Ausgezeichnet. DAAD-Preisträger stellen sich vor

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1 Ausgezeichnet DAAD-Preisträger stellen sich vor

2 Preisverleihung mit Prominez: Sir Peter Ustinov überreicht der bulgarischen Informatikstudentin Anna Egorova im Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin den DAAD-Preis. Bildnachweise axeptdesign (5, 7, 11, 31); DAAD (3); FU, Berlin (2); Foto Erhardt, Osnabrück (12); Goldmann Verlag (17); Gabriele Kircher, Marburg (16); Harald Rehling, Bremen (28); Ullstein Bild Förger (29); Privatfotos der Preisträger (4, 6, 8, 9, 10, 13, 14, 15, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 30, 32, 33)

3 Ausländer ausgezeichnet Fast ausländische Studierende sind zurzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Hinter dieser Zahl verbergen sich spannende Biografien und interessante Perspektiven auf Deutschland. Mit dem DAAD-Preis können die deutschen Hochschulen jedes Jahr ihren besten ausländischen Studierenden prämieren. Die Studierenden werden für ihre hervorragenden Leistungen und ihr gesellschaftliches, soziales oder kulturelles Engagement ausgezeichnet. 169 Hochschulen haben im letzten Jahr den mit 800 Euro dotierten Preis an einen herausragenden Studierenden verliehen. In der vorliegenden Broschüre werden fünfzehn dieser Preisträger vorgestellt. Die Vergabe des Preises hat an den Hochschulen inzwischen Tradition und wird dazu genutzt, öffentlichkeitswirksam auf die Bedeutung des Ausländerstudiums aufmerksam zu machen. Bekannte Persönlichkeiten wie Sir Peter Ustinov, Alfred Grosser oder der ehemalige polnische Außenminister Professor Wladislaw Bartoszewski haben die Auszeichnung persönlich übergeben oder waren bei Verleihungen anwesend. Durch die Exzellenz der Preisträger und ihr vielfältiges Engagement werden Akzente in der gegenwärtigen Debatte um Integration, Zuwanderung und internationalen Fachkräftebedarf gesetzt. Gleichzeitig ist der Preis auch ein politisches Signal gegen latente ausländerfeindliche Tendenzen in unserer Gesellschaft. An den hier vorgestellten Persönlichkeiten wird deutlich, wie befruchtend und notwendig der interkulturelle Austausch für Studium und Wissenschaft ist. Im partnerschaftlichen Umgang lernen beide Seiten voneinander. Exzellenz, Offenheit, Kreativität, Interesse an fremden Kulturen, Bereitschaft, Neues zu lernen und sich auf andere einzulassen, sind Eigenschaften, die die Preisträger auszeichnen. Sie geben damit auch ein Beispiel für ihre deutschen Kommilitonen. Dr. Christian Bode Generalsekretär des DAAD

4 Axel-Cyrille Ngonga Ngomo 20 Jahre, aus Kamerun studiert Informatik an der Universität Leipzig Doktorand mit zwanzig Er macht nicht viele Worte um seinen außergewöhnlichen Werdegang, konzentriert sich lieber auf das, was ihn interessiert: Computer und ihr Innenleben. Axel Ngonga Ngomo kam mit 15 Jahren nach Leipzig: Ich hatte in Kamerun ein paar Klassen übersprungen und wollte nach dem Abitur eine neue Sprache lernen, Deutsch fand ich spannend, berichtet er. Weil er zu jung für die Unterbringung in einem Studentenwohnheim war, suchte er sich eine private Unterkunft, belegte einen Deutschkurs, studierte nebenbei und bestand nach wenigen Wochen die Sprachprüfung. Alles ganz normal für den 20-Jährigen, der im Frühjahr 2004 beginnt, seine Doktorarbeit zu schreiben und damit der jüngste Absolvent aller Zeiten an der Leipziger Uni ist. Leipzig ist meine zweite Heimat, schließlich war ich seit vier Jahren nicht mehr zu Hause, sagt Ngonga. Es ist ein Privileg, anders zu sein. lb 4

5 5 Axel Ngonga schreibt über ein Schlüsselerlebnis in Deutschland: Fühlst dich bestimmt wie daheim oder? Diese Frage wurde mir an einem heißen Sommertag gestellt. Aber zunächst zu meinen klimatischen Gewohnheiten. Aufgewachsen bin ich in einer kleinen Stadt namens Buea. Sie liegt circa Meter über dem Meeresspiegel am höchsten Berg Kameruns, dem Mount Fako (Kamerunberg). Typisch für diese Stadt sind Regen und Wolken. Das Lächeln der Sonne bekommt man nur selten zu sehen und auch, wenn sie am Himmel erstrahlt, beschert sie uns in ihrer Güte maximal 25 Grad Celsius. Die minimalen Temperaturen liegen bei circa 10 Grad Celsius. Mitten im Januar hier in Deutschland angekommen, genoss ich gleich meinen ersten Winter. Da ich Kälte recht gut vertrage, trug ich beim Verlassen meiner Wohnung immer Jeans, ein Hemd und meine Sommerjacke, was den meisten Leuten auf der Straße einen Schock versetzte. Ich wurde von fast allen angestarrt. Die jüngere Generation ließ Sprüche wie cool, stark oder steinhart fallen, während sich ältere Menschen über mich aufregten. Ich wurde als komisch und anormal bezeichnet. Selbst meine Kommilitonen fragten mich ständig, wo ich meine richtige Jacke gelassen hätte und wo meine Pullover wären. Nach dem Winter kam der Frühling und nach dem Frühling der Sommer. Man fühlte sich wie ein Ei in der Bratpfanne. Es war überall heiß. Fliehen konnte ich nicht und auch das Tragen luftiger Kleidung half nicht. Die einzige Alternative war die natürliche Reaktion des Körpers auf Hitze: Schwitzen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem es für mein Empfinden unerträglich heiß war und ich mich am meisten nach dem Winter sehnte, sagte mir einer meiner Kommilitonen: Fühlst dich jetzt bestimmt wie daheim oder? Es bedurfte eines ganzen Nachmittags, bis er mir glaubte, dass ich den Winter dem Sommer vorziehe und dass es in Zentralafrika Städte gibt, wo es auch manchmal kühl ist. Ich werde bis heute immer noch im Winter angestarrt und wegen meiner Einstellung zur Sommerhitze ausgelacht. Aber wie es manche zu sagen pflegen: Es ist ein Privileg, anders zu sein. Auf den Punkt: Mit 15 Jahren kam Axel Ngonga nach Deutschland in das Land, wo die Uhren genau ticken.

6 6 Szilvia Lengl 31 Jahre, aus Ungarn Literaturwissenschaftlerin Magisterabschluss an der Universität Augsburg Keine Zeit verschwenden Als Au-pair Mädchen kam Szilvia Lengl das erste Mal für längere Zeit nach Deutschland. Damals war sie 19 Jahre alt. Ich bin zwar immer wieder weg gewesen, aber kehrte stets nach Hause zurück, sagt die 31-jährige Ungarin. Mit Zuhause meint sie Bayern und besonders Augsburg, wo sie gerade ihren Magister in Literaturwissenschaft abgelegt hat und nun promovieren will. Meist können die Leute nicht verstehen, wenn ich Deutschland mein Zuhause nenne. In ihren Augen bin ich zuallererst Ausländerin, beobachtet sie. Aber für die Germanistin sind diese Begriffe schwebend. Wie lange bleibt man Ausländer?

7 Wie lange bleibt man Ausländer? Wenn es von den politischen Gegebenheiten abhängt, dann ist man sein Leben lang ein Fremder. Oder kommt es auf die Gefühle an? Dann ist man schnell mit einem Gastland verbunden. Fragen wie diese beschäftigen die umtriebige junge Frau, die auf keinen Fall Zeit verschwenden will. Zurzeit gewinnt die ausgebildete Setzerin, die ihr Abitur am Abendgymnasium erwarb, Einblicke in die Arbeit einer Agentur für Showproduktionen in München. Bühnenmanagement und Regieassistenz interessieren sie schon lange. Sie ist Mitglied des Anglistentheaters der Uni Augsburg. In Südafrika erlebte sie zwei Monate lang stage management am Baxter Theatre Center der Universität von Cape Town. Darüber hinaus lernte sie als Erasmus-Austauschstudentin Irland kennen und gründete in Limerick die International Students Society mit, deren Präsidentin sie war. Im Goethe-Institut in Damaskus gestaltete sie eine landeskundliche Veranstaltungsreihe unter dem Titel Meine ersten Tage an einer deutschen Universität. Und in Augsburg engagiert sie sich seit 2001 als Tutorin bei den Internationalen Sommerkursen. Volles Engagement trotz regelmäßiger Jobs. Szilvia Lengl muss ihre Ausbildung selbst finanzieren. Konkret heißt das: Arbeiten als Briefträgerin, Telefonistin, in Friseurläden und in der Hotellerie. Die Sicht, wie Nicht-Muttersprachler die Sprache betrachten und verwenden, fasziniert die Literaturwissenschaftlerin. Nicht-Muttersprachler sehen zunächst die erste Bedeutung der Wörter. Zum Beispiel der Ausdruck jemanden auf den Arm nehmen wird im wortwörtlichen Sinne verstanden und nicht als Umschreibung dafür, über jemanden einen Witz zu machen. Diese Interkulturalität in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart hat sie schon in ihrer Magisterarbeit beschäftigt, im Rahmen einer Promotion will sie das Thema weiter ausleuchten. Szilvia Lengl wünscht sich mehr gesellschaftliches Sprachbewusstsein. So findet sie den Begriff der multikulturellen Gesellschaft nicht ausreichend. Multikulturell bedeutet, dass die Menschen nur nebeneinander leben. Das genügt aber nicht. Es muss eine Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen geben, damit sie gut zusammenleben können. Der Begriff interkulturell ist passender. Alles, was Szilvia Lengl in den vergangenen zwölf Jahren dazulernte, hat sie auf Deutsch gelernt. Daher rührt wohl meine Verbundenheit mit Deutschland, weil ich hier den Prozess des Erwachsenenwerdens mitgemacht habe, sagt sie. In Deutschland bin ich mündig geworden, auch in der deutschen Sprache. uwh 7 Identität: Die Tasche mit den drei Flaggen erzählt ein Stück Lebensgeschichte. Szilvia Lengl kommt aus Ungarn, fühlt sich heimisch in Deutschland und gewann politisches Bewusstsein in Südafrika.

8 Chuan Cheng 33 Jahre, aus China studiert Quality, Safety and Environment an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Freundschaft geht durch den Magen Liebe geht durch den Magen lautet ein altes deutsches Sprichwort. Wie wahr Sprichworte sein können, erfuhr Chuan Cheng gleich am Anfang sei - nes Deutschland-Aufenthaltes vor zwei Jahren, als er ein aufstrebender Ingenieur in einer großen chinesischen Chemie-Firma im Rahmen eines Austauschprogramms für chinesische Nachwuchsführungskräfte bei mehreren deutschen Unternehmen hospitierte. Das Leben in China und in Deutschland unterscheidet sich naturgemäß sehr, was Cheng und seinen Kollegen besonders am chinesischen Frühlingsfest bewusst wurde. Wie in der Heimat üblich, kochten sie auch in ihrer damaligen Station Frankfurt Teigtaschen zum größten chinesischen Familienfest und luden ihre deutschen Projektleiter und Dozen- In Deutschland kann ich meine Ausbildung exzellent vertiefen. 8

9 ten einfach mit ein. Stundenlang aßen, tranken und tanzten sie miteinander: der Zeitpunkt, an dem Cheng sich in Deutschland wohl zu fühlen begann. Speisen und Weine sind Schmieröl für die Zunge. Und die Deutschen, die bei der Arbeit sehr ernsthaft und konservativ sind, werden sehr lustig und redselig, sagt Cheng. Damit war der Grundstein für einen längeren Aufenthalt in Deutschland gelegt. Theoretisch hätte Cheng auch nach China zurückkehren können schließlich arbeitete er schon seit neun Jahren erfolgreich in der Umweltabteilung seines Unternehmens, nachdem er zuvor Umweltmessung an der Uni in Shanghai studiert hatte. Doch das Studium hier bringt mich einfach noch ein wenig weiter, sagt Cheng. Bevor er nach Deutschland kam, prüfte er die Vorhaben seiner Firma auf Umweltverträglichkeit. Dabei ging es vor allem darum, die Auflagen der Behörden zu erfüllen. Oft für internationale Partner, darunter viele deutsche Unternehmen, wodurch ein erster Kontakt in seine neue Heimat entstand. Im Masterstudiengang Quality, Safety and Environment in Magdeburg erweitert der 33- Jährige seine Kenntnisse um wichtige Bereiche wie Qualitäts- und Projektmanagement. Cheng schloss das einjährige Studium mit der besten Leistung ab, die jemals in diesem Studiengang erreicht wurde. Sein Professor war so begeistert, dass er ihn spontan fragte, ob Cheng bei ihm nicht auch eine Doktorarbeit schreiben wolle. Cheng sagte zu und brütet momentan über Probleme der Wärmeübertragung und des Brandschutzes. Deswegen bleibt er auch den Mitbewohnern im Studentenwohnheim weiterhin erhalten. Mit denen führt er die Tradition aus den Anfangstagen in Deutschland fort, sich gegenseitig übers Kochen kennen zu lernen. Auch der ganz junge wissenschaftliche Nachwuchs im Reich der Mitte wird froh sein, dass Cheng für die nächsten Jahre an der Elbe wohnt. Er betreut regelmäßig chinesische 18- und 19-Jährige, die zum Studieren nach Deutschland kommen und weist sie in die Geheimnisse des deutschen Universitäts- und Hochschullebens ein. Und seinen Kochkünsten tut der verlängerte Aufenthalt garantiert auch gut. Um die Zubereitung seiner Spezialitäten den Kommilitonen zu erklären, muss er sich selbst immer gut vorbereiten. Das war nicht immer so, sagt Cheng, in China habe ich nur selten gekocht. tiw 9 Made in Germany: Für Chuan Cheng symbolisieren die Technik-Denkmäler auf dem Campus der Universität Magdeburg Deutschlands Stärke.

10 Pinar Özden 27 Jahre, aus der Türkei studiert Computerlinguistik und Interkulturelle Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität München Wie eine Bosporus-Brücke Pinar Özden hat das geschafft, wofür sie viele beneiden: Sie beschäftigt sich im Studium mit ihrer eigenen Lebenssituation, kann auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen und sie gleichzeitig wissenschaftlich untersuchen. Die 27-jährige Türkin führt eine empirische Untersuchung über das Zusammenleben zwischen deutschen und ausländischen Studierenden an der Ludwig-Maximilians-Universität München durch. Sie lebt seit fünf Jahren in der bayerischen Hauptstadt eine Zeit, die sie ganz entscheidend geprägt hat. Als ich das Akademische Auslandsamt zum ersten Mal betrat, tat sich eine neue Welt für mich auf, erinnert sie sich. Hier kam ich mit Kommilitonen aus allen Ecken der Welt zusammen, lernte mit ihnen gemeinsam Deutsch und erlebte auch, was es bedeutet, sich fast ohne Sprachkenntnisse im neuen Land zurechtzufinden. Deutschland ist für mich die Tür zur multikulturellen Welt. 10

11 Mittlerweile arbeitet die Computerlinguistin an mehreren wissenschaftlichen Projekten zu diesem Lebensthema. Neben der empirischen Untersuchung, die sie im Auftrag der Hochschulleitung durchführt, baut sie eine Wissensdatenbank zu den Zeitbegriffen aus verschiedenen Kulturen und Religionen auf. Sie erfasst also Feste wie Ostern und Pessach, registriert das europäische Wochenende sowie das moslemische Freitagsgebet und vergleicht den akademischen Kalender in einigen europäischen und asiatischen Ländern mit dem der USA. Das Erklären der jeweils anderen Kultur gehört für Pinar Özden zu ihrem Alltag: als Tutorin für ausländische Studierende, Betreuerin der Webseite des Akademischen Auslandsamtes oder als Bosporus-Botschafterin. Zu diesem Titel kam sie durch die Verleihung des DAAD-Preises. Die türkische Tageszeitung Hürriyet berichtete darüber, der türkische Botschafter in Berlin und der türkische Konsul in München nahmen Kontakt zu Özden auf. Der Konsul meinte, ich sei eine Ermutigung für die vielen türkischen Jugendlichen in Deutschland, und fragte mich, ob ich eine Art Bosporus Brücke zwischen jungen Türken und jungen Deutschen sein könnte, erzählt sie. Pinar Özden sagte zu und freut sich nun darauf, mit jungen Landsleuten sprechen zu können. Viele türkische Familien in Deutschland halten an Traditionen fest, die es so in der Türkei nicht mehr gibt, stellt sie fest. Sprache ist der Schlüssel zur Integration und damit meine ich besonders eine gute Bildung, erläutert die engagierte Studentin. Sie möchte türkischen Jugendlichen Mut machen, mit guten Deutschkenntnissen ein Studium aufzunehmen. Fitnessfan: Diese Sporthandschuhe streift sich Pinar Özden fast jeden Tag über, zu ihrem Leben in Deutschland gehört die Bewegung. Auf ihre eigene Integration angesprochen, erinnert sich Pinar Özden an ihr Gefühl, als sie nach einem einjährigen Studium in den USA in die bayerische Hauptstadt zurückkehrte: Ich kam nach Hause und war froh, wieder durch die Straßen in München zu streifen. Der DAAD-Preis, so sagt sie, ist der erste Backstein, den ich zum Bau einer Brücke zwischen der Türkei und Deutschland beitragen konnte. lb 11

12 Antônio Inácio Andrioli 29 Jahre, aus Brasilien studiert Soziologie an der Universität Osnabrück Aktiv bei Attac Sein Urgroßvater wanderte aus Deutschland nach Brasilien ein, und bis er sieben Jahre alt war, sprach Antônio Inácio Andrioli kein Portugiesisch. Meine Muttersprache war ein Hunsrücker Dialekt, auf Hochdeutsch haben wir nur manchmal gebetet und gesungen, erzählt der Stipendiat des Evangelischen Entwicklungsdienstes, der an der Universität Osnabrück eine Dissertation im Fach Sozialwissenschaften schreibt. In seinem brasilianischen Dorf sprechen heute noch viele Menschen Deutsch vor allem die Bauern. Als ich nach Deutschland kam, war es ein wenig so, als würde ich wieder in meiner Kindheit sein, sagt der Doktorand und fügt hinzu: Gleichzeitig musste ich begreifen, dass Deutsch nicht nur die Sprache der Bauern ist und Deutschland ganz anders als in meiner Vorstellung. Diese war von den Erzählungen der Alten geprägt und entsprach einem Deutschland um In Deutschland bekomme ich eine andere Einstellung zu Brasilien. 12

13 In Brasilien hatte Antônio Andrioli seinen Master in Erziehungswissenschaften gemacht, an der UNIJUÍ Rio Grande do Sul, die mit der Universität Osnabrück kooperiert. Aber dies ist nur ein Teil der Ausbildung, die das Handeln und Denken des 29-Jährigen geprägt hat. Nach der Schule wurde er zunächst Agrartechniker und studierte später Philosophie, Psychologie und Soziologie auf Lehramt. Sein Spezialgebiet: Genossenschaftswesen. In seiner Dissertation beschäftigt er sich jetzt mit ökologischer Landwirtschaft in brasilianischen Familienbetrieben. Es geht um die Frage, ob die ökologische Anbauweise eine Alternative zur Soja-Monokultur für die Bauern seiner Heimatregion sein könnte. Andrioli möchte, dass seine Doktorarbeit nicht nur ein Buch wird, sondern auch einen Beitrag zur Entwicklungspolitik leistet. Brasilianische Bauern arbeiten ein Leben lang und verdienen fast nichts. Erst seit kurzem gibt es eine Rente für sie. Auf dem Land herrscht größte Armut und man leidet Hunger, skizziert er das Problem. Seine Antwortet lautet, dass sich Wissenschaftler mit der Realität beschäftigen müssen. So hat er in Deutschland nicht nur auf konventionellen und ökologischen Bauernhöfen Erfahrungen gesammelt, sondern auch mit Landwirtschaftsministern diskutiert. Ich bin ein Globalisierungskritiker und engagiere mich für die soziale Bewegung der Kleinbauern und Landlosen, sagt Andrioli, der in Osnabrück Mitglied der Arbeitsgruppe Theorie von ATTAC ist. Bei ATTAC war er schon in Brasilien aktiv. Sich hierzulande mit Gesellschaftstheorien zu beschäftigen und etwa Karl Marx zu lesen, ist für ihn eine intellektuelle Herausforderung. In zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen in Deutschland und Brasilien verschafft Andrioli seinen Ideen ein großes Publikum. Das Spektrum reicht von Reformen in der Landwirtschaft über Arbeitslosigkeit bis zu den kulturellen Auswirkungen der Globalisierung. Der Doktorand sieht eine große Aufgabe für sich: Es geht darum, zwei Welten zu verbinden: die Welt der erfahrenen Bauern und die Welt der theoretischen Wissenschaften. Nach seiner Rückkehr möchte er Hochschullehrer an der Universität UNIJUÍ werden und dafür sorgen, dass sich die Universität mehr um die regionalen Probleme kümmert. 38 Prozent der Bevölkerung sind Bauern, die Landwirtschaft ist die Grundlage für die Entwicklung der Region. Unterstützt wird er in seinem sozialen und wissenschaftlichen Engagement von seiner Frau, die ebenfalls in Osnabrück promoviert. Die Juristin hat sich auf Umweltrecht spezialisiert. KS 13 Ring mit Symbolkraft: Ihn trägt Antônio Andrioli seit zehn Jahren und zeigt dadurch seine Verbundenheit mit den Unterdrückten Brasiliens. Das Schmuckstück geht auf die Indianer zurück. Noch heute stellen sie solche Ringe her und verkaufen sie.

14 Yanlin Xiang 24 Jahre, aus China studiert Rechtswissenschaft an der TU Dresden Deutscher Alltag als Herausforderung Bücher haben Yanlin Xiang von Kindesbeinen an fasziniert: Als kleines Mädchen verschlang sie asiatische Märchen, später die Weltliteratur. Dass sie einige Texte bald auch in der Originalsprache lesen konnte, verdankt die einzige Tochter einer Arbeiterfamilie dem Besuch eines Fremdsprachen-Gymnasiums in Shanghai, wo sie neben Englisch auch Deutsch lernte. Die Autoren der deutschen Klassik, aber auch der Moderne, vor allem Stefan Zweig, haben Yanlin Xiang begeistert und ihr Leben maßgeblich beeinflusst. Denn die Chinesin wollte es nicht beim Lesen belassen. Die deutsche Literatur hat meine Neugierde auf die andere Welt geweckt. Ich wollte wissen, wie sich das Europa, von denen die Bücher handelten, in Wirklichkeit anfühlt. Die deutsche Literatur hat meine Neugierde auf die andere Welt geweckt. 14

15 Nach zwei Semestern Germanistik-Studium in Shanghai, das Yanlin Xiang eher unbefriedigend fand, reiste die 20-Jährige auf eigene Faust nach Deutschland, um hier zugleich ihrem neu erwachten Interesse an der Rechtswissenschaft zu folgen. Ein Wechsel des Studienfachs wäre damals in Shanghai nicht möglich gewesen, erklärt Xiang. An der TU Dresden absolvierte sie zuerst einen Intensiv-Sprachkurs und begann zum Wintersemester 2000 ganz offiziell das Jura-Studium. Finanziert hat sich Yanlin Xiang ihren Deutschland-Aufenthalt zunächst mit allerlei Jobs: Bei einem Versicherungsunternehmen hat sie Akten sortiert, in einer Kantine Essen ausgegeben und auf Stadtfesten Luftballons verkauft. Seit April 2001 kann sie sich aber ganz auf ihre Studien konzentrieren: Die Marga und Kurt Möllgaard Stiftung gewährt der Chinesin ein Stipendium. Mit dem Studium ging es zügig voran: Schon nach dem dritten Semester bestand sie die Zwischenprüfung, nach dem fünften hatte sie alle drei großen Scheine in der Tasche und wenn alles nach Xiangs Plan läuft, wird sie im September 2004, also nach dem 8. Semester, das erste Staatsexamen ablegen. Trotz des großen Arbeitspensums findet Xiang Zeit für ehrenamtliches Engagement: Als Mitglied der europäischen Jurastudenten- Vereinigung ELSA organisiert sie unter anderem Veranstaltungen zum Thema Osteuropa. Zu Xiangs Studien-Schwerpunkten zählt neben Handels- und Gesellschaftsrecht auch das internationale Privatrecht auch und gerade mit Blick auf ihren künftigen Berufsweg. Genau festgelegt hat sich Yanlin Xiang noch nicht, aber eine Tätigkeit mit internationaler Ausrichtung soll es in jedem Fall sein. Denn ihre Neugierde auf andere Welten ist ungebrochen. Und das, obwohl der erste Kontakt mit der gelebten deutschen Kultur ein echter Schock war: Die Deutschen sind sehr direkt und konfliktfreudig. Bei uns ist man im persönlichen Umgang viel vorsichtiger und versucht jeden Streit zu vermeiden. Im Alltag zu bestehen, war für die junge Chinesin deshalb eine Herausforderung. Ich bin emanzipierter geworden, resümiert die 24-Jährige. Und ich bin toleranter geworden. Denn ich habe gelernt, die Dinge von vielen verschiedenen Seiten zu betrachten. ase 15 Kraftquelle Kunst: Mit ihren eigenen Bildern schafft sich die zielstrebige Juristin Yanlin Xiang einen Ausgleich zur nüchternen Welt der Paragraphen und Gesetze.

16 Khallouk Mohammed 32 Jahre, aus Marokko studiert Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg Ein Faible für Nietzsche Es war Friedrich Nietzsche, der den jungen Studenten Mohammed Khallouk in Rabat faszinierte. Nachdem er Also sprach Zarathustra mehrmals auf Arabisch gelesen hatte, stand für ihn fest, dass er das Buch für alle und keinen unbedingt im Original lesen und in die Heimat des großen Philosophen reisen wollte. Nach einem Deutschkurs in Rabat bewarb er sich für die Aufnahme in ein Studienkolleg und wurde in Marburg zugelassen. Das hatte seinen Grund: Mohammed Khallouk ist seit seinem 13. Lebensjahr blind. In Marburg existiert seit knapp 90 Jahren die Deutsche Blindenstudienanstalt hier fand Khallouk ideale Bedingungen vor. Ich besuchte einen Sprachkurs mit sehenden Kommilitonen und bekam alle Texte in Blindenschrift Die politische Streitkultur in Deutschland fasziniert mich immer wieder. 16

17 ausgehändigt, beschreibt der heute 32-Jährige die Situation. Dieser Sprachkurs im Studienkolleg änderte sein Leben von Grund auf. Er lernte dort seine heutige Frau kennen, die aus Jordanien stammt. Mohammed Khallouk begann vor vier Jahren Politik zu studieren und machte sich mit seiner Magisterarbeit an ein hochpolitisches Thema. Mich interessierte die Frage, warum sich Israelis und Palästinenser in einen solchen hasserfüllten Kampf eingelassen haben und welche Wege aus dieser scheinbar nicht enden wollenden Feindschaft zu einem Miteinander führen könnten, beschreibt der Politikwissenschaftler seine Forschungen. Für ihn sind der künftige Status Jerusalems, das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge und eine gerechte Verteilung der Wasser-Ressourcen entscheidend für die Eindämmung des Konflikts. Die mit sehr gut bewertete Arbeit wurde inzwischen veröffentlicht, bei Magisterarbeiten ein eher seltener Fall. Auch bei seinem Blick auf Deutschland bleibt Mohammed Khallouk Politologe: Mich fasziniert die weit entwickelte politische Streitkultur, das Vermitteln zwischen Bund und Ländern im deutschen Föderalismus und die vorbildliche duale Berufsbildung, meint er begeistert. Auch bei seinem Engagement für blinde Kommilitonen sieht er die politische Dimension. Ich lerne von den anderen blinden Studierenden, wie sie sich für ihre Rechte einsetzen und wie sie Verbesserungen für ihr tägliches Leben einfordern. Mohammed Khallouk bleibt in Marburg. Er arbeitet an seiner Dissertation über islamischen Fundamentalismus in seiner Heimat Marokko. Bis zu den Bombenattentaten in Casablanca im Mai 2003 war Marokko ein friedliches Land. Ich möchte die Ursachen für die Radikalisierung finden, erläutert er. Nach ausgiebigen Recherchen stellte er außerdem fest, dass es zu diesem Thema noch überhaupt keine Literatur und keine Forschungen gibt ideale Voraussetzungen für eine Dissertation. Lieblingsbuch: Nietzsches Werk wirkt bis nach Marokko. Mohammed Khallouk las Also sprach Zarathustra und kam deshalb nach Deutschland. Sein Traum: Ich möchte Professor in Marokko werden. Dort kann ich Neues anstoßen und kreativ arbeiten. lb 17

18 18 Racha Chahrour 31 Jahre, aus Syrien studiert Bauingenieurwesen an der Universität Kassel Frauen in die Technik! Für Racha Chahrour war es keine außergewöhnliche Entscheidung, Bauingenieurwesen zu studieren. In ihrem Heimatland Syrien wählen viele junge Frauen diesen Beruf, denn er bietet anschließend eine fast sichere Stelle im Staatsdienst. Die 31-jährige Doktorandin war deshalb erstaunt, als sie an der Universität Kassel nur wenige Kommilitoninnen in ihrem Fach antraf. Ich finde es schade, dass sich in Deutschland so wenige Frauen für Technik interessieren, sagt sie und erklärt: Frauen sind die geborenen Organisatorinnen, die auch Stress gut bewältigen können. Wer eine Familie mit vielen Kindern managen kann, kann auch eine Baustelle managen. Deutschland ist für seine Ingenieurleistungen bekannt.

19 Genau dieses Argument unterbreitet sie Schülerinnen, die sich an der Universität Kassel im Rahmen des bundesweiten Girls Day über technische Berufe informieren. Das Ingenieurstudium hat nicht nur mit Mathematik und Physik zu tun. Besonders mein Bereich, Arbeitstechnologie, ist einfach ein gutes Fach für Frauen, schwärmt sie. Manche Schülerin ließ sich von ihrer Begeisterung schon anstecken ob das für die Wahl einer technischen Ausbildung reichte, weiß Racha allerdings nicht. Es ist schade, dass wir nach dem Schnuppertag keinen Kontakt mehr haben und die Schülerinnen nicht weiterbetreuen, sagt die Bauingenieurin, denn sie verfolgt die Dinge gerne bis zum Ende. Seit sechs Jahren lebt Racha Chahrour inzwischen in Deutschland, zunächst mit einem Stipendium des Staates Syrien. Deutschland ist für seine Ingenieurleistungen bekannt, begründet sie ihre Wahl für das Land. Aber es hätte wohl auch ein anderes sein können, denn an erster Stelle stand ihr Wunsch, eine andere Kultur kennen zu lernen und sich weiterzuqualifizieren. Ist die Promotion im kommenden Jahr geschafft, wird Racha Chahrour eine Dozentenstelle an der Universität Lattakia in Syrien antreten. Dort wird sie für die Lehre bezahlt, aber sie will auch weiter forschen. Eine von ihr angeregte Kooperation zwischen dem Institut für Bauwirtschaft der Universität Kassel und den Universitäten Homs und Lattakia soll das erleichtern. Zwar ist die Ausbildung sehr gut, denn viele Dozenten haben in Deutschland promoviert. Aber mit der Ausstattung steht es nicht zum Besten. Durch die Zusammenarbeit haben wir größere Aussichten, gute Forschung leisten zu können. Abgesehen vom universitären Engagement ist die junge Syrerin Mitglied im Student Service for International Business Contacts und hat sich an mehreren Vorträgen für Unternehmer beteiligt. Leider kam bislang keine Kooperation zustande. Wir müssen viel an unseren Gesetzen in Syrien ändern. Ich hoffe, dass das viel versprechende Abkommen zwischen Syrien und der EU neuen Initiativen in diesem Zusammenhang den Weg ebnet, lautet ihre Einschätzung. Sie will das in Deutschland Gelernte an Studierende weitergeben und zurück zur Familie. Ich bin sehr emotional, was die Familie angeht, auch wenn man das als erwachsene Frau vielleicht nicht sagen sollte. Dabei hat die junge Syrerin in Deutschland schon eine eigene Familie gegründet. Ihr Mann, ebenfalls Bauingenieur, kam etwas später als sie nach Deutschland. Er hat inzwischen seine Promotion fast abgeschlossen und hilft kräftig bei der Betreuung des vier Monate alten Sohnes. KS 19 Helm auf: Racha Chahrour liebt die technischen und organisatorischen Herausforderungen auf Baustellen. Die begeisterte Ingenieurin möchte mehr Mädchen für diesen Beruf gewinnen.

20 Samer Nakib 30 Jahre, aus dem Libanon studiert Zahnmedizin an der Universität Witten-Herdecke Mediziner, Arabisch-Tutor und Schauspieler Als Samer Nakib seinen Freunden in Beirut die Entscheidung bekannt gab, sein Studium in Deutschland fortzusetzen, empfahlen sie ihm erst einmal, einen Selbstverteidigungskurs zu belegen. Denn Deutschland sei ein gewalttätiges Land. Den Selbstverteidigungskurs hat der Libanese bis heute nicht belegt, und alle anderen Vorurteile über Deutschland wie Fleiß und Pünktlichkeit sind seiner Meinung nach auch ziemlich übertrieben: Mein libanesisches Bild von Deutschland wurde nach meiner Ankunft schnell neu gemalt, sagt Nakib heute. Nach Deutschland kam der 30-Jährige zunächst deswegen, weil er nach seinem Biologie-Studium an der American University etwas Medizinisches, etwas mit Menschen machen wollte. Zahnmedizin war sein Wunschfach, und für dieses In Deutschland kann ich mein Zahnmedizin- Studium am besten verwirklichen. 20

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