Phonologie, Silbenphonologie

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1 Einführung in die Sprachwissenschaft des Deutschen Phonologie, Silbenphonologie PD Dr. Alexandra Zepter

2 Systemorientierte theoretische Linguistik Syntax Morphologie Phonetik/Phonologie Graphematik (Semiotik) Semantik Pragmatik: Textlinguistik

3 Überblick Phonetik und Phonologie (des Deutschen): Einstieg: Lautliche Struktur Artikulatorische Phonetik Phonologische Prozesse Phonologie Silbenphonologie Graphematik, orthographische Muster

4 R-Varianten /m/ vs. /h/

5 Phonologie Worum geht es in der Phonologie? Untersuchung der kleinsten (aus der Rede abstrahierbaren) lautlichen Segmente einer Sprache und der Prinzipien/Regeln der Struktur dieser Lautsegmente (welche Laute können zu welchen Worten kombiniert werden etc.)

6 Lautinventar vs. Phoneminventar Erinnere: Jede Sprache wählt ihr Lautinventar aus einer universalen Grundmenge möglicher Laute. Aber nicht alle Laute (= Phone) einer Sprache haben in dieser auch Phonemstatus! Phoneme einer Sprache = Untermenge der Phone einer Sprache

7 Lautinventar vs. Phoneminventar Die Phoneme einer Sprache sind die kleinsten lautlichen Einheiten (Lautsegmente), die potenziell bedeutungsunterscheidend/-differenzierend sind! Was hat man sich darunter vorzustellen?

8 Was ist ein Phonem? Wann ist ein Phon bedeutungsunterscheidend? Bzw. wie stellen wir das fest? Durch Minimalpaare: Wenn der Austausch eines einzelnen Lautsegments innerhalb eines ansonsten gleich lautenden Wortes einen Bedeutungsunterschied erzeugt, dann handelt es sich bei den beiden Lauten um Phoneme: [li:bә] vs. [hi:bә] [bi:tәn] vs. [bitәn] [bi:r] vs. [gi:r]

9 Minimalpaare bestehen aus: zwei Wörtern, die sich nur in einem Phon unterscheiden zwei Wörtern, bei denen der Austausch eines einzigen Phons eine Bedeutungsunterscheidung bewirkt indigenen (einheimischen) Wörtern Wörtern, die keine Eigennamen sind ein- bis zweisilbigen Wörtern Mitgliedern derselben Wortklasse

10 Minimalpaare Bei welchen der folgenden Wortpaare handelt es sich um Minimalpaare? Beachte: Für die Phonemermittlung ist die Phonstruktur (die lautliche Struktur) relevant, NICHT die graphische Form! a. Hüte / Hütte b. Nase / Phase c. Tasche / nasche d. Mund / Hund

11 Phonemanalyse Der folgende Korpus besteht aus vier verschiedenen Wörtern. Legen Sie die Lautstruktur zu Grunde und bestimmen Sie die Phoneme auf der Basis möglicher Minimalpaarbildung: rot, tat, tot, tal

12 Phonemanalyse Der folgende Korpus besteht aus fünf verschiedenen Wörtern. Legen Sie die Lautstruktur zu Grunde und bestimmen Sie die Phoneme auf der Basis möglicher Minimalpaarbildung: Bast Rest Gast Pest Rast

13 Phonem als Bündel distinktiver Merkmale

14 Phonem als Bündel distinktiver Merkmale Das Phonemsystem unserer Sprache wird durch das Inventar distinktiver Merkmale strukturiert Beispiel: [b] in [bi:nə] Artikulationsort: + bilabial Artikulationsart: + Plosiv + / stimmhaft: + stimmhaft Merkmalsbündel von [g], [f], [m]?

15 Was ist ein Allophon? Warum haben nicht alle Phone einer Sprache Phonemstatus? Die Möglichkeit der komplementären Verteilung Konzept Allophon Beispiel (Daten aus den Language Files, S. 97): Hier sehen Sie deutsche Lexeme, die entweder ein [x] oder ein [ç] enthalten: [axt], [bu:x], [lɔx], [ho:x], [flʊxt] [Iç], [εçt], [šprε:çə] ( (ich) spräche ), [Ri:çən]

16 Was ist ein Allophon? Beispiel [x]/[ç] [axt], [bu:x], [lɔx], [ho:x], [flʊxt] [Iç], [εçt], [šprε:çə] ( (ich) spräche ), [Ri:çən]

17 Was ist ein Allophon? Beispiel [x]/[ç] Warum sind [x] und [ç] im Deutschen keine Phoneme? Beide Phone sind im Deutschen komplementär verteilt und als solches Allophone desselben abstrahierten Phonems [[x]/[ç]] (Auswahl Default)! (Herausforderung für die Analyse: tauchen/tauchen)

18 Komplementäre Verteilung Das Phänomen der komplementären Verteilung macht uns auch deutlich: Nicht alle Laute einer Sprache sind in dieser auch in allen Lautkontexten bzw. prosodischen Kontexten erlaubt! (Fortsetzung Silbenstruktur...) Erfinden Sie deutsche Phantasiewörter, in denen der Laut [x] oder [ç] vorkommt. Was sind mögliche deutsche Wörter, was sind unmögliche deutsche Wörter?

19 Komplementäre Verteilung Ein weiteres Beispiel für komplementär verteilte Allophone im Deutschen? Aspirierte vs. nicht aspirierte Plosive Aspiration: Je nach Druck des Verschlusses bei Plosivbildung kann im Übergang zu/von Vokalen (notwendig stimmhaft) ein Phänomen der Behauchung auftreten.

20 Komplementäre Verteilung Aspirierter stimmloser Plosiv (nur im absoluten Anlaut) vs. nicht aspirierter stimmloser Plosiv (nach anlautendem Frikativ): [p h εç] Pech [špεçt] Specht [t h a:l] Tal [šta:l] Stahl [k h a:tə] Kate [ska:t] Skat Beachte: Freie Variation der Behauchung im Auslaut!

21 Freie Variation von Allophonen Beachte: Allophone können auch in freier Variation auftreten! Im Deutschen sind z.b. [r], [ʁ] und [ʀ] frei variierende Allophone des Phonems /R/: Je nach Sprecher (unterschiedlicher deutscher Dialekte) finden wir etwa [bi:r] oder [bi:r].

22 Was ist ein Allophon? Beachte: In anderen Sprachen, z. B. Hebräisch, haben sowohl [x] als auch [ç] Phonemstatus! Sprachen können sich hinsichtlich ihrer Menge von Phonemen unterscheiden: Was in Sprache X ein Allophon ist, kann in Sprache Y ein Phonem sein und umgekehrt!

23 Exkurs: Phonologie vs. Morphologie Zwischenfazit: In der Phonologie untersuchen wir den Aufbau bzw. die Struktur und die Distribution (Verteilung) von Phonen, Phonemen und Silben (zur Silbe und zur prosodischen Struktur vgl. im Folgenden). Phoneme = die kleinsten lautlichen bedeutungsdifferenzierenden Segmente einer Sprache

24 Exkurs: Phonologie vs. Morphologie In der Morphologie untersuchen wir den Aufbau bzw. die Struktur und die Distribution (Verteilung) von Morphemen! Morpheme die kleinsten sprachlichen Einheiten, die als solches bedeutungstragend sein können Morphem = kleinste sprachliche Einheit, die entweder Bedeutung trägt oder eine grammatische Funktion erfüllt

25 Überblick Silbenphonologie Silbenstruktur: Grundaufbau von Silben Silbenstrukturvariation Sonoritätshierarchie Prosodie: Prosodische Merkmale Akzentzählende Sprachen Trochäus und andere Versfüße

26 Die Silbe Aus griechisch syllabe das beim Sprechen Zusammengefasste : Wir können gesprochene Silben zwar intuitiv wahrnehmen, aber bisher nicht wissenschaftlich erklären, was sie eigentlich sind!

27 Die Silbe Beachte: Jede Sprache hat (gesprochene) Silben, aber ähnlich wie bei den Allophonen und Phonemen entscheidet jede Sprache, welche Silbenformen sie (aus einer universalen Grundmenge möglicher Silbenformen) zulässt. Akzentzählende Sprache (z.b. Deutsch): Unterschiedliche Betonung von Silben/Hervorhebung von Elementen ist relevant für den Wortaufbau!

28 Die Silbe Welche möglichen Silbenformen gibt es im Deutschen? Wir können eine gesprochene Silbe als Kombination aus Konsonanten (C) und Vokalen (V) beschreiben. Bestimmen Sie anhand der folgenden Daten, welche CV-Muster im Deutschen möglich sind! [šlaxt] [he:fə] [tsø:kliŋ] [axt] [gənau] [anfal] [laxt] [krε:mɐ] [štrʊmpf] [ʔεRnst] [akura:t] [ge:ən]

29 Die Silbe Ergänzende Anmerkung zu [ʔεRnst] vs. [akura:t]: Im Standarddeutschen sind nur [ʔεRnst] und [ʔakuRa:t] möglich, da bei einfachem anlautenden Vokal grundsätzlich davor ein Knacklaut (glottal stop) produziert wird. In weiten Bereichen des Oberdeutschen (z.b. Schweizerdeutsch) wird jedoch kein Knacklaut produziert: [εrnst], [akura:t]

30 Die Silbe Wir können die Silbe grundsätzlich in drei Grundelemente aufteilen: Anfangsrand (Onset) Silbenkern (Nukleus) Endrand (Koda) Silbenkern und Endrand bilden zusammen den Reim

31 Die Silbe hierarchisches Modell Beispiel: [šlaxt] Onset: šl Reim Nukleus: a Koda: xt [ Silbe Anfangsrand [ Reim Kern Endrand] ]

32 Die Silbe Im Deutschen muss eine Sprechsilbe mindestens einen Silbenkern aufweisen (V oder VV oder silbengipfelbildender Konsonant (Sonorant)). Ebenso möglich sind die Kombinationen: Anfangsrand plus Kern = offene Silbe CV-Silben gibt es in allen Sprachen sie bildet so etwas wie den Prototyp einer Silbe; im Deutschen kann der Anfangsrand auch komplex sein (CCV) Kern plus Endrand = geschlossene Silbe Im Deutschen kann der Endrand komplex sein (VCC) Anfangsrand plus Kern plus Endrand = geschlossene Silbe Wieder können sowohl Anfangsrand als auch Endrand komplex sein (CCVC, CVCC, CCVCC, CCCVCCCC)

33 Die Silbe Beachte: Das Deutsche schöpft das gesamte Spektrum der logisch möglichen Kombinationen der Silbengrundelemente aus. Es gibt auch andere natürliche Sprachen, die das zulassen (z. B. das Englische), aber: Wieder andere natürliche Sprachen haben ein weit geringere Zahl an Strukturmöglichkeiten; vgl. z. B.: Hebräisch: CV, CVC, CVCC Hawaiianisch: V, CV Indonesisch: V, VC, CV, CVC Welchen möglichen Kombinationen der Silbengrundelemente entspricht dies jeweils? Alle natürlichen Sprachen erlauben den so genannten Prototyp der Silbe: CV.

34 Besondere Silbenmuster des Deutschen Folgt dem Vokal nur 1 Konsonant: [kra:n] Onset: kr Reim Nukleus: a: Koda: n Der Vokal im Kern ist gespannt (und lang)!

35 Vokalqualität in geschlossener Silbe Mehr als 1 Konsonant im Endrand: [kraft] Onset: kr Reim Nukleus: a Koda: ft Der Vokal im Kern ist ungespannt (und kurz)!

36 Übung Gruppenarbeit Wortliste erstellen und mit der Nachbargruppe tauschen Lautstruktur erschließen: Konsonanten und Vokal der gesprochenen Formen Silbenstruktur erschließen

37 Besondere Silbenphänomene Besonderheit des Deutschen: Was ist mit der Silbenstruktur der lautlichen Form von Hütte? Wie viel Konsonanten hat das phonologische Wort?

38 Silbengelenke Silbenstruktur von [hytә] (CVCV)? Beachte, dass die Lautstruktur nach dem 1. Silbenkern nur einen Konsonanten aufweist! Es ist nicht eindeutig messbar, ob dieser Konsonant zur ersten oder zur zweiten Silbe gehört, also im Endrand der ersten oder im Anfangsrand der zweiten Silbe steht!

39 Silbengelenke Das [t] in [hytә] bildet zugleich die Koda der ersten und den Onset der folgenden Silbe: Solche Konsonanten können als Silbengelenke analysiert werden! Alternative Analyse: Fester (vs. loser) Anschluss

40 Exkurs: Morphem vs. Silbe Achtung: Morphem (Stamm, Affix) ist nicht gleich Silbe! Wir dürfen nicht Silben- und Morphemanalyse verwechseln. Beide Kategorien können, müssen sich aber nicht überschneiden. Daher ist die deutsche Terminologie der Vorsilbe und Nachsilbe, die normalerweise jeweils für Präfix und Suffix verwendet wird, auch höchst irreführend! (Sollte also vermieden werden.)

41 Exkurs: Morphem vs. Silbe Bestimmen Sie für die Lautstruktur der folgenden Wörter die Silbenstruktur und die Morphemstruktur (Stämme, Affixe): bemalen, unterschreiben, Gewitter, Mutter, Geschreie, Badewanne, hinab, verkaufen, lustig, Übertreibung, Heiterkeit

42 Phonotaktik Was fällt hinsichtlich der Silbenstruktur an den Lautungen der folgenden deutschen Wörter auf? Kram vs. Mark Knut vs. Kant Blöd, bald, kalt, Pranke, herb, Hand, Flasche, Ralf, Hals, Schleife etc.

43 Phonotaktik Im Onset: Plosiv + Nasal; Plosiv + Lateral; Plosiv + Vibrant; Frikativ + Lateral aber nicht umgekehrt! In der Koda: Nasal/Lateral/Vibrant + Plosiv/Frikativ aber nicht umgekehrt! Welches Muster zeigt sich hier?

44 Phonotaktik

45 Erinnerung: Sonorität Turbulenz entsteht im Luftstrom hinter der Verengung derart wenig Schallfülle (Sonorität): Obstruenten in stimmloser oder stimmhafter Variante möglich Plosive Frikative Affrikate

46 Erinnerung Sonorität Konsonanten ohne Turbulenz sind sonor und können akustisch wie Vokale auch als Klänge gefasst werden: Son(or)anten immer stimmhaft Nasale Liquide Laterale Vibranten

47 Sonoritätshierarchie Im Onset: Obstruent + Sonorant aber nicht umgekehrt! In der Koda: Sonorant + Obstruent aber nicht umgekehrt! Tendenz: Steigende Sonorität hin zum Nukleus!

48 Sonoritätshierarchie (vgl. Maibauer u.a. 2008: 109) Plosive Frikative Nasale Laterale Vibranten Silbengipfel Obstruenten Sonoranten Vokale

49 Sonoritätshierarchie Überprüfen Sie die Sonoritätshierarchie in folgenden Lautsequenzen: Preis, Kraft, Strick, Schlag, blond, Gips, Takt Welche Lautsegmente verletzen das Sonoritätsprinzip?

50 Sonoritätshierarchie + Ausnahmen Regel: Im Anfangsrand muss die Sonorität steigen, weshalb eine Abfolge Sonorant + Obstruent ausgeschlossen ist: *[lk] Im Endrand muss die Sonorität fallen, weshalb eine Abfolge Obstruent + Sonorant ausgeschlossen: *[kl]

51 Sonoritätshierarchie + Ausnahmen Achtung: Viele Ausnahmen, die zusätzlich über Silbenstrukturbedingungen ausgedrückt werden müssen, z.b.: *[tl] oder *[zr] im Anfangsrand, obwohl das Sonoritätsprinzip hier beachtet wird [st] oder [sk] im Anfangsrand, obwohl das Sonoritätsprinzip hier verletzt wird

52 Prosodie Für die Organisation der Lautstruktur einer Sprache spielen auch prosodische bzw. suprasegmentale (= die einzelnen Segmente/Phone übergreifende) Merkmale eine wesentliche Rolle! Intonation = Gesamtheit der prosodischen Eigenschaften lautsprachlicher Äußerungen (Silben, Wörter, Phrasen)

53 Prosodie Intonation Intonation beruht auf dem Zusammenwirken von: Akzent (Intensivierung der Muskelaktivität) Tonhöhenverlauf In großen Teilen abhängig von der Frequenzzusammensetzung (Periodendauer) Pausengliederung steht in der Regel in unmittelbarem Bezug zum Akzent und Tonhöhenverlauf Pausen treten nicht notwendig (nur) an Wort- oder Satzgrenzen auf!

54 Intonation Pausengliederung Pausengliederung Beispiel Junktur: Junktur wird oft, aber nicht notwendig realisiert als Pause: Grenze zwischen Morphemen, welche die regelhaften, positionsbedingten Veränderungen zwischen zwei dort aufeinander folgenden Lauten unterbindet Erinnere: tauchen [taɔ.xən] vs. Tau#chen [taɔ.çən] Junktur zwischen tau- und -chen

55 Intonation Akzent Akzent = Betonung durch Intensivierung der Muskelaktivität Akzent bewirkt: Steigerung der Lautstärke (Schallintensität) Steigerung der Tonhöhe (Grundfrequenz) Erhöhung der Dauer (Quantität), z.b. durch Dehnung der Laute erinnere, dass unter Betonung ein gespannter Vokal lang gesprochen wird

56 Intonation Akzent Akzent ist als Haupt- oder Nebenakzent möglich und kann unterschiedliche Struktureinheiten betreffen: Silbenakzent dabei möglich: prominente Silbe nicht-prominente (nicht reduzierte) Silbe Reduktionssilbe = unbetonbar! Wortakzent Wortgruppen- oder Satzakzent

57 Intonation Akzent Dynamischer Akzent (Englisch stress): bedingt durch verstärkten Atemdruck (z.b. beim Wortakzent im Deutschen) Musikalischer Akzent (Englisch pitch): bedingt durch Variation der Tonhöhe oder des Tonhöhenverlaufs, der sich über mehrere sprachliche Einheiten erstrecken kann (Silben, Wörter, Wortgruppen)

58 Prosodie des Deutschen Akzentbasierte/akzentzählende Sprache Wechsel zwischen betonten und unbetonten (bzw. nicht betonbaren) Silben Rhythmus durch Versfüße! Intervalle (Zeitabstände) zwischen akzentuierten Silben (über die Wortgrenzen hinweg) etwa gleich lang ev. komplexere Silbenstruktur zur Intervallangleichung (Reduktionsilben, Silbengelenke etc.) Silbenzählende Sprachen (meist mit einfacher Silbenstruktur; z.b. Französisch Türkisch): Intervalle zwischen einzelnen Silben etwa gleich lang (Hypothese)

59 Akzentmuster im Deutschen Silbenakzentstruktur im Deutschen bei mehrsilbigen Wörtern trägt eine Silbe den Hauptakzent Wörter erhalten derart eine Fußstruktur: Welche Akzentmuster überwiegen? Welcher Art (Vers-)Füße gibt es im Deutschen?

60 Übung: Akzentmuster des Deutschen Daten sammeln: Aschenputtel Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank und als sie fühlte, dass ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein. Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau. Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da fing eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!, sprachen sie. Wer Brot essen will, muss es verdienen: hinaus mit der Küchenmagd. Sie nahmen ihm seine schönen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an und gaben ihm hölzerne Schuhe. Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!, riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da musste es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. [...]

61 Deutsch = trochäische Sprache Versfuß Trochäus als Basisform zentral: Zweisilber aus 1. einer betonten Hauptsilbe und 2. einer unbetonbaren Reduktionssilbe fra gə

62 Akzentstrukturen im Deutschen Einsilbige Wörter immer betont: Hut, Wal, Los, Fuß... Mögliche Füße im Deutschen: Trochäus XX (betont, unbetont) z.b. Frage Wenige Zweisilber mit umgekehrter Betonung (z.b. Fremdwörter, Derivata): Jambus XX (unbetont, betont) z.b. Figur, Kamel, Gesicht Im Übrigen viele Dreisilber: Daktylus XXX (betont, unbetont, unbetont) z.b. Ananas, Marzipan Amphibrachys XXX (unbetont, betont, unbetont) z.b. Banane, Garage, Gardine Anapäst XXX (unbetont, unbetont, betont) z.b. Produktion, Elefant, Melodie Beachte: Der Wortakzent bleibt bei Flexion erhalten!

63 Prosodische Variation: Sprechtempo Je nach Sprecher und/oder Situation kann das Sprechtempo einer sprachlichen Äußerung variieren: lento allegro presto, prestissimo lento eher in formellen, förmlichen Gesprächen Explizitlautung presto eher in informellen, umgangsprachlich formulierten Gesprächen

64 Aussprachevariation Abhängig von Situation bzw. Register (funktional gebundene Variation), Varietät und Dialekt kann phonetische und prosodische Variation differente Lautungen desselben Wortes bedingen: Umgangslautung; Dialekt Explizitlautung jeder Laut ist erkennbar; Bezugsgröße für die Standardlautung Beachte zum Schwa-Laut: systematisch nur in Explizitlautung Pilotsprache besondere Zerdehnung bei der Lautung; künstliche Darstellung der Laute als fixe Korrelate einzelner Buchstaben

65 Ausblick Graphematik Wir haben inzwischen Einblick in die phonologische, die prosodische und die morphologische Struktur des Deutschen erhalten. Alle drei Dimensionen spielen eine Rolle für die deutsche Orthographie! Thema Graphematik: Grundeinheiten einer Alphabetschrift: Buchstaben und Grapheme Phonographische, silbische und logographische Aspekte der deutschen Wortschreibung Orthographische Muster des Deutschen

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