Leitung = Menschenleitung

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1 Leitung = Menschenleitung Stephan Pues, Freude und Verantwortung Für Leiter ist eine der größten Freuden und Herausforderungen das Leiten von Menschen. Es ist für mich selbst sehr erfüllend, wenn ich Menschen prägen und helfen kann, sich weiter zu entwickeln, Herausforderungen zu meistern und selbst zu Leitern zu werden. Andererseits gibt es auch kaum größere Herausforderungen für einen Leiter als das Leiten von Menschen. Freud und Leid liegen für einen Leiter, besonders einen, dem die Menschen, die er leitet, persönlich am Herzen liegen, nah beieinander. Doch die Freude überwiegt. Weit. Das Leiten von Menschen ist der wesentliche Faktor für jeden Leiter. Auch wenn man eher sachliche Ergebnisse oder Prozesse, unternehmerische oder soziale Ziele hat, wird es für einen Leiter immer darum gehen, gekonnt die Menschen anzuleiten, mit denen er zusammen diese Ziele erreichen will. Menschenleitung ist also eine ganz wesentliche Fähigkeit eines guten Leiters. Deshalb ist es für Leiter wichtig, in diesem Bereich Weisheit und Kompetenzen zu entwickeln. Wer Menschen leiten kann, wird erfolgreich leiten. Ich habe selbst in meinem Leben sowohl gute Leitung genossen als auch unter schlechter Leitung gelitten. Durch beides habe ich gelernt. Ich empfinde es persönlich als eine der schönsten Berufungen, Menschen zu leiten. Wäre es nicht toll, wenn Menschen, die man leitet, hinterher sagen: Mit unserem Leiter haben wir Ziele erreicht und Projekte umgesetzt. Aber vor allem bin ICH durch seine Leitung gewachsen. Er hat mich nicht einfach nur für seine Ziele benutzt, sondern hat mir geholfen persönlich weiter zu kommen. Er hat mich herausgefordert, meinen Charakter reifen zu lassen, meine Persönlichkeit zu entdecken, Fähigkeiten zu erwerben. Und er hat mir sogar geholfen, an manchen meiner tiefen Dinge meinem Herzen weiter zu kommen. Ich bin dankbar für seine Leitung. Er hat mich inspiriert, auch andere so zu leiten. Es wäre toll, wenn jemand so etwas sagt. Andererseits ist Menschenleitung auch sehr herausfordernd. Wenn Prozesse oder Projekte nicht voran gehen, kann einem dass schon Kopfzerbrechen bereiten. Aber wenn es mit Menschen, die man leitet, Probleme gibt, dann hat man schlaflose Nächte. Viele der schwierigsten Momente als Leiter habe ich erlebt, wenn es mit Menschen herausfordernd wurde. Wenn Charakterschwächen mit voller Kraft deutlich wurden. Wenn es im Team aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeiten krachte. Wenn Menschen unter Druck wirklich hässliche Motive gezeigt haben. Leitung ist also beides: Herausforderung und Freude. Ich will ein Leiter sein, der darin mehr die Chance und die Freude sieht. Ich will nicht ein Leiter sein, der über seine 1

2 Mitarbeiter stöhnt, sondern der sie authentisch lobt und in ihnen immer mehr an das Potential glaubt als an die Probleme denkt. Menschenleitung ist Selbstleitung Natürlich weiß jeder gute Leiter, dass er selbst mit seiner Persönlichkeit, Unreife und Begrenztheit zu den Herausforderungen beiträgt. Deshalb ist Menschenleitung zuerst Selbstleitung. Ein guter Leiter ist sich bewusst, dass er selbst die erste Person ist, die er leiten und weiterentwickeln muss. Der bekannte Satz Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung gilt besonders für Leiter. Leiter müssen besonders den Griff an die eigene Nase beherrschen und sich der Balken im eigenen Auge bewusst werden, bevor sie andere leiten. Es ist natürlich einfacher, die Fehler anderer zu sehen oder Rat an andere zu erteilen, wo man dann nicht selbst verantwortlich ist, den anstrengenden Weg der Veränderung zu gehen. Aber gute Leiter haben verstanden, dass es nicht nur richtig und wichtig ist, sich selbst zu leiten, sondern auch den Weg zum persönlichen Glück, Freiheit und Freude bedeutet. Denn wer selbst reifer, kompetenter und stärker wird, wird ja nicht nur für andere brauchbarer, sondern wird selbst davon am meisten profitieren. Man kann Menschen nur dahin leiten, wo man selbst ist. Das gilt besonders für die tieferen Ebenen eines Menschen. Ja, man kann jemanden anleiten, Fähigkeiten zu erwerben, die man selbst nicht hat. Aber wer charakterlich unreif ist, wird Menschen nicht zur Reife führen. Und auch wenn durch eigene Unreife bei Menschen Krisen und Probleme verursacht werden und sie daran reifen, ist das keine Entschuldigung für die Unreife des Leiters. Und was für charakterliche Reife gilt, gilt noch viel mehr für die tieferen Ebenen der Persönlichkeit und des Herzens. Warum überhaupt Weiterentwicklung? Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer Frau, die in einem Krankenhaus eine Abteilung mit etwa 30 Mitarbeiterinnen leitet. Sie war schon etwas älter und war zu dem Zeitpunkt, als ihr Vorgänger in den Ruhestand gegangen war, die dienstälteste und erfahrenste Mitarbeiterin. Deshalb war sie dann zur Leiterin gemacht worden. Weil mich das Thema Leitung immer interessiert, fragte ich sie: Was machst du eigentlich, um als Leiterin weiter zu kommen? Gibt es Leute, die in dich investieren? Oder was machst du selbst, damit du in drei Jahren eine stärkere und reifere Leiterin bist als heute? Nach kurzem Nachdenken gab sie zu, dass sie sich darüber nie Gedanken gemacht hatte. Sie war einfach diejenige mit der meisten Erfahrung. Deshalb war sie die Leiterin geworden. Und sie hatte nie erlebt, dass jemand sich mit ihr mal hingesetzt und ihre Leitungskompetenz gefördert hatte. Wie schade, dachte ich. Und wahrscheinlich würde sie deshalb auch nicht aktiv selbst daran arbeiten und es auch nicht weitergeben. So gehen viele Leiter und viele Unternehmen mit Leitern um. Sie erwarten einfach, dass sich die Leute im Laufe der Zeit von selbst weiterentwickeln. Vielleicht investiert man in das Wissen oder praktische Kompetenzen der Leiter. Es gibt Weiterbildungen, bei denen praktische Fähigkeiten vermittelt werden. Nicht so häufig findet man Situationen, wo Leiter in ihrem Charakter, ihrer Persönlichkeit und ihren tiefen Werten gefördert bzw. 2

3 angeleitet werden, sich selbst weiter zu entwickeln. Auch in dem Bereich, in dem ich hauptsächlich leite, in Kirche, ist Leiterschaftsförderung oft vernachlässigt worden. Man denkt vielleicht, dass irgendwie durch Erfahrungen und Alter so etwas wie Reife und Kompetenz von alleine entsteht. Es fehlt oft die Sicht dafür, dass man an der Entwicklung der Leitungskompetenz eigentlich an der Reife des Leiters selbst aktiv arbeiten muss. Wenn Menschen sich nicht weiter entwickeln, liegt es oft daran, dass sie es nie gelernt und nie die Erfüllung und die Freude erlebt haben, die es bringt, wenn man reift oder anderen dabei hilft. Wenn wir geboren werden, übernehmen anderen Menschen die Verantwortung dafür, dass wir uns entwickeln. Bei meinem zwei jährigen Sohn hab ich die Verantwortung, dass er sich entwickelt. Ich kann nicht sagen: So, jetzt übernimm endlich mal selbst Verantwortung für deine eigene Entwicklung. Du solltest gelernt haben, dir Dinge selbst beizubringen. Ich als Elternteil habe Verantwortung dafür, dass er Fähigkeiten wie Kommunikation, Hygiene usw. erlernt. Aber auch seine charakterliche Entwicklung (Verantwortung übernehmen, mit Konflikten umgehen,...), das Entdecken seiner individuellen Persönlichkeit und vor allem das Entwickeln einer tiefen Stärke (Selbstwert, Motivationen, Vertrauen, Nächstenliebe, usw.) sind Aufgaben meiner Erziehung. Ich bin verantwortlich, dass er sich entwickelt. Das Ziel ist es aber, dass er selbständig wird. Also spätestens mit 18 Jahren ist er dann für sich und seine Entwicklung selbst verantwortlich. Dann kommt keiner mehr und sagt: Los, jetzt lern endlich mal...! Wenn ich als Vater meinen Job gut gemacht habe, wird er dann hoffentlich selbständig sein Leben leben können. Aber die Entwicklung darf dann nicht stehen bleiben. Er sollte dann nicht aufhören, sondern es muss weiter gehen. Natürlich gibt es immer noch Faktoren von außen, die ihm helfen oder ihn herausfordern zu wachsen (Ausbildung, Krisen, Vorbilder,...). Und hoffentlich wird er Leiter haben, die ihn weiter fördern. Aber jeder Mensch wird hoffentlich irgendwann verstehen, dass er dann selbst verantwortlich ist, sich weiter zu entwickeln. Und am besten wäre doch, wenn er selbst zu jemandem wird, der wieder andere fördert und weiter bringt. Ein anderes Beispiel für mich war, als ein Leiter, der mich sehr inspiriert hat, vor ein paar Jahren ein paar Monate berufliche Pause nahm. Seine Begründung war nicht etwa, dass er ausgebrannt war, sondern er sagte: Ich merke, dass es in meinem Charakter einige Bereiche gibt, an denen ich arbeiten möchte. Ich will weiter kommen. Und dafür will ich mir bewusst Zeit nehmen. Das Beeindruckende war: Er war zu dem Zeitpunkt 64 Jahre alt. Es war also ein Leiter, der es gewohnt war, sich selbst weiter zu entwickeln und der nicht damit aufhörte. Selbst kurz vor seiner Pensionierung hatte er noch die Vision, zu reifen, zu lernen und persönlich zu wachsen. Ich war beeindruckt, und es hat mich inspiriert. Viele gute Bücher über Leitung sind sich darin einig, dass gute Leiter ausreichend Zeit investieren, an sich selbst zu arbeiten. Es geht um mehr als Kompetenzen! Ein guter Leiter muss also gut Menschen leiten können vor allem sich selbst. Aber die Frage ist, wenn Menschenleitung so wichtig ist: Wie geht das? Wie macht man das? Worauf muss man achten? Wenn man Menschen also gut leiten will, sollte man mehr im Blick haben als die fachlichen Kompetenzen. Ich glaube, dass gute Leiter in der Lage sind, sich selbst und 3

4 andere besonders auf den tieferen Ebenen weiter zu entwickeln. Was sind jedoch diese tieferen Ebenen? Und wie kann man sie spezifisch fördern? Ich finde es hilfreich, bei dem Leiten von Menschen vier Bereiche voneinander zu unterscheiden: Fähigkeiten, Persönlichkeit, Charakter und Herz. Fähigkeiten Fähigkeiten sind wie der Werkzeugkoffer, den ein Mensch besitzt, um sein Leben zu meistern. In ihm befinden sich Dinge, die er erlernt hat. Zum Beispiel erlernte Sprachen, Kompetenzen oder Wissen. Fähigkeiten kann man durch Training, Schulung, praktische Übung oder autodidaktisch erlernen. Wenn man als Leiter einen Menschen im Bereich Fähigkeiten wachsen lassen möchte, muss man ihm selbst etwas beibringen oder ihn auf einen Schulung schicken, damit er kompetenter wird. Viele Lehrer, Trainer und Ausbilder beschäftigen sich täglich damit, anderen Menschen Fähigkeiten beizubringen. Vor ein paar Monaten wurde meine Frau von ihrem Arbeitgeber auf ein zweitägiges Seminar geschickt. Sie arbeitet in einem Beruf, wo sie täglich viel lesen muss. Ziel des Seminars war es, dass die Mitarbeiter schneller lesen lernen. Ein Trainer hat also zwei Tage lang den Mitarbeitern Wissen vermittelt, Techniken erklärt und Übungen gemacht. Am Ende konnte meine Frau fast doppelt so schnell lesen wie vorher. Ich fand es gemein, denn sie war eh schon schneller als ich. Sie hat etwas gelernt, das ihr hilft, ihren Job effektiver zu machen. Sie hat eine Fähigkeit mehr. Charakter Der Charakter eines Menschen ist eine tiefere Ebene als Fähigkeiten. Es ist das, was man auch mit Reife bezeichnet. Charakter entwickelt man (hoffentlich) im Laufe des Lebens. Es gibt viele Faktoren, die sich positiv oder negativ auf die Entwicklung des Charakters auswirken. Die Grundlage wird früh gelegt: Kultur, Umfeld, prägende Ereignisse und vor allem der Einfluss der Eltern und Familie formen den Charakter eines Menschen. Doch später geht es darum, sich charakterlich selbst weiter zu entwickeln. Ein reifer Charakter zeichnet sich unter anderem durch folgende Merkmale aus: - Proaktivität - Interdependenz - Das Wichtige vor dem Dringenden tun - Prinzipienorientierung - Beziehungskompetenz - Bewusste Einteilung von Zeit und Ressourcen - Nein sagen können - zu guten Dingen (Prioritäten setzen) - Leidensfähigkeit - Integrität Treue zu Menschen - Mut & Demut - Aus Fehlern lernen high learning agility - Zuverlässigkeit - Moralische Stabilität - Visionäre Fähigkeit Spaß, Zielen nachzujagen 4

5 - Emotionale Belastbarkeit - Kreativität - Selbstbeherrschung Charakter muss man entwickeln. Die aufgelisteten Eigenschaften werden einem nicht in die Wiege gelegt. Man kann sie nicht in einem Seminar oder Training erlernen. Und sie tauchen auch nicht einfach mit gewissem Alter auf. Im Gegenteil: Wer verpasst, diese Eigenschaften zu entwickeln, wird mit zunehmendem Alter erleben, dass sich Charakterschwächen wie Sturheit, Unbelehrbarkeit, Selbstmitleid usw. zunehmend ausbreiten. Charakter muss wachsen. Dabei können anderen Menschen helfen bzw. man kann sich von einem Leiter oder Mentor dabei helfen lassen. Und doch ist es spätestens mit dem Erwachsenwerden die eigene Verantwortung, dass sich der Charakter positiv weiter entwickelt. Ich kann mich gut erinnern, wie ich vor ein paar Jahren mit einer Leiterin aus dem kirchlichen Bereich in einem Café zusammen saß und sie danach fragte, wie es ihr in ihrer Arbeit so geht. Sie erzählte mir, dass sie unzufrieden ist und vieles schwer ist und nicht so läuft, wie sie es gerne hätte. Ich fragte sie, was die Gründe dafür sind. Sie erzählte mir davon, dass ihre Mitarbeiter nicht so richtig mitmachten, die Leute nicht begeistert von ihren Ideen sind, dass sie kritisiert statt auch mal gelobt wird und viele Umstände nicht so sind, wie sie sich das vorgestellt hatte. Ich fand das schade, und sie tat mir leid. Vor mir saß eine Leiterin, die frustriert war. Ich fragte mich aber, warum sie als Leiterin sich von den Umständen so frustrieren ließ. Denn schwierige Umstände gibt es für jeden Leiter. Das ist normal. Sie war charakterlich nicht reif genug, proaktiv mit der Situation umzugehen und statt sich von den Umständen demotivieren zu lassen die Umstände motiviert zu prägen. Dass man mal frustriert ist, geht jedem Menschen so. Aber charakterlich reife Leiter warten nicht auf gute Umstände, um motiviert zu sein, sondern sie prägen ihre Umstände und motivieren andere. Sie entscheiden sich dafür, sich nicht frustrieren zu lassen. Ich wünschte mir, dass sie in diesem Bereich charakterlich weiter kommt, um mit der Situation anders umzugehen zu ihrem eigenen Glück und zum Wohl derer, die sie leitete. Leider gibt es auch ausreichend Beispiele für Menschen mit Charakterschwächen oder sogar verbogenen Charakteren. Charakterschwächen hat jeder Mensch. Die Krux liegt nur darin, dass wir selbst diese Dinge nicht so gut sehen oder sehen wollen, weil wir es nicht zugeben wollen vor uns und vor den anderen. Deshalb haben wir für die größeren Charakterschwächen meist auch die besseren Entschuldigungen und Erklärungen. Deshalb ist Hilfe von außen durch einen reifen Leiter in diesem Bereich so wertvoll. Bei verbogenen Charakteren ist es schwierig, weil diese Leute oft nicht bereit sind, an sich zu arbeiten und sich charakterlich weiterzuentwickeln. Die stärkste Kraft zur Entwicklung des Charakters liegt auf einer noch tieferen Ebene: dem Herzen des Menschen. Dazu später mehr. Die Voraussetzung für Charakterentwicklung ist ein aktives, selbstverantwortliches Streben nach und Arbeiten an der persönlichen Reife. Gute Leiter verstehen, wie wichtig und einflussreich der Charakter eines Menschen ist und helfen und prägen Menschen bewusst auch in diesem Bereich. Er liegt viel tiefer und ist viel einflussreicher als die praktischen Fähigkeiten eines Menschen. 5

6 Persönlichkeit Die Persönlichkeit eines Menschen ist das, wie wir individuell (gemacht) sind. Wir werden mit ihr geboren. Natürlich wird sie auch durch unser Umfeld, unsere Kultur und unsere Erfahrungen beeinflusst, aber im Wesentlichen haben wir unsere Persönlichkeit sprichwörtlich in die Wiege gelegt bekommen. Deshalb gibt es auch (anders als beim Charakter) keine schlechte oder gute Persönlichkeit. Persönlichkeit kann man nicht entwickeln, sondern entdecken. Man sollte die Stärken und Herausforderungen kennen und bewusst damit leben lernen. Persönlichkeiten sind wie das innere Selbstbild, vor das man einen Spiegel halten kann, um es zu verstehen. Zahlreiche Persönlichkeitstests helfen einem, in diesen Spiegel zu blicken und klarer zu sehen, wie wir sind. Was sind Persönlichkeitsmerkmale? Persönlichkeitstest unterscheiden z.b. klassischer Weise zwischen Menschen, die eher sach- oder personenorientiert veranlagt sind oder eher direkt oder indirekt kommunizieren. Je nach Persönlichkeit gehen wir unterschiedlich mit Autorität und Strukturen um. Wir haben unterschiedliche Interessen, brauchen mehr oder weniger Zeit für Entscheidungen oder sind lieber im Team oder alleine unterwegs. Das, WIE ein Mensch sich verhält, hat sehr viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. Deshalb sind wir alle so unterschiedlich. Und das ist auch gut so, denn in einer vielfältigen Welt braucht es viele unterschiedliche Menschen und Leiter. Gute Persönlichkeitstests zeigen auch auf, was aufgrund unserer einmaligen Persönlichkeit unsere Bedürfnisse sind also nicht nur wie wir uns verhalten, sondern auch was wir brauchen. Der eine möchte ein Umfeld, wo viele Gefühle beteiligt sind, den anderen nervt genau das. Den einen stressen zu vielen Vorgaben und klare Anweisungen, für den anderen bedeutet es Sicherheit. Manche beschäftigen sich gerne mit vielen Dingen gleichzeitig, andere überfordert das. Wir sind also nicht nur in dem, wie wir handeln, unterschiedlich, sondern auch in dem, was wir brauchen. Und wie wir uns anderen gegenüber verhalten, ist nicht automatisch das, wie wir auch von anderen behandelt werden möchten. Diese Dinge sind Ergebnis unserer Persönlichkeit. Ich bin halt so hat Smudo von den Fantastischen Vier gesungen und hat damit völlig Recht, wenn er seine Persönlichkeit beschreibt. Gute Leiter verstehen, dass aufgrund der vielen Persönlichkeiten Menschen auch unterschiedlich eingesetzt und geleitet werden sollten. Wer diese Unterschiede beachtet, kann Menschen viel effektiver motivieren, kritisieren, anleiten und helfen, sich weiter zu entwickeln. Leiter sollten deshalb zum einen Kenntnis über Persönlichkeitsunterschiede erwerben und zum anderen Hilfsmittel wie Persönlichkeitstest zur Hand haben. Persönlichkeit & Charakter Oft werden diese Bereiche verwechselt, sowohl bei der Selbsteinschätzung als auch beim Leiten anderer. Der Unterschied ist, dass Persönlichkeit gegeben ist und entdeckt werden muss, Charakter hingegen muss sich entwickeln. Eine Persönlichkeit hat jeder. Charakterreife nicht. Einen starken Charakter würde man bei unterschiedlichen Menschen sehr gleich beschreiben. Persönlichkeit ist immer unterschiedlich. Charakter kann man als gut oder schwach bewerten, Persönlichkeit nicht. 6

7 Was mir immer wieder begegnet ist, dass Menschen Charakterschwäche mit Persönlichkeitsunterschieden verwechseln und entschuldigen. Da wird Unreife schnell zu etwas, was bei mir halt so ist und was ich auch ganz authentisch so leben dürfen muss. Ich bin halt so von Smudo gilt für Persönlichkeit, aber eben nicht für Charakterschwäche. Wenn jemand z.b. unzuverlässig ist oder oft die Selbstbeherrschung verliert, kann er nicht sagen: Tja, so ist halt meine Persönlichkeit. Die Welt muss mich so nehmen, wie ich bin. Man nimmt Menschen die Chance zur Weiterentwicklung und damit auch zum persönlichen Glück, wenn man Persönlichkeit mit Charakter verwechselt und sie nicht herausfordert, sich zu ändern. Authentizität und Echtsein ist ein zu Recht hoch geschätzter Wert heute. Authentizität ist auch ein Charaktereigenschaft, aber nicht eine, die zu Entschuldigung von Schwächen in anderen Charakterbereichen eingesetzt werden darf. Gute Leiter können Persönlichkeit und Charakter unterscheiden. Sie wissen, wo man jemanden zur Entfaltung seiner individuellen Persönlichkeit ermutigen soll und auch darauf Rücksicht nehmen muss. Andererseits wissen sie auch, wann man jemanden anleiten und auch herausfordern sollte, sich charakterlich weiterzuentwickeln. Die Antwort auf Charakterschwäche kann nicht: So bist du halt. Lebe es authentisch aus! sein, sondern Ich möchte dir helfen, dich in dem Bereich weiter zu entwickeln. Bleib nicht so! Die beiden Bereiche, Charakter und Persönlichkeit sind miteinander verwoben, und es gibt eine Dynamik zwischen beiden. Wie ich mit den Stärken und Herausforderungen meiner Persönlichkeit umgehe, hat mit meinem Charakter zu tun. Wenn jemand z.b. in seiner Persönlichkeit ein hohes Bedürfnis nach Freiheit hat, aber von seinem Chef in Situationen immer wieder in seiner Freiheit eingeschränkt wird, dann ist das eine Herausforderung, die bei ihm aufgrund seiner Persönlichkeit Stress verursacht. Wie er aber damit umgeht ob er gereizt oder proaktiv reagiert - ist eine Frage seines Charakters. Charakter und Persönlichkeit sind schon recht tiefe Ebenen eines Menschen. Leiter, die diese Bereiche verstehen und in der Lage sind, Menschen dort zu leiten, werden stark leiten könne. Aber sie sind noch nicht die tiefste Ebene eines Menschen. Es gibt noch eine Ebene, die unter diesen beiden liegt und die deshalb noch prägender und wichtiger ist: das Herz. Wer diesen Bereich versteht und sich selbst und andere in diesem Bereich helfen kann weiter zu kommen, der kann stark leiten. Herz Das Herz des Menschen ist der tiefe innere Kern von uns. Es ist Sitz unser Gefühle, Motive, Sehnsüchte, Ängste und Kämpfe. Es beherbergt unseren Wert und unsere Identität, und es wird geprägt von unserem Weltbild, unseren Werten und vor allem von unserer Spiritualität. Ich denke, dass das Herz die tiefste Ebene des Menschen ist, weil sie die anderen Bereiche wie die Wurzeln eines Baumes beeinflusst. Was dort unten tief in unserem Herzen liegt, prägt alles, was wir tun. Es ist uns vielleicht oft selbst gar nicht so bewusst, aber tief in uns drin merken wir, dass dieser Bereich der eigentliche Kern ist, aus dem alles andere fließt. Es mag Menschen geben, die viele Fähigkeiten erlernt haben, die sich 7

8 ihrer Persönlichkeit bewusst sind und selbst charakterlich in vielen Bereichen gereift sind und die doch tief in ihrem Herzen kämpfen und ein Loch verspüren, das sie nicht gestillt kriegen. Andererseits habe ich auch Menschen erlebt, die in ihrem Herzen wirkliche Heilung, Befreiung und Erneuerung erlebt haben, und bei denen sich dadurch vieles andere zum Positiven entwickeln konnte: Ihr Charakter ist enorm gereift, sie konnten viel befreiter mit ihrer eigenen und gnädiger mit der Persönlichkeit anderer umgehen, und sie konnten ihre Fähigkeiten aus ganz neuen Motiven und zu anderen Zielen zu ihrem eigenen Glück und dem Wohl anderer einsetzen. Wo aber ist die Herausforderung in unserem Herzen? Und wo ist die Antwort? Wo gibt es Hilfe? Als Sitz unserer Werte und Motive ist in unserem Herzen das Warum? für unsere Gedanken, Entscheidungen und Handlungen verborgen. Was unser Herz bestimmt, prägt sehr tief alles, was wir tun. Und wir merken selbst und bei anderen Menschen in bestimmten Situationen ganz klar, was in unserem Herzen los ist. Es sind die Momente, in denen man tief in das Herz eines Menschen blicken kann. Für einen Leiter ist es wichtig, diese Ebene zu verstehen und sich selbst und andere zu leiten. Der Philosoph und Theologe Augustinus hat in seinem Buch Bekenntnisse erstaunlich tiefe Einblicke in die Dynamik des menschlichen Herzens gewährt. Seine These ist, dass es zwei Grundmotive gibt, die unser Herz bestimmen: Entweder die Liebe zu uns selbst oder die Liebe zu Gott. Erstere ist geprägt von Selbstgerechtigkeit, Selbstsucht und Selbstgenügsamkeit und führt letztlich zu Egoismus, Überheblichkeit und Isolierung. Zweitere führt zu Demut, Nächstenliebe und wahrer Gemeinschaft und Freude. Aber stimmt das wirklich, könnte man fragen. Warum führt die Liebe zu Gott zu mehr Nächstenliebe? Augustinus Antwort ist: Die einzigartige Botschaft des christlichen Glaubens das Evangelium von Jesus Christus hat die Kraft, unser Herz so tief zu verändern und von unserer Selbstliebe zu befreien. Denn es ist die Botschaft von Gott, der aus Liebe zu uns seinen Sohn sandte und opferte, um uns Menschen von unserer Selbstzentriertheit zu befreien. Augustinus berichtet ganz persönlich davon, wie dieses Evangelium für ihn die Kraft geworden ist, sein Herz zu verändern und zu neuen Motiven, Denkweisen und Werten zu führen. Es führt zu einem neuen WARUM in uns. Fähigkeiten kann man erlernen, Persönlichkeit entdecken, Charakter entwickeln, aber das menschliche Herz braucht etwas anderes: Erlösung. Es braucht die befreiende Botschaft Gottes, der zu uns sagt: Du bist es wert, dass ich mich für dich hingebe. Vertraue mir statt dir selbst. Und mach mich zum Sinn und Ziel deines Lebens. Wer sich darauf einlässt, erlebt, was Augustinus meinte, als er schrieb: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir. Ein guter Leiter versteht die Dynamik im Herzen eines Menschen. Es ist wichtig, mit dieser Ebene sehr sensibel umzugehen. Manchmal ist es auch falsch, sie anzusprechen, weil es zu persönlich wäre. Es ist entscheidend, welches Mandat man als Leiter hat. Gute Leiter können sehen, was wirklich die Motive im Herzen eines Menschen sind und bewusst und sensibel damit umgehen. Sie können entweder selbst mit denen, die sie Leiten, daran arbeiten, oder sie anleiten, Hilfe zu finden. 8

9 Übersichtsgrafik Fähigkeiten Wissen, Begabungen, Kenntnisse, Erfahrungen,... ERLERNEN Um weiter zu kommen, muss man etwas verstehen, erlernen oder entwickeln. Zu erlangende Reife ENTWICKELN Charakter Den Charakter muss man entwickeln er muss reifen. (Proaktivität, Prinzipien, Verantwortung, Interdependenz,...) Hilfe: Covey Persönlichkeit Herz Von Gott gegebene individuelle Persönlichkeit Sitz der Gefühle, Motive, Ängste, Sehnsüchte, Götzen, Wert, Identität ENTDECKEN Die Persönlichkeit kann man nicht entwickeln, sondern man muss sie verstehen und bewusster mit den Stärken und Herausforderungen umgehen. Hilfe: Birkman ERLÖSEN Hilfe: Evangelium 9