Folgen und endliche Summen
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- Innozenz Fuchs
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1 Kapitel 2 Folgen und endliche Summen Folgen und ihre Eigenschaften Endliche arithmetische und geometrische Folgen und Reihen Vollständige Induktion Anwendungen
2 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Folgen Im Allgemeinen besteht eine Folge aus einer Anordnung (nullter, erster, zweiter... Wert) von gewissen reellen Zahlen. Durch diese Anordnung wird jeder natürlichen Zahl n IN genau ein Wert a(n) zugeordnet und eine Reihenfolge festgelegt: a(0), a(1), a(2),... Definition Eine Abbildungsvorschrift a : IN IR mit a(n) = a n heißt (unendliche) Folge. Hierfür schreibt man auch (a n ) n IN = (a n ) = a 0, a 1, a 2,... Die reellen Zahlen a n heißen Folgenglieder. Häufig beginnt die Abbildungsvorschrift nicht mit der Zahl Null, sondern mit der Eins. Daher benutzen wir das Symbol IN + := IN\{0} für die Menge der positiven natürlichen Zahlen. Mathematik kompakt 1
3 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel a) Die Folge 1, 3, 5, 7,... der ungeraden natürlichen Zahlen kann man schreiben als a 0 = a(0) = 1, a 1 = a(1) = 3, a 2 = a(2) = 5, a 3 = a(3) = 7, usw. Das Bildungsgesetz für die Folgenglieder lautet offensichtlich a n = a(n) = 2n + 1. Statt die Folge wie eingangs durch Aufzählung ihrer Glieder zu definieren, können wir daher auch (2n+1) n IN (Definition mittels Abbildungsvorschrift) schreiben. b) Die Folge 1 3, 2 3, 3 3,... lässt sich auch durch (n 3 ) n IN+ angeben. c) Die alternierende, nur aus zwei Werten bestehende Folge 1, 1, 1, 1... kann durch das Bildungsgesetz a n = ( 1) n, n IN, definiert werden. Mathematik kompakt 2
4 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Umgebung eines Punktes Zur Untersuchung von Grenzwerteigenschaften von Folgen, benötigt man Kenntnisse über Abstandsverhalten von Folgengliedern. Abstand zweier reeller Zahlen x und a: x a. Die Menge aller Punkte x IR, die von einem Punkt a einen Abstand kleiner als eine vorgegebene Zahl ε haben, bilden eine Umgebung von a. Definition Für ε > 0 ist die ε-umgebung von a definiert durch U ε (a) := {x IR x a < ε} = {x IR a ε < x < a + ε}. Mit a = 0 und ε = 1 ergibt sich U 1 (0) zu x Mathematik kompakt 3
5 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Konvergenzbegriff Der Konvergenzbegriff lässt sich exemplarisch an der Folge ( 2n 1 ) = 1 n IN + 2, 1 4, 1 6,... und deren Visualisierung studieren: a 1 a 2 a 3 a 4-1/2-1/4-1/6-1/8 0 x Die Folge hat die Eigenschaften: a) Mit zunehmenden n werden die Folgenglieder a n größer und unterscheiden sich dabei immer weniger von der Zahl 0. b) In jeder noch so kleinen Umgebung der Zahl 0 (U ε (0), ε beliebig klein gewählt!) liegen fast alle Glieder der Folge. D.h. nur endlich viele Glieder liegen außerhalb der vorgegebenen Umgebung. Mathematik kompakt 4
6 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Konvergenzbegriff Fortsetzung Beispielsweise liegen in U 1/6 (0) alle Folgenglieder mit Ausnahme der ersten drei, in U 1/100 (0) alle mit Ausnahme der ersten fünfzig ( a 51 < 1/100), in U 1/1000 (0) alle mit Ausnahme der ersten fünfhundert ( a 501 < 1/1000), usw. Fast alle Folgenglieder bedeutet somit: alle mit Ausnahme von endlich vielen. Für unsere Folge gilt für fast alle n IN + a n U ε (0) bzw. 1 2n 0 < ε. ( ) Bei jeder Wahl für ε liegen nur endlich viele Folgenglieder außerhalb von U ε (0). Die Ungleichung ( ) 1/(2n) < ε kann äquivalent umgeformt werden in n > 1/(2ε). Diese Ungleichung wird bereits von der kleinsten Zahl n 0 IN erfüllt, die größer als 1/(2ε) ist. Mathematik kompakt 5
7 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Konvergenz bzw. Divergenz einer Folge Fast alle bedeutet auch: mindestens alle ab einem bestimmten Index n 0. So wie sich unsere Beispielfolge der Zahl 0 nähert, kann sich eine Folge i. Allg. natürlich einer beliebigen Zahl a IR nähern. Definition Die Folge (a n ) heißt konvergent mit dem Grenzwert (oder Limes) a, falls zu jedem ε > 0 eine natürliche Zahl n 0 existiert, so dass für alle n n 0, n IN, gilt a n a < ε. Man schreibt dann symbolisch (mit sog. Limeszeichen oder einfacher): lim n a n = a oder a n a. Ist a = 0, so heißt (a n ) Nullfolge. Existiert keine derartige Zahl a, dann heißt (a n ) divergent. Mathematik kompakt 6
8 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel a) Egal, welches beliebige ε man sich auch vorgibt, für die Folge ( 1 ) 2n n IN + findet man immer ein geeignetes n 0, nämlich n 0 > 1/(2ε). Somit gilt 1/(2n) 0 < ε für n > n 0, also ist die Folge konvergent mit dem Grenzwert 0, d.h. eine Nullfolge. b) Auch die durch a n = 1 n, n IN +, definierte Folge ist eine Nullfolge. Die Existenz der Zahl n 0 ergibt sich direkt aus der Umformung von Gleichung 1/n 0 < ε zu n > 1/ε. Für jede natürliche Zahl größer als 1/ε ist somit a n a < ε erfüllt. Mathematik kompakt 7
9 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Übung Durch das Bildungsgesetz a n = 2n 1 3n + 7 sei die Folge (a n ) n IN definiert. a) Bestimmen Sie die ersten fünf Folgenglieder. Wie lauten a 100 und a 1000? b) Ist 2/3 = 0.6 Grenzwert dieser Folge? Bestimmen Sie zu ε = 10 3 ein entsprechendes n 0. Mathematik kompakt 8
10 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Lösung a) Die ersten fünf Folgenglieder lauten a 0 = 1 7, a 1 = 1 10, a 2 = 3 13, a 3 = 5 16, und a 4 = Ferner ist a 100 = und a 1000 = b) Wir müssen zu jedem beliebig vorgegebenen (noch so kleinen) ε > 0 eine (natürlich von ε abhängige) Zahl n 0 finden, so dass a n 3 2 < ε für alle n > n 0 gilt. Dazu beachten wir 2n 1 3n = = 6n 3 6n 14 3(3n + 7) 17 3(3n + 7) < ε, woraus sich n > 3 1 ( 17 3ε 7 ) ergibt. Ist nun z.b. ε = 10 3 gegeben, dann muss n > gelten. D.h., dass alle Glieder ab dem Glied von 2 3 einen Abstand haben, der kleiner als 10 3 ist. Das gesuchte n 0 ist damit n 0 = Mathematik kompakt 9
11 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Eindeutigkeit des Grenzwertes Jede Folge (a n ) besitzt höchstens einen Grenzwert. Denn wären b > a zwei verschiedene Grenzwerte von (a n ), so setze man ε = b a 2. Dann gilt für die ε-umgebungen U ε (a) U ε (b) =. U (a) U (b) a- a+ b b+ a b IR Da a Grenzwert ist, liegen aber alle bis auf endlich viele Folgenglieder in U ε (a). Somit befinden sich in U ε (b) nur endlich viele Folgenglieder, also kann b kein Grenzwert sein. Mathematik kompakt 10
12 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Divergente Folgen Es gibt auch Folgen, die keinen Grenzwert besitzen. Beispielsweise hat die Folge a n = ( 1) n keinen Grenzwert, da unendlich viele Folgenglieder gleich 1 (a 0, a 2, a 4,...), aber auch unendlich viele gleich 1 (a 1, a 3, a 5,...) sind. In keiner Umgebung U ε (1) bzw. U ε ( 1) liegen also fast alle Folgenglieder. Die Folge a n = n 3 zeigt ein interessantes Verhalten: Ihre Folgenglieder werden immer größer, schließlich beliebig groß. Mathematisch kann man dies wie folgt ausdrücken: Sei M > 0 eine reelle Zahl, dann sind nur endlich viele Folgenglieder kleiner als M. Fast alle Glieder, nämlich diejenigen a n mit n > 3 M sind größer als M. Da die Wahl von M dabei belanglos ist, hat man die Aussage: Für alle M > 0 gilt, dass fast alle Folgenglieder größer als M sind. Mathematik kompakt 11
13 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Bestimmte Divergenz Definition Wenn für eine Folge (a n ) die Aussage Für alle M > 0 bzw. M < 0 gilt, dass fast alle Glieder a n größer bzw. kleiner als M sind erfüllt ist, dann nennt man sie bestimmt divergent mit dem uneigentlichen Grenzwert bzw.. Man schreibt dann lim n a n = bzw. lim n a n =. Mathematik kompakt 12
14 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beschränktheit und Monotonie Weitere wichtige Eigenschaften, mit deren Hilfe man Konvergenzuntersuchungen durchführen kann, seien nachfolgend definiert: Definition Eine Folge (a n ) heißt nach oben bzw. nach unten beschränkt, falls es eine Zahl M o bzw. M u gibt, mit a n M o bzw. a n M u für alle n IN. Eine Folge heißt beschränkt, falls sie sowohl nach oben als auch nach unten beschränkt ist. Folgen, für deren Glieder a n+1 a n bzw. a n+1 a n für alle n IN gilt, nennt man monoton wachsend bzw. monoton fallend. Mathematik kompakt 13
15 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Monotoniekriterium Damit lässt sich nun ein wichtiges Ergebnis, das wir hier nicht beweisen wollen, formulieren: Eine monoton wachsende, nach oben beschränkte bzw. monoton fallende, nach unten beschränkte Folge ist konvergent. Mathematik kompakt 14
16 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel Die bereits untersuchte Folge ( (a n ) = 1 ), n IN +, 2n ist wegen monoton wachsend. 1 2(n + 1) > 1 2n Da sie durch die Zahl 0 nach oben beschränkt ist, konvergiert sie. Wir haben schon gezeigt, dass sie eine Nullfolge ist. Mathematik kompakt 15
17 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel Wir zeigen jetzt die wachsende Monotonie der durch das Bildungsgesetz ( a n = 1 + n) 1 n, n IN +, definierten Folge. Dazu benutzen wir, dass hier a n a n > a n 1 zu > 1 a n 1 äquivalent ist: a n a n 1 = = = = ( n + 1 ) n n (n + 1)n n n ( n 2 1 n 2 ) n ( 1 1 n 2 ) n ( n 1 ) n 1 n (n 1)n n n n n 1 n n 1 n n 1. Anwendung der Bernoulli-Ungleichung liefert ( 1 1 n 2 ) n > 1 1 n und damit gilt a n a n 1 > ( 1 1 n ) n n 1 = n 1 n n n 1 = 1. Mathematik kompakt 16
18 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel Fortsetzung Somit ist die wachsende Monotonie gezeigt. Man kann sogar beweisen, dass die Folge durch den Wert M o = 3 nach oben beschränkt ist. Nach dem Monotoniekriterium konvergiert die Folge daher. Mittels tiefer gehender Untersuchungen lässt sich dieser Grenzwert ermitteln: Es gilt: lim n n n = e Der Grenzwert der Folge ist die wichtige Euler sche Zahl e. Mathematik kompakt 17
19 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Maximum, Minimum und Infimum, Supremum Wenn man von der Reihenfolge der Folgenglieder abstrahiert, so kann eine Folge auch als eine Menge reeller Zahlen aufgefasst werden. Besitzt diese Zahlenmenge einen größten bzw. kleinsten Wert, so nennt man diesen Maximum bzw. Minimum. Zur Folge a n = 1 n gehört die Menge { 1 n n IN +}. Das Maximum ist die 1 (a 1 = 1!), während offensichtlich ein Minimum nicht existiert. Die Folge ist aber z.b. durch die Werte 100, 10 oder 0 nach unten beschränkt. Die größte untere Schranke in unserem Beispiel die 0 nennt man das Infimum der Folge. Die kleinste obere Schranke bezeichnet man als Supremum. In unserem Beispiel sind Supremum und Maximum identisch gleich 1. Mathematik kompakt 18
20 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Grenzwertregeln Für die Bildung von Grenzwerten gelten gewisse Rechenregeln, die es erlauben, von den Grenzwerten einfacher Folgen etwa (a n ), (b n ) auf die Grenzwerte komplizierter Folgen, wie z.b. Summenfolge (a n +b n ) oder Produktfolge (a n b n ), zu schließen: Für zwei konvergente Folgen (a n ) und (b n ) mit den Grenzwerten a und b gilt: lim n (a n + b n ) = a + b, lim n (a n b n ) = a b, lim n (a n b n ) = a b, lim n (c a n) = c a, c IR const. lim n a n b n = a b, falls b n 0, b 0. Mathematik kompakt 19
21 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Grenzwertregeln bei bestimmter Divergenz Ist eine der Folgen (a n ), (b n ) bestimmt divergent, z.b. lim n b n =, dann gelten ähnliche Rechenregeln ( dabei soll keine Zahl sein, sondern ein Symbol für bestimmte Divergenz): a ± = ±, a = ±, a = 0, Ferner gilt auch =. Man beachte aber, dass a = ±., 0, 0 0,, 00 ; 1 (0 steht dabei als Symbol für lim n a n = 0) unbestimmte Formen sind und bei jedem Auftreten eine eigene Untersuchung erfordern. Es gilt lediglich (falls b 0) b 0 = ±. Mathematik kompakt 20
22 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Beispiel a) Da wir bereits wissen, dass 1 lim n n = 0 ist, können wir nun schließen: lim n 1 n 2 = lim n 1 n lim n 1 n = 0 0 = 0. b) Um den Grenzwert der durch a n = 4 n 2n 1 definierten Folge zu bestimmen, benutzen wir lim n 1 n = 0 und erhalten lim n 4 n 2n 1 = lim n n n (4/n) 1 2 1/n = = 1 2. Mathematik kompakt 21
23 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Übung a) Wie lautet der Grenzwert der Folge ( ) n + 1 n n IN +? b) Unter Verwendung von Teil a) bestimme man den Grenzwert der durch a n = definierten Folge. n n + 1, n IN +, Mathematik kompakt 22
24 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Lösung a) Es ist lim n n + 1 n 1 = lim 1+ lim n n n = 1+0 = 1. b) Es gilt a n = 1 b n mit b n = n + 1 n. Aus Teil a) wissen wir bereits, dass lim n b n = 1 ist. Aus den Grenzwertregeln folgt daher sofort lim n a n = 1 lim n b n = 1. Mathematik kompakt 23
25 Folgen/endliche Summen Eigenschaften Wichtige Grenzwerte Ohne Beweise führen wir einige Grenzwerte von Folgen auf, deren Kenntnis für spätere Anwendungen wichtig ist: Es seien c IR eine Konstante und q eine reelle Zahl mit q < 1, dann gilt: lim n n c = 1, lim n n n! =, lim n n n = 1, lim n qn = 0. Mathematik kompakt 24
26 Folgen/endliche Summen Endliche Folgen Arithmetische und geometrische Folge Definition Eine Zahlenfolge (a n ) heißt arithmetische bzw. geometrische Folge, falls die Differenz k bzw. der Quotient q benachbarter Elemente konstant ist, d.h. a n+1 a n+1 a n = k bzw. = q. a n Bei der geometrischen Folge ist natürlich a n 0 für alle n IN erforderlich. Mathematik kompakt 25
27 Folgen/endliche Summen Endliche Folgen Bildungsgesetze Unmittelbar aus der Definition folgt: Arithmetische bzw. geometrische Folgen besitzen beide jeweils ein einfaches Bildungsgesetz: a n = a 0 + n k bzw. a n = a 0 q n. Das arithmetische Bildungsgesetz erkennt man sofort. Das geometrische Bildungsgesetz folgt wegen aus a n a n 1 = q a n = a n 1 q = (a n 2 q) q = (a n 3 q) q 2 =... = a 0 q n. Mathematik kompakt 26
28 Folgen/endliche Summen Endliche Folgen Beispiel a) Durch a n = n/2, d.h. 0, 1 2, 1, 3 2, 2,..., ist eine arithmetische Folge mit k = 1 2 definiert. b) Durch a n = 2 n, d.h. (a n ) = 1, 2, 4, 8, 16,..., ist eine geometrische Folge mit q = 2 gegeben. Mathematik kompakt 27
29 Folgen/endliche Summen Endliche Folgen Übung Welche Folgen sind durch a) a n = 5n + 3 b) a n = ( 1 4 )n gegeben? Mathematik kompakt 28
30 Folgen/endliche Summen Endliche Folgen Lösung a) Die Folge (5n + 3) n IN, d.h. 3, 8, 13, 18, 23,..., ist eine arithmetische Folge mit k = 5. b) Die Folge d.h. (( ) 1 n ) 4 n IN 1, 1 4, 1 16, 1 64,..., ist eine geometrische Folge mit q = 1 4., Mathematik kompakt 29
31 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Endliche arithmetische und geometrische Reihe Nun kann man endlich viele Glieder der obigen Folgen auch aufsummieren, man spricht dann von endlichen Reihen. Diese Reihen haben viele praktische Anwendungen. So benötigt man sie z.b. bei der Berechnung von einfachen Zinsen, Zinseszinsen oder Hypothekendarlehen. Definition Sind a 0, a 1,..., a n 1 Glieder einer endlichen arithmetischen bzw. geometrischen Folge, dann heißt die Summe s n := a 0 + a a n 1, n IN +, endliche arithmetische bzw. geometrische Reihe. Mathematik kompakt 30
32 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Das Summenzeichen Endliche Summen, die aus vielen Summanden bestehen, schreibt man in der Regel bequemer durch Benutzung des Summenzeichens. So z.b. die Summe s n in der Form n 1 i=0 a i := a 0 + a a n 1. Definitionsgemäß ist dabei der Summationsindex i der Reihe nach durch die Zahlen 0 bis n 1 zu ersetzen. Allgemein lässt sich dann die Summe der Summanden schreiben als n i=m a m, a m+1,..., a n ; n m, a i := a m + a m a n. Mathematik kompakt 31
33 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Wert von endlicher arithmetischer und geometrischer Reihe Es gibt einfache Formeln, mit denen man den Wert der Reihen sofort berechnen kann: Ist s n := a 0 +a a n 1 eine endliche arithmetische Reihe, dann gilt: s n = n 2 (a 0 + a n 1 ). Ist s n := a 0 + a a n 1 eine endliche geometrische Reihe mit dem Quotienten q := a k+1 /a k 1, dann gilt: s n = a 0 q n 1 q 1. Die Formel für die arithmetische Reihe lässt sich mit einer Idee von Klein-Gauß leicht herleiten. Mathematik kompakt 32
34 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Formel für die geometrische Reihe Herleitung Um die Formel für die geometrische Reihe zu zeigen, benutzen wir deren Bildungsgesetz und erhalten zunächst s n = a 0 + a 0 q + a 0 q a 0 q n 1. Multiplikation dieser Gleichung mit q 0 liefert nun qs n = a 0 q + a 0 q 2 + a 0 q a 0 q n. Subtraktion der vorletzten Gleichung von der letzten ergibt qs n s n = a 0 q n a 0 s n (q 1) = a 0 (q n 1). Falls q 1 (nicht konstante Folge), können beide Seiten durch q 1 dividiert werden. Dies führt zur behaupteten Formel: s n = a 0 q n 1 q 1. Mathematik kompakt 33
35 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Übung a) Eine endliche arithmetische Reihe besteht aus 10 Elementen. Es ist a 0 = 20 und a 4 = 40. Wie lauten k und s 10? b) Ein gemütlicher Student beschließt, sich durch die anstehende Prüfung nicht stressen zu lassen. Er hat noch 12 Tage Zeit und will sich folgendermaßen vorbereiten: Am ersten Tag 1 Minute, am zweiten Tag 2 Minuten, an jedem weiteren Tag will er den Arbeitsaufwand lediglich verdoppeln. Wie lange ist dann seine Vorbereitungszeit am 12. Tag? Wie lange ist die gesamte Vorbereitungszeit? Mathematik kompakt 34
36 Folgen/endliche Summen Endliche Reihen Lösung a) Es muss gelten 40 = a 4 = a 0 + 4k = k, woraus k = 20/4 = 5 folgt. Zur Berechnung der Reihe benötigen wir zunächst den letzten Summanden: a 9 = a 0 +9k = 65. Damit ergibt sich s 10 = 10 2 ( ) = 425. b) Es handelt sich um eine geometrische Folge mit a 0 = 1, q = 2 und n = 12. Der Arbeitsaufwand am 12. Tag ist a 11 = a 0 q 11 = = Also lediglich gut 34 Stunden! Deutlich wird hier das exponentielle Wachstum geometrischer Reihen. Insgesamt muss der Student s 12 = a 0 q 12 1 q 1 = = 4095 Minuten arbeiten. Dies sind ca. 68 Stunden. Mathematik kompakt 35
37 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Beweisprinzip der Vollständigen Induktion Um die Gültigkeit einer Aussage A(n) für alle natürlichen Zahlen n IN zu beweisen, muss man zweierlei zeigen: A(0) ist wahr, d.h. die Aussage gilt für n = 0 (Induktionsbeginn), Aus A(n) folgt A(n + 1), d.h. wenn die Aussage für eine beliebige natürliche Zahl n gilt, dann gilt sie auch für die nachfolgende Zahl n+1 (Induktionsschluss). Der Induktionsbeginn besagt also: A(0) gilt. Durch den Induktionsschluss folgt, dass die Aussage auch für den Nachfolger 1 der Zahl 0 gilt: also A(1). Wiederum durch den Induktionsschluss folgt, dass die Aussage auch für den Nachfolger 2 der Zahl 1 gilt: also A(2), usw. Damit kann man A(n) für jede beliebige natürliche Zahl n zeigen. Mathematik kompakt 36
38 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Bemerkungen zum Prinzip der Vollständigen Induktion Statt von Induktionsbeginn spricht man auch von Induktionsanfang oder Induktionsbasis ; für den Induktionsschluss sind ebenso die Begriffe Induktionsschritt oder Schritt von n auf n + 1 gebräuchlich. Der Induktionsbeginn muss nicht bei 0 liegen, auch 1 oder irgendeine andere natürliche (oder sogar ganze) Zahl sind üblich. Es gibt Möglichkeiten der Verallgemeinerung: Man kann etwa im Induktionsschritt von A(0), A(1),..., A(n) auf A(n + 1) schließen, also nicht von einer Zahl auf die nächste, sondern von mehreren Vorgängern aus. Andererseits gelten Aussagen nur für alle geraden bzw. ungeraden Zahlen, wenn man von A(n) auf A(n + 2) im Induktionsschluss folgern kann. Mathematik kompakt 37
39 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Beispiel Beweis der folgenden Summenformel: n = n i=1 i = Induktionsbeginn: Gezeigt wird Formel ( ) für n = 1. n (n + 1) 2 ( ) Für n = 1 besteht die Summe auf der linken Seite nur aus einem einzigen Summanden, nämlich der 1. Auf der rechten Seite ergibt n(n+1) 2 nach Einsetzen von n = 1 ebenfalls 1 (1 + 1) = = 1, womit dann die Formel ( ) für n = 1 bewiesen wäre. Induktionsschluss: Wir setzen jetzt voraus, dass die Formel ( ) für n gilt, und zeigen, dass sie dann auch für n + 1 richtig ist. Also formal aufgeschrieben: Induktionsvoraussetzung: (Das wird vorausgesetzt!) n = n (n + 1) 2 ( ) Mathematik kompakt 38
40 Mathematik kompakt 39 Beispiel Fortsetzung n (n + 1) n = 2 Induktionsbehauptung: (Das ist zu zeigen!) ( ) (n + 1) (n + 2) n + (n + 1) = ( ) 2 Auf die Induktionsbehauptung wiederum kommt man, indem man in der Induktionsvoraussetzung überall, wo n steht, dieses durch n + 1 ersetzt (auf Klammersetzung achten!). Beim Induktionsschluss kommt es nun darauf an, ( ) aus ( ) herzuleiten man wird also auch irgendwo in der Beweiskette das Bekannte, also ( ), benutzen müssen. Wir starten mit der linken Seite der Induktionsbehauptung: n + (n + 1) = [ n] +(n + 1) } {{ } = n(n + 1) 2 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion
41 Mathematik kompakt 40 Beispiel Fortsetzung Wir starten mit der linken Seite der Induktionsbehauptung: n + (n + 1) = [ n] +(n + 1) } {{ } n(n + 1) = 2 nach Induktionsvoraussetzung ( ), und fahren fort mit dem Ausklammern von (n + 1): n(n + 1) + (n + 1) = (n + 1) (n + 2) = (n + 1). 2 Damit haben wir die rechte Seite der Induktionsbehauptung ( ) stehen was zu beweisen war! [ n ] Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion
42 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Übung Beweisen Sie durch Vollständige Induktion: (2n 1) = n i=1 (2i 1) = n 2. Mathematik kompakt 41
43 Mathematik kompakt 42 Lösung Der Induktionsbeginn ist wiederum einfach: 1 = 1 2. Für den Induktionsschluss schreiben wir explizit die Induktionsvoraussetzung (2n 1) = und die Induktionsbehauptung (2n 1) + (2n + 1) = n i=1 (2i 1) = n 2 n+1 i=1 (2i 1) = (n + 1) 2 hin. Die Induktionsbehauptung ist mit Hilfe der Induktionsvoraussetzung recht einfach zu zeigen: (2n 1) + (2n + 1) = n 2 + (2n + 1) = (n + 1) 2. Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion
44 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Lösung Fortsetzung Die Aussage der Formel lässt sich übrigens leicht veranschaulichen. Die Abbildung zeigt einen Spezialfall von (2n 1) = n 2 : = 4 2 Mathematik kompakt 43
45 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Rekursion, Fakultäten Vollständige Induktion ist eng verwandt mit Rekursion, was folgendes Beispiel gut verdeutlicht: Fakultäten sind bekanntlich definiert als etwa n! = n (n 1) (n 2) , 6! = Wenn man nun aber 5! = 120 kennt, wäre es doch dumm, 6! = auszurechnen das geht nämlich einfacher: 6! = 6 5! = = 720. Dass man, wie gesehen, 6! auf 6 5! zurückführen kann, wird mit dem Begriff Rekursion bezeichnet. Fakultäten kann man also rekursiv definieren: 0! := 1, (n + 1)! = (n + 1) n!. Mathematik kompakt 44
46 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Übung Definieren Sie entsprechend Summen rekursiv. s n := n 1 i=0 a i Mathematik kompakt 45
47 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Lösung s 1 = a 0, s n+1 = s n + a n. Mathematik kompakt 46
48 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Potenzen, Potenzgesetze Ein anderes Beispiel für eine rekursive Definition sind Potenzen: a 0 = 1, a n+1 = a n a. Wenn man nun noch Potenzen für negative Exponenten wie folgt erklärt: ( ) a n = (a 1 ) n 1 n = = 1 a a n, dann gelten (zunächst für ganze Zahlen m, n) die bekannten Potenzgesetze: a m a n = a m+n, a m a n = am n, (a m ) n = a m n, (a b) n = a n b n, a b n = a n b n Mathematik kompakt 47
49 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Übung Vereinfachen Sie ( 9x 2 ) 2 y 25a 2 b 2 ( 3axy 2 5b 2 ) 3. Mathematik kompakt 48
50 Mathematik kompakt 49 Lösung ( 9x 2 ) 2 y 25a 2 b 2 ( 3axy 2 5b 2 ) 3 = 92 x 4 y a 4 b 4 = 92 x 4 y a 4 b b a 3 x 3 y b a 3 x 3 y 6 = x4 x 3 y2 y 6 = 3 5 x 1 y 4 1 a 7 b2 = 3xb2 5y 4 a 7 1 a 4 a 3 b6 b 4 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion
51 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Rekursive Definition von Zahlenfolgen Man kann Zahlenfolgen bilden, indem man die erste Zahl (den Startwert) a 0 vorgibt, sowie eine Rekursionsvorschrift, wie sich die (n+1)-te Zahl a n+1 aus der n-ten Zahl a n berechnet. So ist etwa durch a 0 = 1 und a n+1 = 1 2 (a n + 2 a n ) eine Zahlenfolge rekursiv definiert. Durch iteratives Verwenden der Rekursionsformel erhält man usw. a 1 = 1 2 (a a 0 ) = 1.5, a 2 = 1 2 (a a 1 ) , a 3 = 1 2 (a a 2 ) Diese Folge ist übrigens schon seit über 2000 Jahren bekannt. Als Verfahren von Heron liefert sie mit wachsendem n immer bessere Näherungswerte für 2. Mathematik kompakt 50
52 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Übung a) Welche Zahlenfolge ist durch gegeben? a 0 = 1; a n+1 = 2a n + 1 Berechnen Sie a 1, a 2..., a 5 und erraten Sie ein Bildungsgesetz! b) Beweisen Sie dieses Bildungsgesetz mittels Vollständiger Induktion. Mathematik kompakt 51
53 Folgen/endliche Summen Vollständige Induktion Lösung a) Die ersten Zahlen aus der rekursiv definierten Folge lauten: a 1 = 3, a 2 = 7, a 3 = 15, a 4 = 31, a 5 = 63. Es sind die um Eins verminderten Zweierpotenzen 4, 8, 16, 32, 64. Das Bildungsgesetz der Folge ist daher einfach a n = 2 n+1 1. b) Für n = 0 ergibt sich a 0 = = 1 (Induktionsbeginn). Der Induktionsschluss läuft wie folgt: Durch die rekursive Definition erhalten wir: a n+1 = 2a n + 1. Die Induktionsvoraussetzung liefert: Also gilt insgesamt: a n = 2 n+1 1. a n+1 = 2a n + 1 = 2 (2 n+1 1) + 1 = 2 n = 2 n+2 1. a n+1 = 2 n+2 1 ist aber gerade die Induktionsbehauptung. Mathematik kompakt 52
54 Anwendung Beweise in der Mathematik Beweise in der Mathematik Zur Mathematik gehören Beweise wie das Amen zur Kirche, wie Versuche zur Experimentalphysik, wie Messungen zu den Ingenieurwissenschaften. Beweise sind in allen exakten Wissenschaften wirklich wichtig, denn ein bloß intuitives Verständnis kann das ist auch eine Alltagserfahrung leicht täuschen. Dabei gibt es auch in der Mathematik ganz unterschiedliche Beweistypen. Mathematische Aussagen haben oft die Gestalt Wenn A, dann B. In der Logik verwendet man dafür die Abkürzung A B (sog. Implikation ). Aber A B kann man nicht immer direkt zeigen, d.h. mit Zwischenschritten A Zw 1 Zw 2... Zw n B herleiten. Manchmal kommt man auf scheinbaren Umwegen weiter. Mathematik kompakt 53
55 Anwendung Beweise in der Mathematik Beweis durch Kontraposition Ein solcher vermeintlicher Umweg ist der so genannte Beweis durch Kontraposition. Hier zeigt man anstelle von die Kontraposition A B B A (wobei A für die Verneinung von A steht). Dass A B und B A äquivalent (also logisch gleichwertig) sind, lernt man in der Logik dort lernt man übrigens auch, dass A B etwas ganz anderes als ist. B A Mathematik kompakt 54
56 Anwendung Beweise in der Mathematik Widerspruchsbeweise Eine andere Möglichkeit, eine Aussage A B zu beweisen, ist der so genannte Widerspruchsbeweis. Er funktioniert indirekt: Man setzt A B (A und nicht-b) voraus und leitet daraus einen Widerspruch ab. Ein Glanzstück solcher mathematischer Beweiskunst ist etwa der Beweis Euklids, dass es unendlich viele Primzahlen geben muss: Euklid nahm an, es gebe nur endlich viele Primzahlen und leitete daraus einen Widerspruch her. Euklid (etwa 3. Jahrhundert v.chr.) liefert auch das Stichwort für eine weitere wichtige Charakterisierung der Mathematik im Zusammenhang mit Beweisen: die so genannte axiomatische Vorgehensweise. Mathematik kompakt 55
57 Anwendung Beweise in der Mathematik Neuere Beweise Dass mathematische Beweise immer komplizierter werden, ist auch kein Geheimnis. Manchmal kann ein solcher Beweis nur einer größeren Gemeinschaft von Wissenschaftlern gelingen. So waren etwa an der Klassifikation der so genannten endlichen Gruppen mehr als 100 Mathematiker beteiligt. Andere Beweise sind das Werk einzelner Genies, wie z.b. der Beweis des so genannten Fermat schen Satzes von Andrew Wiles. Dieser Klassiker der Mathematikerzunft hat folgenden Hintergrund: Bekanntlich gibt es Zahlentripel (x, y, z), die die Gleichung x 2 + y 2 = z 2 erfüllen, etwa (3, 4, 5) die Gleichung = 5 2. Wie steht es nun mit der Gleichung x n +y n = z n? Gibt es andere natürliche Zahlen n, so dass sich entsprechende Zahlentripel mit n als Exponenten finden lassen? Die Antwort ist nein. Andrew Wiles ist für den Beweis des Fermat schen Satzes mit der Fields-Medaille ausgezeichnet worden (einer Art Nobelpreis für Mathematiker). Mathematik kompakt 56
58 Mathematik kompakt 57 Börsenkurs und Rendite einer Anleihe Bankangebote für Kunden zum Kauf von Wertpapieren haben meist die Form Zins Anleihenbeschreibg. Kurs Rendite Restlaufzeit 7% Inhaberschuldver % 5 Jahre 10% Öff. Pfandbrief % 2 Jahre Wichtige Entscheidungskriterien für den Käufer sind dabei der Nominalzins (oben 7% bzw. 10%), der Börsenkurs, die Rendite und die Restlaufzeit. Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe
59 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Börsenkurs, Rendite und Restlaufzeit Der Börsenkurs gibt den jeweiligen Kurs der Anleihe an der Börse an. So müsste man im obigen Fall für nominal 100 Euro der Inhaberschuldverschreibung nur Euro bezahlen, nominal 100 Euro des Pfandbriefes würden aber Euro kosten. Wie wird nun dieser Börsenkurs bestimmt? Dazu gehen wir zunächst auf die Bedeutung obiger Kennzeichen ein: Der Nominalzins liefert die für den Anleger zunächst interessanteste Angabe, d.h. wie viel Zinsen er für sein angelegtes Geld pro Jahr (= p.a. pro anno ) erhält. Zu nominal 100 Euro der obigen Inhaberschuldverschreibung gehören 7 Eu- ro, zu nominal Euro entsprechend 700 Euro, nämlich 7%. Beim Pfandbrief liegt der Nominalzins entsprechend höher, nämlich bei 10%. Die Restlaufzeit gibt an, auf wie viele Jahre das Geld festgelegt (und auch verzinst) wird. Mathematik kompakt 58
60 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Endliche Zahlenfolgen Die angebotenen Anlagen lassen sich mathematisch auch als (endliche) Zahlenfolgen auffassen. Wenn Sie eine Anleihe mit jährlicher Zinszahlung K (Kupon) und einer Laufzeit von n Jahren kaufen, dann entspricht dies der Zahlenfolge ( a 0 = 0, a 1 = K, a 2 = K,..., a n 2 = K, a n 1 = K, a n = K + T ). Das heißt, dass Sie jedes Jahr Ihre Zinszahlung K erhalten und am Ende der Laufzeit natürlich neben der Zinszahlung K auch das eingesetzte Kapital, den sog. Tilgungsbetrag T, zurückbekommen. In unserem Beispiel: Zu nominal Euro der obigen Inhaberschuldverschreibung gehört die Zahlenfolge (0, 700, 700, 700, 700, = 10700). Und zu nominal Euro des Pfandbriefs lautet die Zahlenfolge (0, 1000, = 11000). Mathematik kompakt 59
61 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Fairer Börsenkurs und Barwert Jede Anleihe wurde vom Emittenten mit einem festen Nominalzins, dem die Zahlungen K entsprechen, versehen. Dieser Zins weicht natürlich in der Regel von der derzeit auf dem Markt erzielbaren Rendite r ab. Der faire Börsenkurs entspricht daher dem Barwert BW der Zahlenfolge unter Zugrundelegung der Rendite r ( Was müsste man heute bei der Bank anlegen, um die Zahlenfolge zu realisieren? ). Möchte man etwa nach einem Jahr eine Zahlung von 700 Euro bei einem Zinssatz von 5% erhalten, so muss man heute Euro anlegen. In einem Jahr werden dann mit Zinsen 700 Euro ( = 700) ausbezahlt. Will man hingegen nach zwei Jahren eine Auszahlung von 700 Euro erhalten, so sind heute Euro festzulegen ( = 700). Die jeweils berechneten Anlagebeträge nennt man Barwerte. Mathematik kompakt 60
62 Mathematik kompakt 61 Barwertberechnung Allgemein ist also der Barwert der Zinszahlung K im Jahre t bei einer Rendite r mit K (1 + r) t anzusetzen. Bei einer Zahlenfolge der Gestalt (a 0 = 0, a 1 = K, a 2 = K,..., a n 2 = K, a n 1 = K, a n = K + T ) erhält man den Barwert entsprechend als Summe zu BW = n t=1 K(1+r) t +T (1+r) n = K Setzt man q := (1 + r) 1, so ist n t=1 (1 + r) t = n t=1 n t=1 q t. (1+r) t +T (1+r) n. Die Summanden (q 1, q 2, q 3,... q n ) dieser Reihe bilden eine geometrische Folge, da der Quotient benachbarter Elemente konstant gleich q ist. Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe
63 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Barwertberechnung Fortsetzung Damit haben wir eine geometrische Reihe, deren Wert sich zu n t=1 q t = q qn 1 q 1 = r (1 + r) n 1 (1 + r) 1 1 = (1 + r) n 1 r ergibt. Erweiterung von Zähler und Nenner jeweils mit (1 + r) n liefert dann ( (1 + r) n 1 ) (1 + r) n n t=1 q t = = r (1 + r) n 1 (1 + r)n r(1 + r) n = 1 r 1 r (1 + r) n. Setzt man dieses Ergebnis in die Formel BW = K n t=1 (1 + r) t + T (1 + r) n ein, so erhält man eine einfache Formel zur Bestimmung des Börsenkurses BW einer Anleihe: BW = K ( r + T K ) (1 + r) n. r Mathematik kompakt 62
64 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Barwertberechnung für die Anleihen BW = K r + ( T K r ) (1 + r) n. Auf unsere Inhaberschuldverschreibung angewandt ergibt sich das Folgende: Sie soll eine Rendite von 8% p.a. haben. Ihr Kurs BW IHS (für 100 Euro Nennwert und damit Kupon K = 7) lässt sich dann folgendermaßen berechnen: BW IHS = = ( ) (1.08) Entsprechend ergibt sich der Kurs des Pfandbriefes BW PFB (für 100 Euro Nennwert und damit Kupon K = 10) bei einer Rendite von 6.93% zu BW PFB = 10 ( ) (1.0693) = Mathematik kompakt 63
65 Anwendung Kurs und Rendite einer Anleihe Berechnung der Rendite Wir haben bisher bei vorgegebener Rendite r den Barwert der Anleihe ermittelt. Umgekehrt ist es natürlich auch möglich, bei vorgegebenem Anleihenkurs BW die Rendite zu berechnen. Multipliziert man die Formel BW = K ( r + T K ) (1 + r) n r mit r (Achtung: eine Lösung r = 0 kommt fälschlicherweise hinzu!) und (1+r) n, so erhält man nach Umordnung der Terme BW r(1 + r) n K [(1 + r) n 1] T r = 0. Dies ist eine Polynomgleichung (n + 1)-ten Grades in r. Die Lösung r kann i.allg. nicht analytisch berechnet werden. Es muss daher auf gängige Näherungsverfahren (z.b. Sekanten- oder Newtonverfahren) zurückgegriffen werden. Mathematik kompakt 64
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