Die Winters: live! John Schöllgen. BT 574 / Regiebuch IMPULS-THEATER-VERLAG. eine Drei-Generationen-Komödie

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1 John Schöllgen Die Winters: live! eine Drei-Generationen-Komödie Drei Generationen der Familie Winter leben unter einem Dach: Ein struppig-kauziger Großvater, eine agile Großmutter (die auch gern die nervige Schwiegermutter gibt), ein Ehepaar mittleren Alters, über sich hinauswachsend im latent absurden Ringen mit der Arbeitswelt, ihre Teenagertochter, zum ersten Mal richtig verliebt, deren zwei Jahre jüngere, alles spitzzüngig kommentierende Schwester und beider zehnjähriger, Videospiele liebender Bruder. Ein liebevoll-chaotisches Mit-, Unterund Gegeneinander steht auf der Tagesordnung, denn alle sind auf ihre Art hinreißend verrückt. Die Spielgeschichte kreist um die Vorbereitung der Großeltern-Goldhochzeit und treibt voller Komödienlust auf s diesbezügliche Desaster zu. Schön! Mit Familie Winter kommen Akteure und Publikum ins Hier und Jetzt! Nach ein paar Minuten schon ist man ganz und gar in deren Alltag eingetaucht, hat den eigenen vergessen, gar Raum und Zeit! Rundum nur noch Lachen im Saal seitens anderer Experten in Familiensachen! Was mehr sollte Theater von heute bieten? Flohmarkt? Ist drin! Popkultur? Ist drin! Ein Ohrwurm zum Ausklang? Ist drin! Dieses herrliche Theater-Spiel verabschiedet die Zuschauer mit einem wunderbaren Schlusslied: Strangers in the Night von Frank Sinatra. Ach, sind wir das nicht alle, irgendwie? BT 574 / Regiebuch IMPULS-THEATER-VERLAG Postfach 1147, Planegg Tel.: 089/ ; Fax: 089/

2 PERSONEN: (5-7w, 6-7m) Konrad Winter, Oberhaupt der Familie Winter Clara Winter, dessen Frau Constanze Winter, deren älteste Tochter,18 Kim Winter, deren zweite Tochter, 16 Paul Winter, deren Sohn, der jüngste Spross, 10 Lucy Winter, Konrads Mutter Alwin Winter, Konrads Vater Engine Boy, Constanzes Freund, ein Motorradrocker * Onkel Calsen-Bracker, Lucys Bruder, ein Rollstuhlrüpel * Tante Mummeney, Alwins Schwester, eine Chanteuse ** Arnulf Kaventzmann, Metzgermeister * Veronika Keks, eine kecke Floristin * Fridolin, ein Landstreicher * Bond Girl, aus Alwins James-Bond-Traum ** * Nebenrolle ** Minirolle Mögliche Doppelbesetzung 1: Kaventzmann / Fridolin 2: Tante Mummeney / Frau Keks / Bond Girl ORT/ DEKORATION: Das Erdgeschoss eines Wohnhauses, das Wohnzimmer und Küche umfasst. Links führt die nach innen aufgehende Haustür direkt in den Wohnraum. Ebenfalls in der linken Wand: Ein kleines Fenster. In der Rückwand führt ein Treppenaufgang zu den Schlafzimmern im 1. Stock. Mittig im Wohnraum eine Dreiercouch mit zwei Sesseln, davor ein übersäter Couchtisch dto. älteren Datums. Ein unsichtbarer Fernseher schwebt über den Köpfen der Zuschauer. Auf der rechten Seite liegt die Küche: Ein Esstisch mit mehreren Stühlen küchenmittig. Der Tisch wird später für die Goldhochzeitsfeier weiter nach vorn gerückt. Ein großes Rückwandfenster lässt einen Garten erahnen. Rechts eine Tür ( Küchentür ), die durch die Garage in den Garten führt. Das gesamte Inventar ist bereits lange in Gebrauch und wirkt reparaturbedürftig. I, 3 Für die Trödelszene einen Tapeziertisch vor dem geschlossenen Vorhang mit zahllosem Plunder überhäufen, darunter die He- Man-Burg Castle Greyskull. III,2 Haltestelle: eine kleine Bank und ein Schild vor geschlossenem Vorhang genügen. III, 3 Kims Zimmer zeigt ein Teeniebett mit schwarzer Bettwäsche, Plakate von Metal-Bands an den Wänden, ein Nachtschränkchen mit CD Player und Leselampe, Unrat, verstreut liegende, getragene Kleidung, Bücher, Gothicdekoartikel um das Set einzusparen, kann die Szene notfalls im Wohnzimmer stattfinden. SPIELALTER: Erwachsene spielen gemeinsam mit Jugendlichen SPIELDAUER: ca. 2 Stunden WAS NOCH? Ausführlichere Informationen zu den Figuren, sowie eine Zusammenfassung des Inhalts der einzelnen Episoden finden Sie am Ende des Spieltextes. Geräusche-Soundfiles gibt s in der Theaterfundus -Abteilung von FEEDBACK? JA! zum Autor: zum Verlag: 2

3 ERSTER AKT 1. Szene Ulmenhöh, florierend Land... Während das Licht eines frühen Februarabends über uns hereinbricht, sehen wir Clara Winter in der Küche einen Linseneintopf verdünnen, Kim sitzt, Gottfried Benn lesend und in ein T-Shirt ihrer Lieblings-Heavy-Metal-Band gekleidet, auf dem rechten Sessel. Paul sitzt auf der Erde im Wohnzimmer und spielt Super Nintendo. Oma Lucy steht im Regencape im Garten und putzt das Fenster von außen mit Lappen und Abzieher - im hörbar strömenden Regen. Während alle vier ihrer Beschäftigung nachgehen, folgen wir Mutters Gedanken via Tonband: (von Band, verklärend) Ulmenhöhe, ein unbescholtenes Flecklein Erde, eine Festung im Strom der Zeit. Wo sonst noch können Natur und Mensch Hand in Hand durch s Leben schreiten, wenn nicht hier? Wenn nicht hier? Wo sonst ist die Sprache der Einheimischen so ursprünglich wie am ersten Tag? Wo sonst können jugendliche Boarder in Baggypants die Bordsteine mit ihren getunten Boards abgrinden, wenn nicht hier? Wenn nicht hier? Wo sonst könnte der Grünspan den Fünfmeterturm des Freibades in Beschlag nehmen, da ja die Gelder, die uns versprochen wurden, angeblich doch fehlen, was den ganzen Kladderadatsch verkommen lässt, wenn nicht hier? (leicht gereizt) Wenn nicht hier? (kurzes Ringen nach Fassung) Goethe schrieb einst über dieses Idyll: Ulmenhöh, florierend Land Perlenglanz am Klärwerkstrand Fett und dürstend jede Weide Vom Gehölz der Primelheide, Über Bach und Ginsterteich Schillernd, schön und schadstoffreich Strahlst du durch das Auenmeer Eleganten Großstadtflair Bis hinauf zum Busdepot Herz! Du schlägst nicht anderswo! Leibeswohl und Gonorrhö Finde ich in Ulmenhöh (unbetont) Wie geht das Mikro aus? Hier auf den Knopf? Boah, ist das ein Quatsch hier... Wie, das rote Lämpchen leuchtet noch...? (Volles Licht auf einen chaotischen, dem hervorgerufenen Idyll kontrastreich gegenüberstehenden Haushalt. Action!) (inmitten der Szenerie) Paul, sind deine Hausaufgaben gemacht? Nimm das, böser Zwilling des Echsenkaisers! Paul, wir wollen gleich essen, hast du deine Schularbeiten erledigt? (schaut auf den Bildschirm über den Köpfen des Publikums) Ich habe einundzwanzig Herzcontainer gesammelt, habe das Schildkrötenschwert, gegen meine Ausrüstung Level 7 ist deine mickrige Panzerung machtlos! Paul Amadeus Winter, schalt diese Kiste aus! (voll in seinem Element) Damit hast du nicht gerechnet, böser Zwilling des Echsenkaisers! Ich hatte noch ein Ass im Ärmel: einen Enterhaken, damit stibitze ich dir deine Nachkommen und vernichte sie einzeln! Nehmt das und das und das, ihr frisch aus dem Ei gepellten Schurken! Kim, würdest du deinem Bruder den Stecker rausziehen? 3

4 (die das Gespräch am Lesen gehindert hat) Du weißt schon, dass Euthanasie hierzulande verboten ist? (Kim zieht den Konsolenstecker aus der Steckdose. Ungeachtet daddelt Paul weiter.) Hey, Super Mario, du kannst aufhören. Ich habe dir den Stecker gezogen. He! Mir hätte nur noch die Flöte des Eremiten gefehlt, um den richtigen Echsenkönig zurück auf den Thron zu bringen. Der hätte mir ein Wams vermacht, das unsichtbar macht. Reichlich Material für die Schulpsychologin (kleinlaut) Frau Otzenkötter hat gesagt, ich soll erst wiederkommen, wenn ich diesen seltsamen Geruch im Griff habe. (Kim geht in die Küche, Paul steckt den Stecker unbeobachtet wieder ein und spielt weiter.) (sieht Oma die Fenster putzen) Was macht Oma da? Sie putzt die Fenster. Es regnet. (nickt zustimmend) Das weiß sie. (Beide schauen auf Oma, die winkt fröhlich.) Würdest du bitte das feine Schwedenmeißner aus dem Schrank holen? (Kim nickt mürrisch und geht zurück ins Wohnzimmer, Paul sitzt erneut vor der laufenden Konsole. Abermals zieht Kim den Stecker aus der Steckdose.) Mama! Was ist da drüben wieder los? Kim hat mir den Stecker rausgezogen und mir meinen Spielstand verdorben, ich war so nah an der Krone des Affenpriesters. Unser kleiner Taliban hat sich eigenmächtig wieder ans Terrornetz gehängt. Könntet ihr nicht mal für fünf Minuten Ruhe geben? Was springt für uns dabei raus? (urplötzlich solidarisch) Ja, genau! Wie bitte? Ich mache eure Wäsche, entferne die Tretminen, die ihr kleinen Kofferbomber in euren Zimmern hinterlasst, koche mir die Finger wund und spüle, bis meine Krampfadern hervortreten und ihr besitzt allen Ernstes die Frechheit, eine Gegenleistung dafür zu verlangen, dass ich am Tag einen Augenblick der trügerisch-stillen Harmonie einfordere? Beide: (achselzuckend) Ja. (geht zurück in die Küche) Ich erkenne in euch meine Schule, weiter so! Und unsere Belohnung? 4

5 (ironisch-abschließend) Wie lange lebst du schon in diesem Haus? (Konrad hat sich durch den Regen nach Hause gekämpft, er tritt durch die Haustür.) Brrr... wer bei diesem Wetter freiwillig vor die Tür geht, muss völlig verrückt sein. Hallo Kinder. (küsst seine Frau) Hallo Schatz, hast du wieder gespült? (grinst ihn hämisch an) Wie war es auf der Arbeit? (unüberzeugt) Wie jeden Tag im Baumarkt war es auch heute wieder ein Leben auf der Überholspur. Sobald der Schwingschleifer surrt, liegen einem die Frauen zu Füßen! Und wie war es hier im Mütterverwesungswerk? Deine Kinder fordern eine Entschädigung dafür, dass sie fünf Minuten sittsam sind. Ich erkenne meine Schule... Was ist jetzt mit unserem Schweigegeld? Gib es uns, Mama! Ja, gib es uns, Mama! (im gleichen Ton) Ja, gib es uns, Mama! Ihr seid mir ein verrückter Haufen. Kinder, Kinder! (Clara geht zurück in die Küche. Kim holt die Ikea-Teller aus dem Schrank, Konrad nimmt sie ihr ab und folgt seiner Frau. Kim geht die Treppe hinauf. Paul stöpselt erneut das Super Nintendo ein. Konrad winkt seiner fensterputzenden Mutter zu. Konrad und Clara unterhalten sich gedämpft in der Küche.) Hast du den Vorschuss bekommen? (Konrad schüttelt schweigend den Kopf.) Was soll das heißen? Hast du Herrn Potzkoten die Lage erklärt? Ja. Und was sagt er? Er gratuliert meinen Eltern herzlich. Konrad, wie sollen wir die Goldhochzeit allein stemmen können? Ohne Vorschuss? Ist das der Dank dafür, dass du dich jahrelang als loyaler, rückgratloser Mitarbeiter immer von deiner besten, rückgratlosen Seite gezeigt hast? Wann sind wir mal dran? Er meint, ich könne froh sein, dass ich überhaupt Arbeit habe. Arbeit? Ohne dich läuft der Laden nicht. Hast du ihm das zu verstehen gegeben? Du bist nicht mehr der Ein-Euro-Jobber im Biberkostüm, der am Ende des Tages glücklich eine 50-Cent- Münze in Händen hält, weil er nur eine Halbtagsstelle hat. Nein, du bist eine Koryphäe an der Flex, schneidest Röhren nach deinem Gutdünken. Ohne dich würde man in selbige schauen. Weiß er das? Weiß Herr Potzkoten das? Wir werden schon klarkommen Klarkommen? Wie denn mit fünf plärrenden Kindern am Hals? 5

6 Fünf? Ich dachte drei. (knatschig) Siehst du, ich weiß nicht mal mehr, wie viele Kinder wir haben. (drückt sich in seinen Arm) Ob wir eins verkaufen können? (erwidert die Umarmung) Clara, die Goldhochzeit wird nicht ins Wasser fallen. Vertrau mir. Wir finden bestimmt eine Lösung, aber nicht mehr heute Abend. Du weißt, dass wir gleich noch loswollten (Sie deutet dezent auf die fensterputzende Lucy. Diese winkt a- bermals freundlich.) (fällt aus allen Wolken) Aber gleich kommt Fußball. War das heute? Oh ja. Ich werde nicht allein losziehen, um für das Ehrenfest deiner Eltern einzukaufen. Was wir haben, können wir von der Liste streichen. Auch mit schmalerem Budget. Nehmen wir e- ben Pappteller. Zu würdigen wissen sie es eh nicht (nach stiller Umarmung) Darf ich spielen gehen? (Clara löst die Umarmung, zupft Konrad spielerisch an der Nase und lässt ihn ziehen.) (setzt sich auf die Couch zu Paul) Hallo, Partner, was spielst du da? Super Nintendo. Super Nintendo? Toll, meine Freunde haben eine X-Box. (zum Bildschirm) Wo ist der Kokosnusswald, den ich gestern freigespielt habe? Kim hat mir den Stecker gezogen. Aber warum macht die das? Das ist doch... doof. Das habe ich auch gesagt. Weißt du, wer schuld daran ist? (schaut sich um, leise) Deine Mutter, denn die hat nichts übrig für Rennen in Bowsers Schloss oder der Regenbogenstraße. Deine Mutter ist der wahre Wario! (Clara stand längst hinter ihrem Gatten und legt nun sanft die Hände um seinen Hals.) Schatz, wie war noch gleich dein Tag? (verlegen) Flexig. (verstärkt den Druck) Und nach dem Essen machen wir was? (gegen das Pieksen) Besorgungen Besorgungen (verstärkt den Druck weiterhin) Für wessen Eltern? (unter leichten Schmerzen) Meine Ich mag Mama, weil sie kocht. (lässt los) Brav! Ich werde dich am Leben lassen vorläufig! (äfft Paul nach) Ich mag Mama, weil sie kocht! Tolle Hilfe! 6

7 (Währenddessen ist die tropfnasse Oma Lucy mit einem Putzeimer durch die Küchentür in die Küche getreten, sie eilt zu den Töpfen, die gähnend auf dem Herd ihr Dasein fristen. Paul und Konrad wechseln das Spiel und spielen jetzt Super Mario Kart gegeneinander.) Jesus, Maria und Josef! Wo ist hier die Hausfrau? (kehrt in die Küche zurück) Lucy, was machst du hier? Ich verhindere einen Hausbrand, wie es eine gute Hausfrau e- ben macht. Ich habe hier alles im Griff. Das weiß ich doch, ich kam auch nur rein zufällig hier vorbei und da sah ich deinen Herd verwahrlost dastehen... Woran genau versuchst du dich da? An einem Linseneintopf. (hebt den Deckel) Der ist aber dünn. Ich habe ihn gestreckt, damit es für fünf Mann langt. Ah ja. Wasser. Die Wunderwaffe des kleinen Mannes. Du solltest noch etwas ungesättigtes Garam Masala hinzugeben, das kaschiert die flüssige Konsistenz. (sucht in den Schränken) Wo bewahrst du es auf? Was? Dein Garam Masala. Es empfiehlt sich immer, etwas im Haus zu haben, man weiß nie, wann es sich als nützlich erweist. Und wenn du kein Garam Masala hast Ja? (als sei es selbstverständlich) nimm einfach Jambalaya. Ich werde es gleich auf meine Einkaufsliste setzen. Neben die Handfeuerwaffen! Würdest du mir einen Kleiderbügel geben, damit ich dieses tropfende Cape aufhängen kann? Kleiderbügel hast du doch, oder etwa auch nicht? (Clara wirft Lucy einen bösen Blick zu und geht ab.) Ist das der Dank für mein aufopferndes Wesen? (Lucy geht mit dem Cape ins Wohnzimmer.) Hallo, Kinder. Hallo, Oma. Hallo, Oma. Oma, warum putzt du im Regen die Fenster? Ach, Kindchen. Ich möchte deiner Mutter ihre Verdienste nicht abstreitig machen, ich gehe ihr nur etwas zur Hand, sie wirkt etwas überfordert, aber das wollen wir ihr nicht auf die Nase binden. Das bleibt ein Geheimnis zwischen dir und mir. Und mir... (Lucy will zurückgehen, da steht Clara schon mit dem rachsüchtigen Kleiderbügel und verschränkten Armen hinter ihr.) 7

8 (überrumpelt) Hallo, Liebchen (ringt mit der Fassung) Ich bin überfordert? So ist das? Nett, wie du das ausdrückst! Ich bin ja nicht den ganzen Tag zu Hause wie andere, nein, neben der Erziehung dreier Kinder und zweier strapaziöser Schwiegereltern (zu Konrad) daher die fünf gehe ich auch noch arbeiten. (als sei es nichts) In einer Buchhandlung... (sich selbst bekräftigend) In einer Buchhandlung! (streichelt Claras Backe besänftigend) Ja, aber doch nur halbtags. Als ob es nichts wäre... Du sitzt doch die ganze Zeit... (grimmig) Hier ist dein Kleiderbügel. (immer noch besänftigend) Danke, siehst du, du bist eine gute Hausfrau. (Da klingelt ein Handy. Ist der Klingelton etwa von den Pussycat Dolls?) Huch! Hältst du das bitte? (drückt Clara das nasse Cape in die Hand, die es auf den Bügel hängen will) Eine SMS von Gisela. Sie holt mich ab, sie wartet vor dem Haus. (nimmt das Cape) Danke, Clara, für den Bügel, ich brauche ihn nicht mehr. Bist du so lieb und hängst ihn für mich weg? Erst willst du einen und jetzt nicht mehr? (leichtfüßig) Eine verrückte Welt, nicht wahr? Gisela holt mich zum Kegeln ab. Der Löwenbräukeller hat einen neuen Kellner, der noch zugeritten werden will. Paul, Kindchen, mach den Mund zu, deine Oma ist nicht von gestern. Sie ist knautschig und engstirnig, aber sie ist nicht auf den Kopf gefallen. (zieht sich das noch tropfende Cape an und geht zur Tür) Paulchen, mach doch mal das Ding aus. Du verdirbst dir noch die Augen. Das ist ein Super Nintendo, Oma. (leutselig, da ihr Enkel ein uraltes Videospiel hat) Verstehe. Nicht mehr ganz aktuell, oder? Naja, deine Mama streckt ja auch die Suppe... (Lucy ab durch die Haustür.) (wartet ab, bis Lucy weg ist, ruft laut) Essen! (sitzt an der Konsole) Nicht jetzt, Schatz, wenn wir das Geisterhaus nicht schaffen, müssen wir den Blumenpokal noch einmal fahren. Erst die Schlacht, dann die Nahrungsaufnahme! (Kim kommt die Treppe herunter und zieht abermals den Stecker der Spielekonsole.) So, Schlacht entschieden. Paul & (Uni Voce) Hey! Euer Rennstall ist Konkurs gegangen. (Kim geht in die Küche, Konrad und Paul folgen schlurfend. Man setzt sich zum Abendbrot an den Tisch.) (öffnet die Küchentür) Alwin, kommst du bitte? 8

9 (Clara setzt sich. Auftritt Opa Alwin mit Gummistiefeln, Regenschirm und in Unterhose.) Ist eure Großmutter gegangen? Ein Glück! Ihre Stimme klingt wie eine Stalinorgel. (sieht ihren Opa in Unterhose) Herrje Opa, wenn dir nur ein Fünkchen an meiner Heterosexualität gelegen ist, dann zieh bitte eine Hose an. Das werde ich nicht! Kim hat Recht. Wofür gibt es eine blühende Hosenindustrie? Die Hosenindustrie ist von Kommunisten unterwandert und da glaubst du, dass ich mein Gesäß mit deren Zwirn verhülle? Mitnichten, mein teurer Konrad, oder wie die sagen würden: Genosse Konradski! Nein! Eher liege ich Seite an Seite neben meiner Liebsten unter zwei Metern Erde begraben. Und wenn ich keine Liebste finde, dann eben neben deiner Mutter! Aber auf der Goldhochzeit wirst du Beinkleid tragen, nicht wahr? Wir sind den Anblick von fleckigen, haarigen Schenkeln, die mit Flechten übersät sind, zwar gewöhnt... (Kim lässt den Löffel entsetzt klirrend auf den Teller fallen und zittert vor Schock.) aber unser Besuch würde schreiend das Haus verlassen. Ich brauche mich vor nichts zu schämen, ich habe dieses Haus mit meinen eigenen Händen gebaut und sie sind zu Gast, da haben sie sich unseren Sitten und Gebräuchen anzupassen. Papa, erstens ist das mein Haus, und gebaut hast du es auch nicht, es stand schon da, als wir kamen. Vermutlich waren die Vormieter auch Kommunisten. Die Ermittlungen laufen bereits. Opa, wer sich nicht an die Regeln hält, dem wird das Taschengeld gekürzt. (ein Angstschatten huscht über sein Gesicht) Tatsächlich? Alles schon da gewesen! (entsetzt) Ihr kürzt mir das ohnehin schon knapp bemessene Taschengeld? Clara & Konrad & (Uni Voce) Oh ja! (in alter Stärke) Papperlapapp, ich habe in diesem Haus immer noch die Hosen an... im übertragenen Sinn... Ich lasse mich nicht zum Halbstarken entmündigen. Bums. Aus. Nikolaus! Ich bin so wütend, ich könnte aus der Hose fahren! Wenn ich eine anhätte (Alle lassen im Chor die Löffel fallen, Alwin isst als einziger unbeeindruckt weiter.) (nach einer Weile) Ich mag Clara, weil sie kocht. - Dunkel - 9

10 I, 2. Szene Constanzes Geheimnis Nach dem Essen. Clara räumt den Tisch ab, die Herren der Schöpfung, Konrad und Alwin, sitzen im Wohnzimmer auf der Couch. Im Fernsehen läuft ein Uefa Pokal-Spiel. Kim hilft Clara abzuräumen, Paul entzieht sich der Arbeit und geht die Treppe hinauf. Fußball! Der Sport der Könige! Gibt es etwas Schöneres? Was ist das für ein Spiel? Uefa Pokal. Uefa Pokal? Das heißt jetzt Europa League. Warum auch immer. Wie ist der Gegner so drauf? Wir dürfen Lokomotive Moskau nicht unterschätzen. Dieser Traditionsverein blickt auf eine hundertjährige Geschichte zurück, namhafte Spieler geben sich im Vereinsheim die Klinke in die Hand. (deutet auf den im Publikum stehenden TV) Wer ist das? (versucht den Spieler zu erkennen) Keine Ahnung. Wer ist das? (versucht den Spieler zu erkennen) Keine Ahnung. Wer ist das? (geht nah an den betagten TV-Apparat heran, um die Einblendung lesen zu können) Keine Ah... halt, sie blenden einen Namen ein: Juri Przyosznoszkowski, der internationale begehrte Juri Przyosznoszkowski. Mailand ist interessiert. So? Wo hat der bisher gespielt? (beugt sich noch einmal nach vorn, resigniert) Keine Ahnung. Also, meine Kumpels haben einen Plasmabildschirm mit Bildim-Bild-Funktion. (versteht Alwins Seitenhieb) Es zwingt dich niemand, dir an meinem Altertümchen die Augen zu verderben. Ein neuer kommt vorerst nicht in Frage. Du hast selbst einen Fernseher oben stehen. Ja, aber ich finde die Fernbedienung nicht und nach fünf Uhr stehe ich nur im äußersten Notfall auf. (sinniert) Was für ein Name... Lokomotive! Regressiver wäre nur noch Rad Moskau. (Kim und Clara kommen aus der Küche. Clara verstaut die Teller im Wohnzimmerschrank und macht sich anschließend ausgehbereit, Kim nimmt das Buch, das sie für das Abendbrot auf dem Sessel hat liegen lassen, wieder auf und setzt sich.) Kim, sieh! Erneut wenden die Russen die Taktik aus dem Kessel von 42/43 an (schnippisch, sieht nicht auf) Endlich wird es wahr. Verzeih, wenn ich die junge Generation mit den Traumata der meinigen nerve! (Konrad versucht hinter Alwins Rücken, Kim Zeichen zu geben, dieses Thema nicht anzuschneiden, doch sie geht süffisant grinsend nicht auf ihren Vater ein und macht sich einen Spaß daraus, 10

11 Konrad mit Alwins lückenhafter Stalingradgeschichte zu piesacken.) Opa, du warst nie in Stalingrad. Kim-Jong-Il Kim genügt völlig Ich war vielleicht nicht da, doch gefallen bin auch ich. Anheim gefallen. (süffisant, da sie weiß, was kommt) Ach ja? Wem? Ihr Name darf nicht ausgesprochen werden! (entnervt) Er redet von Oma. (zu Konrad) Du hast deinen Eid gebrochen, jetzt muss ich dich dafür belangen! Geh und zieh dir eine Hose an! (Clara hat ihre Jacke angezogen. Sie versucht, Konrad geheime Zeichen zu geben. Beide müssen noch Besorgungen für die Goldhochzeit erledigen.) Konrad, der Regen hat nachgelassen. Bist du soweit? Soweit? Wofür? Wir wollten doch heute ins Kino, schon vergessen? ( Kino ist hörbar ein Code-Wort) Das ist doch schon länger geplant, das mit dem Kino Jetzt? Der Fernseher ist doch schon an. Sapperlot, seht euch das an, da geistert ein Flitzer über das heilige Grün. Lauf, du Nackedei, lauf, die Häscher sind hinter dir her! (springt blitzschnell auf) Können wir? (zu Konrad) Vergiss deine Jacke nicht! Nicht dass du frierst im Kino! Nicht da lang, da warten die Schäferhunde... (senkt getroffen den Kopf)... sie haben ihn erwischt... (wechselt das Thema) Also gut, welchen Film sehen wir uns an? Wir, das heißt, mein Mann und ich, werden uns das äh (muss etwas erfinden) bambiprämierte Erstlingswerk des äh kolumbianischen Meisterregisseurs Bogo Ta ansehen: Lenden der Leidenschaft, die Geschichte eines vietnamesischen Seidenstrumpffabrikanten und seiner Liebe zu einer Tamilenprostituierten namens Almtrud in den Wirrungen der Sechziger und den Irrungen der Siebziger. Das Spiel langweilt mich. Ich will Spongebob Schwammkopf der Film sehen. (Alwin steht auf und geht durch die Haustür hinaus.) Alwin! Du bleibst brav hier! (schaut hinaus, Alwin hinterher) Du brauchst gar nicht erst ins Auto einzusteigen Steig wieder aus! 11

12 Dann müssen wir ihn wohl oder übel mitnehmen. (hörbar ironisch) Schade. (leicht gereizt) Du weißt schon, dass Kino ein Codewort war für die Einkäufe, die wir für die Hochzeit DEINER Eltern zu erledigen haben? Ich mache das nicht allein, du hilfst mir gefälligst dabei! (ihm kommt die neue Situation nicht ungelegen) Du weißt, wie er quengeln kann. Konrad! Sieh nur, er hat sich schon angeschnallt. Das hat heute keinen Zweck. Geheimhaltung hat Priorität, das hast du selbst gesagt. Lass uns die Einkäufe verschieben. (sieht ihn grimmig an) Ich werde das Gefühl nicht los, dass dir diese Situation nicht ungelegen kommt. (schiebt sie sanft hinaus) Da täuschst du dich. Du musst es so sehen: Morgen hast du (!) jede Menge Zeit, die Einkäufe in aller Ruhe zu tätigen. (Clara und Konrad durch die Haustür ab. Kim sieht von ihrem Gedichtband auf, nimmt die Fernbedienung und schaltet den TV aus.) (grüblerisch) Penetranz! Penetranz ist der Schlüssel zur Macht! (Da schleicht sich Constanze durch die Gartentür herein, die man vorher bereits durch das Küchenfenster hat klüngeln sehen mit ihrem neuen Freund, dem Engine Boy. Sie haben sich leidenschaftlich von einander verabschiedet und nun will sie eilig in ihr Zimmer im ersten Stock.) (ohne sich umzudrehen) Ei, ei, ei! Wen hätten wir denn da? (Constanze fährt erschrocken zusammen.) (sucht nach einer Ausflucht) Die Schlange war sehr lang äh in der Bibliothek die neben dem Pfarrhaus wo der Pfarrer wohnt äh dem ich bei der Obdachlosenspeisung helfe unentgeltlich Du kannst die Scharade aufgeben, die Wachhunde sind nicht da. Puh... hast du mich erschreckt... Sie mussten umdisponieren: Opa wollte ins Kino. Spongebob Schwammkopf - der Film? Hm-Hm. (ermittelnd) So so Das ist also dein Aufsatz? Was meinst du? Jetzt tu nicht so! Es kam mir gleich Spanisch vor, dass du über Konrad Adenauers Festtagsrede zur Wiedervereinigung referieren musst. Du kannst froh sein, dass Opa die beiden so in Beschlag nimmt, dass sie keine Minute Zeit haben, um über deine löchrigen Ausreden nachzudenken. Raus mit der Sprache, wie lange geht das schon mit euch? (mit verschmitztem Lächeln) Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Selbst ein Blinder ohne Hose würde merken, was los ist. Du strahlst von Ohr zu Ohr, du legst die alten Eurythmics-Platten auf, du rasierst dir die Beine... Ich lege Wert auf ein gepflegtes Äußeres. 12

13 Gestehe! Wer ist er? Wie sieht er aus? Wie lang ist sein Vorstrafenregister? Also gut, aber versprich mir, nichts zu verraten... (ihr Lächeln verrät, dass sie Constanze verraten wird) Nein. Also fein, seinen richtigen Namen kenne ich nicht... Ein solides Fundament für eine lang anhaltende, gleichberechtigte Partnerschaft... Aber die Jungs aus seiner Gang nennen ihn Engine Boy. Sehr romantisch, bodenständig und doch rebellisch. Er ist Gitarrist in einer Band: Rotten System, der bodenständigste Heavy Metal, den du je gehört hast. (gespielt begeistert) Echt? Kannst du mir ein Autogramm besorgen? Das kann ich gern... Sekunde - das war ironisch, oder? (Kim nickt grinsend.) Und bin ich darauf hereingefallen...? (Kim nickt abermals.) Na pitull, Herr Meier. Muss man dir die Würmer einzeln aus der Nase ziehen? Erzähl schon, wo hast du den Überflieger kennengelernt? Auf dem Schulflur in der großen Pause. Dabei ist er gar nicht mehr auf unserer Schule, er war einfach da. (äfft mit einem schrillen Quieken Constanzes Aufgeregtheit nach) Er hat einen Zettel aufgehängt, dass seine Band einen Bassisten sucht und er hat ihn ausgerechnet über meinen Spind geklebt. Zufall? Ich glaube nicht! Sehr amerikanisch! Erst habe ich ihm die Hölle heiß gemacht, was ihm einfiele, meinen Spind zu verschandeln und er war so verlegen, dass er nur stammeln konnte. Das war so knuffig... wie er da stand, nach Worten rang und nichts hervorbrachte außer äh... (seufzt hingerissen) Halt ihn ganz fest, dass er dir nicht wegläuft! Das werde ich darauf kannst du dich - das war wieder ironisch, oder? (Kim nickt grinsend.) Und ich doofe Else falle wieder (Kim nickt langsam und eingängig.) Ich hätte es ahnen können... (Es klingelt an der Haustür.) Erwartest du jemanden? 13

14 Eigentlich nicht. Machst du auf? Ich wollte mich eben frischmachen. (Kim zur Haustür, Constanze geht nach oben.) Wenn Mama und Papa mich geschminkt sehen, ist der Teufel los! (ab) (für sich) Ungeschminkt bist du auch keine Almkönigin (Kim öffnet dem Engine Boy, der schweigend dasteht.) Ja, bitte? Kann ich etwas für dich tun? Boy: (nach einer Pause, leicht begriffsstutzig) Ist Constanze da? Ja. Schön, dass ich helfen konnte, tschüss. Boy: (als wäre das Gespräch tatsächlich beendet) Tschüss. (Kim schließt die Tür. Da klopft es wenig später wieder, erneut steht der desolate Engine Boy davor.) Hm... ich weiß ja nicht, was du da machst... (wie zu einem Kind)... aber wenn du Klingelmännchen spielst, solltest du weglaufen, ehe die Tür aufgeht. Boy: (nach Pause) Danke. Sonst noch etwas? Boy: (nach einer Pause) Ist Constanze da? Ja. Boy: Okay. (nach einer Pause) Möchtest du, dass ich sie hole? Boy: (überlegt lange) Okay. (ruft) Constanze, Besuch für dich. Dein Rhetoriklehrer. Boy: (überlegt lange) Okay. Hey, ich kenne dich, du bist dieser Motorradrocker, der immer noch vor der Schule abhängt, weil er keinen Ausbildungsplatz bekommen hat. Boy: (nach Pause, im gleichen Ton wie zuvor) Okay. Ich habe von dir und diesem Mädchen gehört, war nicht gerade rühmlich. Boy: Ich bin der erste aus meiner Gang, der Alimente zahlt (Constanze eilt treppab, ihr Make-up ist verwischt.) Warum erzählst du nicht, ich sei, oh, hallo du... (Sie küsst ihn.) Was suchst du noch hier? Wenn meine Eltern dich erwischen... Boy: Ich habe da ein Problemchen mit dem Gartentörchen. - Es geht nicht auf. Hab s eilig! Muss meinen alten Herrn vom Töpfern unter Aufsicht abholen. 14

15 (Ein Moment des Schweigens, das muss erst mal verdaut werden.) (mit breitem Grinsen) Die Kostbarkeit des Augenblicks! (raunt Kim an) Er hat innere Werte. Boy: (zu Kim, protestierend) Genau. (fragend zu Constanze) Welche denn? Das erzähle ich dir auf dem Weg zum Gartentörchen. Wir wollen doch mal sehen, ob wir dich nicht befreien können. (Beide durch die Haustür. Kim muss stark an sich halten, um nicht loszulachen.) Ein weiteres seltenes Exemplar reiht sich in unser familiäres Kuriositätenkabinett: Der pantophage Borsteneumel...possierlich...zu recht vom Aussterben bedroht. (Da kommt Paul im Dinosaurierschlafanzug die Treppe herunter.) Kim, hast du meine Burg gesehen? (kontert) Nein. Hast du meine Burg gesehen? Nein. (nach einer verwirrten Pause) Hast du? Nein, ich habe deine Burg nicht gesehen. Immer verschwinden Sachen aus meinem Zimmer. (Durch das Küchenfenster sehen wir, wie Constanze den Engine Boy über die Tücken des kniehohen Gartentor aufklärt: Sie öffnet es, er lernt und macht es nach. Er wird es schaffen, ganz sicher.) Ich verlange Aufklärung! Sicher wirst du Doofnuss deine Burg im Tetris-Rausch irgendwo verstaut haben und hast vergessen, wo. Irgendjemand in diesem Haus klaut und ich will wissen, wer! (Constanze kommt aus der Küchentür. Kim schaut sie hämisch grinsend an.) Na, hat unser Zaunkönig das Tor gemeistert, ohne sich etwas zu brechen? Er braucht eben manchmal etwas länger. Noch eine Nuance langsamer und du könntest ein Zahnrad in seinem Kopf hören, wie es verzweifelt versucht, in andere einzurasten, aber oh Graus es ist allein. (entrüstet) Was soll das? Kim versucht dir nur zu sagen, dass, wenn sein I.Q. noch um einen Punkt nach unten sinken würde, er sogar bei einem Bluttest vom Nachbarn abschreiben müsste. (erstaunt) Der war gut, Stöpsel! Und das aus den Mündern zweier Fingertiere, die nicht wissen, was Liebe ist... Doch, ich hab euch gesehen, als Mama und Opa und Papa weggefahren sind. Du kleiner Spanner, na warte, du! 15

16 (Paul rennt quiekend die Treppe hoch.constanze will hinterher, lässt es dann aber doch.) Den kriegst du nicht. Die tägliche Flucht vor Mitschülern, die ihn vermöbeln wollen, hat ihn wieselflink gemacht. Wenn du dir schon meinen Lockenstab ausleihst, wäre es nett, wenn du ihn ohne Haare zurücklegst. Wie ekelhaft! (Kim schaut sie verständnislos an) Also, wo ist er? Ich habe deinen Lockenstab nicht... (stutzt) Aber wenn du ihn nicht hast, wer dann? (Derrick-Musik. Übertrieben entsetzte Mienen, wie in einem schlechten Film.) - Dunkel - I, 3. Szene Trödelmarkt Ein Tapeziertisch vor geschlossenem Vorhang. Lucy und Alwin haben sich Stühle mitgenommen, Verpflegung in einer Kühlbox und heißen Kaffee in einer Thermoskanne, bei unbeständigem Wetter preisen sie alten, von den Kindern stibitzten Trödel an, darunter die He-Man Burg Castle Greyskull. Die Einnahmen sammeln sie in einer Geldkassette. Treten Sie näher, meine Damen und Herren, hier erhalten Sie den allerherrlichsten Ramsch vom Erzeuger. Einen fast gut erhaltenen Lockenstab, realitätsfremde Schnitzereien aus dem Erzgebirge, wie sie uns entfernte Verwandte zu Weihnachten senden, ein frisch entferntes Motherboard, die Nabelschnur ist quasi noch warm, ein Eierschalensollbruchstellenverursacher, Paninisammelbilder von der WM 82 in Spanien... alles zum halben Preis... oder zum Höchstgebot. Hey, kannst du den Fliegeralarm mal für eine Minute abstellen? Anstatt zu meckern, könntest du dich nützlich machen! (winkt desinteressiert ab) Lass die Bomber weiter kreisen! Glaubst du, die Kinder haben Wind davon bekommen, dass wir ihre Garage geplündert haben? Wir wollen ihnen die Überraschung nicht verderben. Die Goldhochzeit wird bei uns im Haus stattfinden und nicht im Löwenbräukeller, wie wir es ausdrücklich gewünscht hatten und jetzt gehen wir nur auf Nummer sicher, dass es uns wenigstens im Bereich Essen an nichts fehlen wird. (seufzt, beginnt, mit der Burg zu spielen) Kaum zu glauben... Nicht wahr, kaum zu glauben, was wir nicht alles aus Liebe zu den Kindern tun... Nein, kaum zu glauben, dass es erst fünfzig Jahre sind... Sie sind vergangen wie im Flug... Ja, im Geiersturzflug. Du bist ein alter Meckerzausel. Und du eine Kopulierhippe. 16

17 Tu nicht so, als ob du wüsstest, was das ist. Da könntest du richtig liegen, aber wenn ich mir vorstellen müsste, wie sie aussehen könnte, dann so... (zeigt auf seine Frau) Sehr witzig! Und hör auf, mit dieser infernalen Burg zu spielen! Hey, mach mal halblang, das ist nicht nur einfach eine Burg, das ist Castle Greyskull, der Wohnsitz Prinz Erics von Eternia. (baut die entsprechende Burg auf) Durch dieses Fallgitter halten wir uns den arglistigen Widersacher Skeletor fern. Kinderquatsch! Der arglistige Widersacher Skeletor wäre ein hervorragender Spitzname für dich. (schaut auf Lucy, dann auf die Burg) Du trägst keine Liebe in dir für die Abenteuer des He-Man und seiner Verbündeten, ich kann Castle Greyskull nicht deiner Obhut überlassen. (Auftritt Constanze und der Engine Boy Arm in Arm. Zunächst sehen sich beide Parteien nicht, dann wird Constanze der Situation gewahr und schubst den Engine Boy ins Off. Mit aufgesetztem Grinsen schlendert sie an den Tisch.) Oma, Opa, was macht ihr denn hier? (peinlich erwischt) Wir entledigen uns einiger alter Sachen, die wir entbehren können, um die Haushaltskasse aufzubessern. Habt ihr Nöte? Im Buchladen läuft es schlecht, wer hätte das ahnen können? (ihr Ton verrät, dass sie es geahnt hat) Wir wollen deinen Eltern etwas entgegenkommen. Und warum auch nicht? Wir haben ja Zeit. (kritisch) Wo habt ihr all das aufgetrieben? Wir haben die Garage, den Keller und den Speicher ausgemistet. (spielt mit der Burg) Zu den Waffen, Skeletor! Ist das Pauls Burg? Nein, wo denkst du hin... Ist das unser Duschvorhang? (verlegen) Ähh... Kims Krawall-CDs, Mutters kitschige Glasperlentiere? Papas elektrischer Nasenhaarentferner? Kann es sein, dass ihr euch auf dem Weg vom Keller in den Speicher auch in diverse andere Räume verirrt habt? (aus der Not) Dafür bist du noch zu klein... Mein Tagebuch???!!! Kindchen, reg dich nicht unnötig auf! Es ist ja nicht das Original. (schlägt ihr Tagebuch auf) Das ist ja ausgedruckt...?! 17

18 Liebchen, glaubst du, ich mach mir die Arbeit für ein jämmerliches Büchlein? Ich habe noch einen Karton im Wagen. (außer sich) Ich glaub, es schneit! Ich habe das Original zurück in den Hohlraum unter deiner Matratze gelegt. - Du hast nichts gehört, Alwin. Nein, ich habe nicht gehört, dass du Constanzes geheimes Tagebuch in den Hohlraum unter Constanzes Matratze gelegt hast. Siehst du, kein Grund zur Beunruhigung. (Da tritt der Engine Boy auf, er hat sich an anderen Ständen Kleidungsstücke zusammengekauft oder geklaut, das sieht man ja im Off nicht, schade eigentlich. Er trägt einen Trenchcoat, eine Sonnenbrille und einen Hut, er nähert sich mysteriös dem Stand.) Liebchen, du bist ja völlig außer dir... Boy: (in einer Rolle) Wer macht hier Probleme? (schaltet schnell) Ja, guten Tag... äh Fremder... diese Dame bietet Eigentum an, dass ihr nicht gehört. Boy: Das gehört sich aber nicht. Was haben Sie sich da einzumischen? Boy: Ich bin die Flohmarktsicherheitspatrouille. Sorge für Recht und Ordnung. (tippt auf seine Manteltasche) Ich habe das Funkgerät dabei. (ertappt) Die Flohmarktsicherheitspatrouille? Boy: (zu Lucy) Ich darf Sie bitten, keinen Ärger zu machen, junge Dame. Viele Trödler wollen in Ruhe trödeln, belästigen Sie sie nicht! Ich belasse es bei einer Verwarnung. Danke. Gut, dass Sie vorbeigekommen sind. Boy: (nimmt die Geldkassette an sich) Die nehme ich aus Sicherheitsgründen an mich. Besser so. (zum Boy, beiseite) Manchmal muss ich mich sehr über dich wundern (Beide ab. Bald tritt Constanze wieder auf und gibt die Geldkassette an Lucy zurück.) Alwin, hast du das gesehen? Der Herr von der Flohmarktsicherheitspatrouille war da und er war ein so netter Beamter, so etwas sieht man heutzutage selten. Flohmarktsicherheitspatrouille? Flohmarktsicherheitspatrouille. Na, pitull, Herr Maier! - Dunkel - Ende des ersten Aktes 18

19 ZWEITER AKT 1. Szene Bestellungen Im Wohnzimmer sitzen Kim und Paul, sie fragt ihn Englischvokabeln aus dem Green Line-Buch ab, denn Green Line ist das einzig Wahre. Konrad sitzt mit dem Telefonhörer in der Hand am Küchentisch. Auf dem Tisch vor ihm steht die Geldkassette aus der Trödelmarktszene, das eingenommene Münzgeld in kleinen Türmchen davor. Links tritt Herr Kaventzmann auf - der renommierte Metzger fährt in seinem roten Dodge Viper (in einem Bürochefsessel, der mit Rollen versehen ist) über die Vorderbühne, die als Autobahn dient. Sein Handy klingelt. Und jetzt durcheinander: Ausgeben. Give out äh egal, das fragt die nicht. Das klappt ja hervorragend: Fahren. Egal, das fragt die nicht. (Kim fragt Paul leise weiter Vokabeln ab.) (geht ans Handy) Ja? Metzgerei Kaventzmann? Auf Wunsch packen wir alles in Ihren Darm... Herr Kaventzmann...? Ja, Kaventzmann hier, Arnulf Kaventzmann von der Metzgerei Kaventzmann, womit kann ich dienen? (hält das Handy zu, da er geschnitten wurde, ruft) Sieh dich ja vor, Männeken, sonst ramme ich dir eine Dulle in deinen Karavan! (zögernd) Mein Name ist Konrad Winter, wir hatten telefoniert... Es geht um das Büffet für den fünfundzwanzigsten. (barsch) Ja und? Kommen Sie zum Punkt! Ich gäbe Ihnen dann jetzt die endgültige Speisekarte bekannt... Ist im Augenblick schlecht, bin unterwegs, on the road again. (pöbelt erneut einen Fahrer an) Sind wir hier auf dem Nürburgring, du Graf Berghe von Trips für Trümmerfrauen? Ja, du bist gemeint, Opa! Guckt der noch blöd! War ja klar, ein Hütchen und eine umhäkelte Klorolle auf der Ablage... Herr Kaventzmann, was sind das für unflätige Geräusche? Ich befinde mich z.zt. auf der A3 in meinem aerodynamischen, pfeilschnellen Dodge Viper, meinem luziferroten Dodge Viper und wurde soeben von einem Mitbürger älteren Baujahrs geschnitten. (zum Fahrer) Zeigst du mir den Stinkefinger? Zeigst du mir den Stinkefinger, du Op(p)a-Unke? Na warte, Oldtimer, dir werde ich helfen, deine Rente zu genießen! Herr Kaventzmann? Ich drücke auf die Tube! I m on a highway to hell! Komme ich ungelegen? Ich dränge dich ab... im Tunnel! Da kommt die Polizei... Tatü... Tata... (zur Polizei) Ja, ich telefoniere während der Autofahrt und fahre in einer Geschwindigkeit, die ich für angemessen halte. Catch me if you can! 19

20 (Die Verbindung rauscht, Herr Kaventzmann tritt auf das Gaspedal.) Herr Kaventzmann? Wer später bremst, ist länger schnell! Herr Kaventzmann? Einfach aufgelegt... Popanz! (Herr Kaventzmann fährt in einen Tunnel ab rechts gegenüberliegende Vorderbühne. Das Gespräch ist beendet. Konrad tritt ins Wohnzimmer, Kim und Paul pauken.) Haben. To have, had, keine Ahnung. Hören. To hear, heard, keine Ahnung. Verstecken. To hide, hid, hidden. Na, ihr zwei, übt ihr fleißig? Ich schreibe morgen einen Vokabeltest. Und er kann nichts! Das stimmt doch gar nicht. (will ihn austricksen) To procrastinate Nicht mogeln! Das ist ein regelmäßiges Verb (augenrollend) Du merkst auch alles... Ich will jetzt nicht mehr... Typisch! Eine jämmerliche Vorführung war das! (altklug) Liebt mich, wie ich bin! Und das genügt dir? Vorerst. Denke immer daran, was Kant gesagt hat: Handle immer so, dass dein Handeln zur Maxime für andere wird. (überrascht mit seinem Wissen) Das brauchst du mir nicht unter die Nase zu reiben, ich kenne den kategorischen Imperativ. Kategorischer Imperativ? Wir Wintermänner folgen dem Rhythmus eines anderen Trommlers! (Wir hören leise im Hintergrund das Thema aus Für eine handvoll Dollar mehr.) Wir sind Einzelgänger, Djangos, große, weiße Jäger, die wie der einsame Wolf durch die endlosen Weiten der Prärie streifen. Wir folgen dem Ruf des Falken und lassen uns nicht domestizieren wie unsere entfernten Verwandten, die ihre Würde neben Halsband und Leine an der Tür aufhängen. Nein, wir 20

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