Die Entwicklung des Bielefelder Famous Faces Test

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Transkript:

Diplomarbeit Die Entwicklung des Bielefelder Famous Faces Test Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft Abteilung für Psychologie, Universität Bielefeld Vorgelegt von: Claudia Jänicke 1.Gutachter 2. Gutachterin Prof. Dr. H. J. Markowitsch Dr. Kristina Fast November 2001 Fakultät für Psychologie Universität Bielefeld Fakultät für Psychologie Universität Bielefeld 1

Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis... 8 Tabellenverzeichnis... 9 I Einleitung... 11 II Theoretische Einführung... 13 1 Gedächtnissysteme... 13 1.1 Zeitliche Differenzierung von Gedächtnissystemen... 13 1.1.1 Baddeleys Konzept des Arbeitsgedächtnisses... 14 1.1.2 Altgedächtnis und Neugedächtnis... 15 1.2 Inhaltliche Differenzierung von Gedächtnissystemen... 16 1.2.1 Das Modell von Squire... 16 1.2.2 Das Modell von Tulving... 17 1.2.2.1 Darstellung der verschiedenen Gedächtnissysteme... 17 1.2.2.2 Zusammenhang der einzelnen Gedächtnissysteme... 20 1.3 Neuroanatomische Grundlagen... 22 1.3.1 Enkodierung von Informationen... 22 1.3.2 Speicherung von Informationen... 23 1.3.2.1 Abruf von Informationen... 24 1.4 Störungen des Gedächtnisses... 24 1.4.1 Anterograde Amnesie... 25 1.4.2 Retrograde Amnesie... 26 1.4.2.1 Merkmale der retrograden Amnesie... 26 1.4.3 Störungsbild der semantischen Demenz... 28 1.5 Diagnostik des Altgedächtnisses... 30 1.5.1 Methodische Unterschiede zwischen Neugedächtnistests und Altgedächtnistests...31 1.5.2 Testverfahren aus dem Bereich des episodischen Altgedächtnisses... 31 1.5.2.1 Wortvorgaben... 31 1.5.2.2 Das autobiographische Gedächtnisinterview... 32 1.5.2.3 Testverfahren zum episodischen Gedächtnis im deutschsprachigen Raum. 32 2

1.5.3 Testverfahren aus dem Bereich des semantischen Altgedächtnisses... 33 1.5.3.1 Berühmte Ereignisse (Famous Event Test)... 33 1.5.3.2 Berühmte Personen (Famous Person Test)... 34 1.5.3.3 Berühmte Gesichter (Famous Faces Tests)... 35 1.5.3.4 Andere Verfahren... 36 1.5.4 Probleme bei der Erfassung des Altgedächtnisses... 36 1.5.4.1 Probleme bei der Erfassung des episodischen Altgedächnisses... 36 1.5.4.2 Probleme bei der Erfassung des semantischen Altgedächtnisses... 37 1.5.4.2.1 Problem des späten Lernens... 37 1.5.4.2.2 Problem der Äquivalenz der Items... 39 1.5.4.2.3 Problem des Veraltens... 40 1.5.4.2.4 Deckeneffekt... 41 1.5.4.2.5 Korrelation der Testwerte mit interindividuellen Merkmalen... 41 2 Gesichtererkennen und Benennleistung... 43 2.1 Theoretische Grundlagen... 43 2.1.1 Die kognitive Verarbeitung von Gesichtern... 43 2.1.1.1 Das Modell von Bruce und Young (1986)... 43 2.1.1.2 Weitere Modelle zum Gesichtererkennen... 47 2.1.2 Die Besonderheiten im Erkennen von Gesichtern gegenüber anderen Objekten...49 2.1.3 Die Besonderheiten im Abruf von Namen gegenüber Objekten... 49 2.1.4 Die kognitive Verarbeitung von Namen... 50 2.1.5 Die Unterschiede im Schwierigkeitsgrad zwischen der Vorlage von Gesichtern und der Vorlage von Namen... 51 2.2 Neuroanatomische Grundlagen zur Verarbeitung von Namen und Gesichtern... 52 2.2.1 Die unterschiedliche perzeptuelle Verarbeitung von Namen und Gesichtern. 52 2.2.2 Die Existenz eines gemeinsamen semantischen Systems für Gesichter, Namen, Objekte... 53 2.3 Agnosie und Störungen der Wortfindung und des Benennens... 53 2.3.1 Agnosie... 53 2.3.1.1 Apperzeptive Agnosie... 54 2.3.1.2 Assoziative Agnosie... 54 2.3.1.3 Optische Aphasie... 55 2.3.2 Prosopagnosie... 55 3

2.3.3 Störungen der Wortfindung und des Benennens... 57 2.3.3.1 Broca-Aphasie... 57 2.3.3.2 Wernicke-Aphasie... 58 2.3.3.3 Amnestische Aphasie... 58 2.3.3.4 Globale Aphasie... 58 3 Zusammenfassung der theoretischen Einführung unter Bezug auf den Bielefelder Famous Faces Test... 59 3.1 Einordnung des BFFT in die gängigen Gedächtnissysteme und die deutschsprachigen Verfahren zur Messung des semantischen Altgedächtnisses... 59 3.2 Kriterien für den inhaltlichen Aufbau des BFFT... 61 4 Entwicklung der Fragestellung und der Hypothesen... 65 4.1 Zentrale Fragestellung... 65 4.2 Hypothesen... 65 III Methode... 69 1 Der Bielefelder Famous Faces Test (BFFT)... 69 1.1 Aufbau und Zusammenstellung des BFFT... 69 1.2 Durchführung des BFFT... 70 1.3 Auswertung des BFFT... 72 2 Itemselektion... 74 2.1 Ziel der Itemselektion... 74 2.2 Untersuchungsdesign... 74 2.3 Auswahl der vorläufigen Testitems... 76 2.3.1 Erstellung der Testmaterialien für die Stimulusbedingung visuell... 77 2.3.2 Erstellung der Testmaterialien für die Stimulusbedingung verbal... 77 2.3.3 Erstellung der Testmaterialien zur semantischen Auswertung... 78 2.4 Datenerhebung... 78 2.4.1 Eingesetzte Verfahren... 78 2.4.1.1 Erhebung soziodemographischer Daten... 78 2.4.1.2 Vorläufige Version des BFFT... 79 2.4.2 Stichprobe... 79 2.4.2.1 Ein- und Ausschlusskriterien... 79 2.4.2.2 Rekrutierung der Probanden... 80 2.4.2.3 Beschreibung der Stichprobe... 80 4

2.4.3 Durchführung (Untersuchungsort, -zeit, -ablauf)... 81 2.5 Übersicht über die statistischen Analyseverfahren... 81 2.5.1 Allgemeine Bedingungen... 81 2.5.2 Variablenberechnung... 82 2.5.3 Berechnete statistische Kennwerte... 82 2.6 Ergebnisse der Itemselektion... 83 2.6.1 Itemselektion auf Itemebene... 83 2.6.1.1 Selektion der Items für Zeitabschnitt 1 (1940 bis 1959)... 83 2.6.1.2 Selektion der Items für Zeitabschnitt 2 (1960 bis 1970)... 85 2.6.1.3 Selektion der Items für Zeitabschnitt 3 (1970 bis 1980)... 86 2.6.1.4 Selektion der Items für Zeitabschnitt 4 (1980 bis 1985)... 87 2.6.1.5 Selektion der Items für Zeitabschnitt 5 (1985 bis 1990)... 88 2.6.1.6 Selektion der Items für Zeitabschnitt 6 (1990 bis 1995)... 89 2.6.1.7 Selektion der Items für Zeitabschnitt 7 (1990 bis 2000)... 90 2.6.2 Ebene der Zeitabschnitte... 91 2.6.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Itemselektion... 92 3 Normierung des BFFT... 93 3.1 Ziel der Testnormierung... 93 3.2 Datenerhebung... 93 3.2.1 Eingesetzte Verfahren... 93 3.2.1.1 Fragebogen zum Medienkonsum... 93 3.2.1.2 BFFT... 93 3.2.2 Stichprobe... 94 3.2.2.1 Ein- und Ausschlusskriterien... 94 3.2.2.2 Rekrutierung der Probanden... 94 3.2.2.3 Beschreibung der Stichprobe... 94 3.2.3 Durchführung... 95 3.3 Übersicht über die statistischen Analyseverfahren... 96 3.3.1 Allgemeine Bedingungen... 96 3.3.2 Normierung... 96 3.3.3 Gütekriterien des BFFT... 96 3.3.4 Berechnete statistische Kennwerte... 97 3.3.4.1 Statistische Maße zur Prüfung des internen Aufbaus des BFFT... 98 3.3.4.2 Weitere Testverfahren zur Prüfung des inhaltlichen Aufbaus des BFFT:... 99 5

3.3.4.3 Statistische Maße zur Prüfung der Abhängigkeit von Geschlecht, Schulabschluss und Medienkonsum... 101 3.3.5 Ergebnisse der Testnormierung... 101 3.3.6 Statistische Maße zur Überprüfung des internen Aufbaus des BFFT... 102 3.3.6.1 Prüfung der Hypothese 1... 102 3.3.6.2 Prüfung der Hypothese 2... 102 3.3.6.3 Prüfung der Hypothese 3... 103 3.3.6.4 Prüfung der Hypothese 4... 103 3.3.6.5 Prüfung der Hypothese 5... 104 3.3.6.6 Test 6: Vergleichbarkeit der einzelnen Zeitabschnitte... 104 3.3.6.7 Test 7: Diskriminanzanalyse... 105 3.3.7 Statistische Maße zur Prüfung der Abhängigkeit der Testleistungen von Geschlecht, Schulabschluss und Medienkonsum... 107 3.3.7.1 Prüfung der Hypothese 6... 107 3.3.7.2 Prüfung der Hypothese 7... 107 3.3.7.3 Prüfung der Hypothese 8... 108 3.3.8 Zusammenfassung der Ergebnisse der Testnormierung... 108 IV Diskussion... 109 1 Diskussion der Itemselektion... 109 1.1 Die Anzahl der Jahre pro Zeitabschnitt ist unterschiedlich... 109 1.2 Die Testitems des BFFT (Famous Faces Test) weisen eine höhere Salienz auf als die Testitems anderer Verfahren zum semantischen Altgedächtnis (Famous Event bzw. Famous Person Test)... 110 1.3 Diskussion einer neuen Kategorie von medialen Shootingstars und ihren Auswirkungen auf Testverfahren zum semantischen Altgedächtnis... 111 1.4 Die Veränderung des Medienkonsums... 112 2 Diskussion der Testnormierung... 113 2.1 Diskussion des internen Aufbaus des BFFT... 113 2.1.1 Differenzierung der Testleistungen... 113 2.1.1.1 Differenzierung zwischen den Stimulusbedingungen visuell und verbal. 114 2.1.1.2 Differenzierung zwischen der Benennleistung und dem Abruf von semantischer Information zu einem Item... 115 2.1.2 Abbildung eines zeitlichen Gradienten... 115 6

2.2 Erstellung altersspezifischer Testversionen... 116 2.2.1 Festlegung des kritischen Mindestalters der Probanden... 116 2.2.2 Unterschiede zwischen altersadäquaten und nichtaltersadäquaten Items... 116 2.2.3 Die Zuordnung der Testitems zu einem bestimmten Zeitabschnitt... 117 2.3 Die Abhängigkeit der Testleitungen von Geschlecht, Schulbildung und Häufigkeit des Medienkonsums... 117 3 Zusammenfassung... 118 4 Ausblick... 120 4.1 Erweiterungen im Ablauf des BFFT... 120 4.2 Aktualisierung des BFFT... 121 4.3 Computerversion des BFFT... 121 Literaturverzeichnis... 122 Anhang... 143 A Übersicht über die verwendeten Fotos... 144 B Liste der Items pro Zeitabschnitt... 147 C Testinstruktion... 154 D Demographischer Protokollbogen... 155 E Fragebogen zum Medienkonsum... 156 F Vorläufiges Testmanual zum BFFT... 158 G Ergebnisse der Itemselektion... 169 H Ergebnisse der Testnormierung... 177 7

Abbildungsverzeichnis Abbildung II-1: Die phonologische Schleife... 15 Abbildung II-2: Altgedächtnis und Neugedächtnis... 16 Abbildung II-3: Das Gedächtnismodell nach Squire und Zola (1996)... 17 Abbildung II-4: Das SPI-Modell nach Tulving und Markowitsch (1998)... 20 Abbildung II-5: Das SPI Modell von Tulving (1998)... 30 Abbildung II-6: Das Modell von Graham et al. (2000)... 30 Abbildung II-7: Das kognitives Modell des Gesichtererkennens nach Bruce und Young... 45 Abbildung II-8: Das Modell zum Gesichtererkennen von Valentine, Brennen und Brédart (1996)... 48 Abbildung II-9: Das Modell zum Erkennen von Namen von Valentine et al. (1991)... 51 Abbildung III-1: Ablaufschema des BFFT... 71 8

Tabellenverzeichnis Tabelle II-1: Die inhaltliche Unterteilung des Gedächtnisses in Anlehnung an Tulving (zitiert aus Markowitsch, 2000)... 19 Tabelle II-2: Definitorische Charakteristika für das episodische und das deklarative Gedächtnis (Tulving & Markowitsch, 1998; Griffiths, Dickinson & Clayton, 1999).... 21 Tabelle II-3: Für das Gedächtnis relevante Hirnstrukturen nach Markowitsch (1999)... 24 Tabelle II-4: Die zeitliche Unterteilung der retrograden Amnesie... 26 Tabelle II-5: Die Einteilung von Items nach Schwierigkeit und Salienz in Anlehnung an Leplow und Dierks (1997)... 39 Tabelle II-6: Übersicht über die deutschsprachigen Verfahren zum semantischen Altgedächtnis und den BFFT... 61 Tabelle II-7: Der inhaltliche Aufbau des BFFT... 64 Tabelle III-1: Übersicht über die alterspezifischen Testversionen des BFFT... 70 Tabelle III-2: Mögliche Punktverteilung im BFFT auf Itemebene... 72 Tabelle III-3: Zusammensetzung der Analysestichprobe... 81 Tabelle III-4: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 1... 84 Tabelle III-5: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 2... 85 Tabelle III-6: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 3... 87 Tabelle III-7: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 4... 88 Tabelle III-8: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 5... 89 Tabelle III-9: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 6... 90 Tabelle III-10: Kennwerte der ausgewählten Items für ZA 7... 91 Tabelle III-11: Vergleich der einzelnen Zeitabschnitte untereinander... 92 Tabelle III-12: Zusammensetzung der Normierungsstichprobe... 95 Tabelle III-13 : Übersicht über die berechneten statistischen Kennwerte... 100 Tabelle III-14: Ergebnisse der Prüfung von Hypothese 1... 102 Tabelle III-15: Ergebnisse der Prüfung von Hypothese 2... 102 Tabelle III-16: Ergebnisse der Prüfung von Hypothese 3... 103 Tabelle III-17: Ergebnisse der Prüfung von Hypothese 4... 104 Tabelle III-18: Korrelation der prozentualen Gesamtwerte pro ZA... 105 Tabelle III-19: Koeffizienten der Diskriminanzanalyse... 106 Tabelle III-20: Vorhersage der Gruppenzugehörigkeit... 106 9

Tabelle IV-1: Unterschiede zwischen den Stimulusbedingungen visuell und verbal... 114 Anhang Tabelle F-1: Zeitabschnitt 1 1940-1960... 169 Tabelle F-2: Zeitabschnitt 2 1960-1970... 170 Tabelle F-3: Zeitabschnitt 3 1970-1980... 171 Tabelle F-4: Zeitabschnitt 4 1980-1985... 172 Tabelle F-5: Zeitabschnitt 5 1985-1990... 173 Tabelle F-6: Zeitabschnitt 6 1990-1995... 174 Tabelle F-7: Zeitabschnitt 7 1995-2000... 175 Tabelle F-8: Itempool der Itemselektion... 176 Tabelle F-9: Verteilung der ausgewählte Items pro ZA auf die Kategorien... 176 Tabelle F-10: Anzahl der Probanden in den Gruppen A, B und C pro ZA... 176 Tabelle F-11: Normwerte für die Probanden der Geburtsjahrgänge: 1931-1940... 177 Tabelle F-12: Normwerte für die Probanden der Geburtsjahrgänge 1941-1950... 177 Tabelle F-13: Normwerte für die Probanden der Geburtsjahrgänge: 1951-1960... 177 Tabelle F-14: Normwerte für die Probanden der Geburtsjahrgänge: 1961-1970)... 178 Tabelle F-15: Normwerte für die Probanden der Geburtsjahrgänge: 1971-1982)...177 10

I Einleitung Wie kommt es eigentlich dazu, dass wir Gesichter erkennen können? Gesichter, die so variabel sind: durch Brillen und Frisuren gerahmt, die sich mit den Lebensjahren verändern oder je nach Emotion unterschiedlich wirken. Wie gelingt es dem Menschen, all dies zu abstrahieren und doch die Einzigartigkeit eines Gesichtes zu speichern und wiederzuerkennen? Das Erkennen von Gesichtern ist eine grundlegende Fähigkeit des Menschen. Auch Säuglinge können schon die Gesichter ihrer engsten Bezugspersonen unterscheiden. Wie kürzlich eine Forschergruppe herausfand, können sogar die hinsichtlich ihrer Intelligenz sonst so viel gescholtenen Schafe die Gesichter von bis zu 50 Artgenossen erkennen und differenzieren (Spiegel online, 08. November 2001). Für das Erkennen von Gesichtern sind zwei wesentliche Prozesse verantwortlich: Zum einen müssen die visuellen Informationen über das Gesicht aufgenommen und verarbeitet werden. Zum anderen sind verschiedene Gedächtnisleistungen erforderlich. So wird das durch den Prozess der visuellen Verarbeitung erzeugte innere Abbild des Gesichtes mit den im Gedächtnis gespeicherten Gesichtern verglichen. Wird eine Übereinstimmung erkannt, so können wir sagen, dass uns dieses Gesicht bekannt vorkommt, und dann sind wir auch in der Lage, weitere Informationen zu dieser Person aus dem Gedächtnis abzurufen: z.b. den Namen der Person, biographische Informationen oder den Ort und die Situation, in der wir diese Person kennen gelernt haben. Ist einer dieser Prozesse gestört, so sind wir je nach Art der Störung nicht mehr in der Lage, Gesichter zu erkennen, zu benennen oder in einen Kontext einzuordnen. Die vorliegende Arbeit soll die Entwicklung des Bielefelder Famous Faces Test (BFFT) vorstellen. Beim BFFT handelt es sich um ein Testverfahren, dass auf der Basis von schwarzweiß Fotografien berühmter Personen Gedächtnisleistungen prüft. Aufgabe der Probanden ist es, die Gesichter auf den Fotografien wiederzuerkennen, sie zu benennen und weitere allgemein bekannte Informationen zu diesen Personen abzurufen. Dabei bekommen die Probanden ausschließlich Fotos vorgelegt, die sie aufgrund ihres Lebensalters kennen können. Für die erfolgreiche Bearbeitung des BFFT sind die Prozesse der visuellen Verarbeitung sowie der Enkodierung, Speicherung und des Abrufs von Gedächtnisinhalten von elementarer Bedeutung. Der Fokus liegt beim BFFT auf der Prüfung des Gedächtnisses. 11

Die Gliederung der Arbeit Der Theorieteil soll die verschiedenen Gedächtnissysteme (Teil 1) und den Prozess des Gesichtererkennens und Benennens (Teil 2) näher erläutern. Dabei stehen im Teil 1 Theorien, neuroanatomische Grundlagen und ein Überblick über die Verfahren zum semantischen Altgedächtnis im Mittelpunkt. Im Teil 2 werden verschiedene Theorien und Störungsbilder zum Prozess des Gesichtererkennens und des Benennens vorgestellt. Im Rahmen einer Integration der bisherigen Befunde erfolgt die Ableitung der Fragestellung und Hypothesen für den empirischen Teil der Arbeit. Der Methodenteil stellt ausführlich die Entwicklung des Bielefelder Famous Faces Testes vor. Dazu wird zunächst das Vorgehen bei der Durchführung des BFFT beschrieben. Es folgt die Darstellung der Itemselektion und der Testnormierung. Nach der Darstellung der Ergebnisse werden die Befunde schließlich hypothesenorientiert und mit Bezug auf die theoretischen Implikationen diskutiert. 12

II Theoretische Einführung Im Folgenden werden die wichtigsten theoretischen Grundannahmen für die Entwicklung des Bielefelder Famous Faces Test dargestellt. Der vorliegende Theorieteil ist dabei in drei Abschnitte untergliedert. Im ersten Teil wird ein Überblick über die verschiedenen Gedächtnissysteme gegeben. Da es sich beim Bielefelder Famous Faces Test um ein Testverfahren zum semantischen Altgedächtnis handelt, stehen die Theorien, Störungen und Testverfahren dieses Gedächtnissystems im Mittelpunkt der Ausführungen. Es werden Theorien zur zeitlichen und inhaltlichen Differenzierung des Gedächtnisses diskutiert, die neuroanatomischen Grundlagen dargestellt und ein Überblick über mögliche Störungsbilder des Gedächtnisses gegeben. Anschließend folgt eine Auflistung der wichtigsten Testverfahren zum Altgedächtnis. Im zweiten Teil werden kognitive Modelle, neuroanatomische Grundlagen und Störungen zu den Themen Gesichtererkennen, Abruf von Eigennamen und Abruf von semantischen Informationen vorgestellt. Eine Zusammenfassung der theoretischen Einführung bildet den dritten Teil des vorliegenden Kapitels. Im Fokus steht die Bedeutung der vorgestellten theoretischen Grundlagen für die Entwicklung und die potentiellen Einsatzgebiete des Bielefelder Famous Faces Tests. 1 Gedächtnissysteme Nach Markowitsch (1999) versteht man unter Gedächtnis:...ein in der Regel nach der Zeit und nach dem Inhalt unterteiltes Systemgeflecht, dessen Verarbeitung durch unterschiedliche neuronale Netzwerke erfolgt. Im Folgenden sollen verschiedene theoretische Modelle zur Unterteilung des Gedächtnisses nach zeitlichen und inhaltlichen Kriterien vorgestellt werden. Für den BFFT sind dabei vor allem die Begriffe Altgedächtnis (zeitliche Unterteilung des Gedächtnisses) und semantisches Gedächtnis (inhaltliche Unterteilung des Gedächtnisses) relevant. 1.1 Zeitliche Differenzierung von Gedächtnissystemen Gedächtnis als zeitlich differenziertes Konstrukt nimmt eine serielle Informationsverarbeitung zwischen den Speichersystemen Ultrakurzzeitgedächtnis, Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis an. 13

Das Ultrakurzzeitgedächtnis (Ikon, Echo, Nachbild) erhält seinen Input aus den sensorischen Eingangskanälen (visuell, auditiv, perzeptiv) und ermöglicht eine Behaltensleistung, die im Millisekundenbereich liegt. Werden die Informationen im Ultrakurzzeitgedächtnis mit Aufmerksamkeit versehen, so gelangen sie in das Kurzzeitgedächtnis. Für das Kurzzeitgedächtnis wird eine Behaltenskapazität von 7 ± 2 Einheiten (Miller, 1956) angenommen. Die Behaltensleistung liegt im Sekundenbereich. Um schließlich im Langzeitgedächtnis Eingang zu finden, müssen die Informationen im Kurzzeitgedächtnis memoriert werden. Das Langzeitgedächtnis ermöglicht eine unbewusste, lebenslange Behaltensleistung der gespeicherten Informationen. 1.1.1 Baddeleys Konzept des Arbeitsgedächtnisses Der Begriff des Kurzzeitgedächtnisses wurde von Baddeley (1994) durch das Konzept des Arbeitsgedächtnisses erweitert. Im Gegensatz zum Konzept von Atkinson und Shiffrin (1968), die einen einheitlichen, eher passiven Kurzzeitspeicher annehmen, lässt sich nach Baddeley (1994) das Arbeitsgedächtnis in mehrere Subsysteme unterteilen. Aufgabe des Arbeitsgedächtnisses ist das aktive Memorieren und Manipulieren von bewussten Informationen sowie das Vorbereiten der gespeicherten Informationen für die Aufnahme in das Langzeitgedächtnis. Als Subsysteme des Arbeitsgedächtnisses unterscheidet Baddeley zwischen phonologischer Schleife, visuospatialem Skizzenblock und zentraler Kontrollinstanz. Die phonologische Schleife besteht aus einem phonologischen Speicher, der mit einem artikulatorischen Kontrollprozess gekoppelt ist. Nach Baddeley erhält auditives Informationsmaterial (Sprache) automatisch Zugang zu dem phonologischen Speichersystem. Visuelle Informationen hingegen werden erst durch subvokales Wiederholen in eine phonologische Repräsentation umgewandelt und dann gespeichert. 14

SPRACHE NICHT-SPRACHE PHONOLOGISCHER SPEICHER SUBVOKALES WIEDERHOLEN Abbildung II-1: Die phonologische Schleife Das zweite Subsystem des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley (1994) ist der visuospatiale Skizzenblock. Er ermöglicht die Arbeit an visuell-räumlichen Vorstellungen, wie z.b. das Schachspiel mit verbundenen Augen. Ähnlich wie die phonologische Schleife besteht auch der visuospatiale Skizzenblock aus einem Kurzzeitspeicher, der in Interaktion mit einem Kontrollsystem visuell-räumliche Informationen registriert, speichert und verarbeitet. Die Registrierung des Informationsmaterials und das aktive Memorieren durch rehearsal (inneres Wiederholen der zu speichernden Informationen) ist wiederum Aufgabe des Kontrollsystems. Im dritten Subsystem, der zentralen Kontrollinstanz, werden schließlich die Informationen aus der phonologischen Schleife und dem visuospatialen Skizzenblock koordiniert. 1.1.2 Altgedächtnis und Neugedächtnis Eine weitere Möglichkeit, das Gedächtnis zeitlich zu differenzieren, besteht in der Einteilung in das Altgedächtnis und das Neugedächtnis. Die Differenzierung erfolgt hierbei in Abhängigkeit von einem spezifischen Zeitpunkt im Leben des Patienten, z.b. dem Zeitpunkt des Hirnschadens oder Unfalls (siehe Abbildung II-2). Das Altgedächtnis beinhaltet all diejenigen Informationen, die vor dem relevanten Zeitpunkt enkodiert (eingespeichert) wurden. Das Neugedächtnis bezieht sich hingegen auf die Informationen, die nach dem Zeitpunkt der Schädigung neu eingespeichert wurden. (Lernen = Erwerb der Informationen sowie Behalten / Abruf = Speicherung und Zugang zu den Informationen) 15

Zeitpunkt des Unfall oder der Hirnschädigung Erhaltenes Langzeitgedächtnis Retrograde Amnesie Koma Anterograde Amnesie Altgedächtnis Neugedächtnis Abbildung II-2: Altgedächtnis und Neugedächtnis 1.2 Inhaltliche Differenzierung von Gedächtnissystemen In den letzten Jahren wird zunehmend auch eine inhaltliche Differenzierung von Gedächtnissystemen diskutiert. Ausgangspunkt für diese theoretischen Überlegungen waren zahlreiche empirische Befunde, in denen amnestische Patienten selektiv Ausfälle eines Gedächtnissystems bei gleichzeitigem Erhalt anderer Gedächtnissysteme zeigten (Mishkin & Petri, 1984; Squire, 1987). Es findet sich noch kein allgemeines Konzept einer inhaltlichen Differenzierung von Gedächtnissystemen. Daher soll an dieser Stelle kurz auf die zwei gängigsten Modelle von Squire und Zola (1996) und Tulving und Markowitsch (1998) eingegangen werden. 1.2.1 Das Modell von Squire Squire (Squire 1992a; Squire & Zola, 1996) unterscheidet zwei Gedächtniskategorien: das deklarative und das nichtdeklarative Gedächtnis. Das nichtdeklarative Gedächtnis enthält unbewusste, einfache mechanisch erlernte Handlungen und Handlungsabläufe. Innerhalb des nichtdeklarativen Gedächtnisses unterscheidet man das prozedurale Lernen, das Priming, das klassisches Konditionieren und das nicht-assoziative Lernen. Das deklarative Gedächtnis hingegen enthält bewusste Informationen, die erklärbar, beschreibbar und definierbar sind. Hierzu gehören das Gedächtnis für Fakten und das Gedächtnis für Ereignisse. 16

LANGZEITGEDÄCHTNIS DEKLARARTIV NICHT-DEKLARATIV Fakten Ereignisse prozedural Priming Klassisches Konditionieren Nichtassoziatives Lernen Abbildung II-3: Das Gedächtnismodell nach Squire und Zola (1996) 1.2.2 Das Modell von Tulving Das Modell von Tulving unterscheidet fünf verschiedene Gedächtnissysteme, die in spezifischer Weise miteinander verknüpft sind. 1.2.2.1 Darstellung der verschiedenen Gedächtnissysteme Die inhaltliche Differenzierung des Gedächtnisses Das Gedächtnis lässt sich nach Tulving (1983; 1995; Tulving & Markowitsch, 1998) in fünf Hauptbereiche einteilen: das prozedurale Gedächtnis, das perzeptuelle Repräsentationssystem, das Wissenssystem, das Primärgedächtnis und das episodische Gedächtnis. Dabei sind das prozedurale Gedächtnis, das perzeptuelle Repräsentationssystem, das Wissenssystem und das episodische Gedächtnis Bestandteile des Langzeitgedächtnisses. Das prozedurale Gedächtnis beinhaltet motorische und mechanische Fertigkeiten sowie Handlungsabläufe, die zu einem früheren Zeitpunkt gelernt wurden und nun automatisiert und unbewusst ablaufen bzw. reproduziert werden können. Beispiele hierfür sind das Auto-, Fahrrad- oder Skifahren wie auch das Spielen eines Musikinstrumentes. Unter dem perzeptuellen Repräsentationssystem versteht man eine erhöhte Wiedererkennungswahrscheinlichkeit für Informationen, die zu einem früheren Zeitpunkt unbewusst wahrgenommen wurden (Tulving & Schacter, 1990). Dabei lässt sich das perzeptuelle Repräsentationssystem in das perzeptuelle und konzeptuelle Priming unterteilen. 17

Vom perzeptuellen Priming ist immer dann die Rede, wenn zuvor unbewusst wahrgenommene Reize zu einem späteren Zeitpunkt überzufällig häufig gewählt werden. Die Reize sind hierbei zu beiden Zeitpunkten identisch. Bei dem konzeptuellen Priming wird das Wiedererkennen eines zuvor dargebotenen Reizes durch die Wahrnehmung einer identischen Reizkategorie ausgelöst. Im Gegensatz zum perzeptuellen Priming, bei dem lediglich Wahrnehmungsprozesse eine Rolle spielen, wird beim konzeptuellen Priming neben den Wahrnehmungsprozessen auch die Beteiligung von konzeptuellem oder semantischem Wissen diskutiert (Schacter & Tulving, 1994). Das semantische Gedächtnis enthält Kenntnisse über die Welt, die Schule, das Leben, die sich unter dem Begriff Weltwissen zusammenfassen lassen. Diese verbalen und nichtverbalen Informationen sind noetisch, das heißt, der Zugang zu semantischem Wissen ist möglich, ohne sich bewusst zu sein, wann und in welchem Kontext man die betreffende Information gespeichert hat. Das episodische Gedächtnis schließlich speichert Ereignisse und Episoden, die kontextspezifisch, also nach Zeit und Raum bestimmbar sind, und einen autobiographischen Charakter (autonoetische Informationen) haben. Diese Informationen haben in der Regel eine affektive Konnotation, das heißt, sie sind mit Emotionen verknüpft. Die Repräsentation dieser Informationen im Gehirn kann daher als komplexer angesehen werden als die Repräsentation von semantischen Informationen. 18

Tabelle II-1: Die inhaltliche Unterteilung des Gedächtnisses in Anlehnung an Tulving (zitiert aus Markowitsch, 2000) System weitere Termini Subsysteme Abruf Funktion Bewusstseinsebene prozedurales nondeklaratives Gedächtnis Gedächtnis perzeptuelles Priming Repräsentationsysstem Wissenssystem Gedächtnis generisches Faktenwissen Kenntnissystem Primärgedächtnis Kurzzeitgedächtnis Arbeitsgedächtnis episodisches persönliches Gedächtnis Gedächtnis autobiographisches Gedächtnis Gedächtnis für Ereignisse motorische Fähigkeiten kognitive Fähigkeiten einfaches Konditionieren einfaches assoziatives Lernen implizit (ver)-ändern anoetisch strukturelle implizit indentifizieren noetisch Beschreibung visuelle Wortform auditive Wortform räumlich relational implizit wissen noetisch visuell explizit halten noetisch auditiv explizit erinnern autonoetisch 19

1.2.2.2 Zusammenhang der einzelnen Gedächtnissysteme Die hierarchische Gliederung der Gedächtnissysteme Tulving nimmt eine hierarchische Gliederung der verschiedenen Gedächtnisbereiche an. Dabei wird das episodische Gedächtnis als der komplexeste, das prozedurale Gedächtnis als der einfachste Gedächtnisteil angesehen. Das SPI-Modell Des Weiteren besteht nach Tulving (1995) eine prozessspezifische Beziehung zwischen den verschiedenen Gedächtnissystemen = SPI-Modell. SPI steht für: serial encoding (S), parallel storage (P), and independent retrieval (I). Es wird angenommen, dass die Enkodierung seriell (S) erfolgt. Das Einspeichern von Informationen erfolgt demnach hierarchisch und beginnt zuerst in einem System (z.b. dem semantischen Gedächtnis) und geht dann in das nächste System (z.b. das episodische Gedächtnis) über. So müssen zum Beispiel episodische Informationen, bevor sie als Episode abgespeichert werden, das semantische Gedächtnis passieren. Die Speicherung der Informationen kann jedoch parallel (P) erfolgen, das heißt, dass die aufgenommenen Informationen gleichzeitig in verschiedenen Gedächtnissystemen gespeichert werden. Dies ermöglicht schließlich den unabhängigen Abruf (I) der Informationen durch die verschiedenen Gedächtnissysteme. ENCODING RETRIEVAL episodic remember the past OUT semantic know the present OUT IN Abbildung II-4: Das SPI-Modell nach Tulving und Markowitsch (1998) 20

Die Organisation des semantischen und episodischen Gedächtnisses Die beiden Gedächtnissysteme semantisches und episodisches Gedächtnis sind nach Tulving und Markowitsch (1998) in spezifischer Weise miteinander verknüpft (siehe oben). Das episodische Gedächtnis stellt darüber hinaus eine Erweiterung des semantischen Gedächtnisses dar. Es wird angenommen, dass sich das episodische Gedächtnis sowohl hinsichtlich der ontogenetischen Reifung des Gehirns als auch hinsichtlich der evolutionären Entwicklung aus dem semantischen Gedächtnis entwickelt hat. Der Begriff embeddedness` charakterisiert die Beziehung zwischen den beiden Gedächtnissystemen. Darunter wird verstanden, dass der Abruf aus dem episodischen Gedächtnis notwendigerweise mit der Aktivierung semantischen Wissens verknüpft ist, semantisches Wissen jedoch unabhängig vom episodischen Gedächtnis abgerufen werden kann. Weiterhin wird eine prozessspezifische Beziehung zwischen semantischem und episodischem Gedächtnis hinsichtlich der Enkodierung, der Speicherung und dem Abruf von Informationen angenommen (siehe Abbildung II-3). Tulving und Markowitsch definieren zwölf Eigenschaften, die Gemeinsamkeiten zwischen dem semantischen und dem episodischen Gedächtnis aufzeigen. Neun weitere Eigenschaften ermöglichen die Differenzierung von episodischem und semantischem Gedächtnis (siehe Tabelle II-2). Tabelle II-2: Definitorische Charakteristika für das episodische und das deklarative Gedächtnis (Tulving & Markowitsch, 1998; Griffiths, Dickinson & Clayton, 1999). Deklaratives Gedächtnis (gemeinsame Charakteristika) Umfassend, komplex, hochstrukturiert, mit schnellen Einspeicheroperationen Auf Wissen bezogene Information kann durch die verschiedenen sensorischen Modalitäten oder intern generiert werden Die gespeicherte Information ist repräsentativ, d.h. isomorph mit der Welt, und propositionell, d.h., symbolisch beschreibbar Episodisches Gedächtnis (spezifische Charakteristika) Bewusstes Wiederhervorholen spezifischer Ereignisse aus der Vergangenheit Beim Abruf auf die Vergangenheit bezogen Begleitet von autonoetischem Bewusstsein das ein Erinnern ermöglicht (bezogen auf die eigene Erfahrung) und damit von reiner Wissensinformation abgrenzbar 21

Information hat Wahrheitsgehalt, ist flexibel zugänglich, und kann als Basis für Schlussfolgerungen benutzt werden Verarbeitung ist hochgradig kontextsensitiv Das System ist kognitiv (im Gegensatz zu behavioral): man kann über die Information nachdenken Die behaviorale (d.h., primär motorische) Expression von Abrufprodukten ist optional, nicht obligatorisch Das deklarative System interagiert eng mit anderen Hirn- und Verhaltenssystemen, wie Sprache, Affekt und Denken Eingebettete Beziehung in das Wissensgedächtnis (Kenntnissystem): episodisches Erinnern impliziert immer semantisches Wissen, während Wissen nicht auf Erinnerung zurückgreifen muss Entwicklung geschieht in der Kindheit erst nach Ausbildung des Wissenssystems Stark anfällig gegenüber Hirnschäden und Alterungsprozessen Weit stärker und komplexer an das Stirnhirn gebunden als die Information des Wissenssystems: episodischer, aber nicht semantischer Abruf aktiviert den regionalen zerebralen Blutfluss im rechten präfrontalen Kortex Wahrscheinlich nicht bei Tieren zu finden 1.3 Neuroanatomische Grundlagen Die für das Gedächtnis relevanten Hirnstrukturen lassen sich nach ihrer Funktionalität für die Enkodierung, die Speicherung und den Abruf von Informationen unterscheiden. In Anlehnung an Markowitsch (1999) sollen daher im Folgenden kurz die wichtigsten Hirnregionen und ihre Bedeutung für das Gedächtnis vorgestellt werden. 1.3.1 Enkodierung von Informationen Für die Einspeicherung von Informationen sind primär die Strukturen des limbischen Systems zuständig. Diese Strukturen sind paarweise auf der linken und rechten Hirnhälfte angelegt, so dass letztlich eine beidseitige Schädigung einer oder mehrerer Teile des limbischen Systems erforderlich ist, um einen umfassenden Gedächtnisverlust im Sinne einer globalen Amnesie 22

(siehe Kapitel II.1.4) zu bewirken. In der Literatur werden der Hippocampus, der Thalamus und der Hypothalamus sowie die Amygdala und das Septum als wichtige Strukturen des limbischen Systems benannt. Dabei übernehmen der Hippocampus, der Thalamus und der Hypothalamus die Funktion einer eher kognitiven Informationsverarbeitung. Die affektive Bewertung neu aufgenommener Informationen erfolgt hingegen durch die Amygdala und das Septum. Die Strukturen innerhalb des limbischen Systems sind durch zwei Schaltkreise miteinander verbunden. Der Papezsche Kreis verbindet Hippocampus, Fornix, Mamillarkörper, Tractus mamillothalamicus, anterioren Thalamus, Gyrus cinguli und Hippocampus. Schnider, Däniken und Gutbrod (1996) nehmen an, dass dem Papezschen Kreis eine wichtige Rolle bei dem Wiedererkennen von Informationen zukommt. Der zweite Schaltkreis innerhalb des limbischen Systems ist der basolaterale limbische Kreis, der das Dreigestirn Amygdala, Nucleus mediodorsalis thalami und das basale Vorderhirn sowie die Area subcallosa verbindet. Für den basolateralen limbischen Kreis wird eine Beteiligung an der zeitlichen Einordnung von Informationen diskutiert. Das limbische System beinhaltet wichtige Filter- und Flaschenhalsstrukturen, welche die einkommenden Informationen bewerten und über deren Weiterleitung oder Nichtweiterleitung bestimmen. 1.3.2 Speicherung von Informationen Es liegen noch wenige gesicherte Erkenntnisse über die genaue Verortung der gespeicherten Informationen vor. Eichenbaum (1997) nimmt an, dass die Ablagerung erfolgreich konsolidierter Informationen des episodischen Gedächtnisses, des semantischen Gedächtnisses und des Primings kortikal erfolgt. Dabei speichert die linke Hirnhälfte eher das neutrale Welt- oder Allgemeinwissen (semantisches Gedächtnis) und die rechte Hirnhälfte eher die autobiographischen und affektiv gefärbten, episodischen Informationen (episodisches Gedächtnis). Die Assoziationsgebiete spielen eine wichtige Rolle bei der Speicherung der Informationen des episodischen und semantischen Gedächtnisses. Für die Speicherung von nichtdeklarativen Informationen werden die sekundären Kortexgebiete diskutiert, währenddessen die Inhalte des prozeduralen Gedächtnisses vermutlich in Teilen des Kleinhirns und der Basalganglien gespeichert werden (Thompson & Kim, 1996). 23

1.3.2.1 Abruf von Informationen Eine wichtige Rolle für den Abruf von gespeicherten Informationen spielen die Gebiete im Bereich des vorderen, seitlichen Schläfenlappens und des seitlichen Stirnhirns (präfrontaler Kortex). Der Abruf erfolgt hemisphärenspezifisch, so dass die rechte Regionenkombination des temporofrontalen Kortex für den Abruf von autobiographischen Informationen sorgt, während die Regionen des linken temporofrontalen Kortex für den Abruf von Informationen aus dem Wissenssystem zuständig sind (Markowitsch, 1995; Markowitsch, 1997). Schädigungen oder Unterbrechungen dieser Gebiete haben selektiv eine Beeinträchtigung des Abrufs semantischer (linke Temporofrontalregion) bzw. episodischer (rechte Temporofrontalregion) Informationen zur Folge. Eine zusammenfassende Übersicht über die an Enkodierung, Speicherung und Abruf beteiligten Hirnstrukturen findet sich in der nachfolgenden Tabelle II-3. Zu beachten ist, dass es sich dabei um den gegenwärtigen Kenntnisstand handelt. Tabelle II-3: Für das Gedächtnis relevante Hirnstrukturen nach Markowitsch (1999) episodisches Wissenssystem prozedurales Priming Gedächtnissystem Gedächtnis Einspeicherung und Konsolidierung limbisches System limbisches System Basalganglien, Kleinhirn zerebraler Kortex Ablagerung zerebraler Kortex zerebraler Kortex Basalganglien, cerbraler (Assoziationsgebiete) (Assoziationsgebiete) Kleinhirn Kortex Abruf temporo-frontaler Kortex (rechts) temporo-frontaler Kortex (links) Basalganglien, Kleinhirn zerebraler Kortex 1.4 Störungen des Gedächtnisses Während materialspezifische Störungen leichte Störungen des Gedächtnisses darstellen, werden die Amnesie oder das amnestische Syndrom nach Hartje und Sturm (1997) als:...schwere Störung der Gedächtnisfunktionen" definiert, "... die nicht auf andere Funktionsbeeinträchtigungen, wie z.b. eine Aufmerksamkeitsstörung, zurückgeführt werden kann und die zu gravierenden und meist offenkundigen Beeinträchtigungen im Alltag führt. Eine andere Definition der Amnesie stammt von Markowitsch (2001). 24

Er versteht unter Amnesie im ursprünglichen Sinne den:...vollständigen Gedächtnisverlust in Form einer globalen Amnesie. Allerdings wird der Begriff der Amnesie nach Markowitsch (2001):... neuerdings meist benutzt, um Gedächtnisdefizite in Subsystemen zu kennzeichnen. So lassen sich im Hinblick auf den Zeitpunkt der Schädigung (siehe Kapitel II.1.1) anterograde und retrograde Amnesien unterscheiden. Innerhalb der anterograden und retrograden Amnesie ist eine inhaltliche Unterteilung in die semantische und episodische retrograde Amnesie möglich. Meist sind bei einer globalen Amnesie sowohl die anterograden als auch die retrograden Gedächtnisleistungen betroffen. Es können jedoch auch selektive Schädigungen des anterograden oder retrograden Gedächtnisses vorkommen. Amnesien treten häufig als Folge von Hirnschädigungen (bilaterale Schädigung der Strukturen des limbischen Systems) oder metabolischen Störungen auf. In diesem Fall spricht man von einer organischen Amnesie. Davon unterschieden werden solche Gedächtnisstörungen, die eine primär psychische Ursache haben (psychogene oder funktionelle Amnesie) oder im Rahmen einer psychischen Störung, wie z.b. Schizophrenie oder Depression, auftreten. Vom amnestischen Syndrom abzugrenzen sind umschriebene Gedächtnisstörungen, die als Folge einer unilateralen Schädigung des limbischen Systems auftreten. Diese umschriebenen Gedächtnisstörungen sind schwächer ausgeprägt und beschränken sich auf das sprachliche oder nichtsprachliche Material (materialspezifische Störungen). Im Folgenden werden die anterograde und retrograde Amnesie sowie das Störungsbild der semantischen Demenz vorgestellt. 1.4.1 Anterograde Amnesie Markowitsch (2001) definiert die anterograde Amnesie als: Unfähigkeit, neue Informationen für Langzeitspeicherung und -abruf zu erwerben. Merkmale der anterograden Amnesie sind Schwierigkeiten bei dem spontanen Behalten einmaliger Eindrücke, dem willentlichen Lernen und Einprägen neuer Informationen und dem Behalten und rechtzeitigen Erinnern von Handlungsabsichten. Dabei ist insbesondere der Prozess der bewusst kontrollierten Einspeicherung und Erinnerung beeinträchtigt. Die unbewussten und automatisch ablaufenden Gedächtnisprozesse bleiben hingegen eher erhalten. 25

1.4.2 Retrograde Amnesie Unter retrograder Amnesie versteht man die Störung des Altgedächtnisses ausgehend von einem definierten Zeitpunkt der Schädigung. Markowitsch (2001) definiert die retrograde Amnesie als:... Unfähigkeit, Informationen abzurufen, die vor Beginn der Amnesie gespeichert waren. Analog zur inhaltlichen Gliederung des Gedächtnisses (siehe Kapitel II.1.2) lassen sich bei der retrograden Amnesie Störungen des episodischen Altgedächtnisses (episodische retrograde Amnesie) und Störungen des semantischen Altgedächtnisses (semantische retrograde Amnesie) unterscheiden. 1.4.2.1 Merkmale der retrograden Amnesie Gegenwärtig werden vier Merkmale der retrograden Amnesie diskutiert: 1. Existenz eines temporalen Gradienten Patienten mit retrograder Amnesie lassen sich in vier Gruppen einteilen (Kapur, 1999). Hinsichtlich der Dimension zeitliche Ausdehnung der retrograden Amnesie lassen sich Störungen, bei denen nur bestimmte Zeitabschnitte des Altgedächtnisses (1) betroffen sind, von Störungen, die das gesamte Altgedächtnis (2) umfassen, unterscheiden. Die zweite Dimension bezieht sich auf die Stärke der Schädigung eines von der Amnesie betroffenen Zeitraumes. Es wird zwischen einer gleichmäßigen Schädigung (3) des Gedächtnisses und dem Auftreten eines zeitlichen Gradienten (besserer Erhalt älterer Erinnerungen) (4) unterschieden. Somit ergeben sich vier mögliche Gruppen (siehe Tabelle II-4). Tabelle II-4: Die zeitliche Unterteilung der retrograden Amnesie zeitlich begrenzt (1) zeitlich unbegrenzt (2) gleichmäßige Schädigung (3) Gruppe 1 Gruppe 2 zeitlicher Gradient (4) Gruppe 3 Gruppe 4 Für das Auftreten eines zeitlichen Gradienten (4) finden sich widersprüchliche Befunde. Für den Bereich des episodischen Gedächtnisses wird im Sinne des Ribotschen Gesetzes (1882) ein besserer Erhalt weiter zurückliegender Gedächtnisinhalte angenommen. 26

Es existieren verschiedene Annahmen zur Erklärung des zeitlichen Gradienten nach Ribot: Weiskrantz (1985) nimmt an, dass weiter entfernte Erinnerungen im Laufe der Zeit eine semantischere Form erlangt haben und somit leichter abrufbar sind (Cermak, 1984; Weiskrantz, 1985). Ähnlich argumentieren Nadel und Moscovitch (1997) in ihrer Multiple Trace Theorie. Danach werden zu entfernten Gedächtnisinhalten im Laufe der Zeit immer neue Gedächtnisspuren hinzugefügt, wobei die Anzahl der Gedächtnisspuren im direkten Verhältnis zur Leichtigkeit des Abrufs dieser Informationen steht. Eine größere Verfestigung der weiter entfernten Gedächtnisinhalte wird von der Arbeitsgruppe Rempel-Clower, Zola, Squire und Amaral (1996) angenommen. Bei Patienten mit semantischer Demenz (siehe Kapitel II.2.3) findet sich hingegen ein umgekehrter zeitlich Gradient (Kapur et al., 1994; Graham & Hodges, 1997). Bei diesen Patienten sind die jüngst eingespeicherten Informationen besser erhalten als die weiter zurückliegenden Informationen. 2. Unterschiedliche Schädigung von episodischen und semantischen Gedächtnisinhalten Verschiedene Untersuchungen zeigen eine Beeinträchtigung des semantischen Gedächtnisses bei gleichzeitigem Erhalt des episodischen Gedächtnisses (De Renzi, Liotti & Nichelli, 1987; Grossi, Trojano & Orsini, 1988; Yasuda, Watanabe & Ono, 1997; Kapur et al., 1994; Greene & Hodges, 1996). Ebenso wurde auch der umgekehrte Fall dokumentiert, bei dem das semantische Gedächtnis erhalten blieb und das episodische Gedächtnis Störungen aufwies (Ogden, 1993; Hodges & Gurd, 1994). Generell ist jedoch bei Altgedächtnisstörungen der Erhalt des semantischen Gedächtnisses bei einem beeinträchtigten episodischen Gedächtnis häufiger zu beobachten als der umgekehrte Fall (Beeinträchtigung des episodischen Gedächtnisses bei Erhalt des semantischen Gedächtnisses). Diese Befunde stützen die Unterteilung des Gedächtnisses nach inhaltlichen Gesichtspunkten (siehe Kapitel II.1.2) in episodische und semantische Gedächtnisinhalte. 3. Schädigungen im Temporallappen, Frontallappen oder Parietallappen können zu retrograder Amnesie führen Hinweise auf die Beteiligung des Frontallappens bei der Entstehung der retrograden Amnesie finden sich bei De Renzi, Lotti und Nichelli (1987). Die Untersuchungen von Baddeley und Wilson (1986), Della Sala et al. (1993), Kopelman et al. (1999) und Mangels et al. (1996) bestätigen einen Zusammenhang der retrograden Amnesie mit fokalen Schädigungen im 27

Frontalhirn. Weiterhin wird eine Beteiligung des Parietallappens und des Temporallappens bei der Entstehung der retrograden Amnesie diskutiert (Kopelman, 2000). 4. Geringe Korrelation zwischen retrograden und anterograden Gedächtnistests Eine Bestätigung dieser Annahme findet sich bei Shimamura und Squire (1986), Kopelman (1989, 1991), Parkin (1991) und Greene und Hodges (1996). So wurde nachgewiesen, dass eine anterograde Amnesie in einigen Fällen von TGA (Transiente Globale Amnesie) isoliert auftreten kann oder mit einer nur geringfügig ausgeprägten retrograden Amnesie einhergeht (Hodges & Ward, 1989). Ebenso ist in der Literatur auch der umgekehrte Fall einer isolierten retrograden Amnesie beschrieben (Fast & Fujiwara, 2001). 1.4.3 Störungsbild der semantischen Demenz Unter semantischer Demenz versteht man eine fortschreitende, relativ isolierte Verschlechterung des semantischen Gedächtnisses. Dieses Störungsbild ist auch unter dem Begriff progressive fluente Aphasie oder als temporale Variante der frontotemporalen Demenz bekannt. Pick (1892) stellte Ende des letzten Jahrhunderts erstmalig fest, dass Patienten mit einer neurodegenerativen Erkrankung ein fokales kognitives Defizit, wie die Beeinträchtigung der Sprache aufwiesen. Patienten mit semantischer Demenz zeigen schlechte Leistungen in allen Tests, die semantisches Wissen erfordern, so zum Beispiel in Tests zum Bilderbenennen, zur Kategorieflüssigkeit etc. Auf der anderen Seite sind die Ergebnisse der Patienten mit semantischer Demenz in Tests, die andere kognitive Leistungen erfordern, wie z.b. eine phonologische und syntaktische Sprachanalyse, nonverbales Problemlösen, Arbeitsgedächtnis und visuell-räumliche Fähigkeiten und Wahrnehmung, weitgehend unbeeinträchtigt. Wie bereits in Kapitel II.1.4.2 beschrieben, zeigen jüngere Untersuchungen des autobiographischen und semantischen Gedächtnisses von Patienten mit semantischer Demenz einen umgekehrten temporalen Gradienten, wobei jüngere Gedächtnisinhalte besser erhalten sind als ältere (Graham & Hodges, 1997; Graham, Pratt & Hodges, 1998; Hodges & Graham, 1998; Snowden, Griffiths & Neary, 1996). Diese Studien weisen auf die Möglichkeit hin, dass in den früheren Phasen der Erkrankung neues Lernen möglich ist. Graham et al. (2000) prüften diese Aussage gezielt. 28

Studie von Graham et al. (2000) zur semantischen Demenz Graham et al. (2000) untersuchten Patienten mit semantischer Demenz und Alzheimer sowie gesunde Probanden mit einer Versuchsanordnung zur Messung des semantischen und episodischen Gedächtnisses. Dazu wurden im ersten Teil der Untersuchung (Studienphase) 40 farbige Bilder von bekannten Objekten und Tieren vorgelegt, die von den Patienten benannt werden sollten. Der zweite Testteil erforderte das Wiedererkennen der in der Studienphase gezeigten Bilder. Dabei wurde zwischen der Bedingung `identisches Item und `perzeptuell unterschiedliches Item des gleichen Objektes unterschieden. Es zeigte sich, dass in der Studienphase (semantisches Gedächtnis) die Patienten mit semantischer Demenz erwartungsgemäß die schlechtesten Leistungen zeigten. Hingegen waren bei den Patienten mit semantischer Demenz die Leistungen im Testteil 2 (episodisches Gedächtnis) nur unter der Stimulusbedingung `perzeptuell unterschiedliches Item des gleichen Objektes beeinträchtigt. Graham et al. (2000) interpretieren die Ergebnisse dahingehend, dass für Patienten mit semantischer Demenz die Möglichkeit neuen episodischen Lernens unter der Voraussetzung besteht, dass der Stimulus identisch ist. Die Autoren nehmen an, dass neues episodisches Lernen normalerweise auf einer Kombination von semantischen und perzeptuellen Informationen beruht. So sind für die Speicherung von Ereignisses neben den perzeptuellen Informationen über das Ereignis selbst auch semantische Informationen über den Kontext des jeweiligen Ereignisses notwendig. Ist das semantische Gedächtnis beeinträchtigt, z.b. im Falle einer semantischen Demenz, so können nur noch die perzeptuellen Informationen gespeichert werden. Dies führt dazu, dass das Wiedererkennen eines Ereignisses (episodisches Gedächtnis) nur dann funktioniert, wenn der Stimulus genau identisch mit dem Stimulus in der Lernphase ist. Diese Befunde können mit Tulvings SPI-Modell nicht ausreichend erklärt werden. Das SPI- Modell von Tulving nimmt an, dass perzeptuelle Informationen zunächst das semantische Gedächtnis passieren müssen, ehe sie in das episodische Gedächtnis gelangen. Graham et al. (2000) modifizieren daher das SPI-Modell von Tulving. Nach ihrem Modell besteht für perzeptuelle Informationen neben dem Weg über das semantische System zusätzlich auch ein direkter Zugang in das episodische Gedächtnis. Ist der Weg über das semantische Gedächtnis nicht möglich, weil dieses beschädigt ist, so gelangen die perzeptuellen Informationen direkt in das episodische Gedächtnis. Dadurch wird das oben beschriebene Phänomen des Neulernens von episodischen Ereignissen bei Patienten mit semantischer Demenz möglich. Das Modell von Graham liefert weiterhin eine Erklärung, warum Patienten mit semantischer Demenz in verbalen Tests zum Neulernen schlechter abschneiden als in nichtverbalen Tests. 29

IMAGE PERCEPTUAL REPRESENTATION SEMANTIC EPISODIC Abbildung II-5: Das SPI Modell von Tulving (1998) EPISODIC IMAGE PERCEPTUAL REPRESENTATION SEMANTIC Abbildung II-6: Das Modell von Graham et al. (2000) 1.5 Diagnostik des Altgedächtnisses Die Erfassung des Altgedächtnisses verfolgt nach Markowitsch (1999) zwei Ziele: Erstens die Erfassung der zeitlichen Dauer und zweitens die Erfassung der Art oder des Inhaltes des nicht mehr abrufbaren Materials. 1. Zeitliche Dauer Hinsichtlich der zeitlichen Dauer des nicht mehr abrufbaren Materials werden Patienten mit einer Schädigung der Altgedächtnisleistungen über die gesamte Lebenszeit unterschieden von solchen Patienten, bei denen nur bestimmte Zeitabschnitte betroffen sind. Des Weiteren kann geprüft werden, ob die Altgedächtnisleistungen innerhalb des geschädigten Zeitraums variieren (temporaler Gradient) (siehe Kapitel II.1.4.2). 2. Art oder Inhalt des betroffenen Gedächtnissystems Im Bereich der Altgedächtnistests werden Testverfahren zur Messung des episodischen Gedächtnisses von Testverfahren zur Messung des semantischen Gedächtnisses unterschieden. 30

Des Weiteren ist innerhalb eines Testverfahrens eine Differenzierung der Testleistungen hinsichtlich der Art der Gedächtnisabfrage (freier Abruf, Abruf mit Hinweisreizen, Wiedererkennen) möglich. 1.5.1 Methodische Unterschiede zwischen Neugedächtnistests und Altgedächtnistests Störungen des Langzeitgedächtnisses können sowohl mit Verfahren zur Prüfung des Neugedächtnisses (anterogrades Gedächtnis) als auch mit Verfahren zur Prüfung des Altgedächtnisses (retrogrades Gedächtnis) gemessen werden. Dabei unterscheidet sich jedoch die Vorgehensweise erheblich. Im Rahmen von Verfahren zum Neugedächtnis kommen Gedächtnistestbatterien zum Einsatz. Dabei werden Testverfahren zur Prüfung der verbalen und nonverbalen Modalität unterschieden. Allen Verfahren im Neugedächtnisbereich ist gemeinsam, dass sich die Probanden vorgegebene Informationen einprägen sollen, die nach einem Zeitraum von einigen Minuten bis einigen Monaten wieder abgerufen werden. Der Zeitraum zwischen der Enkodierung und dem Abruf der gespeicherten Informationen ist im Vergleich zu den Testverfahren zum Altgedächtnis relativ kurz (zehn Minuten bis maximal 90 Minuten). Bei Testverfahren zum Altgedächtnis hingegen werden Informationen abgerufen, die entweder das persönliche Weltwissen (semantisches Altgedächtnis) oder das episodische Wissen (episodisches Altgedächtnis) einer Person betreffen. Diese Informationen wurden außerhalb einer Testsituation eingespeichert. Der Zeitraum zwischen der Enkodierung und dem Abruf der Informationen im Rahmen eines Altgedächtnistests beträgt mehrere Jahre bis Jahrzehnte. Diese Unterschiede in den Testverfahren zum Neugedächtnis und zum Altgedächtnis erschweren die Vergleichbarkeit der Testleistungen zwischen den Testverfahren. 1.5.2 Testverfahren aus dem Bereich des episodischen Altgedächtnisses 1.5.2.1 Wortvorgaben Die ersten Versuche, autobiographisches Gedächtnis zu erfassen, basieren auf Untersuchungen von Galton (1879). Hierbei sollten die Probanden zu allgemeinen Begriffen (wie z.b. Fahne, Vogel, Fenster) Assoziationen bilden, die einen persönlichen, räumlichzeitlichen Bezug aufweisen. Crovitz und Schiffmann (1974) griffen diese Technik fast ein Jahrhunderts später wieder auf und modifizierten sie zur sogenannten Crovitz-Schiffmann- Technik. 31