Andreas Farwick Migration und Integration im Stadtteil Chancen und Herausforderungen der Zuwanderung im lokalen Kontext
Bremen - Segregation von Personen mit Migrationshintergrund 2011 Arbeiterquartiere Großsiedlungen 2
Bremen - Segregation von Personen mit staatl. Transfers (SGB II) 2011 3
Ambivalente Debatte um Einflüsse von Migrantenquartieren Rückzug in die eigene ethnische Gruppe Herausbildung von Parallelgesellschaften Selbstgenügsamkeit ethnischer Kolonien (Esser 2000) Das Quartier als ethnischer Schraubstock (Heitmeyer 1998) Spezifische Infrastruktur Solidarische Netzwerke der Orientierung und Stabilisierung Zugang zu Erwerbsarbeit durch migrantische Ökonomie Migrantenquartiere als Brückenköpfe in die Aufnahmegesellschaft 4
Gliederung des Vortrags Ursachen der Herausbildung von Migrantenquartieren Einfluss von Migrantenquartieren auf die Integration - räumliche Konzentration von Einkommensarmut - räumliche Konzentration der Migranten Herausforderungen für die Wissenschaft, Politik und Stadtplanung 5
I. Ursache der Herausbildung von Migrantenquartieren Wohnen im Migrantenquartier Zeichen der Abschottung? Präferenzen - keine Präferenz für das Wohnen unter Migranten der eigenen Gruppe - große Bedeutung des Wohnens in der Nähe der Familie Ökonomische und soziale Restriktionen - geringes Einkommen - Diskriminierung - geringes kulturelles und soziales Kapital Wohnen im Migrantenquartier keine gewollte Abschottung 6
II. Einflussfaktoren von Wohnquartieren auf die soziale Lage Sozial relevante Elemente des Wohnquartiers Das Wohnquartier als Ort der Sachausstattung mit sozialer und kommerzieller Infrastruktur Ressource der Lebensbewältigung - Infrastruktur - soziales Kapital Drehpunkt sozialer Beziehungen Ort sozialen Lernens von - Werten und Normen - Fertigkeiten (Sprache) Träger symbolischer Bedeutungen Ort der - Identifikation - des Identifiziert-Werdens 7
II a: Negative Folgen der räumlichen Konzentration von Armut Migrantenquartiere zumeist Armutsquartiere Mangelnde Ressourcen im Quartier Bauliche Struktur Schlechte Infrastruktur Mangelnde Hilfeleistungen Soziales Lernen im Quartier Abweichende Werte, Normen Symbolische Bedeutung des Quartiers Prozesse der Stigmatisierung und Diskriminierung 8
Negative Quartierseffekte Empirische Befunde Farwick (2001): Negative Effekte der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern auf die Dauer von Armutslagen Verfestigung von Armut Oberwittler (2004): Negative Effekte der räumlichen Konzentration von Sozialhilfeempfängern auf schwere Jugenddelinquenz Verfestigung von sozial abweichendem Verhalten Gestring, Janßen und Polat (2006): Unterschiedliche Effekte zweier Migrantenquartiere auf verschiedene Dimensionen der sozialen Lage Großsiedlung: Benachteiligung durch wenig soziales Kapital Altbau: heterogene Sozialstruktur wirkt positiv auf soz. Lage 9
Negative Quartierseffekte Zwischenfazit Eindeutige Befunde negativer Quartierseffekte auf verschiedene Dimensionen der Lebenslage Bisher ist nur wenig bekannt, durch welche Prozesse (z.b. soziales Lernen, Stigmatisierung) negative Quartierseffekte vermittelt sind Quartierseffekte geringer als Individualeffekte (z.b. Bildung) Zu bedenken ist, dass bestimmte Individualmerkmale - wie z.b. Bildung - auch als Ergebnis kumulierter Quartierseffekte im Lebensverlauf gesehen werden müssen Aus dieser Sicht sollten Kontexteffekte des Wohnquartiers nicht unterschätzt werden 10
II b: Effekte der räumlichen Konzentration von Migranten Ambivalente geführte Debatte um Migrantenquartiere Positive Effekte - soziale und psychische Stabilisierung der Persönlichkeit im vertrauten Migrantenmilieu - Nähe der auf die spezifischen Bedürfnisse ausgerichteten Organisationen und Institutionen - Erleichterter Einstieg in den Arbeitsmarkt durch migrantische Ökonomie Negative Effekte - Verfestigung binnenethnischer Orientierungen - Mangelnde Ausbildung interethischer Kontakte - Behinderung des Erlangens aufnahmelandbezogener kultureller Fertigkeiten (z. B. Sprache) 11
Zusammenhang zwischen der Konzentration von Migranten im Wohnquartier und der strukturellen Eingliederung Kulturelles Kapital Konzentration von Migranten im Wohnquartier Interethnische Kontakte zur ansässigen Bev. strukturelle Eingliederung Soziales Kapital 12
Negative Quartierseffekte Empirische Befunde Konzentration von Migranten Kontakt zur ansässigen Bevölkerung ältere Studien (1980er und 1990er Jahre) Alpheis 1990; Bürkner 1987; Hill (1984) Kremer/Spangenberg 1980; Schöneberg 1993; keine eindeutigen Befunde - Ebene Wohnquartier: keine Effekte - Ebene Wohnhaus, Nachbarschaft: Effekte vorhanden jüngere Studien (ab 2000) Drever 2004; Haug 2005; keine Befunde - Ebene Wohnquartier: keine Effekte 13
Beispielanalyse Bremen Wohnquartier und interethnische Beziehungen Fragestellung Einfluss der räumlichen Konzentration von Migranten Ausmaß an Freundschaftsbeziehungen zu ansässigen Deutschen Gröpelingen 14
Anteil der türkischen Bevölkerung in den Baublöcken, 2003 15
Anteil der türkischen Bevölkerung in den Nachbarschaften, 2003 16
Anteil der türkischen Befragten mit einer Freundschaft zu einer Person deutscher Herkunft Ebene Nachbarschaften 17
Relative Chance der Herausbildung von Freundschaftsbeziehungen zu Personen deutscher Herkunft (logistische Regression) 18
Fazit Beispielanalyse - Bremen Es ist nicht das Wohnquartier, sondern die nähere Nachbarschaft, die für die Herausbildung von sozialen Beziehungen von Bedeutung ist. Folglich hat eher die ethnische Zusammensetzung der näheren Nachbarschaft - unabhängig davon, in welchem Wohnquartier sie liegt - einen signifikanten Einfluss auf das Ausmaß an Freundschaften zu ansässigen Deutschen. Schließlich ist auch die tägl. Aufenthaltsdauer in der näheren Wohnumgebung - als Maß für deren individuelle Bedeutung - für das Ausmaß sozialer Beziehungen zu ansässigen Deutschen relevant. 19
Fazit Effekte von Migrantenquartieren Signifikante Effekte der räumlichen Konzentration von Armut im Quartier auf die Migranten - Frage der letztlich wirkenden Prozesse noch nicht geklärt Keine eindeutigen Befunde hinsichtlich der Effekte der räumlichen Konzentration von Migranten auf Beziehungen zu ansässigen Deutschen - Effekte kommen eher auf der kleinräumigen Ebene der näheren Wohnumgebung zum Tragen Fülle ungeklärter Fragen verweist auf weiteren wissenschaftlichen Forschungsbedarf - Quantitativ: Maßstabsebene, unterschiedliche Bedarfe nach lokaler Infrastruktur, Ausmaß lokaler Netzwerke, Bedeutung des Quartiers - Qualitativ: Prozesscharakter der Einflüsse von Quartieren 20
III. Herausforderungen für Politik und Stadtplanung Strategien des Umgangs mit Armutsquartieren Stabilisierung Quartiersentwicklungsprogramm Soziale Stadt Verbesserung der baulichen und sozialen Situation Verhinderung der Abwanderung stabilisierender Mittelschichten Strategien der De-Konzentration von Armut Rückbau von Großwohnanlagen und kleinteiliger Neubau Ausgewogenere soziale Mischung Imageverbesserung durch Neighbourhood Branding Kleinteiliger Neubau von Sozialwohnungen in gemischten Gebieten Sozial ausgewogenes Belegungsmanagement der Wohnungsbaugesellschaften 21
Herausforderungen für Politik und Stadtplanung Förderung der Integration der Migranten im Quartier Handlungsfelder Wohnen, Wohnumfeld und öffentlicher Raum - Förderung interethnischer Beziehungen - Förderung von Wohneigentumsbildung Soziale und kulturelle Infrastruktur - Förderung von KITAs und Schulen - Interkulturelle Öffnung von Vereinen Migrantische Ökonomie - Beratung, Finanzierung, Qualifizierung Beteiligung der Migranten - niedrigschwellige, praxisnahe Beteiligungsformen - interkulturelle Öffnung der Verwaltung 22
Schlussfazit Bedeutung von Migrantenquartieren Migrantenquartiere haben als port of first entry aufgrund ihrer stabilisierenden Einflüsse generell eine wichtige Funktion insbesondere für neu zugewanderte Migranten Sozialpolitisch bedenklich erscheinen die Überlagerung der migrantischen mit der sozio-ökonomischen Segregation und die damit verbundenen negativen Folgen Zu forcieren sind daher Strategien des Abbaus einer räumlichen Konzentration von Armut von denen sowohl die ansässige Bevölkerung als auch die Migranten profitieren Zusätzlich ist eine spezifische Förderung der Integration der Migranten im lokalen Kontext in verschiedenen Handlungsfeldern von Nöten 23