Alle gleich oder jeder anders?

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Transkript:

Alle gleich oder jeder anders? Störungsspezifisches Arbeiten in der WfbM am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung Dr. Irmgard Plößl Rehabilitationszentrum Rudolf-Sophien-Stift, Stuttgart Werkstättentag Freiburg 2012 1

Übersicht über diagnostische Kategorien der ICD 10 F0: Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen (z.b. Demenz) F1: Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (z.b. Störungen durch Alkohol) F2: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen F3: Affektive Störungen F4: Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen F7: Intelligenzminderung F8: Entwicklungsstörungen F9: Verh. und emot. Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend F99: Nicht näher bezeichnete psychische Störungen

Diagnose spielen bisher keine große Rolle Wir sehen die gesunden Anteile und beschäftigen uns nicht so sehr mit Diagnosen und Krankheit Wir neigen dazu, unsere Klienten in Problemgruppen einzuteilen, z.b. Junge Wilde Forensiker 3

Diagnose spielen bisher keine große Rolle Gruppenleiter/Sozialdienste sind keine Therapeuten. Viele Verhaltensweisen bewähren sich bei allen psychisch Erkrankten Basisstrategien reichen aus 4

Basisstrategien bewähren sich Echtheit Wertschätzender Umgang Tagesstruktur, Positive Aktivitäten Verlässlichkeit, Berechenbarkeit Auf Ressourcen aufbauen Geduld, kleine Schritte 5

Warum sind Diagnosen wichtig? Immer mehr psychisch Erkrankte im Hilfesystem 6

Warum sind Diagnosen wichtig? Neue Diagnosegruppen in Werkstätten, z.b. Persönlichkeitsstörungen Borderline Autismus-Spektrumstörungen 7

Störungsspezifische Strategien jeder anders Mitarbeiter sind im Alltag mit unterschiedlichen Krankheitsbildern konfrontiert: fehlende Einsicht bei Persönlichkeitsstörungen Selbstverletzungen bei Borderline extreme Selbstvorwürfe bei Depressionen etc. 8

Störungsspezifische Strategien jeder anders Zum Verstehen gehört störungsspezifisches Hintergrundwissen Zum Unterstützen gehört Wissen über störungsspezifische Bewältigungsstrategien und Selbsthilfe Dienen der Burnout-Prophylaxe 9

Basisstrategien + Ängste Zwänge Borderline Störungsspezifische Strategien Persönlichkeitsstörungen Psychosen ǂ Therapie Affektive Störungen 10

Was ist Borderline? Borderline ist eine tiefgreifende, aber vorübergehende Störung der Emotionsregulation und des Selbstbildes, mit verzweifelten Versuchen, damit umzugehen. M. Bohus, 2004 11

Borderline in Zahlen Prävalenz: ca. 2% der Bevölkerung Männer : Frauen 1:1 80% kommen zwischen 14 und 19 Jahren erstmals in Behandlung Diagnose aber erst ab 18. Lebensjahr 80% in psychiatrischer Behandlung Suizidrate 7-10%

Borderline und Genesung Gesundung ist möglich! Viel häufiger, als gedacht! Gesundung ist ein längerfristiger Prozess Symptome und Dynamik verändern sich Tragfähige soziale Beziehungen sind wichtig Störungsspezifische Hilfe ist zentral Medikamente spielen eine untergeordnete Rolle A. Knuf

14

Selbstverletzungen - Funktion Dienen der emotionalen Entlastung (wieder handlungsfähig werden) Sind eine (inadäquate) Form der Sprache. Schmerz ausdrücken können, besser als mit Worten Können zur Lebensaufgabe werden ( das Einzige, das ich wirklich gut kann ) Klientinnen haben Angst, Zuwendung zu verlieren, wenn sie auf Selbstverletzungen verzichten 15

Selbstverletzungen - Umgang Wenn notwendig für professionelle Wundversorgung sorgen Keine Vorwürfe, keine besondere Aufmerksamkeit Müssen gesehen werden, sonst Intensivierung Nicht ignorieren, die zugrunde liegende Not ansprechen (Eisberg-Modell) 16

Selbstschädigung nicht allein sein können Wut Suizidversuche Selbstverletzung Sucht Idealisierung/ Abwertung innere Leere Unsicherheit Instabilität innere Anspannung Gefühlschaos Wer bin ich? innerlich Weggleiten Angst eigene Leistungen nicht einschätzen können Anja Link & Christiane Tilly 17

Hilfreicher Umgang Behandelt sie nicht wie rohe Eier, sonst benehmen sie sich wie rohe Eier. (M. Linehan 2006) 18

Arbeit und Borderline Borderliner sind im Werkstattumfeld teilweise überfordert (Nähe-Distanz- Regulation) und häufig unterfordert (Arbeit, Verantwortung, Emotionalität) gleichzeitig Bei Unterforderung verstärken sich die Symptome 19

Arbeit und Borderline Borderliner haben Schwierigkeiten, ihre Leistungsfähigkeit und Begabung einzuschätzen Völlig unterschiedliche Berufswünsche Nicht auf jeden Zug gleich mit aufspringen!! 20

Arbeit und Borderline Typische Problembereiche: Perfektionismus Kollegen sind keine Freunde 21

Arbeit und Borderline Klare Rollendefinition der professionellen Helfer in WfbM: keine Therapeuten, aber Coaches/Bergführer Verantwortung bei den Klienten lassen Passive Aktivität der Klienten beachten Kein innerer Maulkorb, keine inneren Dramatisierungen bei den Helfern 22

Arbeit und Borderline Gruppenangebote wichtig: Skills-Gruppe DBT STEPPS www.dachverband-stepps.de Trialog www.borderlinetrialog.de Selbsthilfe anregen (Skills) 23

Notfallkoffer 24

Skills-CD 25

Literatur Andreas Knuf: Leben auf der Grenze. Erfahrungen mit Borderline. 2011 Andreas Knuf, Christiane Tilly: Borderline: Das Selbsthilfebuch. 2005 Matthias Hammer, Irmgard Plößl: Irre verständlich. Menschen mit psychischer Erkrankung wirksam unterstützen. 2012 26

Menschen, die ein tiefsitzendes Gefühl des Vertrauens in ihre Fähigkeiten besitzen, Verstehbarkeit Ich verstehe, wie unterschiedliche Krankheitsbilder entstehen Handhabbarkeit Ich weiß, wie ich mich gegenüber den Klienten verhalten und sie unterstützen kann Sinnhaftigkeit Ich sehe die Bedeutung und Wichtigkeit Meiner Arbeit...sind objektiv gesünder und meistern Veränderungen besser Frei nach S. Antonovsky und S. Gregersen

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Dr. Irmgard Plößl Rehabilitationszentrum Rudolf-Sophien-Stift Schockenriedstraße 40 70565 Stuttgart Tel.: 0711 / 1693150 ploessl@rrss.de www.rrss.de www.irre-verstaendlich.de 28