Leihgeld 2: Kredite für Konsum

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1 U NIVERSITÄT T RIER F ACHBEREICH IV VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE Übung: Kooperation in Staat und Wirtschaft Formen und Wirkungen von Geld Wintersemester 2004/05 Prof. Dr. Harald Spehl Leihgeld 2: Kredite für Konsum Lars Holstenkamp Medardstraße 148a Trier Tel.: 0651/ Volkswirtschaftslehre Schwerpunkt Internationale Beziehungen / Entwicklungsländer 8. Fachsemester Matrikelnummer: Vorgelegt am:

2 Inhaltsverzeichnis ii ABBILDUNGSVERZEICHNIS...IV ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS...V 1. KONSUMENTENKREDITE UND DER SCHULDTURM Überschuldung und Konsumentenkreditaufnahme: Der Schuldturm Verarmung durch Konsumentenkreditaufnahme Konsumentenkredite: Definition und Formen EMPIRIE: ENTWICKLUNG DER KONSUMENTENKREDITAUF- NAHME Anmerkungen zu den Quellen und Indikatoren Konsumentenkreditschuld in Deutschland aggregierte Daten Disaggregierte Daten zur Konsumentenkreditschuld in Deutschland und Ursachen der Überschuldung BEWERTUNG DES KONSUMENTENKREDITES IM LICHTE THEORETISCHER ÜBERLEGUNGEN Einfaches neoklassisches Zwei-Perioden-Modell und Lebenszykluseinkommen Informationsmängel Nichtrationalität und Meritorik Implikationen für staatliches Handeln ZUR BEWERTUNG DER THESE HERMANNSTORFERS Genese der These... 14

3 4.2. Kritik aus empirischer und theoretischer Perspektive iii 5. FAZIT: ZUR BEWERTUNG DER KONSUMENTENKREDIT- SCHULD IN DEUTSCHLAND ANHANG I: ERLÄUTERUNGEN ZU DEN INDIKATOREN Konsumentenkredite: Zur Abgrenzung und den Fristen Einkommenskonzepte Vermögenskonzepte Abgrenzung der Sektoren ANHANG II: DATENTABELLEN Konsumentenkredite: Insgesamt, nach Fristigkeit, Ratenkredite und Dispositionskredite Konsumentenkredite und Einkommen LITERATURVERZEICHNIS... 25

4 iv Abbildungsverzeichnis Abb. 2.1: Konsumentenkreditvolumen nach Kreditformen, Abb. 2.2: Konsumentenkreditvolumen im Verhältnis zu verschiedenen Einkommensgrößen seit Abb. 2.3: Konsumentenkreditverschuldung im Verhältnis zum Nettovermögen privater Haushalte 1970, 1980 und Abb. 2.4: Konsumentenkreditschulden nach Alters- und Einkommensklassen gemäß EVS...9 Abb. 3.1: Einfaches Zwei-Perioden-Modell nach FISHER...11

5 v Abkürzungsverzeichnis DIW ESVG 95 EVS SOEP VGR Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 1995 Einkommens- und Verbrauchsstichprobe Sozio-oekonomisches Panel Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

6 1 1. Konsumentenkredite und der Schuldturm 1.1. Überschuldung und Konsumentenkreditaufnahme: Der Schuldturm Die Angebote klingen meist verführerisch: Einen kurzfristigen Urlaub einschieben, obwohl das Geld dafür gerade nicht da ist? Oder mal richtig Einkaufen gehen auf Pump, damit es der Seele wieder besser geht? Immer mehr Banken locken Kunden mit sogenannten Konsumentenkrediten und vor allem jüngere Leute nehmen solche Angebote dankend an. Verbraucherschützer aber warnen vor unüberlegtem Konsum auf Pump, der keine bleibenden Werte schafft. [...] Ein derartiger Kredit sei oft der erste Schritt in Richtung Schuldenfalle. 1 Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer: In sechs Jahren rot-grüner Koalition sind die sozialen Unterschiede in Deutschland größer geworden. [...] Die Zahl der überschuldeten Haushalte nahm um 13 Prozent auf 3,13 Millionen zu. 2 Konsumentinnen und Konsumenten, die durch unbedachte Kreditaufnahme für Konsumzwecke in die Schuldenfalle geraten, zunehmende Disparitäten in Deutschland, steigende Überschuldung der Haushalte so ließen sich die Verbindungslinien der beiden Artikel beschreiben, die in den Kontext der sozialpolitischen Diskussionen über notwendige Reformen in Deutschland und die verteilungspolitischen Folgen unterschiedlicher Maßnahmen eingeordnet werden können. Wenn die Kausalkette, die hier nahegelegt wird, zutreffend ist, und die Aufnahme von Konsumentenkrediten zu einer vermehrten Überschuldung von Haushalten führt, darüber hinaus die Überschuldung zur steigenden Armut und den zunehmenden Einkommensdisparitäten beiträgt, dann liegt es nahe, nach den Ursachen für eine steigende Konsumentenkreditaufnahme und den notwendigen wirtschaftspolitischen Konsequenzen zu fragen, zumal unter dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit bzw. des verfassungsrechtlich verankerten Sozialstaatsprinzips Verarmung durch Konsumentenkreditaufnahme Eine solche Kausalkette impliziert auch die These von Udo Hermannstorfer, Konsumentenkredite führten zu einer Einkommensminderung in der Zukunft und damit zu einer Verarmung derjenigen, die derartige Kredite in Anspruch nähmen. 3 Damit wäre die Ursache für zunehmende Zahlungsschwierigkeiten von Haushalten und steigende Disparitäten im aktuellen Geldsystem bzw. bei den Konsumentenkrediten an sich zu suchen. Die These im Folgenden kurz Verarmungsthese steht im Zentrum der vorliegenden Arbeit. Mit Blick auf empirische Untersuchungen und theoretische Ansätze soll der Frage nachgegangen werden, ob eine o.v. (2005): Konsum, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 32 / , S. 10. Neubacher, A. (2004): Wer hat, dem wird gegeben, in: Der Spiegel, Nr. 49 / , S , hier: 106. Vgl. Hermannstorfer, U. (1997): Schein-Marktwirtschaft Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft, Stuttgart, S. 191.

7 2 steigende Verschuldung infolge der Aufnahme von Konsumentenkrediten zu einer Verarmung der Haushalte führen muss, ob also in der Institution des Konsumentenkredites die Ursache für eine Verarmung des Kreditnehmers zu sehen ist. Damit verbunden ist die oben bereits angesprochene Frage notwendiger und geeigneter wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Den Überlegungen Hermannstorfers liegt die Annahme zugrunde, dass der Konsum unproduktiv sei und daher aus dem gegenwärtigen Einkommen finanziert werden müsste. 4 Die Gründe, warum dies aus meiner Sicht grundsätzlich nicht haltbar ist und insgesamt die von Hermannstorfer und auch anderen Autorinnen und Autoren aufgezeigten Wirkungslinien nicht zwingend sind, wird im Folgenden dargelegt werden. Der Arbeit liegt die These zugrunde, dass steigende Überschuldungszahlen auf eine suboptimale Gestaltung des Ordnungsrahmens zurückzuführen sind und hier mithin der Ansatzpunkt für wirtschaftspolitische Maßnahmen liegt. Ausgangspunkt v.a. der theoretischen Überlegungen sind die Entscheidungen der Individuen, eine mikroökonomische Perspektive. Makroökonomische Fragestellungen, wie etwa die Wirkung der Konsumentenkreditvergabe auf Konjunktur 5 sowie auf Wachstum und wirtschaftliche Entwicklung 6 über die Einflussnahme auf die Sparquote bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt. Gleiches gilt für Fragen der Globalisierung der Weltwirtschaft und die These der Entkoppelung der monetären von der realen Sphäre 7 sowie die Transformationsvorgänge und Störungen im Geldkreislauf in den Termini von Hermannstorfer die Umwandlungen von Kauf-, Leih- und Schenkgeld in jeweils andere Geldformen. Diese systemischen Fragen wären sicherlich in einer detaillierteren Analyse der Ausführungen Hermannstorfers zu untersuchen, stellen sie doch die Grundlage seiner Ü- berlegungen dar. Dem begrenzten Umfang dieser Arbeit soll aber mit einer Konzentration auf wenige Fragenkomplexe Rechnung getragen werden. Aus diesem Vgl. zu dieser Annahme, die in der Literatur häufiger anzutreffen ist, Beier, J.; Jacob, K.-D. (1987): Der Konsumentenkredit in der Bundesrepublik Deutschland (= Schriftenreihe des Instituts für Kreditwesen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Nr. 32), Frankfurt / Main, S. 25 f.. Vgl. hierzu Holzscheck, K.; Hörmann, G.; Daviter, J. (1982): Die Praxis des Konsumentenkredits in der Bundesrepublik Deutschland eine empirische Untersuchung zur Rechtssoziologie und Ökonomie des Konsumentenkredits (Rechtstatsachenforschung, hrsg. v. Bundesministerium der Justiz), S , sowie kritisch dazu Beier; Jacob (1987), S Vgl. hierzu Schuberth, K. H. (1988): Konsumkredit und wirtschaftliche Entwicklung Der Einfluß der Kreditfinanzierung des privaten Konsums auf die Struktur der Volkswirtschaft (= Bayreuther Beiträge zur Volkswirtschaftslehre; Bd. 6), Spardorf. Vgl. hierzu etwa Herr, H. (1996): Globalisierung der Ökonomie Entkoppelung der Geldsphäre und Ende der nationalen Autonomie?, in: Eicker-Wolf, K. u.a. (Hrsg.): Wirtschaftspolitik im theoretischen Vakuum? Zur Pathologie der politischen Ökonomie, Marburg, S , sowie die hierin zitierte Literatur.

8 3 Grund werden auch internationale Verflechtungen aus der Betrachtung weitgehend ausgeblendet. Eine derartige Konzentration erscheint insofern gerechtfertigt, als dass in der aktuellen Diskussion um Konsumentenkredite Verteilungsfragen und der moderne Schuldturm sowie darin begründete staatliche Eingriffsoptionen im Mittelpunkt stehen. 8 Zunächst wird definiert, was überhaupt unter einem Konsumentenkredit zu verstehen ist. Dabei werden auch begriffliche Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Konsum und Investition erörtert. Zudem wird ein kurzer Überblick über die verschiedenen Konsumentenkreditformen gegeben. Auf dieser begrifflichen Grundlage aufbauend wird erörtert, wie sich das Kreditvolumen und der Verschuldungsgrad der privaten Haushalte insgesamt sowie nach Einkommensgruppen entwikkelt haben. Zur Beurteilung der Aussagefähigkeit der angeführten Daten werden zu Beginn des empirischen Teils die Datenquellen und die verwendeten Indikatoren diskutiert. Darüber hinaus werden Befunde zu den Ursachen von Überschuldungen von Haushalten angeführt. Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Wirkungen der Konsumentenkredit im Lichte verschiedener theoretischer Ansätze entfaltet. Hierbei wird zunächst ein einfaches neoklassisches Zwei-Perioden-Modell vorgestellt, zusammen mit Überlegungen zum Lebenszykluseinkommen. Hiernach wird untersucht, welche Modifikationen sich beim Vorliegen von Informationsmängeln sowie nicht-objektiver Rationalität ergeben. Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik, die sich hieraus ergeben, werden abschließend kurz erörtert. Im vierten Kapitel wird dann die Genese der These Hermannstorfers skizziert sowie den empirischen Befunden und den im vorangegangenen Kapitel erläuterten theoretischen Überlegungen gegenüber gestellt. Im Fazit werden schließlich die Gründe für die Relativierung bzw. Zurückweisung der These Hermannstorfers zusammengefasst und die Felder benannt, in denen eine Reform der bestehenden Wirtschaftsordnung angezeigt erscheint Konsumentenkredite: Definition und Formen 8 Für einen Überblick über die Diskussion bis zum Ende der 1980er Jahre vgl. Schuberth (1988), S Zu aktuelleren Erörterungen vgl. die Analysen zum Verbraucherschutz von Kanzler, M. (1996): Verbraucherkreditgesetz eine ökonomische Analyse (= Schriften zur Nationalökonomie; Bd. 21; zugl.: Bayreuth, Univ., Diss., 1996), Bayreuth; Bülow, P. (2002): Heidelberger Kommentar zum Verbraucherkreditrecht, 5. Aufl., Heidelberg, S. 5-13, sowie Köster, W.; Paul, S.; Stein, S. (2004): An Economic Analysis of the EU Commission s Proposal for a New Consumer Credit Directive Offering Consumers More Protection or Restricting their Options?, in: Intereconomics, March / April 2004, pp Für Großbritannien vgl. Johnson, M. (2003): Talking Point Shark repellent, in: Financial World, June 2003, pp. 6-7.

9 4 Bei der Definition des Konsumentenkredites wird zumeist auf die Kreditnehmer, private Haushalte nämlich, und Zweck der Kreditaufnahme, den privaten Konsum, hingewiesen. 9 Die Gegenüberstellung rein konsumptiver Mittelverwendung beim Konsumentenkredit im Gegensatz zum Produzentenkredit ist allerdings problematisch. 10 Einige Ausgaben, etwa für die Anschaffung des für die Fahrt zur Arbeitsstelle benötigten PKW, können durchaus eine produktive Wirkung besitzen. Die mit der Charakterisierung als unproduktiv verbundene negative Wertung wird daher zurückgewiesen. Da sich eine allgemeine Abgrenzung von Konsum und Produktion als schwierig erweist, mithin eine Überprüfung für jeden Einzelfall notwendig wäre, erscheint die Anlehnung an die Konventionen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) sinnvoll. 11 Kredite für Wohnungsbau werden i.d.r. nicht in die Betrachtung mit einbezogen. 12 Als Konsumentenkredite werden somit definiert zeitweilige Überlassungen von Verfügungsmacht über eine bestimmte Geldsumme 13 an private Haushalte zum Zweck des Konsums (in Eingrenzung der VGR) in dem Vertrauen auf eine Rückzahlung seitens des Schuldners. Der Konsum des Staates bleibt ausgeklammert. Ein solches, in die künftige Zahlungsfähigkeit des Schuldners gesetztes Vertrauen kann enttäuscht werden und ist daher mit Risiko behaftet. Beim Konsumentenkredit haben sich verschiedene Formen herausgebildet, die zu bestimmten Zeiten eine unterschiedliche Bedeutung besaßen und aktuell besitzen. 14 Die Deutsche Bundesbank unterscheidet zunächst bankmäßige von nichtbankmäßigen Formen der Verschuldung. 15 Zu letztgenannten zählen reine Abzahlungsgeschäfte, die Inanspruchnahme von Zahlungszielen die Verschuldung im Zusammenhang mit Kreditkartenkäufen, Leasing sowie die Pfandleihe. Bankmäßige Formen werden unterteilt in Ratenkredite und Nichtratenkredite. Bei den Ratenkrediten lassen sich direkte und indirekte (A-, B- und C-Geschäfte) unter- 9 Vgl. hierzu etwa Bülow, P. (1997): Sittenwidriger Konsumentenkredit (=RWS-Skript; Bd. 202), 3. Aufl., Köln, S. 5, sowie Reifner, U. (1991): Handbuch des Kreditrechts Verbraucherkredit und Realkredit, 2. Aufl., München, S Vgl. hierzu, wie zum Folgenden, Beier; Jacob (1987), S So auch Beier; Jacob (1987), S Vgl. hierzu auch Reifner (1991), S. 1, sowie Deutsche Bundesbank (1993): Zur längerfristigen Entwicklung der Konsumentenkredite und der Verschuldung der privaten Haushalte, in: Monatsbericht, April 1993, S , hier: 20 (Fn. 1). 13 Beier; Jacob (1987), S Für eine Übersicht über die historische Entwicklung vgl. Beier; Jacob (1987), S. 31, sowie Schuberth (1988), S Die hier wiedergegebene Klassifikation ist entnommen aus Deutsche Bundesbank (1993), S. 20 f.; vgl. auch Anhang I. Eine etwas andere Systematisierung nimmt Zimmermann, G. E. (2000): Überschuldung privater Haushalte Empirische Analysen und Ergebnisse für die alten Bundesländer (= Karlsruhe, Univ., Diss., 2000), Karlsruhe, S. 2, vor.

10 5 scheiden. Zu den Nichtratenkrediten zählen Festkredite, die Inanspruchnahme von eingeräumten Kreditlinien sowie Kreditüberschreitungen auf laufenden Konten (v.a. Debetsalden auf Lohn-, Gehalts-, Pensions- und Rentenkonten / Disposi-tionskredite ). 2. Empirie: Entwicklung der Konsumentenkreditaufnahme 2.1. Anmerkungen zu den Quellen und Indikatoren Bevor ein Überblick über die Entwicklung der Konsumentenkreditschuld in Deutschland, auch einzelner Formen, gegeben wird, erfolgt zunächst eine kurze Erörterung der verwendeten Indikatoren und Quellen. Um die Verarmungsthese empirisch untersuchen zu können, muss zunächst ein geeignetes Maß für den Verschuldungsgrad 16 der privaten Haushalte definiert werden. Die einzelnen Volumina für sich genommen erlauben keine Aussage hierüber, da eine Kompensation durch steigende Einkommen und Vermögensbestände möglich ist. 17 Daher wird bei der Konstruktion von Indikatoren zur Verschuldung i.d.r. der Bestand der Konsumentenkreditschulden ins Verhältnis zu einer Einkommens- oder einer Vermögensgröße gesetzt. 18 Die Verbindung von Bestands- mit Stromgrößen im erstgenannten Typus ist allerdings insofern problematisch, als dass der Eindruck erweckt wird, die Verpflichtungen würden in Gänze aus dem laufenden Einkommen beglichen. Sollen Aussagen über die ökonomische Situation des Haushaltssektors getroffen werden, sind daher die Vermögenspositionen in die Analyse mit einzubeziehen. 19 Zu bedenken ist allerdings, dass die Vermögensbestände unterschiedliche Liquiditäten aufweisen und Haushalte zudem selten planen, die Vermögensgegenstände zu liquidieren, gerade dann, wenn es sich um Sachvermögen handelt. Bezahlt werden die anfallenden Verpflichtungen in aller Regel aus dem 16 Da die Feststellung des Vorliegens einer Überschuldung schwierig ist und Überschuldung zudem Verschuldung voraussetzt vgl. Zimmermann (2000), S. 2 wird bei der Analyse der Daten zunächst nicht auf Überschuldung abgestellt, sondern auf die Verschuldung der privaten Haushalte, vgl. auch Reiter, Gerhard (1991): Kritische Lebensereignisse und Verschuldungskarrieren von Verbrauchern (= Beiträge zur Verhaltensforschung; Bd. 29; zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 1990), Berlin, S Vgl. hierzu Herr (1996), S. 258 f.. Ein kurzer Überblick über die Volumina wird nicht zuletzt deshalb der Analyse vorangestellt, um dem Einwand Hermannstorfers Rechnung zu tragen, die relativierenden Aussagen zur Konsumentenkreditschuld basierten auf der Annahme stetig steigender Einkommen so implizit in Hermannstorfer (1997), S Einen Überblick mit Bewertung verschiedener Indikatoren geben Langrehr, V. B.; Langrehr, F. W. (1989): Measuring the Ability to Repay The Residual Income Ratio, in: The Journal of Consumer Affairs, Vol. 23, No. 2, pp Vgl. zu dieser Einschätzung Beier; Jacob (1987), S. 53 f., sowie Carlson, K. M. (1993): On the Macroeconomics of Private Debt, in: Review of the Federal Reserve Bank of St. Louis, January / February 1993, pp , hier: 55. Anders Reiter (1991), S. 39 f..

11 6 laufenden und künftigen Einkommen. 20 Die Datenverfügbarkeit im Bereich der Vermögenswerte ist überdies unzureichend. 21 Das Gebrauchsvermögen wird beispielsweise in den deutschen VGR nur in größeren Abständen berechnet. 22 Daher wird bei der empirischen Analyse auf verschiedene Größen, auch unterschiedliche Einkommens- und Vermögensgrößen, zurückgegriffen. 23 Ein weiteres Problem stellt die Verwendung aggregierter Daten dar. So hebt Allan Meltzer hervor, dass entscheidend die Verwendung der Kredite sei. 24 Um zudem auch dem Verteilungsaspekt gerecht zu werden, erfolgt im Anschluss an die Darstellung der aggregierten Daten eine Analyse der Verschuldung nach Alters- und Einkommensgruppen. Daten zur Konsumentenkreditschuld in Deutschland können dabei im wesentlichen vier verschiedenen Quellen entnommen werden: Die von der Bundesbank erhobenen Daten beziehen sich ausschließlich auf bankmäßige Formen des Konsumentenkredits, 25 sind aber dennoch für eine Analyse der aggregierten Werte nützlich. 26 Für die Disaggregation nach Alters- und Einkommensgruppen wird vor allem auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), erhoben vom Statistischen Bundesamt, zurückgegriffen. Die Erhebung im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), betreut durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, enthält erst seit 1997 Angaben zu Konsumentenkreditverpflichtungen. 27 Schließlich liegen zur Überschuldung und ihren Ursachen einige Studien vor, auf die im entsprechenden Abschnitt verwiesen wird Diesen Einwand gegenüber vermögensbasierte Quotienten machen Langrehr; Langrehr (1989), p. 397, geltend. 21 Vgl. hierzu Stein, H. (2003): Die Entwicklung des aggregierten Privatvermögens und seine Verteilung in Deutschland seit 1970 (=Arbeitspapiere des EVS-Projekts Personelle Einkommensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland, Nr. 30), Frankfurt / Main, uni-frankfurt.de/professoren/hauser/evs_wp27_deutsch.doc, , S Hauser, R.; Stein, H. (2003): Vermögen, in: Brümmerhoff, D.; Lützel, H. (Hrsg.): Lexikon der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, 3. Aufl., München; Wien, S , hier: Eine Übersicht inklusive technischer Anmerkungen bietet Anhang I, S. 16 f.. 24 Meltzer, A. H. (1986): Commentary on Increasing Indebtedness and Financial Stability in the United States, in: Debt, Financial Stability, and Public Policy, Symposium sponsored by the Federal Reserve Bank of Kansas City; zit. n. Carlson (1993), p. 59. Dieser Frage wird vor allem im 3. Kapitel nachgegangen. 25 Deutsche Bundesbank (1993), S. 19 f.. 26 So auch Korczak, D. (2001): Überschuldung in Deutschland zwischen 1988 und 1999 Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (= Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bd. 198), Stuttgart; Berlin; Köln, S Knies, G.; Spieß, C. K. (2003): Fast ein Viertel der Privathaushalte in Deutschland mit Konsumentenkreditverpflichtungen, in: DIW-Wochenbericht, Bd. 70, Nr. 16, S , hier: Einen Überblick über verschiedene Studien gibt Zimmermann, G. E. (2000), S

12 Konsumentenkreditschuld in Deutschland aggregierte Daten Wie aus Abb. 2.1 zu ersehen ist, ist das Konsumentenkreditvolumen seit 1980 beständig angestiegen, allerdings mit abnehmenden Zuwachsraten seit den 1990er Jahren. 29 Den größten Anteil machten dabei die Ratenkredite aus, einen verhältnismäßig kleinen die Dispositionskredite. Zurückgegangen zu sein scheinen vor allem die kurzfristigen Kredite. Abb. 2.1: Konsumentenkreditvolumen nach Kreditformen, Dez 80 Dez 82 Dez 84 Dez 86 Dez 88 Dez 90 Dez 92 Dez 94 Dez 96 Dez 98 Dez 00 Dez 02 Volumina in Mrd. Sonstige Kredite, insg. Sonstige Kredite, kurzfr. Sonstige Kredite, mittelfr. Sonstige Kredite, langfr. Ratenkredite Dispositionskr edite Quelle: Deutsche Bundesbank (2004): Zeitreihen-Datenbank, statistik/ statistik_zeitreihen.php, ; für Änderungen in den Abgrenzungen zwischen mittel- und langfristigen Krediten vgl. Anhang I, S. 16. Setzt man die Konsumentenkreditvolumina ins Verhältnis zu verschiedenen Einkommensgrößen, so wird ersichtlich, dass seit Mitte bzw. Ende der 1990er Jahren eine Stagnation zu verzeichnen war. Der Vergleich der einzelnen Verschuldungsquotienten zeigt allerdings zugleich, dass Aussagen zur Trendentwicklung in gewissem Maße auch von der Wahl der Größen abhängig sind. Expansionsphasen, auch relativ, sind für die 1970er und den Beginn der 1990er Jahre nachweisbar. 30 Bei der Betrachtung der Konsumentenkreditvolumina im Verhältnis zum Vermögen privater Haushalte wiederum zeigt sich, dass insgesamt nicht von einem über- 29 Die genauen Werte und Berechnungsgrundlagen aller Daten sind im Anhang II wiedergegeben. 30 Vgl. auch Reiter (1991), S. 39, für eine Darstellung der Wachstumsraten von Konsumentenkrediten, Bruttosozialprodukt und verfügbarem Einkommen von , die sich Ende der 1980er Jahre aneinander angeglichen haben.

13 Abb. 2.2: Konsumentenkreditvolumen im Verhältnis zu verschiedenen Einkommensgrößen seit ,8 8 1,6 1,4 1,2 1 0,8 0,6 0,4 0,2 Kons.kredite / verf. Eink. Kons.kredite / BNE (saisonbereinigt) Kons.kredite / Nettolöhne u. - gehälter Kons.kredite / Arbeitnehmerentgelte (saisonbereinigt) 0 Mrz 91 Mrz 92 Mrz 93 Mrz 94 Mrz 95 Mrz 96 Mrz 97 Mrz 98 Mrz 99 Mrz 00 Mrz 01 Mrz 02 Mrz 03 Mrz 04 Quelle: Deutsche Bundesbank (2004); eigene Berechnungen mäßigen Anstieg der Verschuldung gesprochen werden kann (Abb. 2.3). Nach dem Anstieg im Vergleich der Jahre 1970 und 1980 ging die Kreditaufnahme einher mit einem entsprechenden Aufbau des Vermögens. Die Daten für die 1990er Jahre weisen auf keinen Anstieg des Verschuldungsgrades hin. Abb. 2.3: Konsumentenkreditverschuldung im Verhältnis zum Nettovermögen privater Haushalte 1970, 1980 und Nettovermögen (Mrd. DM) ,9 8839,1 9392, , , , , ,4 Konsumentenkredite (Mrd. DM) 29,7 130,7 250,8 287,2 312,0 324,3 335,1 345,8 356,1 366,3 Verschuldungsquotient 0,0223 0,0337 0,0306 0,0325 0,0332 0,0323 0,0318 0,0310 0,0306 0,0303 Quelle: Deutsche Bundesbank (1999): Zur Entwicklung der privaten Vermögenssituation seit Beginn der neunziger Jahre, in: Monatsbericht, Januar 1999, S , hier: 43; Deutsche Bundesbank (2004); Stein (2002), S. 5; eigene Berechnungen 2.3. Disaggregierte Daten zur Konsumentenkreditschuld in Deutschland und Ursachen der Überschuldung Im unteren Teil der Abb. 2.4 sind entsprechende Daten gemäß EVS für die Jahre 1993, 1998 und 2003 wiedergegeben. Auch hier zeigt sich zunächst ein Anstieg, dann wieder ein Rückgang des Verschuldungsgrades, von etwa 0,036 (1993) über

14 Abb. 2.4: Konsumentenkreditschulden nach Alters- und Einkommensklassen gemäß EVS durchschnittl. Konsumentenkreditschulden in 100 DM durchschnittl. Nettogeldvermögen in 100 DM Verschuldungsquote bezogen auf das Einkommen Verschuldungsquote bezogen auf das Vermögen durchschnittl. Konsumentenkreditschulden in 100 durchschnittl. Nettogeldvermögen in 100 Verschuldungsquote bezogen auf das Einkommen Verschuldungsquote bezogen auf das Vermögen Nach monatlichem Haushaltsnettoeinkommen von... bis unter... DM (Euro) unter ,19 121,83 0,0204 0,0754 (unter 900) ,0111 0, ,22 186,76 0,0061 0,0708 ( ) ,0095 0, ,74 265,87 0,0054 0,0554 ( ) ,0079 0, ,11 364,07 0,0060 0,0580 ( ) ,0080 0, ,59 478,72 0,0061 0,0576 ( ) ,0070 0, ,48 694,10 0,0056 0,0482 ( ) ,0068 0, , ,00 0,0038 0,0305 ( ) ,0047 0, , ,96 0,0021 0,0234 ( ) ,0022 0,0154 Nach Alter des/der Haupteinkommensbeziehers(in) von... bis unter... Jahren unter 25 14,71 161,92 0, , ,61 328,41 0, , ,38 519,75 0, , ,02 767,07 0, , ,35 908,75 0, , ,48 730,06 0, , und mehr 3,33 553,20 0,0060 (70-80) ,0076 (80 und mehr) 461 Konsumentenkreditschulden je Haushalt in 100 DM / Nettogeldvermögen je Haushalt in 100 DM / Verschuldungsquote ,09 531,64 0, ,26 613,04 0, ,0360 Quelle: Statistisches Bundesamt (2001), S. 40,42; Statistisches Bundesamt (2004); Münnich (2001), S ,041 (1998) auf wiederum 0,036 im Jahr Ein Blick auf die disaggregierten Daten zeigt allerdings, dass die Verschuldung bei den ärmeren Haushalten deutlich gravierender ist als bei einkommensstärkeren, wenn auch die durchschnittliche Kreditaufnahme vom Volumen her geringer ist. Der Verschuldungsgrad hat

15 10 beim Vermögen als Basis zudem in allen Einkommensgruppen zwischen 1998 und 2003 abgenommen. Legt man das Einkommen als Basis zugrunde, ist dagegen außer bei der niedrigsten und höchsten Einkommensklasse ein Anstieg zu verzeichnen. Die relativ höchste Verschuldung erreichen bei den Altersklassen diejenigen Haushalte, deren Haupteinkommensbezieher/in zwischen 25 und 35 Jahren alt ist, gefolgt von den unter 25-Jährigen. Dies sind auch die beiden Altersklassen, die 2003 einen höheren Verschuldungsgrad aufwiesen als Ähnliche Resultate ergeben sich auch bei der Analyse der Daten des SOEP. Demnach sind ärmere Haushalte stärker belastet als reichere Haushalte, nicht aber häufiger verschuldet. 31 Die höheren Verschuldungsquoten in den neuen Bundesländern erklären Knies und Spieß mit dem Nachholbedarf an langlebigen Konsumgütern bei zugleich niedrigerem Einkommensniveau. 32 Zuletzt seien einige Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Überschuldung in Deutschland angeführt. Demnach stellt zwar die Kreditaufnahme die erste Phase des Überschuldungsprozesses dar, dessen Dynamik aber i.d.r. erst durch unvorhergesehene Ereignisse ausgelöst wird. 33 Hierzu zählen z.b. der Verlust des Arbeitsplatzes und Beziehungsprobleme. 34 Als tiefere Ursache für eine Überschuldung nennt Zimmermann daneben die subjektiven Kompetenzen der betroffenen Personen, wobei er hierunter Haushaltsplanung und -führung, Konsumverhalten, mangelnde Erfahrung mit Banken bzw. Kreditangeboten und Bildungsdefizite subsumiert. 35 Insgesamt ist die Zahl der Überschuldungen nach Schätzungen von Korczak in den 1990er Jahren gestiegen, wobei in Westdeutschland 1997 mit 2,1 Mio. überschuldeten Haushalten ein Gipfel erreicht worden sei (1999: 1,9 Mio.), bei weiter steigender Zahl an Überschuldungen in Ostdeutschland Bewertung des Konsumentenkredites im Lichte theoretischer Überlegungen 3.1. Einfaches neoklassisches Zwei-Perioden-Modell und Lebenszykluseinkommen Nach der Darstellung empirischer Befunde sollen im Folgenden einige theoreti- 31 Knies; Spieß (2003), S. 279 f.. 32 Ebenda, S Vgl. hierzu Ebli, H. (2004): Von der Kreditaufnahme zur Überschuldung, familienhandbuch.de/cmain/f_aktuelles/a_haushalt/s_1075.html, , S Vgl. hierzu Beier; Jacob (1987), S. 118 f., sowie Korczak (2001), S Zimmermann (2000), S Ähnlich: Reiter (1991), S Beiden Untersuchungen liegen diesbezüglich Fremdeinschätzungen zugrunde. 36 Korczak (2001), S

16 11 sche Überlegungen zur Wirkungsweise des Konsumentenkredits erörtert werden. Ausgangspunkt ist dabei ein einfaches neoklassisches Zwei-Perioden-Modell nach Fisher. 37 Die grafische Darstellung in Abb. 3.1 verdeutlicht, dass bei Sicherheit bzgl. des gegenwärtigen und künftigen Einkommens und gegebenem Zins (r) je nach individueller Zeitpräferenz (ZP) der Konsum intertemporal optimal so alloziiert wird, 38 dass entweder über den Kreditmarkt Geld für den Konsum aufgenommen (Fall (a)) oder aber Geld gespart wird (Fall (b)). Bei einer Zinserhöhung liegt eine steilere Budgetgerade mit entsprechender Allokation vor (Fall (b), rot). Es hängt damit von den Präferenzen der Person ab, ob diese an- oder nachspart. In jedem Fall wird ein höheres Wohlstandsniveau erreicht, da bei Konsum entsprechend dem Einkommen heute (Y h ) und morgen (Y m ) eine niedrigere Indifferenzkurve erreicht würde (ZP 1 < ZP 2 ). Abb. 3.1: Einfaches Zwei-Perioden-Modell nach FISHER C m Y m Budgetgerade ZP 1 ZP 2 Kredit Nachsparen C m Y m ZP 1 ZP 2 r Sparen höherer Konsum morgen Y h C h (a) Kreditnehmer Y h (b) Kreditgeber C h Die Individuen erwarten nun allerdings i.d.r. nicht ein gleichbleibendes künftiges Einkommen. Werden die Änderungen im Lebenszyklus in die Überlegungen einbezogen, so ist idealtypisch anzunehmen, dass in jüngeren Jahren Schulden aufgenommen und in älteren Jahren zurückbezahlt werden. Dies entspricht der Lebenszyklustheorie von Modigliani. 39 Die Grundüberlegung deckt sich zudem mit den empirischen Befunden eines höheren Verschuldungsgrades in jungen Jahren Informationsmängel Wird die Annahme vollständiger Information aufgegeben, ergeben sich einige Implikationen, die für eine Analyse des Konsumentenkreditmarktes von Bedeutung 37 Vgl. hierzu Burda, M. C.; Wyplosz, C. (2003): Makroökonomie Eine europäische Perspektive, 2. Aufl., München, S , Siehe dort auch für eine algebraische Darstellung. Vgl. auch Santomero, A. M.; Babbel, D. F. (1997): Financial Markets, Instruments, and Institutions, Boston / Ma. et al., pp Es gelten darüber hinaus die üblichen Annahmen einfacher neoklassischer Modell. Vgl. hierzu etwa Fritsch, M.; Wein, T.; Ewers, H.-J. (2003): Marktversagen und Wirtschaftspolitik Mikroökonomische Grundlagen staatlichen Handelns, 5. Aufl., München, S Vgl. hierzu Burda; Wyplosz (2003), S. 155 f..

17 12 sind. 40 Informationsmängel zu Lasten der Kreditnehmer 41 in Form der Preisunkenntnis könnten dazu führen, dass diese höhere Zinsen als im Optimum akzeptieren, d.h. Kreditgeber höhere Zinsen verlangen können. Qualitätsunkenntnis könnte zu einer adversen Selektion führen. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass Marktreaktionen eine gewisse Korrektur dieser Verzerrungen mittels Bereitstellung von Informationen durch Informationsintermediäre, Reputationsmechanismen und positive externe Effekte, die von informierten Verbrauchern ausgehen, hervorbringen können. 42 Informationsmängel zu Lasten der Kreditgeber 43 wiederum, die mit dem Problem des moral hazard konfrontiert werden, können zu einer adversen Selektion unter den Kreditnehmern führen. rdings besteht bei Kreditnehmern mit guter Bonität ein Interesse daran, dies dem Kreditgeber auch zu signalisieren, was zu einem unraveling result der Offenlegung aller Bonitäten auch durch die Kreditnehmer mit geringerer Bonität führen kann. 44 Darüber hinaus können Kreditgeber mittels screening in Form von harten Kreditkonditionen und hieraus folgender Selbstselektion unter den Kreditnehmern versuchen, ihre Informationsmängel zu verringern. 45 Dies führt im Endeffekt zu Kreditrationierungen und damit evtl. für den Kreditnehmer suboptimalen Ergebnissen Nichtrationalität und Meritorik Eine weitere Annahme, die einer Überprüfung bedarf, ist die der Rationalität und der Konsumentensouveränität. Objektive Rationalität, darüber besteht Einigkeit, liegt in der Realität nicht vor. 47 Modelle wie das von Stigler 48, die von einem begrenzten Informationsstand und der Entscheidung zwischen Informationsbeschaffung und rationaler Ignoranz ausgehen, verbleiben allerdings im rational 40 Die folgenden Ausführungen basieren zu einem erheblichen Teil auf der Analyse von Franck, J.-U. (2003): Bessere Kreditkonditionen für Verbraucher durch mehr Regulierung? Zum Paradigmenwechsel im Vorschlag für eine neue Verbraucherrichtlinie vor dem Hintergrund der ökonomischen Theorie, in: Zeitschrift für Bankrecht und Bankwirtschaft, Bd. 15, H. 5, S Vgl. hierzu Franck (2003), S. 335 f., sowie Fritsch; Wein; Ewers (2003), S Franck (2003), S Vgl. auch Fritsch; Wein; Ewers (2003), S Vgl. hierzu Franck (2003), S. 336 f., sowie Fritsch; Wein; Ewers (2003), S. 283 f.. 44 Franck (2003), S Ebenda. 46 Vgl. hierzu etwa Burda; Wyplosz (2003), S. 140 f.. In der Darstellung 3.1 entspräche dies einem Knick in der Budgetgeraden mit steilerem Verlauf hiernach. 47 Vgl. zur Diskussion über Rationalität aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive Sen, A. K. (1987): Rational Behaviour, in: Eatwell, John (ed.): The New Palgrave A Dictionary of Economics, Vol. 4 Q to Z, London et al., pp , sowie Streit, M. (2000): Theorie der Wirtschaftspolitik (wisu-texte), 5. Aufl., Düsseldorf, S Vgl. hierzu Schumann, J.; Meyer, U.; Ströbele, W. (1999): Grundzüge der mikroökonomischen Theorie, 7. Aufl., Berlin u.a., S

18 13 choice-ansatz. 49 Wird das Postulat der Konsumentensouveränität aufrecht erhalten, so lassen sich nur schwer (de-)meritorische Eingriffe des Staates begründen. 50 Etwas andere Implikationen können sich ergeben, wenn begrenzte kognitive Fähigkeiten der Menschen in Modelle integriert werden, 51 von satisficing 52 anstelle von Nutzenmaximierung ausgegangen oder von der Annahme gegebener Präferenzen 53 und Handlungsalternativen 54 abgewichen wird. Zwei mögliche Wege sind denkbar: Bei Aufgabe des Postulats der Konsumentensouveränität auch in normativer Hinsicht bleibt die Frage, welche übergeordnete Instanz, die über ein größeres Wissen über die Bedürfnisse und wahren Präferenzen der Menschen verfügt, mit welcher Legitimation eingreift, um für die Gemeinschaft bessere Ergebnisse bewirken zu können. 55 Ein anderer Ansatzpunkt bestünde darin, all jene Maßnahmen abzuwägen, die die Fähigkeiten einer Person verbessern, eine freiere Entscheidung zu treffen, die also z.b. die kognitiven Fähigkeiten erhöhen, die Beeinflussung der Präferenzen durch bestimmte Gruppen verringern und Handlungsalternativen aufzeigen Implikationen für staatliches Handeln Sowohl beim Vorliegen von Informationsmängeln als auch in Fällen beschränkter Rationalität kann mithin ein staatlicher Handlungsbedarf angezeigt sein, wobei jeweils die Mittel abzuwägen sind und zu prüfen ist, ob damit tatsächlich den Individuen und der Gesellschaft gedient ist. Die Bereitstellung von Informationen ü- ber den Kreditmarkt sowie die Informationspflicht und -auflagen setzen dabei am Problem der Informationsmängel an. Familienfreundliche Darlehen sind ein Vor- 49 Vgl. zu den Grundlagen der rational choice theory Opp, K.-D. (2002): Rational Choice Theory/ Theorie der rationalen Wahl, in: Endruweit, G.; Trommsdorff, G. (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, 2. Aufl., Stuttgart, S So auch im Ergebnis Kanzler (1996), insbesondere S ; Franck (2003), S. 338, sowie Fritsch; Wein; Ewers (2003), S. 357 f.. 51 Vgl. hierzu etwa Kahneman, D. (1994): New Challenges to the Rationality Assumption, in: Journal of Institutional and Theoretical Economics (JITE), Vol. 150, No. 1, pp Vgl. hierzu die Darstellung in Erlei, M.; Leschke, M.; Sauerland, D. (1999): Neue Institutionenökonomik, Stuttgart, S Vgl. hierzu Höser, H. (1998): Kontextabhängige Präferenzen Die Relativität von Präferenzurteilen und ihre Bedeutung für Kaufentscheidungen von Konsumenten (= Europäische Hochschulschriften: Reihe 5, Volks- und Betriebswirtschaft; Bd. 2304; zugl.: Augsburg, Univ., Diss., 1998), Frankfurt / Main u.a.. 54 Vgl. hierzu Kesting, P. (2003): Handlungsalternativen Eine Untersuchung über die Gestalt und Gestaltung ökonomischer Entscheidungsprobleme (zugl.: Leipzig, Handelshochschule, Habil., 2003), Marburg. 55 Für eine Kritik aus liberaler Perspektive in diesem Sinne vgl. auch Kirchner, C. (1994): New Challenges to the Rationality Assumption Comment, in: JITE, Vol. 150, No. 1, pp

19 14 schlag, der Kreditrationierung entgegen zu wirken. 56 Folgt man einem individualistischen 57 rational choice-ansatz oder auch dem zweiten der beiden oben aufgezeigten Wege bei Aufgabe der Rationalitätsannahme, so dürfte die Mehrzahl der indizierten Handlungsfelder allerdings außerhalb des Konsumentenkreditmarktes liegen, etwa bei der Ausgestaltung der Privatinsolvenz. 58 Wird mit einer Erleichterung der Entschuldung für Verbraucherinnen und Verbraucher das Risiko für die Kreditgeber erhöht, ist allerdings ebenfalls damit zu rechnen, dass sich Banken aus dem Segment der Kreditvergabe an Haushalte mit niedrigerem Einkommen stärker zurückziehen. 59 Bei guter Bonität bleibt aber den Kreditnehmern die Möglichkeit erhalten, dieses den Banken zu signalisieren Zur Bewertung der These Hermannstorfers 4.1. Genese der These Vor dem Hintergrund der dargestellten empirischen Befunde und der im vorherigen Abschnitt diskutierten theoretischen Überlegungen soll die Verarmungsthese von Hermannstorfer bewertet werden. Hierzu erscheint es notwendig, kurz die Ausführungen Hermannstorfers nachzuzeichnen. So stellt er zunächst fest, dass Kredite dazu dienen, eine Diskrepanz zwischen Fähigkeiten und Kapitalbesitz zu überbrücken. 61 Durch Sparen wiederum sei es möglich, den Ausgabenstrom durch gute und schlechte Zeiten hindurch [zu] verstetigen 62. Ein Mangel an Geld trete nur in sozialen Notlagen auf oder dann, wenn ein Bedürfnis befriedigt werden soll, für das das Einkommen noch nicht reicht, das man sich eigentlich noch nicht «leisten» kann 63. Ziehe man in die Betrachtung mit ein, dass aus der Konsumentenkreditaufnahme eine Einkommensminderung in der Zukunft folge, eine unsichere Zukunft damit beliehen werde und die Zinsen für Konsumentenkredite auch aus diesem Grund die höchsten seien, mit hieraus folgender Verstärkung der Rückzahlungsprobleme, ergebe sich zwangsläufig eine Verarmung 56 Vgl. hierzu Knies; Spieß (2003), S Zu diesem Terminus vgl. Tietzel, M.; Müller, C. (1998): Noch mehr zur Meritorik, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Bd. 118, H. 1, S Vgl. hierzu Franck (2003), S. 339 f., Anders implizit Franck (2003), S Er verweist aber an anderer Stelle auf die geringen Margen und die einfachen scoring-verfahren; Franck (2003), S Für eine Diskussion weiterer Möglichkeiten staatlicher Eingriffe vgl. allgemein Fritsch; Wein; Ewers (2003), S , und bzgl. des Konsumentenkredits Beier; Jacobs (1987), S Hermannstorfer (1997), S Ebenda, S Hermannstorfer (1997), S. 190.

20 durch diese Kreditaufnahme Kritik aus empirischer und theoretischer Perspektive Empirisch findet diese These insofern eine Bestätigung, als dass die Verschuldungsgrade für die Gesamtheit der privaten Haushalte gestiegen sind. Gleichwohl muss relativierend angefügt werden, dass in den 1990er Jahren diesbezügliche Zahlen stagnierten und sich die Lage besonders schwierig (allein) für Haushalte mit niedrigen Einkommen darstellt. Gleichwohl ist die Konsumentenkreditaufnahme ein Element von Verschuldungskarrieren, selten aber auslösendes Moment o- der tiefere Ursache. Gemäß den empirischen Befunden ist damit die Zwangsläufigkeit der Verarmung durch die Aufnahme von Konsumentenkrediten in Frage zu stellen. Aus theoretischer Perspektive ist anzumerken, dass grundsätzlich der Kredit auch für Konsumzwecke wohlstandsmehrend wirkt. Wenn sich auch Ansatzpunkte für staatlichen Handlungsbedarf finden lassen, so ist doch kein Grund für ein Marktversagen ersichtlich, der im Wesen des Konsumentenkredites liegt und sich nicht beheben oder wenigstens so mildern ließe, dass die Vorteile überwiegen. 5. Fazit: Zur Bewertung der Konsumentenkreditschuld in Deutschland Abschließend lässt sich feststellen, dass die von Hermannstorfer aufgestellte These, nach der die Konsumentenkreditaufnahme letztendlich zur Verarmung führen müsse, aus meiner Sicht nicht haltbar ist. Gleichwohl besteht Handlungsbedarf angesichts der steigenden Zahl von Überschuldungen. Hier liegen Ansatzpunkte nicht nur im Bereich des Kreditmarktes durch Informationsbereitstellung und Auflagen für Banken, sondern vor allem auch in anderen Bereichen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, etwa der Privatinsolvenz. Dies verdeutlichen auch die höheren Verschuldungsgrade bei Haushalten mit niedrigerem Einkommen, die ein höheres Risiko einer Überschuldung aufgrund des geringeren Handlungsspielraums und der kleineren Absicherungsmöglichkeiten implizieren. Der steigende Verschuldungsgrad der privaten Haushalte insgesamt lässt sich dagegen nicht als Indikator für die Gefahr einer zunehmenden Verarmung heranziehen, zumal wenigstens seit Ende der 1990er Jahre kein Anstieg mehr erkennbar ist. 64 Ebenda, S. 191.

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