Weinfelder. Predigt. Glück und Unglück aus Gottes Hand? April 2016 Nr Prediger 7,14

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1 Weinfelder April 2016 Nr. 775 Predigt Glück und Unglück aus Gottes Hand? Prediger 7,14 von Pfr. Johannes Bodmer gehalten am

2 Prediger 7,14 Freue dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weisst nicht, was als Nächstes kommt. Liebe Gemeinde Einen Glückstag aus Gottes Hand annehmen macht uns keine Mühe. Anders sieht es aus, wenn wir einen Unglückstag erleben. Auch wenn uns das bewusst ist, heisst das nicht, dass wir mit Unglück leicht fertig werden. Das Leben bewegt sich nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt. Wir empfinden den Alltag eher wie das Wetter. Hochdruckgebiete und Tiefdruckgebiete wechseln sich ab, Sonnenschein und Regen. Unsere wechselnde Befindlichkeit kann uns echt beschäftigen und hat die Menschen schon immer beschäftigt. Der Mensch sucht für möglichst alles nach Erklärungen. Manche Erklärung hilft uns, manche bringt uns nicht weiter. Im Predigerbuch wird von einer Erklärung für das Glück und für das Unglück berichtet: Freue dich, wenn du einen Glückstag hast. Und wenn du einen Unglückstag hast, dann denke daran: Gott schickt dir beide, und du weisst nicht, was als Nächstes kommt. Gott schickt dir beide. Die Herkunft des Glücks und des Unglücks werden da in Gott begründet. Wir wissen: Wir tragen durch unser Verhalten ebenfalls einiges dazu bei, ob wir glücklich sind oder nicht. Das haben wir vorhin gehört vom Thementeam. In der Predigt geht es vor allem um Gott, bzw. um die Aussage: Gott schickt dir beide, das Glück und das Unglück. So ein Satz kann vieles auslösen. Er kann Gedanken darüber auslösen, was man selber zu einem glücklichen Seite 2

3 Leben beitragen kann. Er kann genauso bewirken, dass man über die Rolle von Gott beim Glück und beim Unglück nachdenkt. In dieser Predigt geht es um das Zweite, um die Fragen: Wie denken wir von Gott? Was erwarten wir von ihm? Dass das Glück als Geschenk Gottes bezeichnet wird, das nehmen wir im Glauben gerne an und sind Gott dafür dankbar. Was mehr Mühe macht, ist das andere: dass auch das Unglück als von ihm geschickt bezeichnet wird. Kommt beides von Gott? Können wir das auch so sehen wie der Prediger? Würde das heissen: Gott schickt das Unglück, weil er will, dass es uns nicht zu gut geht? Kann uns zu viel Glück schaden? Muss Gott das Unglück schicken, damit wir nicht die Bodenhaftung verlieren? Wir wissen und erfahren: Es kann nicht immer nur gut gehen. Unglücke, Krankheiten gehören zum Leben. Gerade heute am Tag der Kranken denken wir an diese Tatsache. Was wären wir alles bereit zu geben, wenn wir damit die Gesundheit garantiert hätten? Was würde eine kranke Person dafür geben, um gesund zu werden? Wir können der Frage nicht ausweichen: Stimmt es, dass Gott das Glück und das Unglück schickt? Obwohl das in Prediger 7 so notiert worden ist, geht es um die Frage: Sind wir mit dieser Aussage einverstanden? Schickt Gott das Glück und das Unglück? Müssen wir das einfach glauben, weil es in der Bibel steht? Oder wäre es sinnvoll, diese Aussage mit unserer Gottesvorstellung und anderen biblischen Aussagen über Gott gegenüber zu stellen? Liebe Gemeinde, es ist ein reformatorisches Schriftauslegungsprinzip, biblische Aussagen an anderen biblischen Aussagen, vor allem neutestamentlichen, zu überprüfen. Wenn wir das heutige Bibelwort isoliert le- Seite 3

4 sen, hören wir, dass Gott das Glück und das Unglück schickt. Weil wir nicht Juden sind, sondern Christen, lesen wir das AT durch die Brille des NT. Wenn wir das tun, fragen wir: Stimmt diese Aussage mit dem Evangelium von Jesus Christus überein? Diese Frage gilt es übrigens auch zu stellen, wenn wir in den Paulusbriefen lesen, beispielsweise Aussagen über die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann in der christlichen Gemeinde. Nachdem für Jesus Mann und Frau gleichwertig gewesen sind, ist Paulus zum Teil wieder in die jüdische Tradition zurückgefallen. Diese gibt der Frau eine untergeordnete Stellung. Das reformatorische Schriftauslegungsprinzip sagt: Es sind nicht alle in der Bibel aufgeschriebenen Sätze gleich richtig und wichtig. Es gibt im AT und dem NT eine inhaltliche Hierarchie. Übergeordnet ist immer die Liebe. Zuoberst steht die Liebe Gottes den Menschen gegenüber. Dann kommt die Liebe des Menschen zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst. Das dreifache Liebesgebot gilt im AT und im NT und steht über allen Geboten. Das ist so, weil Gott das Leben, das Zusammenleben fördert, das Zusammenleben von uns Menschen mit ihm und unter uns. Von diesem Schriftauslegungsprinzip her stellen wir fest: Gott meint es gut mit uns. Darum können wir die Meinung des Predigers in Kapitel 7 nicht unterschreiben. Wir kennen Gott biblisch als Gott der Liebe und Fürsorge, nicht als Gott des Unglücks. Das Glück und das Unglück gehören zum Leben, auch zum Leben der Christinnen und Christen. Krankheit, Unfälle, Hunger, Naturkatastrophen und Tod sind unvermeidlich. Die Welt ist nicht das Schöpfungsparadies, auch nicht der Himmel, wo uns das Leben ohne Leid und Schmerz verheissen Seite 4

5 ist. Dazu möchte ich Ihnen einige Sätze vorlesen, die ich im kath. Kirchenboten, dem Forum Kirche, gelesen habe. Sie stammen von einem Mann, der seine Frau an einer Krebserkrankung verloren hat: Religiosität ist für mich etwas Lebensnahes, das sich im Herzen, im Leben und in den Händen abspielt. Sie lebt nicht von Glaubenssätzen, sondern in einer engen Beziehung zu Gott. Für uns hat nicht gegolten: Gott schickt die Krankheit und wird schon wissen warum. Die Krankheit macht keinen Sinn. Gott hat diese Krankheit nicht geschickt. Aber er ist mit uns traurig, begleitet und trägt uns auf dem Weg. Der entscheidende Satz in diesem Bericht ist: Religiosität lebt nicht von Glaubenssätzen, sondern in einer engen Beziehung zu Gott. Gott meint es gut mit uns. Darum hat er das Glück in Person geschickt, Jesus Christus. Jesus weist das Unglück in Schranken. Krankheit, Unfälle, und Tod sind nicht sein Programm gewesen. Er hat sich für das Wohl der Menschen eingesetzt. Er hat Krankheiten geheilt, er hat mit Glauben gegen die Hoffnungslosigkeit gepredigt. Er hat den Menschen gezeigt, dass das Glück und nicht das Unglück auf dem Programm Gottes für die Welt steht. Wenn Gott der himmlische Vater ist, schickt er nicht das Unglück. Jesus sagt dazu folgenden Vergleich (Mt 7,9-11): Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern guttut, und gebt es ihnen. Wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten. Seite 5

6 Unglück und Krankheit gehören zur Welt. Unser Körper und alles Materielle sind nicht auf Ewigkeit angelegt. Jesus hat in der Welt gelebt mit all ihrem Unglück. Er hat das Unglück als Realität akzeptiert und nicht Gott als Verursacher bezeichnet. Darum können wir auf Gott vertrauen, im Wissen: er will das Gute für uns. Wie es uns geht, wie gesund oder weniger gesund wir sind, das alles dürfen wir im Gebet vertrauensvoll vor ihn bringen, sicher auch am heutigen Krankensonntag. Amen Seite 6

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