Qualität im Krankenhaus Was wünschen die Patienten? MDK-Kongress, Berlin, 6. November 2014

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1 Qualität im Krankenhaus Was wünschen die Patienten? MDK-Kongress, Berlin,

2 Es gibt ein weit verbreitetes Bedürfnis nach Transparenz Knapp zwei Drittel sind der Meinung, dass das Informationsangebot zu Ärzten verbesserungswürdig ist (Marstedt 2007) 89 % wünschen sich Informationen über die Qualität von Fachärzten, mehr als 80 % über Haus- und Zahnärzte (Geraedts 2006) 74% versprechen sich durch die Nutzung von Arztbewertungen, bei Bedarf einen guten Arzt zu finden (Kofahl et al. 2009) 71 % stimmen der Aussage zu, dass Patientenbefragungen bei allen Haus- und Fachärzten in bestimmten Abständen durchgeführt und veröffentlicht werden sollten (Kofahl et al. 2009) Seite 2

3 Qualitätssicherung und Transparenz sind im Sozialgesetzbuch inzwischen fest verankert SGB V 135: Qualitätssicherung der Leistungserbringer 137: G-BA-Qualitätssicherung (Qualitätsberichte der Krankenhäuser) 137a: Sektorübergreifende Qualitätssicherung (Qualitätsinstitut) 137d: Qualitätssicherung in Vorsorge und Rehabilitation 65b: Unabhängige Verbraucher- und Patientenberatung 305: Information der Versicherten über zugelassene Leistungserbringer und Leistungsausgaben SGB XI 115: Vergleichbare Veröffentlichung der MDK- Prüfergebnisse für Pflegeeirichtungen Seite 3

4 Der Wunsch nach mehr Transparenz findet seinen Niederschlag auch in der aktuellen politischen Programmatik Patienten müssen gut informiert sein, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können. Deshalb brauchen Patienten und Versicherte einen einfachen Zugang, etwa über entsprechende Portale im Internet, zu unabhängigen, verlässlichen und verständlichen Informationen über Versicherungs- und Behandlungsmöglichkeiten. Transparenz über die Qualität von Behandlungsangeboten, unabhängige Beratung und die Förderung der Selbsthilfe sind für Versicherte und die Patientinnen und Patienten wichtig, um selbstbestimmt Entscheidungen mit zu treffen. Wir wollen die unabhängigen Informations- und Beratungsmöglichkeiten, wie die Unabhängige Patientenberatung (UPD), und die Selbsthilfe im Gesundheitssystem stärken und eine verlässliche Finanzierung dafür schaffen. Deshalb werden wir mit den beteiligten gesellschaftlichen Akteuren mit dem Ziel der Einrichtung einer Unabhängigen Deutschen Patientenorganisation in Dialog treten. Benötigt wird eine Art Stiftung Warentest im Gesundheitswesen, die zuverlässige Qualitätsinformationen sammelt und allgemeinverständlich aufbereitet. Seite 4

5 Das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) ist auf dem Weg Koalitionsvereinbarung von CDU, CSU und SPD (2013) Seite 5

6 These I Transparenz über die Qualität von Produkten und Dienstleistungen gehört zu den gesellschaftlichen Megatrends, denen sich auch das Gesundheitswesen auf Dauer nicht entziehen kann. Seite 6

7 Die Wahrnehmung über das Angebot und die Erwartungen an den Nutzen von Information klaffen auseinander Quelle: Gesundheitsmonitor 2012 (n=1.764/1.760) Kann man sich über Qualität gegenwärtig ausreichend informieren? Sind Qualitätsvergleiche zur Auswahl einer Klinik sinnvoll? Ja, auf jeden Fall 9% Ja, grundsätzlich immer 36% Ja, aber nicht vollständig 36% Ja, aber nur bei schwierigen Behandlungen 28% Vermutlich nicht 47% Nein 17% Sicher nicht 8% Weiß nicht 18% Seite 7

8 Bürger haben ein gutes Gespür, welche Informationen bei der Kliniksuche helfen können Quelle: Gesundheitsmonitor 2010 (n=1.233) Behandlungshäufigkeit Ärztequalifikation Patientenerfahrungen Komplikationen 87,7% 86,1% 80,4% 72,1% Personelle Ausstattung 59,3% Behandlungsanteil 37,6% Trägerschaft 23,0% Bettenzahl 10,5% Seite 8

9 Der Respekt vor der Komplexität der Materie ist relativ hoch Würden Sie sich zutrauen, die medizinische Qualität einer Klinik zu beurteilen, wenn Qualitätsmerkmale vorliegen? Quelle: Gesundheitsmonitor 2012 (n=1.737) Vorerfahrung aufgrund schwerer Erkrankung (n=514) 14% 44% 30% 12% Vorerfahrung aufgrund leichter Erkrankung (n=918) 12% 45% 30% 13% Keine Vorerfahrung (n=305) 10% 40% 35% 15% Insgesamt 12% 43% 31% 14% Ja Teils teils Nein Weiß nicht Seite 9

10 These II Der Bedarf der Bürger nach Informationen ist höher als das (von ihnen wahrgenommene) Angebot. Dabei sind die Erwartungen an die Qualität der Informationen und der Anspruch an die eigene Kompetenz, diese zu verarbeiten, keineswegs überzogen. Seite 10

11 Der Transparenzdiskurs muss sich von einseitigen Verbraucherleitbildern emanzipieren Klassische Ökonomie: homo oeconomicus consumens Utilitaristische Zielsetzung = individueller Vorteil (Nutzenmaximierung) Überschaubarkeit Qualität, Kosten, Nutzen, Risiken (Transparenz als Nebenbedingung) Uneingeschränkt rationales Verhalten (Rationalprinzip als Verhaltensfiktion) Verhaltensökonomie: Konsum zwischen Vertrauen & Kontrolle Hedonistische Zielsetzung = persönlicher Genuss ( no risk no fun ) informational overload: neue Unübersichtlichkeit in übersättigten Märkten bounded rationality: Dominanz der Erfahrungs- und Vertrauensgüter gegenüber den Suchgütern Seite 11

12 Die Reduktion von Komplexität ist nicht ohne Risiken Mängel oder Intransparenz in der Aggregationsmethodik Zu starke Vereinfachung Inkonsistenz in der Darstellung Missverständliche Symbolik Widerstand der Betroffenen Verrechtlichung der Auseinandersetzung Seite 12

13 These III Mit Blick auf Qualitätsinformationen gilt der Grundsatz: Weniger ist manchmal mehr. Aus der Fülle qualitätsbezogener Daten müssen für Patienten entscheidungsrelevante Informationen erschlossen werden. Es geht also um eine seriöse und verzerrungsfreie Reduktion von Komplexität. Seite 13

14 Patient Reported Outcomes als wichtige Inforamtionsquelle Vertrauen Erfahrung geteilte Erfahrung Vergleich Hintergrund Vertrauen: Freunde, Verwandte, Bekannte als erste Informationsquelle für Konsumentscheidungen Erfahrungen anderer (auch fremder) in ähnlicher Situation haben einen hohen Stellenwert als Informations- und Orientierungsquelle Umsetzung Freitexte liefern Qualitäten, bleiben aber anekdotisch Methodische Erfassung und Aufbereitung der Patientenerfahrung durch validierte Fragenbögen aus Erfahrungen Befunde machen Schlussfolgerungen: Patient Reported Outcomes = harte Daten der Qualitätssicherung, sofern sie methodisch sauber erhoben werden Nur die Patientenperspektive ermöglicht eine lückenlose sektorübergreifende Betrachtungsweise Die Erfahrung der Patienten richtet das Augenmerk auf die Ergebnisqualität Seite 14

15 Vertrauen in den Absender von Informationen ist notwendig Wer soll über Ärzte informieren? Gesundheitsmonitor 2006 (N=1.572) Selbsthilfe 2% wisssenschaftl. Institut 2% Keiner 12% Ärzteverband 17% staatl. Einrichtung 9% Krankenkasse 16% Verbraucherschutz 26% Patientenberatung 16% Seite 15

16 These IV Transparenzplattform ist nicht gleich Transparenzplattform. Es gibt relevante Unterschiede, nicht nur mit Blick auf die Qualität der Information und Darstellung, sondern auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des jeweiligen Absenders. Seite 16

17 Fazit I: Welche Anforderungen muss/sollte eine Transparenzplattform erfüllen? Notwendige Eigenschaften: Unabhängigkeit der Trägerschaft von Anbietern im Gesundheitswesen Objektivität der Datengrundlage (z.b. Qualitätsberichte der Krankenhäuser) Wahlfreiheit durch Erfassung aller zugelassenen Einrichtungen,/Anbieter Hohe Nutzeradjustierung in der Navigation Sehr wünschenswerte Eigenschaften: Werbefreiheit und Nicht-Kommerzialität Anwendbarkeit in der Patientenberatung Konzeptionelle und strukturelle Einbeziehung der Patientenperspektive (PRO) Bundesweite Erstreckung der Suche Wünschenswerte Eigenschaften: Multisektoralität (Ärzte, Krankenhaus, Rehabilitation, Pflege) Verknüpfung mit Gesundheitsinformationen und Entscheidungshilfen Seite 17

18 Fazit II: Vom Primat der Abschottung zu einer Kultur der Informationsfreiheit Wettbewerb um Qualität, nicht um Standards Einheitliche Instrumente zur Erhebung von Qualität nach nutzerrelevanten Indikatoren Offenlegung der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität für Patienten / Verbraucher (-beratung) Zentrale Rolle der Verbraucher als Eigner aller Daten auch Routinedaten, sofern sie der vergleichenden Qualitätsdarstellung dienen können Daten über Gesundheitsleistungen = Eigentum der Verbraucher = öffentliches Gut Unabhängige Institution/en zur externen Qualitätssicherung ( Stiftung Warentest) Seite 18

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