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1 Risiken kennen Chancen nutzen Dr. Hartmut Knüppel Geschäftsführender Vorstand des DDV Deutscher Derivate Tag 24. September 2012, Frankfurt am Main

2 Sehr geehrte Damen und Herren, zum diesjährigen Deutschen Derivate Tag heiße ich Sie im Namen von Vorstand und Geschäftsführung des Deutschen Derivate Verbands ganz herzlich willkommen. Ganz besonders begrüßen möchte ich unsere Gäste aus Österreich und der Schweiz und natürlich den Gastredner des heutigen Vormittags Hans-Dietrich Genscher. Ich kenne Herrn Genscher schon seit mehr als 30 Jahren. Ich startete damals ins Berufsleben als sein persönlicher Referent und im Rückblick kann ich sagen, das war mit die spannendste Zeit, und ich habe selten in so kurzer Zeit so viel gelernt. Und auch diese kleine persönliche Anmerkung sei gestattet: Lieber Herr Genscher, ich freue mich jedes Jahr über Ihren persönlichen Geburtstagsbrief. Eine gute Gelegenheit, Ihnen auch dafür Dankeschön zu sagen. Meine Damen und Herren, der Deutsche Derivate Tag ist als Branchenforum immer ein guter Anlass, den Standort der Branche und auch des Verbandes zu bestimmen. Wie steht es heute um das Finanzprodukt Zertifikat und wo steht die deutsche Zertifikatebranche heute? Danach werde ich auf die Herausforderungen eingehen, vor die uns der Gesetzgeber auf nationaler und europäischer Ebene stellt. Und schließlich will ich noch einen kurzen Ausblick geben. Und das alles unter dem Motto des diesjährigen Derivate Tags Risiken kennen Chancen nutzen. Meine erste Feststellung lautet ganz schlicht: Der Branche geht es alles in allem gut. Die Anleger investieren kontinuierlich in Zertifikate, Aktienanleihen und Optionsscheine. Der Zertifikatemarkt hat sich inzwischen stabilisiert. Sank das Marktvolumen in der Krise auf unter 80 Mrd. Euro, so hat es sich in diesem Jahr wieder bei gut 100 Mrd. Euro eingependelt. Das ist nicht schlecht. Es zeigt, das Produkt Zertifikat ist weiterhin attraktiv. Steigerungsfähig sind sicherlich noch die Börsenumsätze. Hier haben wir die Vorjahreszahlen noch nicht wieder erreicht. Der Grund dafür ist einfach folgender: Zertifikate zählen zwar zu den flexibelsten Finanzinstrumenten überhaupt, setzen aber in der Regel voraus, dass der Anleger eine klare Marktmeinung zum Basiswert hat sei es eine Aktie oder ein Index. Aufgrund der krisenbedingten Unsicherheit spüren wir eine starke Zurückhaltung vieler Anleger, die nicht wissen, wohin die Reise geht. Aber auch aufgrund der jüngsten EZB- Maßnahmen stellen wir derzeit wieder eine leichte Belebung der Börsenumsätze fest. Wenn es der Branche gut geht, geht es auch dem Verband gut. Alle unsere Mitglieder und Fördermitglieder leisten nicht nur ihren finanziellen Beitrag, sondern geben durch ihr Engagement und ihre Expertise in den diversen Ausschüssen und Arbeitskreisen wichtige Impulse für die Verbandsarbeit. Unsere 17 Mitglieder repräsentieren mehr als 95 % des Gesamtmarkts. Auch wenn viele glauben, der Zertifikatemarkt sei gesättigt, so treten doch 1

3 immer wieder neue Marktteilnehmer auf den Plan und heizen den Wettbewerb zu Gunsten der Anleger weiter an. Wenn ich das Motto unseres Derivate Tags Risiken kennen Chancen nutzen aufgreife, so will ich zunächst ein Bild zurechtrücken, das weite Teile der Öffentlichkeit von Zertifikaten und von der Zertifikatebranche haben. Die allermeisten Zertifikate sind erheblich risikoärmer, und die Mehrzahl der Zertifikateanleger ist sehr viel sicherheitsorientierter als gemeinhin angenommen. Fakt ist: Die meisten Zertifikateanleger setzen auf Sicherheit, sind überwiegend risikoavers und investieren langfristig. Ich will Ihnen hierzu drei Zahlen nennen, die dies sehr deutlich machen: 1. Mit 68 Prozent des gesamten Zertifikatevolumens waren Ende Juli mehr als zwei Drittel in Produkte investiert, die mit einem 100 %igem Kapitalschutz ausgestattet sind und bei denen der Anleger selbst im schlimmsten Fall zumindest den Nennwert zurückerhält. 2. Wie Sie wissen, kann jedem Zertifikat eine Risikoklasse von 1 = sicherheitsorientiert bis 5 = spekulativ zugeordnet werden. 76 Prozent aller Zertifikategelder waren Ende März 2012 in Produkte investiert, die zu den defensiven Risikoklassen 1 und 2 zählen. Sie haben damit ein geringeres Anlagerisiko als Aktien oder die meisten Aktien- und Immobilienfonds ,7 Prozent des Anlagevolumens investieren Privatanleger in Anlageprodukte mit einer mittel- bis langfristigen Haltedauer. Auf die spekulativen Hebelprodukte entfallen lediglich 1,3 Prozent. Es stimmt: Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen und unterliegen ebenso wie Staats- und Unternehmensanleihen dem Emittentenrisiko. Aber auch gegen dieses Ausfallrisiko gibt es inzwischen Absicherungsmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang will ich auf einen Vorwurf eingehen, der in letzter Zeit sowohl von Anlegerschützern als auch von Regulatoren in anderen Ländern gegen Zertifikate erhoben wird. Sie behaupten, Zertifikate seien zu komplex und damit zu risikoreich und man sollte deshalb gesetzgeberische Maßnahmen ergreifen und sie für Privatanleger am besten ganz verbieten. Hier liegt ein grundsätzliches Missverständnis vor. Richtig ist, dass viele Zertifikate komplex sind, wie übrigens fast alle Finanzprodukte. Es gibt kaum etwas Komplexeres als eine Kapitallebensversicherung. Und selbst die vielgeliebten Bausparverträge, die jeder genau zu kennen glaubt, sind letztendlich Zinsswaps kombiniert mit mathematisch höchst kompliziert zu bewertenden Zinsoptionen. 2

4 Falsch ist, dass diese Finanzprodukte damit auch risikoreicher sind. Vielfach ist das Gegenteil richtig. Um beispielsweise ein Kapitalschutz-Zertifikat mit 100%igen Kapitalschutz, also einem Höchstmaß an Sicherheit, darstellen zu können, bedarf es einiger Komponenten, die das Zertifikat insgesamt als komplex erscheinen lassen. Hingegen sind Knockout-Produkte mit einem großen Hebel ganz einfache, aber äußerst risikoreiche Produkte. Auch wenn die Absicherungen mancher Zertifikate also mitunter komplex sind, so minimieren sie doch gerade das Risiko für Privatanleger. Deshalb sollte man hier frei nach Einsteins Motto verfahren, so einfach wie möglich, aber bitte nicht einfacher. Dass Komplexität und Risiko zwei paar Stiefel sind, wird auch Prof. Lutz Johanning in seinem Beitrag nachher noch genauer zeigen. Sie merken, das Thema treibt uns um. Deshalb will ich das Problem abschließend an einem Beispiel aus der Automobilindustrie illustrieren. Ein Auto mit 8 Airbags, mit ABS- oder ESP-Komponenten, deren Funktionsweise im Übrigen kein Autofahrer im Detail kennt, ist sicherlich komplexer als ein Trabbi. Welchen Aufschrei gäbe es in der Öffentlichkeit, würde die Bundesregierung mit Blick auf die gewachsene Komplexität der Autos jeden entsprechend ausgerüsteten BMW und jeden Mercedes verbieten und jeder private Autofahrer dürfte künftig nur noch Trabbi fahren. Bei Zertifikaten ist dieser Irrwitz wie ein Blick über die belgische Grenze zeigt inzwischen schon fast Realität. Damit sind wir schon mittendrin im Thema Regulierung. Ja, Regulierung ist notwendig. Ja, jede marktwirtschaftliche Ordnung braucht Spielregeln, deren Einhaltung überwacht wird. Ja, in der Finanzbranche gibt es Bereiche, die noch nicht richtig reguliert sind. Ja, die Regierung muss im Rahmen des Anlegerschutzes darauf achten, dass die Anleger nicht übervorteilt werden. Solange wir uns auf dieser allgemeinen Ebene bewegen, ist alles klar. Schwieriger wird es, sobald wir etwas mehr ins Detail gehen. Das fängt mit der Frage an, welche Anleger soll der Staat eigentlich schützen. Bei den Zertifikateanlegern unterscheiden wir zwei große Gruppen. Erstens diejenigen, die Zertifikate nach einer ausführlichen Anlageberatung erwerben und zweitens die Selbstentscheider, die Zertifikate ohne Beratung kaufen. Die risikoreichen Hebelprodukte werden ausschließlich von Selbstentscheidern gekauft. Den Beratungskunden, die Anlagezertifikate kaufen, geht es vor allem um Sicherheit. Deshalb sind - wie schon erwähnt - mittlerweile mehr als zwei Drittel des Marktvolumens in Zertifikate mit 100-prozentigem Kapitalschutz investiert. 3

5 Die Politik darf nicht die Selbstentscheider völlig aus den Augen verlieren. Gut gemeinter Anlegerschutz darf nicht umschlagen in Bevormundung oder gar Entmündigung. Daher müssen wir aufpassen, dass beim Anlegerschutz nicht des Guten zu viel getan wird. Das regulatorische Korsett wird immer enger und verstärkt die Tendenz, dass immer mehr Anlegern risikoarme, aber auch renditeschwache Produkte angeboten werden, da viele Berater die gestiegenen Haftungsrisiken nicht eingehen wollen. Absolute Sicherheit ist selten die beste Lösung, denn gerade in der aktuellen Niedrigzinsphase könnten Anleger mit einem geringen Risiko weit bessere Renditen erzielen. Das Motto vieler Anlegerschützer und Politiker Sicherheit über alles führt letztlich zu weniger Wohlstand und mit Blick auf die Inflation sogar zu realen Vermögensverlusten weiter Teile der Bevölkerung. Was ist also zu tun? Da man mit den guten Vorschlägen ja am besten immer bei sich selbst anfangen sollte, will ich etwas zu der Frage sagen, was kann die Finanzbranche im Allgemeinen und was kann die Zertifikatebranche im Speziellen tun. Hier sehe ich einen Königsweg, der zur Lösung sehr vieler Probleme führt. Wie am Immobilienmarkt die drei L s entscheidend sind, nämlich Lage, Lage, Lage, sind es bei der Finanzbranche die drei T s: Transparenz, Transparenz, Transparenz. Dies gilt für nahezu alle Bereiche und hier kann man des Guten eigentlich nie zu viel tun. Wären in der Krise, die im Jahre 2008 ihren Ausgang nahm, für die Marktteilnehmer die wesentlichen Risiken der Finanzprodukte und Finanztransaktionen transparent gewesen, wären viele Geschäfte nicht getätigt worden und uns allen wäre im wahrsten Sinne des Wortes vieles erspart geblieben. Deshalb werden auch der DDV und seine Mitglieder die Transparenz-Initiative, die wir direkt nach der Lehmann-Insolvenz gestartet hatten, konsequent fortführen. Einiges haben wir schon erreicht. Ich erinnere nur an die Produktklassifizierung, die Vereinheitlichung der Fachbegriffe oder die Veröffentlichung von Zertifikate-Indizes für die beliebtesten Zertifikatekategorien. Neu hinzugekommen ist vor ein paar Wochen der DDV-Risikomonitor. Mit diesem App wird der Zertifikateanleger über sein Smartphone informiert, wenn sich aufgrund von Marktgegebenheiten die Risikokennzahl eines seiner Zertifikate ändert und er kann entscheiden, ob er sein Zertifikat trotzdem behält oder es verkauft. 4

6 Und auch der Gesetzgeber hat zur Verbesserung der Produkttransparenz in der letzten Zeit eine ganz Menge getan. Ein Meilenstein sind sicherlich auch die Produktinformationsblätter, die kurz und übersichtlich über Funktionsweise, Chancen und Risiken Auskunft geben. Wir haben dies von Anfang an voll unterstützt und haben mit unseren Muster- Produktinformationsblättern für alle Zertifikatetypen damals als erster Verband konkrete Vorlagen erarbeitet. Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal kurz nach vorne schauen. Welche Chancen hat die deutsche Zertifikatebranche? Zunächst einmal sollte man nicht vergessen, dass die deutsche Zertifikatebranche noch recht jung ist. Gut, sie ist den Kinderschuhen entwachsen und hat auch schon die Pubertät hinter sich, aber 22 Jahre sind ja noch kein Alter. Denn vor genau 22 Jahren hat die Dresdner Bank mit einem Indexzertifikat auf den DAX das erste Zertifikat überhaupt emittiert. Diese deutsche Erfindung ist inzwischen zum Exportschlager geworden, und auch deshalb ist Europa für uns von so großer Bedeutung. Die Zertifikatebranche ist im Übrigen der einzige Finanzbereich, in dem die Deutschen noch die Nase vorn haben. Unter anderem auch deshalb, weil unsere Branche in den vergangen beiden Jahrzehnten ein Höchstmaß an Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft gezeigt hat. Und es fällt den Emittenten auch jetzt noch immer wieder etwas Neues ein, was den speziellen Wünschen und Bedürfnissen der Privatanleger entgegenkommt. Ich nenne hier beispielhaft nur die Möglichkeit, sich gegen den Ausfall eines Emittenten absichern, was mit überschaubaren zusätzlichen Kosten realisierbar ist, oder auch den Zertifikatebaukasten. Das Baukastenprinzip, bei dem der Anleger die Ausstattungsmerkmale seines Zertifikats selbst zusammenstellt, wird sicherlich in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen. Wie bei einem Maßanzug ist ein solches Produkt auf den Anleger passgenau zugeschnitten. Die Zertifikatebranche geht mit Blick auf die individuellen Kundenwünsche insgesamt letztendlich einen ähnlichen Weg wie die Autoindustrie. Auch hier bieten die Automobilunternehmen eine überschaubare Zahl von Basismodellen an, aber es gibt eine gewaltige Zahl an Ausstattungsvarianten. Das gleiche gilt für den Zertifikatemarkt. Hier können die Zertifikateanleger je nach Risikoprofil und Renditeerwartung zwischen elf Produkttypen mit einer überaus großen Zahl an Ausstattungsmerkmalen wie Basiswert, Laufzeit und Marktrichtung auswählen. Und gerade aufgrund dieser enormen Flexibilität der Zertifikate ist mir um die Zukunft unserer Branche nicht bange. 5

7 Meine Damen und Herren, Zertifikate sind wichtig, aber die Zertifikatebranche ist nicht der Nabel der Welt. Viele wichtiger sind für uns die Fragen Wie geht es mit Europa weiter? und Welche Zukunft hat der Euro? Werden hier die Weichen falsch gestellt, hat das so gravierende Auswirkungen, dass wir uns über Finanzprodukte wie Zertifikate oder Fonds oder Kapitallebensversicherungen keine großen Gedanken mehr zu machen brauchen. Klarheit zu diesen beiden Fragen ist deshalb nötiger denn je. Deshalb freue ich mich besonders, dass wir heute Hans-Dietrich Genscher zu Gast haben. Herr Genscher hat viele Jahre die Grundlinien deutscher Politik entscheidend mitgestaltet. Das gilt nicht nur für die Deutsche Einheit, sondern auch für das Zusammenwachsen Europas. Europa war immer und ist auch heute noch sein Herzensanliegen, und er hat zu Europa und zum Euro eine klare Position. Herr Genscher hat sich freundlicherweise bereit erklärt, nach seiner Rede noch für Fragen zur Verfügung zu stehen. Die Fragen stellen wird Henning Krumrey, stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftswoche und Leiter des Hauptstadtbüros in Berlin. Er wird uns heute im Übrigen wieder in bewährter Weise als Moderator durch den Tag führen. Lieber Herr Krumrey, hierfür an dieser Stelle schon einmal ein herzliches Dankeschön. Lieber Herr Genscher, jetzt haben Sie das Wort. 6

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