fußnote 8. 7

15 intensiviert, was seinen Ausdruck nicht nur in zahlreichen Veröffentlichungen, sondern auch in einer im Jahr 2006 auf Schloss Pillnitz vom Verein für sächsische Landesgeschichte e. V. veranstalteten Tagung 200 Jahre Königreich Sachsen. Vom Alten Reich zum Deutschen Bund Stationen sächsischer Geschichte gefunden hat. 11 Eine Studie, welche die Sächsische Frage in der hier erfolgten Vielschichtigkeit untersucht, liegt jedoch bislang noch nicht vor. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs setzte eine intensive Erforschung des Wiener Kongresses ein, die ihren Niederschlag bis heute in zahlreichen Monografien sowie Biografien der teilnehmenden Staatsmänner fand. Die sächsisch-polnische Frage hat zwar ihren Platz in diesen Werken, doch eine intensive Auseinandersetzung mit den Gründen für die ungewöhnliche Behandlung Friedrich Augusts I. von Sachsen und seines Landes findet sich nirgends. Lediglich zwei Dissertationen aus den 1930er Jahren erheben die Sächsische Frage auf dem Wiener Kongress zu einem eigenständigen Forschungsschwerpunkt: die Arbeiten von Kohlschmidt 12 und Olshausen 13. Klothilde von Olshausen geht der Frage nach, welche Auswirkungen die Haltung der Großmächte zur Sächsischen Frage auf die Gestaltung der preußischen Ostgrenze hatte. Ihr Anliegen ist dabei jedoch weniger die Herausarbeitung der spezifischen Problemstellungen der Sächsischen Frage, als vielmehr das Aufzeigen von Fehlern der preußischen Verhandlungstaktik. Walter Kohlschmidt bietet eine heute noch lesenswerte Erkenntnisgrundlage einerseits für das Vorgehen der sächsischen Diplomatie auf dem Wiener Kongress im Rahmen ihrer äußerst begrenzten Mittel, andererseits für die Rolle der öffentlichen Meinung in Bezug auf die Sächsische Frage. Das Jahr 1813 spielt in seinen Betrachtungen jedoch keine Rolle, ebenfalls fehlt bei ihm das Quellenstudium in Bezug auf die öffentliche Meinung. Eine kompilatorische Darstellung der Sächsischen Frage auf dem Wiener Kongress findet sich in den Aufsätzen von Reiner Marcowitz 14, Jonas Flöter 15 und Jochen Vötsch. 16 Alle drei 11 Der zugehörige Tagungsband erschien 2008: 200 Jahre Königreich Sachsen. Beiträge zur Geschichte im napoleonischen Zeitalter, hg. v. Guntram Martin, Jochen Vötsch und Peter Wiegand, Saxonia. Schriften des Vereins für sächsische Landesgeschichte, Band 10, Beucha Kohlschmidt, Walter, Die sächsische Frage auf dem Wiener Kongreß und die sächsische Diplomatie dieser Zeit, Diss., Dresden Olshausen, Klothilde von, Die Stellung der Großmächte zur sächsischen Frage auf dem Wiener Kongreß und deren Rückwirkung auf die Gestaltung der preußischen Ostgrenze, Diss., Quakenbrück Marcowitz, Reiner, Finis Saxoniae? Frankreich und die sächsisch-polnische Frage auf dem Wiener Kongreß 1814/15, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, Band 68, 1997, S

16 Autoren beschränken sich in der Kürze ihrer Ausführungen auf einen eher überblicksartigen Abriss des Wiener Kongresses, wobei Marcowitz seinen Fokus auf die französische Politik legt, Flöter seinen hingegen auf die österreichische. Die Flugschriften zur Sächsischen Frage wurden bislang nur im 1891 erschienen Aufsatz von Ferdinand Troska 17 in eine chronologische Reihenfolge gebracht. Troska ermittelte zwar den Bezug der Flugschriften zueinander, untersuchte aber ihre Inhalte nicht genauer. Die Stimmung in Sachsen in den Jahren 1806 bis 1813 ist Untersuchungsgegenstand der Dissertation von Roman Töppel, die 2008 erschien 18. Für die Stimmung in der Zeit nach der Völkerschlacht bei Leipzig existiert nach wie vor nur die 1912 publizierte Arbeit von Bernhard Lange 19. Aufgrund des zeitlichen Rahmens, in dem die vorliegende Studie erarbeitet wurde, konnte nach 2010 erschienene Literatur nicht mehr berücksichtigt werden. Quellenlage Insgesamt lässt sich die bestehende Quellenlage für die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit als zufriedenstellend einstufen, da insbesondere mit Hilfe der ungedruckten Quellen viele offene Fragen geklärt werden konnten. Das Schlüsselereignis des Jahres 1813 für Sachsen waren die geheimen Verhandlungen mit Österreich, die am 20. April im Abschluss der sächsischösterreichischen Konvention mündeten. Der Verlauf der Verhandlungen und vor allem die Frage, von welcher Seite die Initiative zu den Verhandlungen ausging, konnten mit Hilfe von unveröffentlichtem Quellenmaterial geklärt werden. Die Korrespondenz zwischen dem sächsischen Gesandten Generalmajor Watzdorf in Wien und dem sächsischen Minister für Auswärtige Angelegenheiten Graf Senfft von Pilsach ist im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden archiviert, während sich die Berichte des österreichischen Geschäftsträgers am sächsischen Hof, Fürst Esterhazy, an Metternich im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien befinden. Neben 15 Flöter, Jonas, Gleichgewicht und Legitimität. Sachsen und die sächsische Frage auf dem Wiener Kongreß, in: Dresdner Hefte. Beiträge zur Kulturgeschichte, 23. Jahrgang, Heft 83: Österreich und Sachsen in der Geschichte, 2005, S Vötsch, Jochen, Die sächsische Frage auf dem Wiener Kongress 1814/15, in: 200 Jahre Königreich Sachsen, S Troska, Ferdinand, Die Publizistik zur sächsischen Frage auf dem Wiener Kongreß, Hallesche Abhandlungen zur Neueren Geschichte, hg. v. G. Droysen, Heft 27, Halle Töppel, Roman, Die Sachsen und Napoleon. Ein Stimmungsbild , Diss., Köln, Weimar, Wien Lange, Bernhard: Die öffentliche Meinung in Sachsen von 1813 bis zur Rückkehr des Königs 1815, Diss., Gotha

17 Esterhazys Gesandtschaftsberichten wurden in Wien zusätzlich verschiedene Entwürfe der sächsisch-österreichischen Konvention vom 20. April 1813, geheime Abschriften der Korrespondenz zwischen Watzdorf und Senfft sowie weitere Einzeldokumente ausgewertet. Die Einsicht in die dort verwahrten Akten des Wiener Kongresses bestätigte den bestehenden Forschungsstand. In seinen Memoiren stellte der sächsische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Graf Senfft, später die Behauptung auf, es sei der bayerische Gesandte in Dresden, von Pfeffel, gewesen, der zwischen ihm und dem Fürsten Esterhazy vermittelt habe 20. Um die Richtigkeit dieser Angabe zu überprüfen, wurden die Korrespondenzen Pfeffels mit dem bayerischen Kabinett aus dem Jahr 1813 im Bayerischen Staatsarchiv München eingesehen. Zu den im Sächsischen Hauptstaatsarchiv analysierten Aktenbeständen gehört neben der erwähnten Korrespondenz Watzdorfs mit Senfft der Nachlass des Staatsrats Breuer. Hier fanden sich Konzepte für die politische Strategie Sachsens während der Kriegsgefangenschaft des Königs, Korrespondenzen des Königs mit Napoleon, aber auch mit den verbündeten Monarchen sowie Dokumente unterschiedlicher Provenienz aus den Jahren Der Nachlass König Friedrich Augusts I. erwies sich als wenig hilfreich für die Fragestellungen dieser Arbeit, hingegen waren aussagekräftige Dokumente im Nachlass seines Bruders und Nachfolgers, König Anton, und seines Neffen, König Johann enthalten. Neben den handschriftlichen Quellen stellen die Akten des Wiener Kongresses in den Zusammenstellungen von Angeberg 22 und Klüber 23, wobei hier überwiegend Klübers Sammlung zur Anwendung gekommen ist, die wichtigste Gruppe der gedruckten Quellen dar. Hinzu kommen als zweite Gruppe die Memoiren, Nachlässe und Briefwechsel der wichtigsten Bevollmächtigten in Wien 24. Die 20 Mémoires du Comte de Senfft ancien Ministre de Saxe. Empire. Organisation politique de la Suisse , Leipzig 1863, S Für eine genaue Auflistung der verwendeten ungedruckten Quellen siehe das Quellenverzeichnis ab S Angeberg [Leonard Jakob Boreijko Chodzko], Comte de (Hg.), Le congrès de Vienne et les traites de Précédé et suivi des actes diplomatiques qui s y attachent. 2 Bände, Paris Klüber, Johann Ludwig, Acten des Wiener Congresses in den Jahren 1814 und 1815, 8 Bände, Erlangen ; Supplementband mit Register, Erlangen Hierzu zählen unter anderem: Aus Metternichs nachgelassenen Papieren, hg. v. Fürst Richard Metternich- Winneburg, Bände 1 und 2, Wien 1880; Memoiren des Fürsten Talleyrand, hg. mit einer Vorrede und Anmerkungen vom Herzog von Broglie, Deutsche Original-Ausgabe von Adolf Ebeling, 5 Bände, Köln und Leipzig 1891; Karl August von Hardenberg Tagebücher und autobiographische Aufzeichnungen, hg. und eingeleitet v. Thomas Stamm-Kuhlmann, München 2000; Webster, C. K. (Hg.), British Diplomacy Select Documents dealing with the Reconstruction of Europe, London

18 relevanten Vertragstexte für die Epoche der napoleonischen Herrschaft ( ) finden sich in erster Linie bei Martens 25. Zu den gedruckten Quellen sind auch die in Teil C untersuchten und bislang noch nicht publizierten Flugschriften zu zählen. Die meist nur zusammengelegten und nicht illustrierten einzelnen Heftchen wurden in späterer Zeit zu Büchern zusammengebunden. Die überwiegende Mehrheit der Flugschriften befindet sich in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden, einige weitere in der Universitätsbibliothek Halle. 25 Martens, George Frédéric, Nouveau Recueil des Traités. 16 Bände, Göttingen

19 A: Schicksalsjahr 1813 Das Königreich Sachsen in den Befreiungskriegen Das für Europa, Napoleon und das Königreich Sachsen gleichermaßen bedeutsame Jahr 1813 begann eigentlich bereits zwei Tage vor seinem kalendarischen Beginn am 1. Januar. Am 30. Dezember 1812 schlossen der russische General Diebitsch und der preußische General Graf York von Wartenburg die Konvention von Tauroggen 26. Darin wurde vereinbart, dass sich das preußische Hilfskorps in einem festgelegten Gebiet bis zum Eintreffen weiterer Befehle des Königs von Preußen neutral verhalten würde (Art. I). Sollte der König den Befehl erteilen, dass sich seine Truppen wieder den Franzosen anzuschließen hätten, so würden sie zumindest für einen Zeitraum von zwei Monaten nicht gegen die Russen kämpfen (Art. II) 27. Diese aus einer militärischen Notwendigkeit heraus geborene Verständigung zwischen einem russischen und einem preußischen General war der erste Schritt zu dem rund zwei Monate später geschlossenen Bündnis beider Mächte gegen Napoleon. Aus diesem bildete sich im Verbund mit Österreich, Großbritannien, Schweden und später auch den ehemaligen Rheinbundstaaten eine Koalition, der es schließlich gelang, den als unbesiegbar gefürchteten Kaiser der Franzosen nicht nur aus Deutschland zu verdrängen, sondern ihn sogar im eigenen Land zu besiegen und dadurch seine Absetzung zu ermöglichen. Es ist in der historischen Forschung kaum bestritten, dass die politischen Ereignisse des Jahres 1813 für die Geschichte Napoleons und Europas von großer Bedeutung waren. Ganz besonders folgenreich in ihren weiteren Auswirkungen waren sie jedoch für das Königreich Sachsen, wie die Ausführungen von Teil A deutlich zeigen werden. Um die Tragweite der Geschehnisse des Jahres 1813 für das Königreich Sachsen klarer einordnen zu können, erfolgt zunächst ein kurzer Überblick über die Geschichte Sachsens zwischen 1768 und Daran schließt sich ein Abriss der Positionen Preußens, Österreichs, 26 Martens, Georg Frédéric, Nouveau Recueil de Traités d Alliance, de Paix, de Trève, de Neutralité, de commerce, de limites, d échange etc., Tome I : , Göttingen 1817, S Zum Zustandekommen der Konvention von Tauroggen siehe unten S «Art. II. Les troupes Prussiennes resteront en parfaite neutralité dans l arrondissement designé dans l article I, jusqu à l arrivée des ordres de S. M. le Roi de Prusse : mais elles s engagent, dans le cas où sa dite Majesté leur ordonnerait de rejoindre les troupes Impériales Françaises, de ne pas combattre contre les armées Russes pendant l espace de deux mois, à dater du présent jour.» Ebenda, S

20 Russlands und Großbritanniens im Jahr 1812 an. Denn ebenso, wie der Verlauf und die Ergebnisse des für Sachsen so bedeutsamen Wiener Kongresses 1814/15 nicht ohne die politischen Weichenstellungen des Jahres 1813 verständlich sind, können die Geschehnisse des Jahres 1813 erst vor dem Hintergrund der Vorgeschichte der wichtigsten Akteure klarer eingeordnet werden. Alle Erfahrungen, die zunächst im Kampf gegen das revolutionäre Frankreich, dann im Bündnis mit Napoleon und schließlich im Befreiungskrieg gegen ihn gesammelt wurden, formten die jeweilige politische Handlungsbasis, von der aus die einzelnen Staaten den Herausforderungen des Jahres 1813 begegneten. Und diese Handlungsbasis änderte sich in den wesentlichen Punkten weder bei Preußen, noch bei Österreich, Russland oder Großbritannien bis zu den Verhandlungen zur Sächsischen Frage auf dem Wiener Kongress. I. Sachsen unter Friedrich August III./I.: Vom Kurfürstentum zum Königreich I. 1. Das Kurfürstentum Sachsen 1768 bis Kurfürst Friedrich August III. kam am 23. Dezember 1750 als ältester Sohn des damaligen sächsischen Kurprinzenpaares Friedrich Christian und Maria Antonia zur Welt. Nach dem frühen und überraschenden Tod von Kurfürst Friedrich Christian im Jahr nach nur zweieinhalbmonatiger Regierung - übernahm dessen jüngerer Bruder, Prinz Xaver, als Administrator für den erst 13 Jahre alten Kurprinzen Friedrich August die Regierungsgeschäfte. Noch vor Vollendung von dessen 18. Lebensjahr legte Prinz Xaver am 15. September 1768 die Regierungsgeschäfte in dessen Hände; Dorit Petschel vermutet Schwierigkeiten Prinz Xavers mit den sächsischen Ständen, die eine Steuererhöhung zugunsten einer Aufrüstung der sächsischen Armee ablehnten, als Grund für die vorzeitige Beendigung seines Regentenamtes 29. Der junge Kurfürst setzte die Konsolidierungspolitik seines Vaters und seines Onkels fort, deren Ziel es war, das 28 Grundlegend für dieses Kapitel sind: Albert von Sachsen, Die Albertinischen Wettiner, Czok, Geschichte Sachsens, Böttiger/Flathe, Neuere Geschichte Sachsens; Groß, Reiner, Geschichte Sachsens, Leipzig 2001, und Petschel, Dorit, Sächsische Außenpolitik. 29 Petschel, Dorit, Die Persönlichkeit Friedrich Augusts des Gerechten, Kurfürsten und Königs von Sachsen, in: Sachsen Zwischen Rétablissement und bürgerlichen Reformen, hg. v. Uwe Schirmer, Beucha 1996, S. 85 und Petschel, Sächsische Außenpolitik, S

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