Talentmanagement als Lehrstellenmarketing: Erkenntnisse aus der Forschung

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1 Talentmanagement als Lehrstellenmarketing: Erkenntnisse aus der Forschung Referat an der Tagung Lehrstellenmarketing in Winterthur 27. Februar 2015 Prof. Dr. Margrit Stamm Professorin em. für Erziehungswissenschaft der Universität Fribourg-CH Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, Bern

2 These Die berufliche Grundbildung kann einen enormen Wertbeitrag für die Attraktivität der Berufsbildung leisten und auch dem Nachwuchsmangel begegnen. Aber der Tunnelblick auf bestimmte Adressatengruppen muss über einen Perspektivenwechsel in der Selektion und mit einem Talentmanagement* überwunden werden. Lehrstellenmarketing soll auch Talentmanagement sein. *Talentmanagement ist nichts anderes als der systematische Aufbau von Könnerschaft, von der Selektion bis zur Expertise.

3 Aufbau des Referats Problematik: Attraktivität der Berufslehre und «Die heutige Jugend» Wo liegen Begabungsreserven und was bedeutet dies für Rekrutierung und Selektion? Faktoren erfolgreicher Stellenbesetzungen Fazit: Was könnte getan werden?

4 Problematik: I: Attraktivität der Berufslehre II: «Die heutige Jugend»

5 Problematik I: Attraktivität der Berufslehre Forderung nach mehr Förderung der gymnasialen Bildung (Sarasin, Tagi, ; Schweizerischer Wissenschaftsrat, 2012). OECD-Studie (2012): «Bildungsabstieg», wenn von zwei Kindern eines Akademikerpaares eines studiert und eines nur eine Berufslehre macht. Ungebrochener Zustrom zu den Gymnasien Der Berufsbildung fehlen leistungsstarke Jugendliche (aber nicht per se wegen dem Gymnasium). Degradiert diese Akademisierungstendenz die Berufsbildung zu einem System zweiter Klasse?

6 Nein: weil die Wirtschaft erkannt hat, dass die berufliche Ausbildung eine lohnende Investition ist und sie ein enormes (auch internationales) Innovationspotenzial hat und allgemein als die grosse Integriererin gilt. Ja: wenn man ihren Attraktivitätsverlust berücksichtigt. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren sind ihr neben der demografischen Entwicklung die 10% bis 15% potentiell besten Auszubildenden an die Gymnasien verloren gegangen. Swiss Education

7 Problematik II: «Die heutige Jugend» Swiss Education Skeptischer Blick auf die heutige Jugend: «Fehlende Ausbildungsreife», schlechte Sekundärtugenden (=Leistungsmotivation, Zuverlässigkeit, Fleiss, Ordnungssinn). Von «Helikopter-Eltern» behütet, kontrolliert, gefördert und gefeiert; geringe Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz, hohe Ich-Zentriertheit = «Die pragmatische Generation». Konsequenzen für die Betriebe: Selbstbewusste Generation mit hohen Ansprüchen; Eltern entscheiden für ihren Nachwuchs.

8 Wo liegen die Begabungsreserven und was bedeutet dies für die Selektion?

9 * ; finanziert vom SBFI Swiss Education Studie «Leistungsentwicklungen von begabten Lehrlingen»* Einschätzung der Schlüsselqualifikationen durch LehrmeisterInnen Talentpool N=292 Vergleichsgruppe N=281

10 Skala Leistung total (Range 1-5) Swiss Education Leistungsentwicklungen von begabten Lehrlingen Einschätzung der Schlüsselqualifikationen durch LehrmeisterInnen 4 3, Wer sind die Leistungsbesten aus Talentpool und Vergleichsgruppe? 3,6 3,4 3, t1 t2 t3 t4 Messzeitpunkte N=181, davon TP: N=82 (45%) VG: N=99 (55%) Migranten: N=55 Talentpool Vergleichsgruppe

11 Keine notwendig hohe Intelligenz (gemessen mit IQ- Test); oft wenig erfolgreiche Schullaufbahnen (33% Realschule, 35% Klassenwiederholungen); 31% mit Migrationshintergrund. Persönlichkeitsmerkmale schlagen Intelligenz: Arbeitsmotivation und -identifikation, Stressresistenz, Fleiss, Beharrlichkeit. Grosse Bedeutung von Betrieben / Berufsfachschulen: Klima, herausfordernde und anerkennende Haltungen; Fokus auf Training und Übung. Berufslehre als zweite Chance: v.a. für «Minderleister». Hohe Erfolgserwartungen vieler Migranteneltern. Unsere Studie belegt: Es wäre schwierig gewesen, das Potenzial dieser jungen Menschen mittels Schulnoten, Leistungstests und des Schulabschlusses zu erkennen!!

12 Faktoren erfolgreicher Lehrstellenbesetzungen

13 Swiss Institute for Swiss Educational Education Issues 7 Merkmale «erfolgreicher» Lehrbetriebe (=alle Stellen besetzt) 1. Starke Gewichtung von Schnupperlehren 2. Fokus auf Persönlichkeitsmerkmale und Interesse 3. Kooperation mit Schulen inkl. regelmässige Info- Veranstaltungen 4. Präsenz auf Berufsmessen 5. Berücksichtigung von Bewerbungen aller Schulniveaus 6. Geringere Gewichtung von Basis- / Multichecks, schriftlichen Bewerbungsunterlagen, Absenzen 7. Direktes Anschreiben potenzieller Bewerber Nachbefragung im Herbst 2012: Betriebe ohne unbesetzte (N=67) und mit unbesetzten Lehrstellen (N=47)

14 Fazit Was könnte getan werden?

15 Zum Ziel einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für alle gleich: Klettern Sie auf einen Baum! Die berufliche Grundbildung kann einen enormen Wertbeitrag für die Attraktivität der Berufsbildung leisten und auch dem Nachwuchsmangel begegnen. Aber der Tunnelblick auf bestimmte Adressatengruppen muss über einen Perspektivenwechsel in der Selektion und mit einem Talentmanagement überwunden werden. Lehrstellenmarketing soll auch Talentmanagement sein.

16 Veränderung der Selektionspraxen (geringere Gewichtung von Schulnoten, Multi-/Basic-Checktests, schriftlichen Bewerbungsunterlagen, stärkere Gewichtung der Persönlichkeitsmerkmale) Fokus auf gute Schnupperlehren VIEL FRÜHER einsetzende Elternarbeit Kampagnen, welche positive Rollenmodelle (Migranten und ihre Familien) einschliessen. proaktive und frühe Zusammenarbeit mit Schulen direktes Ansprechen ausländischer Familien direkte Kontaktaufnahme mit potenziellen Bewerbern Leistungsstarke nicht an Berufsmatura hindern (Nicht konsumorientierte) Anreizsysteme zur Bindung der Auszubildenden an den Betrieb

17 Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Dossiers: -> Forschung -> Publikationen -> Dossiers erscheint ca. Mai/Juni 2015

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