Der ungläubige Thomas, einer der nichts glauben will, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hat, scheint ein sehr moderner Mensch zu sein.

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1 Der ungläubige Thomas, einer der nichts glauben will, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hat, scheint ein sehr moderner Mensch zu sein. Ein aufgeklärter Mensch, wie man heute zu sagen pflegt. Für diesen Aufbruch in ein neues Zeitalter steht der große Philosoph Immanuel Kant, der den Satz geprägt hat: Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Die Menschen sollten nichts mehr glauben, nur weil man es ihnen sagt, sie sollten selbst entscheiden, sollten zu mündigen Bürgern eines Gemeinwesens werden. Die Vernunft sollte regieren. Der Glaube wurde zwar nicht verboten, wurde aber zu einer reinen Privatsache herabgestuft. Die Religion, das war etwas für das Innere, für mystische Erfahrungen der Gottesbegegnung. Wenn es aber um harte Fakten, um das wirkliche Leben geht, dann zählt nur eines, die Vernunft und darüber, was vernünftig ist entscheidet nicht die Kirche sondern die Wissenschaft. Der ungläubige Thomas verhält sich wie ein solch aufgeklärter Mensch. Ihm reicht es nicht, dass er davon gehört hat, Jesus sei auferstanden und er zweifelt auch dann noch, als er den Auferstandenen vor sich sieht. Er weigert sich einfach etwas zu glauben, er fordert einen Beweis. Die Wundmale Jesu, das könnten auch Täuschungen sein, nur aufgetragene Farbe, die wie eine Verletzung aussehen. Er verlangt einen zusätzlichen Beweis. Er will es nicht nur mit eigenen Augen sehen sondern auch mit eigenen Händen fühlen. Diese Erscheinung des Auferstandenen im Raum bei den Jüngern, das ist tatsächlich Jesus von Nazareth. Der ungläubige Thomas, das erinnert mich an einen Schüler aus der ersten Klasse, der sich meldete, nachdem ich die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel mit den Kindern durchgenommen hatte. Er sagte: Das stimmt doch so alles gar nicht, ich habe das im Fernsehen in einer Kindersendung gesehen, das war alles ganz anders.

2 Der ungläubige Thomas, der erinnert mich auch an ein anderes Schulkind, das ich auf einem der Adventsfenster hier in unseren Gemeinden angesprochen habe. Ich fragte den Jungen, ob er nicht bei unserem Krippenspiel an Weihnachten mitmachen will und bekam zur Antwort. Nein, ich glaube das sowieso alles gar nicht. Manche Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder überhaupt etwas von unserer Religion, dem Christentum erfahren. Sie wollen auch nicht, dass ihre Kinder an das Christkind, den Weihnachtsmann oder den Osterhasen glauben. Sie drängen darauf, dass im Kindergarten keine christlichen Feste mehr gefeiert werden dürfen. Aus dem Martinstag würden sie lieber ein Lichterfest machen und aus Ostern ein Frühlingsfest. Soweit geht der ungläubige Thomas nicht. Er wendet sich nicht grundsätzlich ab vom Glauben. Er würde gerne glauben, doch er zweifelt noch. Das, was ihm die anderen Jünger erzählt haben, ist für ihn noch unglaubwürdig. Jesus geht durch verschlossene Türen und zeigt sich? Soll das wirklich wahr sein? Ist das nicht vielleicht nur eine Fata Morgana gewesen, eine geistige Vorstellung eines einzelnen und die Jünger haben sich gegenseitig eingeredet, da etwas gesehen zu haben. Thomas ist bereit das zu glauben, wenn er es überprüfen kann und Jesus tut ihm den Gefallen. Er lässt es zu, dass der Zweifler seine Finger in die Wunden Jesu legen darf. Nun hat Thomas den Beweis, weil er den Auferstandenen gesehen hat und die ihn mit seinen eigenen Händen berühren durfte, kann er nun glauben, was er vorher noch für unmöglich gehalten hat. Aber dieser Beweis bleibt die Ausnahme. Die Geschichte endet nicht mit dem Satz: Weil Thomas es gesehen und gespürt hat, können wir heute glauben, dass es tatsächlich so gewesen ist, sondern es heißt: Glückselig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben.

3 Das Experiment, das Thomas machen durfte um zu beweisen, dass Jesus auferstanden ist, kann nicht jederzeit wiederholt werden, wie es bei wissenschaftlichen Experimenten erforderlich ist. Der Glaube hat sich nicht aufgelöst in eine neue moderne wissenschaftliche aufgeklärte Weltanschauung. Wer Jesus heute begegnen will, bleibt auf den Glauben angewiesen. Es gibt keine Beweise, die jeden Zweifel ausräumen und keine Experimente, die die Existenz Gottes nachweisen könnten. Die Geschichte vom ungläubigen Thomas ist heute so aktuell, wie sie damals war. Es gibt nur einen Zugang zum gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus und das ist der Glaube. Deshalb gilt auch heute noch der Satz: Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben. Es gibt aber einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem ungläubigen Thomas und dem modernen Menschen, der mit dem Glauben grundsätzlich nichts zu tun haben will, weil er ihn für eine längst überholte Sache hält. Wer auf diese Weise modern ist, der besucht keinen Gottesdienst, der lässt auch nicht seine Kinder taufen, oder nimmt nach der Konfirmation am Abendmahl teil. Der ungläubige Thomas hingegen ist uns sehr nah. Wer von uns wollte behaupten, sein Glaube sei immer frei von Zweifeln gewesen. Wer hätte nicht schon an der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gezweifelt angesichts eines schrecklichen Unfalls, einer unheilbaren Krankheit oder beim plötzlichen Tod eines nahen Verwandten? Der Tod Jesu Christi ist für Thomas ein Faktum, das er nicht verstehen kann. Dieser Tod widerspricht allem, woran er vorher geglaubt hat. Mit Jesus waren sie zusammen unterwegs zu einer neuen Welt. Und nun hatte die Macht des Staates und der Pharisäer alles zerstört, woran er geglaubt hatte.

4 Sein Glaube hängt an einem seidenen Faden. Wären da nicht die anderen Jünger gewesen, der Faden wäre womöglich abgerissen. Sie nötigen ihn bei ihnen zu bleiben. Jesus hat sich einmal gezeigt, er wird sich wieder zeigen, dann wirst du ihn selber sehen und kannst es glauben. Der ungläubige Thomas lädt auch uns ein, es immer wieder zu versuchen. Der Glaube ist kein Selbstläufer. Er braucht immer wieder Bestätigung. Und der Glaube braucht die Gemeinschaft der anderen, die unseren Glauben teilen und uns in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Der Glaube braucht auch Geduld. Der ungläubige Thomas muss warten. Seine Forderungen, die sehr weit gehen, werden nicht sofort erfüllt. Erst Wochen später erscheint Jesus ein weiteres Mal um sich den Jüngern zu zeigen. Auch wenn uns Zweifel befallen, können wir nicht davon ausgehen, dass sie so schnell wieder verfliegen, wie sie vielleicht gekommen sind. Der Glaube braucht Geduld und die Gemeinschaft mit anderen Menschen, die auch glauben. Gegenseitig können sie sich in ihrem Glauben bestärken. Und nur der Glaube ist es, der uns überhaupt bestärken kann. Nur weil ich etwas weiß oder etwas beweisen kann, wird daraus keine Kraftquelle. Ein berühmter Philosoph, Ludwig Wittgenstein, hat einmal gesagt, Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen naturwissenschaftlichen Fragen gelöst sind, unsere eigentlichen Lebensprobleme noch überhaupt nicht berührt sind. Ludwig Wittgenstein ( ), österreichischer Philosoph Auch in unserer modernen Welt können wir auf den Glauben nicht verzichten, weil die Wissenschaft die eigentlichen Lebensprobleme, wie Wittgenstein sich ausdrückt, gar nicht lösen kann. Der ungläubige Thomas nimmt uns mit auf seinem Weg zum Glauben.

5 Der Glauben ist immer auf die Zukunft gerichtet. Bei Thomas ist davon die Rede, dass er ein Problem hat, das gelöst werden kann und auch tatsächliche gelöst wird. Der Glaube hält die Möglichkeit offen, dass Gott wirken kann, er öffnet unser Herz und traut Gott etwas zu. Wer nur wissen und sehen will, begibt sich dieser Möglichkeiten und bürdet alle Lasten sich selber auf. Er glaubt nicht daran, dass ihm geholfen werden kann und er glaubt vor allem nicht daran, dass Gott ihm helfen kann. Der ungläubige Thomas ist eine Einladung für alle, denen es schwer fällt, zu glauben, es wenigstens zu versuchen. Thomas wird nicht enttäuscht. Und der Evangelist Johannes macht uns mit seinem Evangelium Mut, dieses Glaubenswagnis auch einzugehen, indem er sagt: Selig sind, die die nicht sehen und doch glauben. Und viele, die sich auf diesen Weg gemacht haben, durften die selbe Erfahrung machen wie der ungläubige Thomas: Sie wurden nicht enttäuscht. Amen

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