Rechtliche Grundlagen des Jahresabschlusses

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1 August 2009 Copyright Hans-Böckler-Stiftung Rechtliche Grundlagen des Jahresabschlusses Kapitel 7 Insolvenz und Jahresabschluss Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse: Informationen für Aufsichtsräte und Betriebsräte Auf einen Blick Dieses Kapitel behandelt die Rechnungslegung von Unternehmen in der Insolvenz bzw. während des Insolvenzverfahrens. Wir erklären die drei Insolvenztatbestände Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung gem. Insolvenzordnung (InsO). Wir zeigen, welche Berichtspflichten das Unternehmen und der Insolvenzverwalter haben. Abschließend gibt es Literaturtipps zum Weiterlesen und Vertiefen.

2 Inhaltsverzeichnis 7. Insolvenz und Jahresabschluss Zielsetzung der insolvenzrechtlichen Rechnungslegung Insolvenztatbestände Vorbemerkungen Drohende Zahlungsunfähigkeit Zahlungsunfähigkeit Überschuldung Anlässe zur Prüfung insolvenzrechtlicher Tatbestände Krisenindikatoren Drei-Wochen-Frist Insolvenzantrag und Benennung Insolvenzverwalter Rechnungslegung in der Insolvenz Umfang der Rechnungslegungspflicht und Wirtschaftsjahr Zu erstellende Verzeichnisse Berichterstattung des Insolvenzverwalters...8 Hans-Böckler-Stiftung August von 8

3 7. Insolvenz und Jahresabschluss 7.1. Zielsetzung der insolvenzrechtlichen Rechnungslegung Eine Insolvenz dient zum einen der Befriedigung der Gläubiger und zum anderen dem Schutz des verbleibenden Vermögens vor Vollstreckungsmaßnahmen seitens einzelner Gläubiger. Das Insolvenzverfahren enthält entsprechende Vorschriften, die festlegen, welche Maßnahmen im Fall der Insolvenz ergriffen werden, um entweder die Insolvenz auslösenden Tatbestände zu beseitigen oder das verbliebene Vermögen zu liquidieren, um zumindest einen Teil der bestehenden Verbindlichkeiten zu bedienen. Unternehmen in der Insolvenz haben für Zwecke der Rechnungslegung neben den handelsrechtlichen Vorschriften zusätzlich die Vorschriften der Insolvenzordnung (InsO) zu beachten. Diese enthält u.a. in den 66, 151 bis 154 InsO Bestimmungen, die die Rechnungslegung im Rahmen des Insolvenzverfahrens betreffen. Während die handelsrechtliche Rechnungslegung der Information der Gläubiger und Gesellschafter dient, trägt die insolvenzrechtliche Rechnungslegung den besonderen Umständen des Insolvenzverfahrens Rechnung und dient der Information der am Insolvenzverfahren Beteiligten. Sie dient der Rechenschaftspflicht des Insolvenzverwalters gegenüber den Insolvenzgläubigern, dem Insolvenzschuldner und dem Insolvenzgericht für dessen Maßnahmen im Insolvenzverfahren. Ferner stellt sie den Nachweis der ordnungsgemäßen Wahrnehmung der insolvenzrechtlichen Pflichten und Verantwortung des Insolvenzverwalters dar. Die handels- und steuerrechtlichen Normen sehen eine periodische Rechnungslegung vor, die an das Geschäftsjahr anknüpft. Die insolvenzrechtliche Rechnungslegungspflicht hingegen beginnt mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens und endet mit seinem Abschluss. Sollte das Insolvenzverfahren ein Zeitraum von mehr als zwölf Monaten umfassen, so sind auch laufende Abschlüsse (für den Zeitraum jeweils eines Wirtschaftsjahres) aufzustellen Insolvenztatbestände Vorbemerkungen Die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens kann gem. 13 Abs. 1 S. 2 InsO durch den Schuldner und die Gläubiger beantragt werden. Die Eröffnung setzt zum einen die Insolvenzfähigkeit des Schuldners ( 11 und 12 InsO) voraus. Das Insolvenzverfahren kann über das Vermögen jeder juristischen Person (z. B. GmbH, AG) Hans-Böckler-Stiftung August von 8

4 sowie über das Vermögen von Privatpersonen eröffnet werden ( 11 Abs. 1 InsO). Über das Vermögen einer sog. Gesellschaft ohne Rechtspersönlichkeit (z.b. OHG, KG) kann ebenfalls das Insolvenzverfahren eröffnet werden ( 11 Abs. 2 Nr. 1 InSO). Dagegen sind manche juristischen Personen des öffentlichen Rechts, z.b. Bund und Länder, nicht insolvenzfähig. Ferner setzt die Eröffnung des Insolvenzverfahrens gem. 16 InsO Insolvenz auslösende Tatbestände ( Insolvenzgründe ) voraus. Diese ergeben sich aus den 17, 18 und 19 InsO. Hierbei handelt es sich um: die drohende Zahlungsunfähigkeit ( 18 InsO), die Zahlungsunfähigkeit ( 17 InsO) und die Überschuldung ( 19 InsO) Drohende Zahlungsunfähigkeit Die drohende Zahlungsunfähigkeit liegt vor, wenn das Schuldnerunternehmen voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, die bestehenden Zahlungsverpflichtungen im Zeitpunkt ihrer Fälligkeit zu erfüllen ( 18 Abs. 2 InsO). Hierdurch soll die Vorverlagerung des Insolvenzverfahrens ermöglicht werden. Der Schuldner kann die Eröffnung des Verfahrens bereits zu diesem Zeitpunkt selbst beantragen. Eine Insolvenzantragspflicht besteht zu diesem Zeitpunkt noch nicht Zahlungsunfähigkeit Bei Zahlungsunfähigkeit ist das Schuldnerunternehmen bereits zum aktuellen Zeitpunkt nicht mehr in der Lage seine Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen ( 17 Abs. 2 InsO). Hinweis: Sollte die Möglichkeit der weiteren Kreditaufnahme, der Zuführung weiteren Eigenkapitals oder die Veräußerung nicht betriebsnotwendigen Vermögens gegeben sein, so handelt es sich um eine vorübergehende Zahlungsstockung, die jedoch zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht ausreicht. Die Zahlungsunfähigkeit liegt nur dann vor, wenn die Zahlung fällig ist (sie muss nicht bereits angemahnt worden sein) und der Schuldner diese nicht leisten kann. Der BGH hat hierzu festgestellt, dass eine Überschreitung des letzten Zahlungsziels um einen Monat noch gerade hinnehmbar ist. Eine wesentlich längere Zeitspanne ist den Gläubigern jedoch nicht zumutbar. Beide - sowohl der Schuldner als auch der Gläubiger - sind zur Antragstellung berechtigt. Bei der GmbH ( 64 Abs. 1 GmbHG), der Aktiengesellschaft ( 92 Abs. Hans-Böckler-Stiftung August von 8

5 AktG) und z.b. bei der GmbH & Co. KG ( 177a, 130a HGB) besteht eine Verpflichtung zur Antragstellung durch die Geschäftsführer bzw. Vorstände Überschuldung Die Überschuldung ist gem. 19 InsO ein weiterer Insolvenzgrund. Nach. 19 Abs. 2 S. 1 InsO liegt eine Überschuldung dann vor, wenn das Vermögen des Schuldners die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt. Bei der Prüfung der Überschuldung ist es von besonderer Bedeutung, welche Bewertungsmaßstäbe zugrunde gelegt werden. Hierzu ist eine mehrstufige Prüfung vorzunehmen: Schritte zur Durchführung einer Überschuldungsprüfung (IDW FAR 1/1996): 1. Bei der Bewertung des Vermögens ist die Fortführung des Unternehmens anzunehmen, wenn dies nach den Umständen wahrscheinlich ist, den die hieraus resultierende Fortführungsprognose bestimmt die anzusetzenden Bewertungsmaßstäbe für das Vermögen und die Schulden. 2. Grundlage dieser Fortführungsprognose ist das Unternehmenskonzept, also die zukünftige Strategie des Unternehmens hinsichtlich Verbesserung von Marktchancen. 3. Das Unternehmenskonzept muss quantitativ in einer Finanzplanung (i.d.r. über einen Zeitraum von 12 Monaten) abgebildet sein, um zu erkennen, inwieweit die im Konzept beschriebenen Maßnahmen die Liquidität des Unternehmens sichern können. Der Finanzplan dokumentiert im Ergebnis die Tragfähigkeit des Unternehmenskonzepts. 4. Für die Fortführungsprognose lässt sich aus dem Finanzplan folgendes ableiten: Positive Fortführungsprognose: Der Finanzplan lässt darauf schließen, dass das Unternehmen künftig mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann. Vermögenswerte und Schulden sind danach mit ihren Veräußerungswerten, d.h. Zeitwerten im Überschuldungsstatus anzusetzen. Dabei sind stille Reserven und stille Lasten aufzudecken. Negative Fortführungsprognose: Der Finanzplan lässt nicht darauf schließen, dass das Unternehmen künftig mit überwiegender Wahrscheinlichkeit seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann. Vermögenswerte und Schulden sind danach mit ihren Liquidationswerten im Überschuldungsstatus anzusetzen. 5. Zur Feststellung einer Überschuldung wird ein stichtagsbezogener Überschuldungsstatus erstellt, der entsprechend dem Ergebnis der Fortführungsprognose basiert. Ungeachtet des Bewertungsansatzes liegt bei positivem Reinvermögen (Vermögen abzgl. Verbindlichkeiten) keine Überschuldung vor. Dagegen liegt eine Überschuldung und damit eine Insolvenzantragspflicht vor, wenn das Reinvermögen negativ ist. Liegt dagegen bei einer negativen Fortführungsprognose keine Überschuldung vor, besteht eine drohende Überschuldung, die allerdings keinen eigenständigen Antragsgrund darstellt. Abb. 1: Schritte zur Durchführung einer zweistufigen Überschuldungsprüfung Beide - sowohl der Schuldner als auch der Gläubiger - sind zur Antragstellung berechtigt. Bei der GmbH ( 64 Abs. 1 GmbHG), der Aktiengesellschaft ( 92 Abs. Hans-Böckler-Stiftung August von 8

6 AktG) und z.b. bei der GmbH & Co. KG ( 177a, 130a HGB) besteht eine Verpflichtung zur Antragstellung durch die Geschäftsführer bzw. Vorstände Anlässe zur Prüfung insolvenzrechtlicher Tatbestände Krisenindikatoren Erhebliche laufende Verluste, z. B. aufgrund von Preisverfall oder Umsatzrückgängen, die in näherer Zukunft nicht durch voraussichtliche Gewinne gedeckt werden können, können Anlass zur Prüfung der insolvenzrechtlichen Tatbestände bieten. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, dass im Rahmen der laufenden Bilanzierung eine Überschuldung festgestellt wird oder dass das Unternehmen kreditunwürdig geworden ist, was ebenfalls Anlass zur Prüfung gibt. Unter dem Begriff Krise ist eine unmittelbar den Fortbestand eines Unternehmens gefährdende Situation zu verstehen (existenzbedrohende Krise). Bei der Prüfung der Insolvenztatbestände ist immer die Relation der bereits eingetretenen und der voraussichtlichen Verluste zum Eigenkapital zu betrachten. Solange das Eigenkapital (Reinvermögen) noch die voraussichtlich anfallenden Verluste deckt, ist eine Krise nicht anzunehmen Drei-Wochen-Frist Wird aufgrund dieser Indizien jedoch eine existenzbedrohende Krise sichtbar, ist die Geschäftsleitung verpflichtet mit zunehmender Intensität zu prüfen, ob die Insolvenz auslösenden Tatbestände vorliegen. Zu diesem Zweck sind Zwischenbilanzen aufzustellen. Gem. 64 Abs. 1 GmbHG bzw. 92 Abs. 2 AktG haben die Geschäftsführer bzw. die Vorstände einer Kapitalgesellschaft ohne schuldhaftes Zögern, spätestens aber drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit bzw. Überschuldung, die Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu beantragen Insolvenzantrag und Benennung Insolvenzverwalter Der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens ist beim Amtsgericht, in dessen Bezirk der Schuldner seinen allgemeinen Gerichtsstand hat, zu stellen ( 3 Abs. 1 InsO). Das Gericht prüft, ob die Voraussetzungen für die Eröffnung des Verfahrens erfüllt sind, insbesondere ob ein Insolvenzgrund vorliegt und ob das Vermögen des Schuldners ausreichen wird, um die Verfahrenskosten zu decken ( 26 Abs. 1 InsO). Sind die Voraussetzungen erfüllt, so erlässt das Gericht einen Eröffnungsbeschluss, in dem auch der Insolvenzverwalter ernannt wird ( 27 InsO). Hans-Böckler-Stiftung August von 8

7 7.4. Rechnungslegung in der Insolvenz Umfang der Rechnungslegungspflicht und Wirtschaftsjahr Die handelsrechtliche Rechnungslegungspflicht besteht gem. 155 InsO nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens weiterhin. Jedoch ist gem. 155 Abs. 1 S. 2 InsO der Insolvenzverwalter zur handels-, steuer- und insolvenzrechtlichen Rechnungslegung (persönlich) verpflichtet. Bei Eröffnung des Insolvenzverfahrens beginnt gem. 155 Abs. 2 S. 1 InsO ein neues Geschäftsjahr. Daher wird für die noch laufende Periode ein Rumpfgeschäftsjahr gebildet und gem. 242 Abs. 1 S. 1 HGB eine Schlussbilanz aufgestellt. Die Verpflichtung zur Aufstellung trifft jedoch nicht die bisherige Unternehmensleitung, sondern den Insolvenzverwalter Zu erstellende Verzeichnisse Die insolvenzrechtlichen Vorschriften zur Rechnungslegung sehen vor, dass der Insolvenzverwalter nach Eröffnung des Verfahrens u.a. das Masseverzeichnis ( 151 InsO), das Gläubigerverzeichnis ( 152 InsO) und die Vermögensübersicht ( 153 InsO) aufzustellen hat. Hierbei handelt es sich um interne Rechenwerke, die der Gläubigerversammlung im Berichtstermin ( 156 InsO) als Entscheidungsgrundlage über die vorläufige Fortführung oder die Stilllegung des Unternehmens dienen. Im Berichtstermin muss der Insolvenzverwalter die Gläubiger über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens unterrichten. Darüber hinaus ist gem. 175 InsO durch den Insolvenzverwalter eine sog. Forderungstabelle aufzustellen, in die jede von einem Insolvenzgläubiger angemeldete Forderung einzutragen ist. Die nachfolgende Übersicht erläutert die zu erstellenden Verzeichnisse im Rahmen eines Insolvenzverfahrens: Hans-Böckler-Stiftung August von 8

8 Verzeichnis Masseverzeichnis Gläubigerverzeichnis Erläuterung Im Masseverzeichnis sind sämtliche Gegenstände der Insolvenzmasse ( 35 InsO) aufzunehmen. Die Insolvenzmasse umfasst alle Gegenstände, die dem Schuldner zum Zeitpunkt der Eröffnung des Verfahrens gehören. Es stellt die Basis der Aktivseite der Vermögensübersicht dar. Das Gläubigerverzeichnis enthält sämtliche Gläubigerforderungen. Es stellt die Basis der Passivseite der Vermögensübersicht dar. Vermögensübersicht Forderungstabelle In der Vermögensübersicht werden die im Masseverzeichnis enthaltenen Vermögensgegenstände den Verbindlichkeiten des Gläubigerverzeichnisses gegenübergestellt. Diese ist auf den Zeitpunkt der Eröffnung des Insolvenzverfahrens aufzustellen. Auf Grundlage der Vermögensübersicht entscheidet die Gläubigerversammlung erst, ob das Unternehmen fortgeführt werden kann, eine Sanierung möglich ist oder ob eine Zerschlagung des Unternehmens notwendig ist. Gem. 175 InsO ist durch den Insolvenzverwalter eine Forderungstabelle aufzustellen, in die jede von einem Insolvenzgläubiger angemeldete Forderung einzutragen ist. Jede Forderung ist durch Vorlage von Rechnungen, Lieferscheinen oder Verträgen zu beurkunden. Abb. 2: Die in der Insolvenz zu erstellenden Verzeichnisse 7.5. Berichterstattung des Insolvenzverwalters Gem. 156 Abs. 1 InsO hat der Insolvenzverwalter der Gläubigerversammlung im Berichtstermin einen Verwalterbericht vorzulegen, der die wirtschaftliche Lage des Unternehmens und deren Ursachen erläutert. Ferner hat der Insolvenzverwalter darzulegen, inwiefern Möglichkeiten bestehen das Unternehmen insgesamt oder in Teilen zu erhalten. Bei Beendigung seines Amtes hat der Insolvenzverwalter ferner gem. 66 InsO im Rahmen einer Schlussrechnung Rechenschaft über die Verwaltung und Verwertung der Insolvenzmasse gegenüber den am Insolvenzverfahren beteiligten abzulegen. Insbesondere das sog. Schlussverzeichnis stellt die Grundlage der abschließenden Verteilung des Vermögens dar, in dem die bei der Schlussverteilung zu berücksichtigenden Insolvenzgläubiger und deren Forderungen nach den Rangklassen aufgeführt werden. Hans-Böckler-Stiftung August von 8

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