Gerhard Schneider Affirmation und Anderssein
Beiträge zur psychologischen Forschung Band 31
Gerhard Schneider Affirmation und Anderssein Eine dialektische Konzeption personaler Identität Westdeutscher Verlag
D 16 Alle Rechte vorbehalten 1995 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen Der Westdeutsche Verlag ist ein Unternehmen der Bertelsmann Fachinformation. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Umschlaggestaltung: Christine Huth, Wiesbaden Gedruckt auf säurefreiem Papier ISSN 0932-5263 ISBN 978-3-531-12728-6 ISBN 978-3-322-91653-2 (ebook) DOI 10.1007/978-3-322-91653-2
Inhalt Vorwort 7 1. Einleitung und Übersicht 11 2. Zur Problemstellung: Affirmation und Anderssein 2.0 Überblick 2.1 Ein Schock 31 31 32 2.2 Der informationsverarbeitungstheoretische Ansatz 37 als positivitätszentrierte Rekonstruktion 2.3. Argumente für die positivitätsdezentrierte Perspektive 43 2.4 Zusammenfassung und Ausblick 56 3. Entwicklung einer dialektischen Konzeption 59 personaler Identität 3.0 Überblick 59 3.1 Überblick über Art und Gang der Entwicklung 60 der Identitätskonzeption 3.2 Empirische Grundlegung 70 3.3 Selbstsein als dialektische Identität: Binnenanalyse 103 3.4 Selbstsein als dialektische Identität: Erfahrungsprozeß 125 3.5 Zusammenfassung und Ausblick 138 4. Vergleich der hier entwickelten Subjektkonzeption mit Psychoanalyse (Freud) 4.0 Überblick 4.1 Freuds psychoanalytisches Subjektverständnis 4.2 Vergleich der identitätsdialektischen mit der psychoanalytischen Subjektkonzeption 4.3 Zusammenfassung und Ausblick 141 141 142 160 167
6 Inhalt 5. Exkurs: Vergleich mit der Identitätspsychologie und Anwendungsbeispiele 5.0 Überblick 172 5.1 Zur Standortbestimmung unserer Konzeption 178 im Rahmen der Psychologie 5.2 Anwendungsbeispiele: Moderne Kunst und Alltagskultur 178 5.3 Zusammenfassung und Ausblick 190 171 6. Rückblick 193 Anmerkungen 201 Literatur 233
Man muß es sich immerzu vorsagen, daß eine natürliche Sache in Wirklichkeit nicht eine sonderbare und eine eigentümliche und eine seltsame Sache ist. Gertrude Stein Vorwort Es beschäftigt mich seit längerer Zeit, warum eigentlich die Kunst unseres Jahrhunderts so lange und für so viele erlebnismäßig so fremd geblieben ist. Im Rahmen einer um rezeptionsorientierte kunstsoziologische und kunsttheoretische Beiträge informierten Psychologie der Kunst schien sich recht bald eine einleuchtende Antwort im Rahmen des die Psychologie gegenwärtig dominierenden Paradigmas der Informationsverarbeitung abzuzeichnen: die nämlich, daß es sich auf seiten der Rezipienten dabei um eine mangelnde Verfügung über die ästhetischen Codes der Moderne mit den daraus ableitbaren Konsequenzen einer kognitiven wie emotionalevaluativen Distanz, Befremdung und Irritation handle. Ich mochte und konnte dieser Verlockung der überhellen Einsicht aber nicht folgen, da blieb etwas von einem dunklen Glanz des Fremden in der künstlerischen Moderne, der sich für mich auf diese Weise nicht weg( ent)zaubern ließ. Anders gesagt schien mir im Phänomen der Fremdheit der künstlerischen Moderne mehr enthalten zu sein als eine Nur-noch-nicht-Gekanntheit und -Vertrautheit, die sich über ein entsprechendes Verfügungswissen letztlich problemlos auflösen ließe - was mutatis mutandis von anderem Fremden auch gelten würde. Zu meiner Widerständigkeit gegen die angedeutete Lösungsmöglichkeit und meinem allmählich wachsenden Vertrauen, dieses 'dunkle Anders' und 'Mehr an Fremdem' belegen und begrifflich fassen zu können, trug wesentlich meine Beschäftigung mit der Psychoanalyse - schließlich auch in Form der Ausbildung zum Psychoanalytikerund ihrem Verständnis des dezentrierten Subjekts bei, das sich, sofern es sich in seinem Bewußtsein für sich selbst durchsichtig zu besitzen scheint, verfehlt. Schärfte so einerseits die Psychoanalyse den Blick und das Hinhören auf das Unselbstverständliche im Selbstverständlichen, das in ihm Ausgeschlossene und Auszuschließende, das Andere oder Fremde im Ver-
8 Vorwort trauten, so zeigte sich aber andererseits, daß für die mich hier interessierende Thematik der psychischen Bedeutung von Fremdem nicht einfach Freuds psychoanalytisches Subjektmodell in seiner theoriestrukturellen wie -materialen Konkretisierung übernommen werden konnte. Sozusagen ex negativo ergab sich ein Zugang von Schütz' phänomenologischer Analyse des alltäglich-lebensweltlichen Selbstseins her, ist doch das Fremde ganz allgemein ein solches, das im Verstehenshorizont dieses Selbstseins (zumindest zunächst) nicht aufgeht. Vielmehr bringt es zur Erscheinung, was in der Normalität des alltäglich-lebensweltlichen Selbstseins ausgeklammert ist: sein Anders-sein-können, oder mit einem anderen Ausdruck: seine Kontingenz. Im weiteren Nachdenken über die Problematik des Fremden, die über das spezielle Ausgangsproblem der Fremdheit der künstlerischen Moderne hinausführte, zeigte sich, daß mit einem dialektischen Begriff personaler Identität, in dem die Kontingenz des Selbstseins im Sinne der Psychoanalyse als dynamisch Fernzuhaltendes verstanden wird, die fundamentale Ambivalenz gegenüber Fremdem, der horror alieni neben dem amor alieni, rekonstruierbar wird. Und genau dies ist das systematische Anliegen dieses Buches: die Entwicklung eines dialektischen Begriffs personaler Identität zur Rekonstruktion der Ambivalenz gegenüber Fremdem, ein Problem, das sich in der mäandernden Beschäftigung mit der künstlerischen Moderne als zentral ergeben hatte. Die vorliegende Arbeit wurde 1994 im Fach Psychologie an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Heidelberg als Dissertation angenommen. Ich danke Herrn Professor Dr. C.F. Graumann dafür, daß er mir in der Zeit, in der ich bei ihm in der Abteilung für Sozial- und Umweltpsychologie tätig war, den äußeren wie inneren Raum für diese doch aus dem üblichen psychologischen Rahmen fallende Beschäftigung zur Verfügung gestellt hat und schließlich dann auch bereit war, sie als psychologische Dissertation anzunehmen, ein Dank um so mehr, als mein Weg mich durch die Psychoanalyse aus der universitären Psychologie herausgeführt hat. Herrn Professor Dr. R. Wiehl möchte ich als philosophischem Zweitgutachter ebenfalls für seine Geduld und insbesondere seine Offenheit für mein 'ortloses Suchen' im Feld zwischen Psychoanalyse, Psychologie und Philosophie danken. Insgesamt war es ein langer, sehr langer Prozeß, in dem dieses Buch und sein zweiter Teil, eine ihrer Fertigstellung entgegengehende 'fremdheitsorientierte' Theorie der künstlerischen Moderne entstanden sind, ein Prozeß mit einigen Momenten des Glücks und einigen mehr von Verzweif-
Vorwort 9 lung und Hoffnungslosigkeit. Ich möchte allen denen sehr herzlich danken, die in der einen oder anderen Form dabei waren und mir durch ihr Zuhören und vor allem ihre liebevolle Akzeptanz geholfen haben weiterzumachen, was nicht selten nur mit einer Art beckettschen, wie soll man es sagen, Sturköpfigkeit vielleicht ging. Schließlich muß das Ganze auch noch seine endgültige Schriftform annehmen: Frau U. Dous danke ich sehr herzlich für ihre Mühe beim Schreiben der Arbeit und ihre Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft bei der endgültigen Manuskriptherstellung. Mannheim, im Mai 1995 Gerhard Schneider