Handreichung Kinderschutz

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1 Kapitel 3.0 Indikatoren / gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung Indikatoren / gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung Gewichtige Anhaltspunkte sind Hinweise oder Informationen über Handlungen gegen Kinder und Jugendliche oder Lebensumstände, die das leibliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder Jugendlichen gefährden, unabhängig davon, ob sie durch eine missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes oder Jugendlichen, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten bestehen (vgl. hierzu auch 1666 BGB). Risikoabschätzung Damit Fachkräfte eine Risikoeinschätzung zum Erkennen einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung vornehmen können, müssen die gewichtigen Anhaltspunkte analysiert und bewertet werden. Das Vorliegen von Kindeswohlgefährdung muss in jedem Fall ganz individuell geprüft werden. Dazu ist eine Betrachtung verschiedener, das Kind betreffender Aspekte notwendig. In der Praxis existieren viele Instrumentarien zur Risikoabschätzung, welche den Fachkräften anhand von Indikatoren zur Kindeswohlgefährdung beim Erkennen von Gefährdungsmomenten eine gewisse Orientierung und mehr Handlungssicherheit vermitteln können. Alle Indikatormodelle orientieren sich an den kindlichen Grundbedürfnissen und verweisen auf bestimmte Merkmale beim Kind, bei den Personensorgeberechtigten oder im Haushalt, deren Auftreten möglicherweise auf eine drohende Kindeswohlgefährdung hinweisen. Besonders wichtig bei der Analyse der Anhaltspunkte sind dabei - die altersspezifische Betrachtung der Sprach- und Verhaltensweisen des Kindes, - die Wohnsituation, - die Familiensituation, - das elterliche Erziehungsverhalten, - die Entwicklungsförderung, - traumatisierende Lebensereignisse und - das soziale Umfeld. Von besonderer Bedeutung sind dabei auch - die Fähigkeit und Bereitschaft der Sorgeberechtigten zur Problemeinsicht, - die Mitwirkungsbereitschaft und - die Motivation, Hilfe anzunehmen. Seite 11

2 Indikatoren zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung Zwei Perspektiven bei der Einschätzung Situation des Kindes Situation der Familie Grundversorgung Risikofaktoren Erscheinungsbild des Kindes - physische Erscheinung Ressourcen - psychische Erscheinung Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind Kooperationsbereitschaft Wichtig bei der Risikoabschätzung Eine reelle Gefährdung lässt sich nicht nur anhand des Zutreffens eines Merkmals diagnostizieren, vielmehr entwickelt sie sich in den meisten Fällen aus dem Zusammenspiel mehrerer Indikatoren. Die Kooperationsbereitschaft der Sorgeberechtigten sowie die Ressourcen beim Kind und der Familie müssen dabei immer berücksichtigt werden. Seite 12

3 (ausgewählte Beispiele, keine abschließende Ausführung) Situation des Kindes Erscheinungsbild des Kindes - starke Unterernährung, nicht altersgerechte, einseitige Ernährung - verdorbene Nahrung, unregelmäßiges und nicht zuverlässiges Essen und Trinken - mehrfach nicht witterungsgemäße, verschmutzte oder auch zu enge/kleine Kleidung - häufige Krankenhausaufenthalte aufgrund angeblicher Unfälle/Symptome, die keine medizinische Erklärung finden - massive oder wiederholte Zeichen von Verletzungen (Blutergüsse, Verbrennungen, Narben,..) - fehlende Körperhygiene (faulende Zähne, Schmutz-, Kotreste auf der Haut, zu seltenes Wickeln, Infektionen, die auf mangelnde Hygiene hindeuten) - Entwicklungsrückstände - Schlaf-, Ess-, Sprachstörungen - chronische Müdigkeit, Einnässen Verhalten des Kindes - Äußerungen des Kindes, die auf Misshandlung, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung hinweisen - wiederholt apathisches oder stark verängstigtes, zurückgezogenes Verhalten - unruhiges, hyperaktives, sprunghaftes Verhalten - traurig, verschlossen, unkonzentriert, verunsichert - aggressiv, selbstverletzend, suizidal, distanzlos, anhängig - kein Blickkontakt - häufiger Aufenthalt an altersunangemessenen Orten und Zeiten ohne Aufsicht durch den Sorgeberechtigten - Kind bleibt oft bis ständig der Schule fern - das Kind begeht häufig Straftaten - wiederholte oder schwere gewalttätige/sexuelle Übergriffe gegen andere Personen - Kind wirkt berauscht, im Steuern seiner Körperfunktionen und Handlungen unkoordiniert/auffällig (Hinweis auf Wirkung von Drogen, Alkohol, Medikamenten) Seite 13

4 Situation der Familie Risikofaktoren (a) Wohnsituation - fehlender bzw. unhygienischer Schlafplatz des Kindes - stark verdreckte Wohnung, Zeichen von Spuren äußerer Gewaltanwendung (z.b. stark beschädigte Türen) - Nichtbeseitigung erheblicher Gefahren im Haushalt - zu geringer Wohnraum, gesundheitsgefährdende Wohnverhältnisse (keine Heizmöglichkeiten, Schimmelbefall, kein Strom oder Wasser) - kein altersgerechtes Spielzeug - Obdachlosigkeit (b) Finanzielle, materielle Situation - Einkommen deckt Basisbedürfnisse nicht ab Schulden - materielle Basisbedürfnisse des Kindes werden nicht abgedeckt, da Einkommen für spezifische Ausgaben (z.b. durch Suchtverhalten) verbraucht wird (c) soziale Situation - keine sozialen und familiären Kontakte (Isolation) - Schwellenängste gegenüber Institutionen und demzufolge Nichtbeantragung von Leistungen (d) familiäre Situation - Partnerkonflikte, häusliche Gewalt - offensichtliche Überforderung der Eltern - Erziehungsunfähigkeit der Eltern - Belastung durch alleiniges Erziehen (e) persönliche Situation der Bezugsperson - Drogen-/ Suchtproblematik - psychische Erkrankung - unerwünschte Schwangerschaft - eingeschränkte Leistungsfähigkeit, Krankheit, Behinderung (f) Betreuung und Aufsicht - keine altersentsprechende Aufsicht, Kleinkind wird allein in der Wohnung gelassen - keine Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse Seite 14

5 (g) Emotionale Zuwendung durch den Erziehungsberechtigten - keine oder grobe Ansprache des Kindes - Verweigerung von Körperkontakt - häufig körperliche und verbale Züchtigungen des Kindes (Beschimpfung, Erniedrigung, Schläge) - ständig wechselnde Bezugspersonen - kein Interesse am Kind - Über- bzw. Unterforderung des Kindes (h) Gesundheitliche Vor- und Fürsorge - Verweigerung von adäquater Krankheitsbehandlung des Kindes - fehlende Sicherung der Zahngesundheit - keine sachgemäße Behandlung von Entwicklungsstörungen Ressourcenorientierung Möglichkeit der (Re-) Aktivierung von vorhandenem Potential - persönliche Ressourcen - familiäre Ressourcen - soziale Ressourcen - materielle Ressourcen - infrastrukturelle Ressourcen Problemakzeptanz / Problemkongruenz - Sehen die Sorgeberechtigten und die Kinder selbst ein Problem? - Stimmen die Sorgeberechtigten und die Fachkraft / Fachkräfte in der Problembeschreibung überein? Kooperationsbereitschaft - Verantwortung der Sorgeberechtigten - Offenheit - Problemakzeptanz - Problemkongruenz mit den Fachkräften - Veränderungsbereitschaft - Aushandlungsbereitschaft - Vereinbarungen, Kontaktaufnahme, Hausbesuch - Interaktionsverhalten - Annahme von Hilfen Seite 15

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