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1 GRUNDTVIG-Workshop Brokers Beggars Bon vivants Stellen Sie sich einmal vor: Sie bewegen sich drei Tage durch eine Großstadt ohne Geld. Kein Grillwürstchen am Straßenrand, Busse und U-Bahnen sind tabu, der Geldautomat bietet keine Rettung, und der Gang zur Toilette gleicht einem Abenteuer. Oder: Sie erzielen Traumrenditen aus der Spekulation auf Staatsanleihen, leisten sich eine Luxusjacht, gründen einen Think Tank und nehmen am Weltwirtschaftsforum in Davos teil. Verschieden gefüllte Geldbeutel verschiedene Welten People making money, people made by money Geld ist das zentrale Medium unserer Gesellschaften. Wer als Einzelne/r kein Geld hat, gerät in Not; wenn kein Geld im Umlauf ist, bricht das gesamte Wirtschaftsleben zusammen. Neben dieser ökonomischen Funktion gibt es kulturelle Muster im Umgang mit Geld. Eines davon ist das Bestreben, möglichst viel Geld zu machen. Es mag in dem Bedürfnis nach Sicherheit, Selbstverwirklichung oder Status begründet sein. Daneben wirken verschiedene gesellschaftliche Werte, Traditionen und Konventionen auf individuelle Einstellungen zum Geld ein. Menschen werden daher durch das Geld auch gemacht. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich eine Vielfalt des Geldverhaltens. Vereinfacht gesprochen wird das Gesetz der Geldmehrung zelebriert ( Broker ), provoziert ( Beggars ) oder kreativ gewendet ( Bon vivants ). Trifft dies auch auf andere Länder Europas zu? Wie wird dort Geld interpretiert? Und warum gibt es derzeit massenhaft faules Geld? Was muss sich ändern, damit die Krise überwunden wird? 1

2 Vom fand in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin der GRUNDTVIG Workshop Brokers Beggars - Bon Vivants. People making money, people made by money statt. Im Mittelpunkt standen im Wesentlichen folgende Fragen: Was ist die Funktion von Geld und Kredit in Marktwirtschaften? Wie sieht die Lebenswelt von Menschen aus, die nur Kleingeld oder die großes Geld haben? Wie werden Menschen durch das Geld gemacht, und wie können wir selbst bewusster mit Geld umgehen? Mary A.,58 English Teacher, Italy I was born and grew up in a third world reality, Addis Abeba (Ethiopia), a land densely inhabited by brokers, beggars and bon vivants. This has, of course, strongly influenced my vision of life and money as parallel/ converging /diverging values. Was ist Geld? (Geld als Zettel, Basis: Akzeptanz und Vertrauen; Tauschmittel Recheneinheit - Wertaufbewahrungsmittel, Kredit; Währung, 2-stufiges Bankensystem) Es kamen 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus neun Ländern im Alter zwischen 19 und 67 Jahren zusammen. Sie waren erwerbslos, Studierende, Projektarbeiter oder Bankangestellte und brachten Erfahrungen aus Ost (Bulgarien, Rumänien, Lettland), Süd (Italien), Nord (Schottland), West (Frankreich, Luxemburg) und der Mitte Europas (Polen, Deutschland) ein. Sie erarbeiteten sich die Geschichte des Geldes, besuchten das Kaffee Bankrott, interviewten Macher des Straßenmagazins Der Strassenfeger, erkundeten die Deutsche Bank der Zukunft, sprachen mit deren Filialleiterin und debattierten mit Engagierten für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Ihre Erfahrungen verarbeiteten sie auf kreative wie spielerische Weise mit der Methode des Soziodramas. Dadurch konnte der Lernprozess weitgehend teilnehmerorientiert gestaltet werden. Die Kontraste im Workshopprogramm und die heterogene Gruppenzusammensetzung gaben die Möglichkeit, mentale soziale Grenzen bewusst werden zu lassen und die Bereitschaft zu stärken, sie zu überwinden. Polina N., 22 Student, Bulgaria Money is like everything else in the world when you have too much of it it becomes dangerous. For many people money is like a drug. And it seems that in our nowadays life more and more people are addicted to it. 2

3 METHODENVIELFALT Die großen Zusammenhänge und das kleine Leben In dem Workshop hat es sich bewährt, oftmals Getrenntes aufeinander zu beziehen: das neutrale Geld und höchst unterschiedliche soziale Welten, theoretischen Input und die konkrete Lebenssituation der Teilnehmenden, die größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge und den Einzelnen in seinem unmittelbaren Umfeld. Der Unterricht wird zum Lokaltermin dieser Formulierung Erich Kästners folgend unternahmen wir Exkursionen zu Orten, in denen Menschen mit Kleingeld verkehren und solchen, an denen großes Geld gemacht wird. Paula D. 34 unemployed, active working and mother, Poland There is no reason to think that in societies where the level of poverty is higher, there are less happy people than in the richer ones. Gabriele Sch., 54 Money gives the opportunity to take part in cultural life but the most valuable things do not cost anything. Heiko G. 67 Project engineer Luxembourg Money is critical to the life of any person in many ways because it is vital to survival in today s 3

4 Rollentausch Herzstück des Soziodramas Beim Soziodrama handelt es sich um angeleitete, improvisierte Rollenspiele, bei denen die Teilnehmenden sich in die Situation anderer versetzen und ausprobieren, wie sich diese Rolle für sie anfühlt. Sie konnten erfahren, wie die Welt aus den Schuhen einer anderen Person aussieht. Durch die Selbstverfremdung wurden Gefühle und Überlegungen sagbar. Zugleich konnten die Teilnehmenden einen neuen Blick auf die gesamte Gesellschaft und ihre Netzwerke und Verflechtungen entwickeln. Einige wussten ihre Beiträge mit Humor zu würzen, so dass trotz des ernsten Themas viel gelacht wurde. Ursula, W. 59, Geologist, Unemployed Germany Money makes the world go round. Radostina G., 31, relationship officer in bank, Bulgaria You need money to set up your own business, which can give job (and money) to other people. Die Soziodrama-Trainerin stellt 4 Stühle vor die Gruppe ( auf die Bühne ) und fordert die Teilnehmenden auf, die Rolle einer anderen, frei gewählten Person anzunehmen. Die Methode des Soziodramas eignet sich für verschiedene Lernkontexte und kann je nach den Gegebenheiten und dem Ideenreichtum der Trainerin/des Trainers variiert und verfeinert werden. Velga A. 53 Insurance broker Latvia The most important thing in our life is health physical and mental. One is related with money spending (especially in countries with weak social care system), another not 4

5 Ein Beispiel: Die Teilnehmer/innen erhielten die Anfänge von vier Märchen: The Pardoner s Tale (Märchen vom Ablasskrämer), Sternthaler, Der Fischer und seine Frau sowie Hans im Glück. In Arbeitsgruppen entwickelten sie die Märchen weiter und kreierten eine eigene Dramaturgie. Danach spielten sie ihre Version vor der gesamten Gruppe. Kira B., 19 European Volunteer Germany Money can only provide survival in speech of food, health insurance, a roof and warmth. But it is not able to be a placeholder for emotions, and those are the true values people need to be themselves, happily. Ciprian-Ionel H., 35 Teacher, Romania You ve got to sing like you don t need the money, Love like you ll never get hurt. You ve got to dance like nobody s watching. 5

6 BEGGARS : Besuch des KAFFEE Bankrott Remember the poor, it costs nothing. Im Kaffee Bankrott, in dem auch die Redaktion des Magazins Der Strassenfeger beheimatet ist, haben die Teilnehmenden mit Menschen gesprochen, die von Armut und Obdachlosigkeit betroffen sind. Besonders für die Teilnehmer/innen aus den osteuropäischen Ländern war es beeindruckend zu sehen, dass mit dem Projekt die Möglichkeit geschaffen wurde, Hilfe zur Selbsthilfe zu praktizieren. No society can surely be flourishing and happy, of which the far greater part of the members are poor and miserable. Adam Smith Frances P., 56, Women s Development Project Coordinator, Scotland Money is providing the material comforts which allow us to also aspire to greater things. Valeriya, I., 24 Senior Specialist: Economics and Business Management Bulgaria Kaffee Bankrott Im Anschluss an die Soziodrama-Sitzung über die Erfahrungen im Kaffee Bankrott tauschten sich die Teilnehmer/innen u.a. darüber aus, wie im eigenen Land Problemen von Armut und Obdachlosigkeit begegnet wird. Es zeigte sich ein deutliches Ost-West-Gefälle: Ähnliche Sozialprojekte gäbe es z.b. in Lettland oder Bulgarien nicht. Money can satisfy you for a while but can t make you better person. In 20th century people are slaves of money and we have to make money work for us not we for it. 6

7 BROKERS Besuch: Deutsche Bank der Zukunft, Quartier 110. Eduards G., 21 Student of Economics, Latvia Money helps to make life interesting and variable, but also causes corruption and bureaucracy, it separates people A bank is a place where they lend you an umbrella in fair weather and ask for it back when it begins to rain. Robert Frost Der Besuch bei der Deutschen Bank der Zukunft hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Eine bulgarische Teilnehmerin war begeistert von dem Konzept, die Filiale entsprechend einer Shopping Mall zu gestalten. Angetan auch von der Freundlichkeit der Mitarbeiterinnen wünschte sie sich für ihr Land ähnliche Banken. Von der Mehrzahl der anderen Teilnehmer/ innen wurde das Konzept allerdings als Lockvogelpolitik kritisiert. Alles wirke nett und einladend, doch darüber würde übersehen gemacht, dass es um Geld ginge. Dies mag eine moderne Form sein, Geschäften mit dem Geld die Diskretion zu sichern. Doch bliebe dabei auch ausgeklammert, welche Rolle die Bank z.b. in der gegenwärtigen Finanzkrise spiele. Carmen, N. 29 English Teacher, Romania All the things that make me feel rich are priceless. We try to live well anchored in the 21st century. But the financial crisis has given us thrills, while rapacity, selfishness and lies revolt us. That is why I am concerned with ethical and moral principles, the only ones left to us. 7

8 BON VIVANTS : Besuch von Mitgliedern des Netzwerks Grundeinkommen Robert Ulmer, Markus Jensch und Theophil Wonneberger boten den Teilnehmenden einen Überblick über die Idee und die verschiedenen Konzepte des Grundeinkommens. Laura, T. 26 Unemployed, France, The more you have, the most autonomous you are. The reality is that if you have for example a french identity card, you can better survive without money. Bereits am zweiten Workshoptag hatte es eine längere Diskussion über den Begriff des Bon Vivant gegeben. Die Poor nations are hungry, and rich nations are proud; and pride and hunger will ever be at variance. Jonathan Swift Gruppe einigte sich, dass dieser sowohl einen sozialen Status als auch eine Lebenshaltung bezeichnen könne. Lebenskünstler seien die, die aufgrund der Verhältnisse wenig Geld im Portemonnaie hätten und imstande seien, mit Phantasie und Erfindungsreichtum ein gutes Leben zu führen. Als Lebenshaltung stehe Bon Vivant für das l art pour l art, für die Kunst, sich Zeit zum Spiel und zu zweckfreiem, kreativem Tun zu nehmen. Dies könnten sowohl Banker als auch Bettler manchmal. Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens faszinierte die Workshopteilnehmer. Diskutiert wurden vor allem die Bedingungslosigkeit und die Finanzierung einer solchen Leistung. Zwei Teilnehmer sprachen sich entschieden gegen die Idee eines Grundeinkommens aus, da die Früchte des Lebens nur auf der Basis von Arbeit zugänglich sein sollten. Ross, W., 46 Project Worker, Scotland Money doesn t bring joy, happiness or let us understand our full purpose, instead it gives us a false sense of grandeur if we feel we have more than others. A system of bartering and job swaps would be far more suitable in this changing world of economic gloom. 8

9 FISH-BOWL: Feedback Das Feedback am Ende des Workshops wurde als Fish-Bowl gestaltet. Diese und die täglichen Runden zum Abschluss des jeweiligen Workshoptages gaben auch den eher leiseren Teilnehmer/innen die Gelegenheit, ihre Gedanken einzubringen. Von der Mehrzahl der Beteiligten wurde an erster Stelle die gute Atmosphäre positiv hervorgehoben. Einige meinten auch, dass neue Freundschaften entstanden seien. Das Soziodrama sei eine beeindruckende Erfahrung gewesen, und Erfahrung heiße: Man bekommt etwas, wenn man gar nicht darauf eingestellt ist, etwas zu bekommen. Desgleichen wurde viel zum Thema Geld und soziale Welt gelernt und neue Perspektiven entdeckt. Vermisst wurden Erkundungen der Stadt Berlin. ZU GUTER LETZT: Feiern Die Reise nach Jerusalem wird von manchen Ökonomen als Metapher für die Marktwirtschaft der Gegenwart betrachtet: Um eine bestimmte Zahl von Stühlen laufen mehr Personen, als Stühle vorhanden sind. Hört die Musik auf zu spielen, versuchen sich alle jeweils auf einen Stuhl zu setzen, doch nicht jeder/jedem ist dies vergönnt. Wer Pech hat, fliegt raus. Wir haben die rumänische Version geprobt: Je weniger Stühle vorhanden waren, desto mehr saßen auf ihnen, zum Schluss alle auf einem. Eine höchst gesellige Angelegenheit! 9

10 Impressum: Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin An der Urania Berlin Kontakt: Tel.: ++49 (0) Leiterin: Ruth Ellerbrock Projektleitung und Text: Sophia Bickhardt Projektassistenz und Layout: Julita Szulc Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Dokumentation trägt allein die Verfasserin; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben. 10

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