Predigt am Sonntag Miserikordias Domini 14. April 2013 in der Versöhnungskirche Dresden-Striesen von Pfarrer Dr. Hans-Peter Hasse

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1 1 Predigt am Sonntag Miserikordias Domini 14. April 2013 in der Versöhnungskirche Dresden-Striesen von Pfarrer Dr. Hans-Peter Hasse Predigttext: Johannes 21, Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach! Dreimal stellt Jesus Petrus die Frage: Hast du mich lieb? Beim dritten Mal wird Petrus traurig, so sagt es der Text. Ich kann Petrus verstehen. Schon beim zweiten Mal, erst recht beim dritten Mal mischt sich in die Frage Hast du mich lieb? der Zweifel. Petrus muss es so hören: ihm ist so, als ob Jesus an seiner Liebe und an seiner Treue zweifelt. Warum sonst würde er dreimal fragen: Hast du mich lieb? Wie würden wir eine solche Frage hören? Nehmen wir als Beispiel die Liebe eines jungen Paares. Wie wäre es, wenn der eine den anderen immer wieder fragen würde: Hast du mich lieb? Ich denke: diese Frage wird im realen Leben selten gestellt. Ein Ehepaar, das schon Jahrzehnte miteinander lebt, stellt sich diese Frage nicht. Sie wissen ganz genau, wie es um sie und ihre Liebe steht. Da erübrigt sich die Frage. Auch junge Paare stellen diese Frage nicht. Sie tun etwas ganz anderes: sie versuchen, einander ein Zeichen zu geben, dass sie sich lieb haben: mit Blumen oder mit einem Ring, oder seit kurzer Zeit mit einem ganz neuen Brauch: dass sich die Liebenden ein Schloss besorgen, ihre Namen eingravieren. Und dann geht man zusammen auf eine Brücke zum Beispiel auf das Blaue Wunder dort wird das Schloss für immer an das Geländer angeschlossen und der Schlüssel der Elbe übergeben. Und wenn wenige Wochen später die Bolzenschneider der Landeshauptstadt anrücken und das Schloss knacken, kann das die Kraft dieses Symbols nicht erschüttern: der Moment auf dem Blauen Wunder bleibt unvergesslich. So haben sich Zwei zusammengeschlossen und sich ein sichtbares Zeichen ihre Liebe gegeben, das auch andere die Spaziergänger auf der Brücke sehen dürfen.

2 Wie viele Liebeserklärungen werden dann auf der Brücke gesprochen. Dagegen ist nicht damit zu rechnen, dass sich die Paare dort diese Frage stellen: Hast du mich lieb? Für Petrus kam diese Frage überraschend, und er konnte nicht begreifen, dass ihm Jesus diese Frage stellt, weil er weiß, dass Jesus ihm ins Herz schauen kann: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Bei ihm musste diese Frage so ankommen, als habe Jesus Zweifel an seiner Liebe und an seiner Treue. Das machte ihn traurig. War das die Absicht Jesu? Wollte er Petrus durch sein Nachfragen traurig machen? Oder hat es Jesus darauf angelegt, von Petrus eine Art Liebeserklärung oder Bekenntnis zu fordern? Wollte Jesus von Petrus wirklich dreimal hören: Ja, ich liebe dich.? Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus Liebe fordert, denn das würde dem Wesen der Liebe widersprechen: Liebe kann man nicht fordern, man kann sie nur schenken oder empfangen. Aber nicht fordern. Wie dann ist diese dreimalige Frage Hast du mich lieb? zu verstehen und zu deuten? Dazu müssen wir uns den Text noch einmal genau ansehen. Das Johannesevangelium hat ja die Eigenart, dass der Leser des Evangeliums immer schon mehr weiß als die Personen, die in dem Evangelium auftreten und reden. Beispiel Petrus: Er ahnt zu diesem Zeitpunkt, als er mit Jesus spricht, noch nichts von seiner künftigen Rolle: dass er der Petros (griechisch: Fels) sein soll, der Fels, auf dem die Kirche steht. Dass er einmal die christliche Gemeinde leiten soll. Das bedeutet dieser Satz, der dreimal wiederholt wird: Weide meine Schafe! Petrus soll der Hirte sein, der die Kirche führt und leitet. Er soll nicht Papst werden, er soll aber die Gemeinde leiten und führen so, wie ein Hirte für die Schafe seiner Herde sorgt. An dieser Stelle erwarte ich Ihren Einspruch, gerade hier in der Versöhnungskirche, wo uns ja in dem Altarbild nicht Petrus, sondern Jesus Christus als der Gute Hirte vor Augen gestellt ist, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt. 2

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4 4 Nicht Petrus, sondern Jesus ist der Gute Hirte. Das sagt auch das Johannesevangelium: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Und: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich... (Joh 10, ). Wenn Jesus der Gute Hirte ist, findet dann in unserem Text ein Rollentausch statt, dass Petrus der Hirte sein soll? Ein Rollentausch ist es nicht, keinesfalls soll und kann Petrus die Rolle Jesu übernehmen. Allerdings bekommt Petrus von Jesus einen Auftrag, der lautet: wie ein Hirte für die Gemeinde und die Kirche da zu sein. Weide meine Schafe! dreimal wiederholt Jesus diesen Auftrag. Ich verstehe das dreimalige Wiederholen so, dass dieser Auftrag dadurch ein besonderes Gewicht bekommt. Schon die Redner der Antike wussten: durch die Wiederholung bekommt eine Aussage Gewicht. Sie prägt sich dem Gedächtnis der Hörer ein. Unser Text erzählt nicht davon, dass Jesus an der Liebe des Petrus zweifelt, sondern er erzählt von einem besonderen Auftrag: Petrus soll sich um die Gemeinde kümmern, er soll Verantwortung übernehmen für die Zukunft der Kirche Jesu Christi. Petrus soll Jesus nachfolgen, mit dieser Aufforderung endet auch unser Text, Jesus sagt zu Petrus: Folge mir nach! Diesen Auftrag kann nur erfüllen, wer mit seinem Herzen und seinem Willen ganz dabei ist. Ich denke: Genau das soll die dreimalige Frage deutlich machen: Hast du mich lieb? Dreimal stellt Jesus diese Frage, und dreimal wiederholt er seinen Auftrag an Petrus: Weide meine Schafe. Die Liebe zu Gott und zu Jesus Christus ist die Voraussetzung für den Hirtendienst. Der Hirtendienst wird von der Liebe zu Gott und zu Jesus Christus getragen. So verstehe ich diesen Text. Petrus hat diesen Auftrag angenommen mit allen Konsequenzen. Er ist für diesen Auftrag den Märtyrertod gestorben, das wird in unserem Text angedeutet: Es wird angenommen, dass sich das Grab des Petrus unter dem Petersdom in Rom befindet. Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich in Rom plötzlich an der Stelle stand, wo das Petrusgrab vermutet wird. Dazu muss man sich in unterirdischen Gängen unter dem Petersdom bewegen: in der Nekropole, einem antiken Friedhof, über dem der Petersdom errichtet wurde. Jahrhundertelang lag dieser Friedhof unter dem Fundament des Petersdomes verborgen, bis er zwischen 1940 und 1949 ausgegraben wurde. Am Tag vor dem Weihnachtsfest im Jahr 1950 gab der Papst in seiner Weihnachtsansprache bekannt, dass das Grab des Petrus gefunden sei. Ob Petrus an dieser Stelle wirklich begraben ist oder nicht, wird man wohl nie herausfinden können. Wann genau und wo Petrus den Märtyrertod gestorben ist, wird ebenfalls offenbleiben.

5 5 Trotzdem wird der Gang durch den unterirdischen Friedhof unter dem Petersdom zu einem eindrucksvollen Erlebnis: denn hier, an den uralten Gräbern ist man der Zeit, in der Petrus gelebt hat, viel näher. Hier ist hautnah zu spüren, was es bedeutet, dass damals Christen für ihren Glauben gestorben sind: dass sie ihr Leben gegeben haben für ihre Bekenntnis zu Jesus Christus. Petrus ist nur einer von vielen. Vorhin habe ich von den Brücken der Liebenden gesprochen. Gibt es von unserem Predigttext, von diesem Gespräch zwischen Jesus und Petrus, eine Brücke in unsere Zeit? Oder ist und bleibt dieser Text aussschließlich und allein auf Petrus bezogen? Ich meine: es gibt eine Brücke. Denn der Auftrag Jesu an Petrus gilt heute immer noch: Folge mir nach! Weide meine Schafe! so hat damals Jesus den Petrus eingesetzt, für die Urgemeinde zu sorgen. Nach Petrus haben viele Menschen diese Aufgabe übernommen. Damit meine ich nicht den Papst oder kirchliche Leitungsämter, sondern ich meine den Dienst, den Menschen in einer Gemeinde tun: ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, ob als Pfarrer oder als Hausmeister, ob als Mitarbeiter im Kindergottesdienstteam oder in der Kirchenmusik. Gemeint ist: nicht nur zahlendes Mitglied in einer Gemeinde zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen für andere Menschen, für einen bestimmten Dienst was auch immer das ist. Alles das ist Hirtendienst. So verteilt sich der Hirtendienst auf viele Schultern und umfasst viele Aufgaben. Jeder ist angesprochen und aufgefordert, sich daran zu beteiligen. Wollen wir das? Wollen wir uns dazu auffordern lassen? Auch schon zur Zeit des Petrus wird es nicht anders gewesen sein als heute: Der Mensch ist schwer zu bewegen und zu motivieren. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass Jesus den Petrus nicht nur einmal, sondern dreimal hintereinander anspricht und ihm sagt, was sein Auftrag ist. So ist es vielleicht auch bei uns: dass wir mehrere Anstöße brauchen, bis wir uns in diesen Dienst am Menschen und an der Gemeinde einbringen. Für diesen Dienst braucht es keine besondere Qualifikation, eine ausgenommen: diese finden wir in Frage, die wir in unserem Text dreimal finden: Hast du mich lieb? Die Liebe zu Gott, zu Jesus Christus und zum Nächsten ist somit die Grundlage für jeden Dienst, für jede Berufung und jeden Auftrag. Nur wer von dieser Liebe etwas weiß und sie spürt, wird bereit sein, einen Dienst in der Gemeinde zu übernehmen. Es ist so ähnlich wie bei einem Plakat, das ich vor wenigen Wochen in der Strobelmühle in Pockau im Erzgebirge gesehen habe, wo wir mit den Konfirmanden ein Wochenende verbracht haben, um den Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden vorzubereiten. Da hängt im Treppenaufgang ein Plakat, das im Comic-Stil gestaltet ist: Elf Menschen sitzen um einen Tisch

6 bei einer Beratung, es könnte eine Kirchenvorstandssitzung sein oder eine Dienstberatung. Alle haben Papiere vor sich und Kaffeetassen, die nicht verhindern, dass einigen vor Müdigkeit die Augen zufallen. Die Köpfe haben die Form von Kerzen, anstelle von Haaren haben sie einen Docht auf dem Kopf. Bei zehn von den Elfen ist der Docht nicht entzündet. Nur bei Einem brennt der Docht mit einer leuchtenden Flamme, in der Hand hält er ein großes Streichholz. Als Überschrift steht groß über dem Bild ein Spruch des Kirchenvaters Augustinus: Was du entzünden willst, muss in dir selbst brennen. Ich denke, das trifft genau den Punkt in unserem Text. Nur wenn Petrus die Liebe in sich spürt, ist er in der Lage und auch geeignet, den schweren Dienst und Auftrag anzunehmen: Jesus nachzufolgen und für die Gemeinde Verantwortung zu übernehmen. Was du entzünden willst, muss in dir selbst brennen. Ich wünsche uns allen, unserer Gemeinde und unserer Kirche, dass Gott seine Liebe in uns entzündet, dass sie in uns brennt und uns motiviert, sich an den Diensten in unserer Kirche zu beteiligen. 6

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