Kurt Schalek BIN ICH ÜBERGEWICHTIG? Das Verhältnis von Selbsteinschätzung und Body Mass Index Ergebnisse einer Befragung am 1. Wiener Diabetestag Ergebnisse dieser Befragung wurden auch in JATROS Diabetes & Stoffwechsel 3/2004 veröffentlicht. Wien, 2004
BMI und Gewichtsempfinden Seite 1 Befragung am 1. Wiener Diabetestag BIN ICH ÜBERGEWICHTIG? Das Verhältnis von Selbsteinschätzung und Body Mass Index Alarmierende Zahlen der Statistik Austria: Schätzungsweise leiden fast 10% aller ÖsterreicherInnen an schwerem Übergewicht (Adipositas) wobei ExpertInnen sogar von einer steigenden Tendenz ausgehen. in.fact - Analysen & Forschung wollte es genau wissen und befragte am Diabetestag 2004, der am 16. April 2004 im Wiener Rathaus stattfand, die BesucherInnen zu Größe und Gewicht. Daraus wurde der Body Mass Index (BMI) berechnet und eine Gewichtszuordnung getroffen. Das Ergebnis: lediglich ein Drittel der BesucherInnen erwiesen sich als normalgewichtig. Was ist mit dem Rest? Lesen Sie weiter! DIE BEFRAGUNGSERGEBNISSE IM DETAIL 1. Das tatsächliche Gewicht der Befragten... Seite 2 2. Das subjektive Gewicht der Befragten... Seite 4 3. Wie realistisch ist die subjektive Einschätzung des eigenen Gewichts?... Seite 5
BMI und Gewichtsempfinden Seite 2 BEFRAGUNGSERGEBNISSE IM DETAIL Stichprobe und Grundgesamtheit: 177 Personen beteiligten sich an der Befragung beim 1. Diabetestag im Wiener Rathaus. Annähernd zwei Drittel der Teilnehmer waren Frauen, ein Drittel Männer. Der Altersschnitt lag bei 52,4 Jahren, wobei der Großteil der Personen über 50 Jahre alt waren. Obwohl die Veranstaltung erwartungsgemäß viele DiabetikerInnen anzog, war fast jede zweite befragte Person nicht selbst von der Zuckerkrankheit betroffen. Berechnung des BMI: Um das Körpergewicht der Befragten verlässlich bewerten zu können, wurde aus der Angabe von Größe und Gewicht der Body Mass Index (kurz BMI) errechnet. Nach dem Schema der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden die Ergebnisse der BMI-Berechnung den Gruppen Normalgewicht oder Übergewicht zugeordnet. Vor allem der Vergleich der subjektiven Einschätzung des eigenen Gewichtes durch die Befragten mit ihrem tatsächlichen BMI brachte spannende Ergebnisse, die Sie auf den folgenden Seiten nachlesen können. Im Original sah der verwendete Frageblock folgendermaßen aus: Wir bitten Sie, uns Ihre Größe und Ihr momentanes Gewicht bekannt zu geben: derzeitiges Gewicht: kg Größe in cm: cm Empfinden Sie sich als übergewichtig? JA NEIN keine Angabe 1. Das tatsächliche Gewicht der Befragten Mehr als die Hälfte aller Befragten (55,4%) waren zum Zeitpunkt der Befragung nach ihrem BMI als übergewichtig einzuordnen. Nur etwas mehr, als ein Drittel (35,0%) waren normalgewichtig. Allerdings bedeutet Übergewicht nicht automatisch Fettleibigkeit: Nur knapp ein Viertel aller Personen ist wirklich von schwerem Übergewicht betroffen. Der größte Anteil von Übergewichtigen in der Stichprobe (31% aller Befragten) befindet sich zwar über dem Normalgewicht, aber unterhalb der Grenze zur Fettleibigkeit (Adipositas). Die Männer scheinen zudem dicker zu sein als die Frauen: Drei Viertel der männlichen Befragten waren übergewichtig, aber nur knapp die Hälfte der Frauen.
BMI und Gewichtsempfinden Seite 3 keine Angabe (8,5%) Untergewicht (1,1%) Normalgewicht (35,0%) Übergewicht (55,4%) Ergebnistabelle 1: BMI Stichprobe gültige Fälle gültige % Befragte Personen gesamt 177 Personen 100,0% Untergewicht 2 1,1% Normalgewicht 62 35,0% Übergewicht 98 55,4% keine Angabe 15 8,5% Zum Vergleich mit den Ergebnissen des rechnerisch ermittelten Body Mass Index haben wir uns die Selbsteinschätzungen der Befragten näher angesehen. Gibt es Unterschiede?
BMI und Gewichtsempfinden Seite 4 2. Das subjektive Gewicht der Befragten Haben die BesucherInnen des 1. Wiener Diabetestages ein realistisches Körperempfinden? Um dieser Frage nachgehen zu können, wurden die BesucherInnen der Veranstaltung nach ihrer realen Körpergröße und ihrem aktuellen Gewicht gefragt und zum Vergleich mit der Frage konfrontiert: Empfinden Sie sich als übergewichtig? Die Selbstbewertungen der befragten Personen scheinen überwiegend mit den BMI-Werten zusammen zu passen. Der Anteil von subjektivem Übergewicht ist sogar exakt gleich hoch, wie nach dem BMI. Ergebnistabelle 2: subjektives Gewicht Stichprobe gültige Fälle gültige % Befragte Personen gesamt 177 Personen 100,0% subjektives Übergewicht 98 55% kein subjektives Übergewicht 67 38% keine Angabe 12 7% Diese Übereinstimmung ist sehr auffällig. Waren beim 1. Wiener Diabetestag wirklich lauter RealistInnen vertreten? Ein Blick auf die Geschlechtergruppen verrät mehr: Obwohl drei Viertel der Männer nach dem BMI als übergewichtig gelten, fühlen sich nur etwas mehr als die Hälfte dementsprechend. Bei den Frauen verhält es sich genau umgekehrt. Signifikant mehr Frauen empfinden sich selbst als übergewichtig, als dies tatsächlich der Fall ist. BMI und subjektives Übergewicht 100 Anteil der Befragten in % 80 60 40 20 0 74,0% 56,9% Männer 59,8% 45,5% Frauen Übergewicht (BMI) subjektives Übergewicht
BMI und Gewichtsempfinden Seite 5 Insgesamt haben 35 Befragte (13 Männer und 22 Frauen) falsche Einschätzungen ihres Körpergewichtes vorgenommen. Die Angaben folgen einem deutlichen, geschlechtsspezifischen Muster. Fehleinschätzungen von Frauen gehen in Richtung einer Überschätzung des eigenen Gewichtes. Männer, die falsch liegen, unterschätzen das eigene Gewicht hingegen systematisch. Die beschriebene Differenz zeigt, dass die subjektive Körperwahrnehmung und die Einstufung nach dem BMI nicht in allen Fällen übereinstimmt. Das wirft weitere Fragen auf. 3. Wie realistisch ist die subjektive Einschätzung des eigenen Gewichts? Die Datenauswertung zeigt ein eindeutiges und prinzipiell positives Ergebnis: die meisten persönlichen Einschätzung stimmen mit den errechneten Werten des Body Mass Index (BMI) überein. Mehr als zwei Drittel aller Befragten (68,9%) legten eine realistische Sicht ihres Körpergewichts an den Tag und zwar unabhängig davon, ob sie übergewichtig waren, oder nicht. 72 der RealistInnen wogen zuviel und 50 waren im normalen Gewichtsbereich. Bei einem Fünftel (19,8%) der befragten Personen passte der subjektive Eindruck ihres Körpergewichts nicht zu den BMI-Werten. Sie empfanden sich nach der WHO-Klassifikation fälschlicherweise als normalgewichtig oder übergewichtig. 18 Personen wollten sich zu diesem Thema nicht äußern und 2 Frauen fielen in die Klasse Untergewicht. Diese Fälle (insgesamt 11,3%) wurden nicht in die Analyse einbezogen. Ergebnistabelle 3: Übereinstimmung Stichprobe gültige Fälle gültige % Befragte Personen gesamt 177 Personen 100,0% Übereinstimmung 122 68,9% keine Übereinstimmung 35 19,8% keine Angabe oder Untergewicht 20 11,3% Die Gruppe der Personen mit unzutreffenden Gewichtseinschätzungen war für eine tiefer gehende Analyse natürlich besonders interessant. Gibt es bestimmte Personengruppen, die besonders zu unpassender Selbstbewertung neigen?
BMI und Gewichtsempfinden Seite 6 Wer sind die Menschen mit abweichendem Gewichtsempfinden? In zwei Gruppen von Männern in der erhobenen Stichprobe treten die beschriebenen Fehleinschätzungen des Gewichts systematisch häufiger auf, als in anderen. Es handelt sich dabei um Männer, die in einer Ehe oder in einer Lebensgemeinschaft leben und um Nicht- Diabetiker. Möglicherweise sehen sich Männer in Partnerschaften nicht mehr so der Pflege ihrer Attraktivität verpflichtet, wie Single-Männer dies tun und praktizieren eine weniger kritische Einstellung zu ihrem Aussehen. Dies könnte zu einer systematischen Unterschätzung des eigenen Gewichtes führen, wie sie in unserer Stichprobe auftrat. Nicht-Diabetiker sind die zweite Gruppe mit signifikant häufigeren Fehleinschätzungen des eigenen Körpergewichtes. Möglicherweise haben Männer, die an Diabetes leiden, aufgrund ihrer Erkrankung ein stärkeres Körperbewusstsein, als Nicht-Diabetiker. Es erscheint jedenfalls plausibel, dass Diabetespatienten durch Aufklärung und die ärztliche Behandlung über mehr Wissen und Sensibilität für ihr Gewicht verfügen, als Männer, bei denen Diabetes nicht diagnostiziert wurde. Frauen mit Fehleinschätzungen ihres Gewichtes sammeln sich in keiner bestimmten Konstellation. Es konnten keine Zusammenhänge mit Alter, Familienstand, Bildung, Beruf oder Diabeteserkrankung festgestellt werden. Impressum in.fact - Analysen & Forschung Kurt Schalek Kreuzgasse 34/4, A-1180 Wien fon & fax: ++43 (0)1 40 922 40 http://www.infact.at