Wirtschaft und Sprache

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Transkript:

forum ANGEWANDTE LINGUISTIK BAND 23 Wirtschaft und Sprache Kongreßbeiträge zur 22. Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik GAL e.v. Herausgegeben von Bernd Spillner PETER LANG Frankfurt am Main Berlin Bern New York Paris Wien

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Wirtschaft und Sprache / hrsg. von Bernd Spillner. - Frankfurt am Main ; Berlin ; Bern ; New York ; Paris ; Wien : Lang, 1992 (Forum angewandte Linguistik ; Bd. 23) (Kongreßbeiträge zur... Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik, GAL e.v.; 22) ISBN 3-631-45124-5 NE: Spillner, Bernd [Hrsg.]; 1. GT; Gesellschaft für Angewandte Linguistik: Kongreßbeiträge z u r... Umschlag: Carola Vogel ISSN 0937-406X ISBN 3-631-45124-5 Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1992 Alle Rechte Vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt Insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany 1 2 3 4 6 7

147 Die gewendete Sprache der DDR-Führung und die Sprache des Volkes im Herbst 1989 - Verharrungsvermögen und Dynamik von Strukturen im öffentlichen Sprachgebrauch Claudia Fraas/Kathrin Steyer Der Vortrag sollte als ein Diskussionsangebot dazu verstanden werden, welche linguistischen Fragestellungen und Probleme lohnend sein können, im Kontext der wissenschaftlichen Diskussion um sprachliche Phänomene vor, während und nach der Wende und im vereinigten Deutschland auf der Basis umfangreicher Recherchen und Analysen untersucht zu werden. Als empirische Grundlage der Überlegungen dient dabei das "Wende-Korpus", das im vergangenen Jahr in gemeinsamer Arbeit des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft Berlin und des Instituts für deutsche Sprache Mannheim aufgebaut wurde. Das Korpus dokumentiert in seiner Komplexität sehr plastisch die dramatischen Veränderungen des Herbstes 1989 und des Jahres 1990. Eines der zentralen Probleme scheint uns in diesem Zusammenhang in der Frage zu liegen, welche sprachlichen Erscheinungen dieser Phase eher temporärer und welche wirklich dauerhafter Natur sind, wie diese intensive Phase sprachlicher Entwicklung in Prozesse der deutschen Gegenwartssprache überhaupt einzuordnen ist und welche besonders prägnanten sprachlichen Mittel, kommunikativen Verfahren und Strategien einen Geltungsbereich besitzen, der über diesen Abschnitt hinausreicht. Wenn nach Veränderungen gefragt werden soll, muß zuerst der Vorzustand differenziert beschrieben werden. In der DDR gab es mindestens drei verschiedene Bereiche des Kommunizierens, die im Zusammenhang mit der Betrachtung der Wende als wesentlich gelten können: 1. Der öffentliche Diskurs (auf politischen Veranstaltungen, in den Medien, in

148 Institutionen), der eine fast autarke Kommunikationswelt darstellte, die nicht repräsentativ für das Deutsche in der DDR war. 2. Der "halböffentliche" Diskurs (in Kirchen und Oppositionsgruppen, auch im kulturellen Bereich, in Parteien und Interessengruppen), der durch einen gewissen institutioneilen Rahmen geprägt und sehr abhängig von der jeweiligen Gruppenstruktur und den jeweiligen kommunikativen Normen war. 3. Der privat-zwischenmenschliche Diskurs (im Kollegen-, Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis), der sich nicht wesentlich von der Alltagskommunikation in den alten Bundesländern unterschied. Für eine korrekte Bewertung der Entwicklung in dem zu analysierenden Zeitraum ist zu berücksichtigen, daß sich sowohl quantitativ als auch qualitativ zwischen den einzelnen Bereichen erhebliche Unterschiede ergeben. Die Veränderungen, die sich mit der Wende in der Sprachverwendung und im kommunikativen Verhalten der DDR-Sprachgemeinschaft vollzogen haben, sind in sehr verschiedenem Maße ausgeprägt: 1. Der offizielle Diskurs der ehemaligen DDR verschwand, er verlor innerhalb weniger Wochen seine Existenzgrundlage. Allerdings gab es noch eine sprachlich sehr aufschlußreiche Übergangsphase gewendeter DDR-Politiker, die versuchten, ihre Kommunikationsweise den neuen Gegebenheiten anzupassen. 2. Die Sprachverwendung in den DDR-Medien erfuhr eine fundamentale Veränderung. Zum einen drangen in starkem Maße Elemente und Strukturen der Alltagskommunikation in den öffentlichen Diskurs ein, was unter DDR-Bedingungen kaum möglich gewesen wäre. Zum anderen paßte sich der offizielle Diskurs der DDR relativ schnell an westliche Muster an. 3. Der "halböffentliche"diskurs breitete sich aus. Zahlreiche Elemente dieser Zwischenebene drangen nicht nur sowohl in die öffentliche als auch in die alltägliche Sprache ein, sondern prägten sie in entscheidendem Maße, u.a. durch den Einfluß der Kommunikationskultur der Bürgerbewegungen mit ihren oppositionellen und basisdemokratischen Wurzeln. Es entstanden neue Kommunikationsformen, -Situationen und -textsorten (z.b. auf den Montagsdemonstrationen oder am Runden Tisch). 4. Der privat-zwischenmenschliche Diskurs erfuhr keineswegs gleichermaßen dramatische Veränderungen. Der Wandel hier hatte und hat vor allem mit der Veränderung der Lebensumstände zu tun. Die Übernahme eines anderen Gesellschaftsmodells führte zur Thematisierung von Gegenstandsbereichen, die für die DDR neu waren (Marktwirtschaft, Strukturveränderungen, juristische Fragen, Renten und Versicherungen, Geldanlage usw.). Demonstriert wurde das Spannungsverhältnis von Verharrungsvermögen und Wandel sprachlicher und kommunikativer Strukturen an drei Textbereichen aus dem Korpus: 1. an den Losungen zum 1. Mai 1989, die in der SED-Zeitung "Neues Deutschland" einige Wochen vor diesem Feiertag veröffentlicht wurden (als eine Form der kommunikativen Vorgeschichte), 2. an Äußerungen von Günter Schabowski, einem Politbüromitglied, das als

149 Mitinitiator des Sturzes von Erich Honecker galt (als eine Form von Übergang ohne Wandel), 3. an Sprechchören und Sprüchen auf den großen Demonstrationen des Herbstes 1989 in der DDR (als eine Form von Wandel).