Quelle: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Magdeburg 27 (1983) Heft 3

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1 Quelle: Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Hochschule Magdeburg 27 (1983) Heft 3 Prof.Dr.-Ing.Dr.techn.h.c. Karl Friedrich Kurth (geb.1911) Lebenserinnerungen Als ich im Januar 1955 nach Magdeburg kam, um mit dem damaligen Rektor Prof. Schrader über eine Mitarbeit an der jungen Hochschule für Schwermaschinenbau zu sprechen, ahnte ich nicht, dass Magdeburg der Ort sein würde, an dem ich meine Lebensaufgabe finden würde. Es war ein nasskalter Wintertag. Der Weg vom Hauptbahnhof zum Krökentor führte durch eine Trümmerlandschaft. Zwischen Fernmeldeamt und Walter-Rathenau-Straße türmte sich ein Riesenberg von Trümmerschutt und am Boleslaw-Bierut-Platz stolperte man über die schlecht verlegten Gleise einer Trümmerbahn. Die Verhandlungen mit Prof. Schrader verliefen - so meine ich heute - für beide Seiten erfolgreich. Obwohl mein Fachgebiet - der Stahlbau - erst in 2 Jahren im Lehrprogramm erschien, sollte ich meine Tätigkeit doch schon bald aufnehmen und den fehlenden Vertreter für die Technische Mechanik ersetzen. Im Juni 1955 fand an der damaligen Technischen Hochschule Dresden eine Tagung mit dem Thema "Durchsetzung der Leichtbauweise im Stahl- und Maschinenbau" statt. Ich hielt als Dozent für Stahlbau an der Ingenieurschule Roßwein einen Vortrag über "Gewichtseinsparungen an Stahltragwerken durch zweckmäßige Berechnungsmethoden" und freute mich, die Herren Prof. Schrader und Prof. Wilhelm aus Magdeburg wiederzusehen. Erst viel später erfuhr ich, dass dieser Vortrag meine "Probevorlesung" war, welche die Magdeburger Professoren begutachteten. Das Ergebnis muss zufriedenstellend gewesen sein, denn ab Herbstsemester 1955 wurde ich mit der Wahrnehmung einer Professur mit Lehrauftrag beauftragt, und schon bald darauf wurde mir die Leitung des Instituts für Technische Mechanik übertragen. Es war nicht einfach, im überfüllten Hörsaal I - anfangs ohne Mikrofon - vorzutragen. Aber die diesem Hörsaal innewohnende Unruhe konnte in den Mechanikvorlesungen nicht die Oberhand gewinnen. Obwohl die Technische Mechanik mich sehr interessierte und ich mit Begeisterung darüber vorgetragen habe, entschied ich mich, als die Frage an mich gestellt wurde -Technische Mechanik oder Stahlbau - doch für den Stahlbau. Im Jahre 1957 übernahm ich den Aufbau und die Leitung des Instituts für Statik und Stahlbau. Die Technische Mechanik konnte ich allerdings erst 1959 an Prof. Göcke abgeben. Am wurde ich zum Professor mit Lehrauftrag, am zum Professor mit vollem Lehrauftrag ernannt. Mit dem Ausbau der Oberstufe mussten nicht nur die entsprechenden Lehrgebiete besetzt, sondern es mussten auch Leiter für die Fachrichtungen gefunden werden. Im Sommer 1957 wurde ich zum damaligen Rektor Gießmann gerufen. Der Dekan der Fakultät für Maschinenbau war dort schon anwesend. In seiner klaren und präzisen Art legte Prof. Stumpp dar, dass er es nicht verantworten können, die Fachrichtung Fördertechnik an der Hochschule Magdeburg zu belassen, wenn nicht ein Verantwortlicher für die Leitung durch den Rektor herbeigeschafft würde. Herr Prof. Gießmann fragte mich also, ob ich jemand wüsste. Am besten wäre es, meinte er, wenn ich es gleich selbst machen würde. Dem Vorschlag Prof. Stumpps, die Fördertechnikausbildung in

2 Magdeburg zu annullieren, wollte er nicht zustimmen. Ich glaube, dass mein Entschluss, die Leitung der Fachrichtung Fördertechnik zu übernehmen, richtig war. Mit Prof. Pajer, der 1957 im Herbst von Prag nach Magdeburg kam und Prof. Pfeifer, der 1968 berufen wurde, entstand ein Kollektiv, dass der Fördertechnik in Magdeburg ein gutes Ansehen gegeben hat. Für mich waren die ersten Jahre des Aufbaus der Magdeburger Hochschule arbeitsreiche Jahre. Alle Lehrveranstaltungen der Stab- und Flächenstatik, der Grundlagen des Stahlbaus und des Stahlbaus der Fördertechnik mussten von mir konzipiert und gehalten werden. Aber die fachliche Aufgabe war nur eine Seite meiner Tätigkeit. Im Jahre 1956 fand der erste Rektorwechsel in Magdeburg statt. Prof. Schrader übergab das Rektorat an Prof. Gießmann. Als Nachfolger Prof. Gießmanns als Dekan der Fakultät für Mathematik, Naturwissenschaften und technische Grundwissenschaften wurde ich vorgeschlagen. Dieser Fakultät stand ich von 1956 bis 1958 vor. In der Festschrift 10 Jahre THM" schreibt der Dekan über die Jahre 1956 bis 1958: "In diesem Zeitraum trennten sich einige Institute von der Fakultät I und wurden in die neu gegründete Fakultät II, die heutige Fakultät für Technologie des Maschinenbaus übergeführt. Aus anfänglichen Abteilungen wurden nun, nach erfolgreichen Berufungen, neue Institute gebildet, so dass am Ende der Amtsperiode 1956 bis 1958 bereits 7 Institute der Grundlagenfakultät zu verzeichnen waren, die einen Gesamtmitarbeiterbestand von 71 Mitarbeitern umfassten." Da ich aber auch ein Wissenschaftsgebiet der Fakultät für Maschinenbau - nämlich den Stahlbau - vertrat, war ich auch ordentliches Mitglied dieser Fakultät. In Magdeburg setzte sich fort, was schon früher oft mein Los gewesen war, dass ich nämlich mit mehreren Aufgaben gleichzeitig betraut war. Im Herbst 1958 hatte ich mich endgültig von den Vorlesungen der Technischen Mechanik getrennt und musste somit auch die Leitung der Grundlagenfakultät abgeben. Aber sofort stand eine neue Leitungsfunktion für mich bereit. Ich wurde zum Dekan der Fakultät für Maschinenbau gewählt. In dieser Amtsperiode ging es vor allem um den Auf- und Ausbau der Oberstufe. Die Fachdisziplinen des Maschinenbaus mussten in enger Verbindung mit der Praxis aufgebaut werden. Die Leitung der Maschinenfakultät konnte ich im Herbst 1960 abgeben. Mich erwartete eine neue Tätigkeit, in der es wieder darum ging, an der jungen Hochschule Neues zu gestalten. Mir wurde das Prorektorat für Forschung übertragen. Die Institute und Fachrichtungen mussten angeleitet werden, im Rahmen der Aufgabe des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR und in Abstimmung mit der zugeordneten volkseigenen Industrie Forschungsschwerpunkte zu finden. Es wurde mit mehr oder weniger zufälligen, noch nicht koordinierten Aufgaben angefangen. Am Ende dieses damals begonnenen Weges stehen im Jahre 1979 abgestimmte Aufgaben in Hauptforschungsrichtungen, Forschungsrichtungen bzw. komplexen Forschungsaufgaben. Im Jahre 1961 wurde ich zum Professor mit Lehrstuhl berufen. Einführung in das Amt des Rektors (1962) Der Sommer 1962 hielt wieder eine Überraschung für mich bereit. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich ins Rektorat gebeten wurde. Mir wurde die Frage gestellt, ob ich damit einverstanden wäre, wenn ich für das Amt des Rektors vorgeschlagen würde und ob ich bei einer Wahl das Amt annehmen würde. Meine Überraschung war so groß, dass ich zunächst stumm blieb. Nach einigen Tagen Bedenkzeit sagte ich zu, im Grunde genommen nicht wissend, wozu ich ja gesagt hatte. Später sagte einmal ein Kollege zu nur, dass es ganz normal wäre, bei der Übernahme einer Aufgabe ihren Schwierigkeitsgrad nicht zu kennen. Im anderen

3 Falle würde man aus Bedenken und Erwägungen die Aufgabe gar nicht erst beginnen. Ich war mir nicht nur der Schwere der Aufgabe, die vor mir stand, sondern auch der Ehre und des Vertrauens bewusst, in letzter Verantwortung eine im Aufbau begriffene Technische Hochschule zu leiten. Diese Aufgabe nahm mich in den.jahren 1962 bis 1966 voll in Anspruch. Sie war gekennzeichnet durch steigende Studentenzahlen wurde die Zahl 2000 über schritten - durch Neugliederung der Fakultäten - Fak. I Grundwissenschaften Fak. II Chemie und Energie Fak. III Maschinenbau Fak. IV Elektrotechnik -, durch den verstärkten Bau von Studentenwohnheimen und durch die Aufnahme des Fernstudiums. In diese Jahre fiel auch das zehnjährige Bestehen der Hochschule. Den Festteilnehmern konnte eine erfolgreiche Entwicklung der Hochschule in den vergangenen 10 Jahren vorgestellt werden. Eine Veranstaltung im Festprogramm wird allen Teilnehmern ganz besonders in Erinnerung bleiben: Die Wiederholung des Halbkugelversuchs Otto von Guerickes. Die Schwierigkeit dabei war nicht die Beschaffung der Halbkugeln oder der farbenfrohen Kostüme, sondern die Beschaffung so vieler (16) etwa gleich starker Pferde. Um ein Ersatz der Pferde durch Traktoren, wie es in der Landwirtschaft damals üblich war, war hier nicht möglich. Nach Ablauf zweier Amtsperioden als Rektor im Jahre 1966 blieb ich als Prorektor für Forschung bzw. für Prognose und Wissenschaftsentwicklung bis 1970 in der Hochschulleitung tätig. Trotz der verschiedenen Leitungsfunktionen in den 14 Jahren von 1956 bis 1970 blieb ich meinem Fachgebiet - dem Stahlbau - treu. Die Arbeitsfülle, die ich in all den Jahren zu bewältigen hatte, schränkte die gemeinsame Arbeit im engeren Kreis der Stahlbauer oder im erweiterten Kreis der Fördertechniker, an die ich gern zurück denke, nicht ein. Hätte ich mich nicht auf ein so gutes Mitarbeiterkollektiv stützen können, hätte ich die vielfältigen Aufgaben nicht erfüllen können. Neben der Wissensvermittlung und der Erziehung der Studenten machte mir die Anleitung junger Dipl.-Ing. zur tieferen wissenschaftlichen Arbeit besondere Freude. Bei 21 Promovenden und 4 Habilitanten war ich "Doktorvater", bei weiteren 12 wirkte ich als Gutachter mit. Auch nach meiner Emeritierung fesselt mich diese Art der wissenschaftlichen Arbeit noch. Zur Zeit betreue ich 3 in der Industrie tätige Fachkollegen, um sie zur Promotion zu führen. Aus meiner Lehr- und Forschungsarbeit ergaben sich 31 Veröffentlichungen. Als bedeutendste ist wohl die im Kollektiv mit den Professoren Pajer, Scheffler und Pfeifer sowie weiterer Fachkollegen erarbeitete und von mir herausgegebene Buchreihe Fördertechnik zu nennen. Die breite Anerkennung dieser Arbeit ist für mich folgende: Wenn ich zu Tagungen ins Ausland komme, wozu mir dankenswerterweise oft Gelegenheit gegeben wurde, und ich wurde mit neuen Fachkollegen bekannt, die zu mir sagten: "Persönlich kannten wir uns bisher nicht, aber durch die Buchreihe Fördertechnik sind Sie und Ihre Kollegen uns gut bekannt." Sehr ans Herz gewachsen ist mir auch das "Kleine Stahlbaubuch". Es wird scherzhafter weise zum Unterschied zu den "großen" Fördertechnikbüchern so genannt. Als ich als Fachschuldozent an der Ingenieurschule in Roßwein - begann, den Stoff meiner Stahlbauvorträge in Buchform zusammenzufassen, ahnte ich nicht, dass dieses Buch bis heute so beliebt und begehrt in Lehre und Praxis bleiben würde. Im November 1982 ist die 11. Auflage erschienen. Nach meiner Emeritierung fand ich auch endlich Zeit, das Stoffgebiet des Stahlbaus in der Fördertechnik in einem 2. Band in Ergänzung zu den Grundlagen im 1. Band für Ingenieurschulen darzustellen. Für meine Tätigkeit als Hochschullehrer und als Leiter von Kollektiven wurden mir eine Vielzahl von Ehrungen und Anerkennungen zuteil. Die wichtigsten darf ich hier nennen. Im Jahre 1959

4 wurde ich als Verdienter Techniker des Volkes ausgezeichnet, 1964 erhielt ich den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze und 1969 die J. R. Becher-Medaille in Silber. Das Autorenkollektiv der Buchreihe Fördertechnik wurde 1976 mit dem Banner der Arbeit III. Klasse geehrt. Zu meiner Emeritierung wurde mir die Humboldt-Medaille in Gold überreicht. Es wurde schon erwähnt, dass mir oft Gelegenheit geboten wurde, mein Fachgebiet und die TH Otto von Guericke im Ausland zu vertreten, oft im sozialistischen aber auch im kapitalistischen. So wurde die Fördertechnik an der TH Otto von Guericke, aber auch die Magdeburger TH selbst bekannt. Eine Ehrung besonderer Art, die sicher auf diese Publikationstätigkeit zurückzuführen ist, war für mich, aber gleichzeitig auch für die THM, die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Graz im April Am Ende meiner offiziellen Hochschullaufbahn kann ich feststellen, dass mir als Hochschullehrer günstige Bedingungen gegeben waren, mein Fachwissen an jüngere Generationen weiterzugeben, meine Fachwissenschaft weiterzuentwickeln und meinen Beitrag zum Aufbau einer sozialistischen Bildungsstätte in Magdeburg zu leisten. Ausdauer, Energie und intensive Arbeit musste von mir beigesteuert werden. Dass ich mich in diesem Masse meinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben widmen konnte, war zweifellos auch ein Verdienst meiner lieben Frau, die mir viele Pflichten in Familie und privatem Leben in anerkennenswerter Weise abnahm. Am Schluss der Ausführungen glaube ich feststellen zu können, dass meine Emeritierung nicht der Beginn eines "Ruhestandes" war. Die Bearbeitung der Manuskripte, die Anfragen aus der Industrie und die Doktoranden sorgen heute und auch in Zukunft für einen ausgefüllten und erfüllten Arbeitstag. Tagung in Dresden (1973)

5 Lebensdaten Geboren in Tanndorf bei Grimma/Sa Abitur an der Deutschen Oberschule Rochlitz/Sachsen Studium an der TH Dresden, Bauingenieurwesen Diplom-Ingenieur Mitarbeiter im Ingenieurbüro von Prof. Beyer, Dresden Promotion zum Dr.-Ing Mitarbeiter in Dortmunder Union Brückenbau AG Tätigkeit im väterlichen Baugeschäft, Tanndorf Doz. für Statik und Stahlbau, Ingenieurschule Roßwein Tätigkeit an TH Otto von Guericke Professor mit Lehrauftrag Dekan der Fakultät Mathematik, Naturwissenschaften und technische Grundwissenschaften 1957 Aufbau und Leitung des Institutes für Statik und Stahlbau Dekan der Fakultät für Maschinenbau Verdienter Techniker des Volkes Professor mit Lehrstuhl Rektor der TH Otto von Guericke Vaterländischer Verdienstorden in Bronze Prorektor für Forschung Johannes-R.-Becher-Medaille in Silber Pestalozzi-Medaille in Silber Emeritierung; Humboldt-Medaille in Gold Ehrenpromotion zum Dr. techn. h. c. der TU Graz. Nachtrag: Gestorben in Belgrad/Jugoslawien.

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