Integrierte elektronische Bibliothekssysteme in wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands

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1 Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft Dissertation Integrierte elektronische Bibliothekssysteme in wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands zur Erlangung des akademischen Grades Doctor philosophiae (Dr. phil.) eingereicht an der Philosophischen Fakultät I von Jörg Albrecht Dekan: Prof. Michael Seadle, PhD 1. Gutachter: Prof. Dr. Konrad Umlauf 2. Gutachter: Prof. Dr. Ulrich Naumann Datum der Einreichung: Datum der Disputation:

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3 i Danksagung An dieser Stelle möchte ich all jenen herzlich danken, die zum Gelingen der vorliegenden Arbeit beigetragen haben. Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Konrad Umlauf für die wissenschaftliche Betreuung der Dissertation und für den konstruktiven Gedankenaustausch. Ebenso bedanke ich mich bei Herrn Prof. Dr. Ulrich Naumann für die Übernahme des Zweitgutachtens. Mein Dank gilt auch Herrn Jörg Lorenz (Universitätsarchiv der Ruhr-Universität Bochum), Herrn Rainer Wojcieszynski (Rechenzentrum der Ruhr-Universität Bochum), Herrn Reinhard Altenhöner (Deutsche Nationalbibliothek) und Herrn Reiner Diedrichs (Verbundzentrale des GBV), die mir die Recherche nach unveröffentlichten Archivmaterialien in ihren Einrichtungen ermöglicht haben. Mein besonderer Dank gilt allen Personen, die mir ihr Wissen und ihre Erfahrungen bei den durchgeführten Experteninterviews und Befragungen weitergegeben haben. Frau Dr. Erdmute Lapp, Herrn Georg Sander und Frau Renate Jäschke danke ich herzlich für die gewissenhafte Durchsicht des Manuskripts und ihre hilfreichen Ratschläge und Anregungen. Abschließend möchte ich meiner lieben Frau und meinen Eltern für ihre Unterstützung und Ermutigung herzlich danken.

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5 ii Integrierte elektronische Bibliothekssysteme in wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands 0. Einleitung 0.1 Problemstellung und Zielsetzung Aufbau der Arbeit Methoden Allgemeiner historischer Teil 1.1 Die Einführung elektronischer Datenverarbeitung in wissenschaftlichen Bibliotheken Die EDV-technische Vorgeschichte Die ersten Jahre der Automatisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken Die Einführung der EDV in den wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands: Gründe, Ziele und Voraussetzungen Die zweite und dritte Phase der Automatisierung Die Auswirkungen der Automatisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands Die Auswirkungen auf das Personal und die Organisationsstruktur Die Auswirkungen auf die Betriebskosten und die Dienstleistungen Die Automatisierungsgeschichte der Universitätsbibliothek Bochum Die Anfänge der Datenverarbeitung: das Offline-System der Universitätsbibliothek Bochum Katalogherstellung mit der Datenverarbeitungsanlage Siemens Die Automatisierung der Benutzungsabteilung Elektronische Datenverarbeitung in der Einbandstelle Die Automatisierung der Erwerbung Die Auswirkungen des frühen Bochumer Offline-Systems Erste Schritte zu einem Online-Ausleihsystem Weiterentwicklung des Datenverarbeitungssystems für die Erwerbung und Katalogisierung durch das Hochschulbibliothekszentrum in Köln... 68

6 iii 2.2 Das Bochumer Online-System Das frühe Online-System seit Die Weiterentwicklung des Bochumer Online-Systems bis Die Entwicklungen im HBZ bis Vom Terminal zum PC: BABSY als Client-Server System Der erste Bochumer OPAC BABSY in den Jahren 1991 bis BABSY in den Jahren 1995 / 1996 und die Entwicklung des WWW-OPAC BABSY in den Jahren 1997 bis 1999 und die Diskussion um ein landeseinheitliches Bibliotheksverwaltungssystem Die dritte Generation: BABSY III Das neue Lokalsystem ALEPH als Konkurrenzsoftware für die BABSY-Produktlinie Der Start der Verbundfernleihe BABSY nach Die Auswirkungen des BABSY Online-Systems im Rückblick Das Scheitern von BABSY Die Entscheidung der Ruhr-Universität Bochum für ein BABSY-Nachfolgesystem Reflexion der Automatisierungsgeschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands Die Bilanz der Automatisierung und die retardierenden Faktoren beim Automatisierungsfortschritt Die Rahmenbedingungen für Systemauswahlprozesse und ihre Bedeutung für Automatisierungsentscheidungen und den Automatisierungsfortschritt Die durch den Systemeinsatz bedingten neuen organisatorischen, wirtschaftlichen und politischen Einflussfaktoren auf die wissenschaftliche Bibliothek Auswahlprozesse von Systemen und die Bedeutung der neuen Rahmenbedingungen bzw. Einflussfaktoren.. 159

7 iv 3.3 Der Einsatz elektronischer Bibliothekssysteme und seine Bedeutung für den Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek Die treibenden Kräfte der Automatisierung und die Veränderung der Sichtweise von der Funktion der Automatisierung und von den Systemanforderungen Die Erweiterung und Veränderung des bibliothekarischen Rollenverständnisses unter dem Einfluss des EDV- und Systemeinsatzes Die Bedeutung von Benutzungsforschung und Marketingstrategien für den Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek im Kontext des Einsatzes der Informationstechnologien Entwicklungstendenzen integrierter elektronischer Bibliothekssysteme und die Konsequenzen für die wissenschaftliche Bibliothek Grundsätzliche Entwicklungstendenzen der Systeme und ihres Marktes Das Internet und seine Nutzer als Motor für die Weiterentwicklung der Systeme Die Herausforderungen für die wissenschaftliche Bibliothek der Zukunft und die Konsequenzen für das bibliothekarische Rollenverständnis sowie das nutzerorientierte Dienstleistungsangebot Zusammenfassung und Ausblick Literaturverzeichnis Anhang Experteninterviews und Befragungen Fragebogen Benutzerarbeitsplatz UB Bochum, Erklärung. 282

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9 1 0. Einleitung 0.1 Problemstellung und Zielsetzung Der Einsatz elektronischer Bibliothekssysteme hat die wissenschaftlichen Bibliotheken nachhaltig geprägt. Die Automatisierung war ein entscheidender Motor für viele wesentliche Veränderungen in wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Entwicklung und der Einsatz dieser Systeme schuf zunehmend integrierte Geschäftsgänge, veränderte den organisatorischen Aufbau, die Kosten- und Personalstruktur, die Arbeitsbedingungen, den Arbeitsplatz, die Aufgaben und das Rollenverständnis der Bibliothekare. Unter dem Einfluss der Datenverarbeitung erweiterte sich das Kooperationsumfeld der wissenschaftlichen Bibliothek, veränderten sich die wirtschaftlichen, organisatorischen und politischen Einflussfaktoren auf die wissenschaftliche Bibliothek und damit die Rahmenbedingungen für Systementscheidungen, die wiederum Auswirkungen auf den Automatisierungsfortschritt hatten. In der vorliegenden Arbeit sollen die Veränderungen aus der Automatisierungsgeschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland aufgezeigt werden. Am Beispiel der Automatisierung der Universitätsbibliothek Bochum, ihren Pionierleistungen bei der Entwicklung des elektronischen Bibliothekssystems BABSY, das bezogen auf einzelne Funktionalitäten über viele Jahre in vielen nordrhein-westfälischen Bibliotheken Maßstäbe setzte und schließlich durch andere Systeme ersetzt wurde, soll der Verlauf dieser Veränderungen mit Fortschritten und Verzögerungen veranschaulicht werden. Aus der geschichtlichen Betrachtung werden die Ursachen für das insgesamt langsame Tempo beim Automatisierungsfortschritt der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands und beim Erreichen des gesteckten Ziels eines integrierten elektronischen Bibliothekssystems aufgezeigt. Außerdem sollen die grundlegenden Antriebskräfte für die Automatisierung und die Bedeutung des Einsatzes der elektronischen Bibliothekssysteme für den Wandel der wissenschaftlichen Bibliotheken zu kundenorientierten Serviceeinrichtungen mit eigener IT-Kompetenz erläutert werden. Parallel zu der Implementierung und Weiterentwicklung elektronischer Bibliothekssysteme in wissenschaftlichen Bibliotheken entwickelten sich mit großer Dynamik neue Informationsund Kommunikationstechnologien. Die Bibliothekare versuchten, die neuen Technologien und die damit verbundenen neuen Informationsangebote in ihr Dienstleistungsangebot zu integrieren. Dadurch wurden die bereits durch den Einsatz der elektronischen Bibliothekssysteme angestoßenen und geförderten Veränderungen im Hinblick auf die Aufgaben, das Rollenverständnis und die zunehmende Benutzerorientierung der Bibliotheken fortgeführt und verstärkt. Die neuen Technologien und die Vernetzung führten außerdem dazu, dass neue Anforderungen an die elektronischen Bibliothekssysteme gestellt wurden und es zu einer Erweiterung der Definition des integrierten bzw. integrierenden

10 2 Bibliothekssystems kam. Insbesondere das sich schnell und dynamisch weiterentwickelnde Internet gab und gibt Impulse für die Weiterentwicklung der Bibliothekssysteme. Die Bibliothekare erkennen in zunehmendem Maß, dass sie die neuen technischen Entwicklungen aufgreifen und die Systeme mit der sich parallel entwickelnden Internetwelt verbinden müssen, um den Erwartungen ihrer Kunden an die Dienstleistungen der Bibliothek gerecht zu werden. Der Einsatz der Datenverarbeitung von den elektronischen Bibliothekssystemen bis zum Internet gab wesentliche Impulse für den Wandel der wissenschaftlichen Bibliotheken. In dieser geschichtlichen Betrachtung soll die mit dem Systemeinsatz verbundene Veränderung von bibliothekarischen Sichtweisen bzw. die Bedeutung des Systemeinsatzes für Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Bibliothekswesen aufgezeigt werden. 0.2 Aufbau der Arbeit In Kapitel 1 wird zunächst versucht, die wichtigsten Phasen der Automatisierung der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands bis zum Einsetzen der ersten Online-Systeme zu skizzieren, die Gründe, Ziele und Voraussetzungen zu benennen sowie die Auswirkungen zu beleuchten. Die historische Betrachtung wird in Kapitel 2 am Beispiel der Automatisierung der Universitätsbibliothek Bochum konkretisiert und über die Einführung der ersten Online- Systeme hinaus bis in die Gegenwart weitergeführt. In Kapitel 3 sollen die aus der Historie ableitbaren Erkenntnisse an Hand von ausgewählten Fragestellungen expliziert werden. Es wird zusammenfassend dargestellt, welche Ursachen für das langsame Tempo bei der Automatisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands erkennbar sind. Inhaltlich vertieft wird der Aspekt, dass der Automatisierungsfortschritt in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken auch von den getroffenen Systementscheidungen sowohl lokal als auch im Verbund beeinflusst wurde. Der Einsatz elektronischer Bibliothekssysteme veränderte das strategische Umfeld der Bibliotheken und die Rahmenbedingungen für nachfolgende Systemauswahl- und Entscheidungsprozesse. Es soll verdeutlicht werden, dass jenseits von Auswahlkriterien der Funktionalität und der Wirtschaftlichkeit solche Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle bei Systementscheidungen spielten und Einfluss auf den Automatisierungsfortschritt hatten.

11 3 Weiterhin soll die Bedeutung des Einsatzes der Systeme für den Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek aufgezeigt werden. Es wird zunächst reflektiert, welche treibenden Kräfte und Argumente im Verlauf der Automatisierungsgeschichte für die Einführung und die Weiterentwicklung elektronischer Bibliothekssysteme maßgeblich waren und den Automatisierungsfortschritt trotz ausbleibender Wirtschaftlichkeitsnachweise des Systemeinsatzes und retardierender Faktoren sicherstellten. Es wird beschrieben, wie sich solche Antriebskräfte und Argumente auf die Auffassung der Bibliothekare von der Funktion der Automatisierung auswirkten und wie sich ihre Sicht von den grundlegenden Systemanforderungen veränderte. Erläutert wird außerdem die mit dem Einsatz der Datenverarbeitung, dem Aufkommen neuer Informationstechnologien und Informationsangebote und den angesprochenen Paradigmenwechseln verbundene Erweiterung der bibliothekarischen Aufgaben und der Wandel des Rollenverständnisses der Bibliothekare. Es wird verdeutlicht, dass die durch den Systemeinsatz ausgelösten Vergleichs- und Nachfrageprozesse sowie der zunehmende Dialog mit den Bibliotheksbenutzern über ihre System- und Dienstleistungserwartungen den allmählichen Wandel der Bibliothek zu einem kundenorientierten Dienstleistungsbetrieb entscheidend förderten. Der Wandlungsprozess der wissenschaftlichen Bibliothek unter dem Einfluss der technischen Weiterentwicklung, insbesondere der Weiterentwicklung des Internet und seiner Informationsangebote ist nicht abgeschlossen. Unter diesem Einfluss kommt es dazu, dass sich die Funktionalitätsanforderungen an integrierte elektronische Bibliothekssysteme mittlerweile erweitert und verändert haben und noch weiter verändern werden. Dies wird in Kapitel 4 dargestellt. Die Systemhersteller haben weitere Systemmodule zur Verwaltung von bibliothekarischen, internetbasierten Dienstleistungen auf den Markt gebracht, die nicht unmittelbar integraler Bestandteil des klassischen elektronischen Bibliothekssystems sind (z.b. Module zur Verwaltung Digitaler Medien, ERM etc.). Außerdem realisieren die Bibliothekare und die Herstellerfirmen zunehmend die Auswirkungen von Internetdiensten und -werkzeugen auf die Erwartungshaltung der Bibliothekskunden und beginnen, diese Entwicklungen bei den integrierten elektronischen Bibliothekssystemen verstärkt aufzugreifen (z.b. One-Stop-Shopping, Portallösungen, Einbindung von Web 2.0- Technologie). Mit einer erweiterten Definition des integrierten elektronischen Bibliothekssystems sind für die wissenschaftlichen Bibliotheken neue Herausforderungen verbunden, die den Wandel der wissenschaftlichen Bibliothek weiter vorantreiben und zu einer erneuten Erweiterung des Rollenverständnisses der Bibliothekare sowie zu einer Verbesserung der elektronischen Arbeitsumgebung der Bibliotheksbenutzer und des Dienstleistungsangebotes führen werden.

12 4 0.3 Methoden Die Darstellung der allgemeinen Automatisierungsgeschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken basiert auf der Auswertung von Positionen und Informationen aus zahlreichen Aufsätzen der bibliothekarischen Fachliteratur. Der Bochumer und der Nordrhein- Westfälische Teil der historischen Abhandlung beruht ebenfalls auf einem intensiven Quellenstudium, bei dem neben der Fachliteratur zahlreiche unveröffentlichte Archivmaterialien aus dem BABSY-Archiv des Bochumer Rechenzentrums und aus dem Bochumer Universitätsarchiv ausgewertet wurden. Der Anteil der unveröffentlichten Quellen in Form von internen Protokollen, Briefwechseln etc. liegt hier bei ca. 50 %. Auch bei der Rekonstruktion der Systementscheidungen des GBV und des HBZ (vgl. Kapitel 3.2.2) flossen unveröffentlichte Archivmaterialien ein. Für die Darstellung der historischen Zusammenhänge und auch bei der Reflexion der Automatisierungsgeschichte dienten als Ergänzung Hintergrundinformationen, die mittels halbstandardisierter Experteninterviews in Form von mündlichen Einzelbefragungen gewonnen wurden. Bei einem Experteninterview handelt es sich um eine spezielle Anwendungsform des Leitfaden-Interviews [ Meuser / Nagel 1991 ]. Ziel eines solchen Interviews ist das Aufspüren von implizitem Wissen mit stark fokussiertem Inhalt, das nicht aus der Literatur zu entnehmen ist. Halbstandardisiert bedeutet, dass es nur einen Fragenkatalog bzw. Gesprächsleitfaden gibt, der das Gespräch strukturieren soll. Dem Interviewer ist es erlaubt, vom vorgegebenen Gesprächsleitfaden abzuweichen, d.h. den Wortlaut der Fragen zu verändern und Zusatzfragen zu stellen [ Stang 2007 ]. Die Interviewpartner wurden gezielt aus dem bibliothekarischen Umfeld ausgewählt. Neben Zeitzeugen aus dem Bibliothekswesen wurden auch Mitarbeiter von Systemherstellern zu einzelnen Themen und historischen Entwicklungen befragt. Für jedes Experteninterview wurden individuell, d.h. auf das jeweilige Thema sowie auf den Interviewpartner und seine berufliche Rolle abgestimmte Fragen formuliert. In gleicher Weise wurden einzelne Experten und Zeitzeugen auch schriftlich, d.h. per Mail befragt. Die aus diesen qualitativen Interviews und den schriftlichen Antworten gewonnenen Informationen und Aussagen wurden interpretiert und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse in der Darstellung der historischen Zusammenhänge verwendet. In der Funktion als EDV-Leiter und -Koordinator in zwei wissenschaftlichen Bibliotheken, die beide das System BABSY einsetzten und schließlich ablösten, setzte ich mich intensiv mit Systemauswahl- und Entscheidungsprozessen auseinander und nahm an Sitzungen des BABSY-Anwendertreffens und des BABSY-Lenkungsausschusses teil. Die daraus gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse, die intensive Auseinandersetzung mit der Automatisierungsgeschichte durch das Quellenstudium und die Erkenntnisse aus den Expertenbefragungen sind die Grundlage für die Auseinandersetzung mit den in dieser Arbeit formulierten wissenschaftlichen Fragestellungen und Hypothesen und für die Reflexion der Automatisierungsgeschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands.

13 5 1. Allgemeiner historischer Teil 1.1 Die Einführung elektronischer Datenverarbeitung in wissenschaftlichen Bibliotheken Die EDV-technische Vorgeschichte Die Einführung der EDV im deutschen Bibliothekswesen begann im Jahr 1963, und zwar in den wissenschaftlichen Bibliotheken, wobei zunächst Datenverarbeitungsanlagen der zweiten und etwas später Anlagen der sogenannten dritten Generation zum Einsatz kamen. Die Eigenschaften dieser Großrechner-Anlagen und der übrigen, erstmals in wissenschaftlichen Bibliotheken eingesetzten EDV-Infrastruktur soll hier kurz aus der Geschichte der Datenverarbeitung abgeleitet werden. Als Ausgangspunkt für diesen historischen Rückblick wird die Entwicklung der Lochkarte gewählt, der eine große Bedeutung für die Datenverarbeitung im Allgemeinen und für den Einsatz der Datenverarbeitung im Dokumentations- und Bibliothekswesen zukommt. Joseph- Marie Jacquard entwickelte im Jahr 1801 die Lochkartensteuerung bei mechanischen Webstühlen. Diese Erfindung griff Jahrzehnte später Herman Hollerith auf und meldete die Lochkarte als Speicher- und Steuerungsmedium im Jahr 1884 zum Patent an. Im Jahr 1886 stellte Hollerith sein Tabulatorsystem fertig, eine elektromagnetische Sortier- und Zählmaschine, die aus den Lochkarten, dem Kartenlocher, dem Kartenleser, elektromagnetischen Zähluhren und einer Sortiereinrichtung bestand. Diese Rechenmaschine wurde erstmals zur Datenauswertung bei Volkszählungen eingesetzt. Aus der Firmengründung von Hollerith ging im Jahr 1924 die International Business Machines Corporation (IBM) hervor, die die Lochkartentechnologie zum Business Standard der 1950er und 1960er Jahre machte. Die Lochkartentechnologie wurde noch bis in die 1980er Jahre hinein zur Auswertung von Massendaten verwendet und kam auch bei den ersten Automatisierungsversuchen in den wissenschaftlichen Bibliotheken zum Einsatz. Wie das Beispiel der Universitätsbibliothek Bochum zeigt, die im Jahr 1963 mit der Automatisierung der Ausleihe begann, wurden Lochkarten als Speichermedien für bibliographische Daten von Büchern und Lochstreifen für die Speicherung von Ausleihvorgängen etc. verwendet (vgl. Kapitel 2.1.2). Mit dem Aufkommen von Magnetschichtträgern verlor die Lochkarte allerdings nach und nach ihre Bedeutung als Speichermedium. Der lange Zeitraum des intensiven Einsatzes der Lochkartentechnik im 20. Jahrhundert verdeutlicht jedoch eindrücklich ihre große Bedeutung für die Datenverarbeitung bzw. für die damaligen Rechenmaschinen.

14 6 Der Begriff Computer, der zuvor nur für die Bezeichnung von Menschen, die Rechenoperationen ausführten, verwendet worden war, wurde im Jahr 1897 erstmals auf eine rein mechanische Rechenmaschine angewandt [ Matis 2002, S. 55 ]. Zu diesen rein mechanischen Rechnern gehörte auch der legendäre Entwurf der Analytical Engine von Charles Babbage aus dem Jahr 1833, die als erste programmgesteuerte Rechenmaschine mit Lochkartensteuerung gilt [ Goos 1975, S. 10 ]. Der nächste Entwicklungsschritt bei den Computern wurde durch den Einsatz und die Erkenntnisse der Elektrizitätslehre bestimmt. Erst mit Hilfe der Elektronik in Kombination mit dem u.a. von Gottfried Wilhelm Leibnitz und Georg Boole entwickelten Binärsystem konnte die Rechengeschwindigkeit entscheidend verbessert werden. Mit dem Aufkommen der Elektronik wurden die rein mechanischen Rechenmaschinen durch die elektromechanischen Rechenanlagen abgelöst [ Matis 2002, S. 13/14 ]. Dazu gehörte z.b. die oben erwähnte elektromagnetische Sortier- und Zählmaschine von Hollerith und eine Reihe von nachfolgenden IBM-Lochkartenrechnern sowie der im Jahr 1941 von Konrad Zuse fertiggestellte elektromechanische Relaisrechner Z3, der als erster funktionsfähiger programmgesteuerter, frei programmierbarer elektronischer Computer gilt [ Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen 2007 ]. Als erster vollelektronischer Computer gilt der Computer ENIAC, der 1945 in den Betrieb ging und zu den Elektronenröhren-Computern gehörte. ENIAC fehlte allerdings als entscheidender Nachteil ein interner Befehlsspeicher. Sein Programm war hardwaremäßig verschaltet, so dass ENIAC für jedes neue Programm durch Stecken von Verbindungen über Kabelbuchsen neu geschaltet werden musste. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Rechner im Allgemeinen an ein festes Programm gebunden, das entweder hardwaremäßig verschaltet war oder über Lochkarten eingelesen werden musste [ Von-Neumann-Architektur 2006 ]. ENIAC wurde später, im Jahr 1948, nach der Idee von John von Neumann zu einem Rechner mit internem Befehlsspeicher umgebaut [ Electronical Numerical Integrator and Computer 2006]. Die legendäre Von-Neumann-Rechner-Architektur wurde zur grundlegenden Computerarchitektur der nächsten Jahrzehnte. Sie bestand aus den fünf Hauptkomponenten Steuerwerk, Rechenwerk (ALU), Speicher, Ein- und Ausgabe. Das Rechen- und das Steuerwerk bildeten die sogenannte Zentraleinheit, den Prozessor. Ein ganz entscheidendes Merkmal war die Speicherprogrammierung, d.h., dass neben den Daten auch das Programm im Speicher abgelegt wurde. Die Befehle eines Programms wurden wie die zu verarbeitenden Daten behandelt, d.h. binär kodiert und im internen Speicher seriell verarbeitet. Dies ermöglichte gegenüber Programmen auf externen Lochkarten oder Lochstreifen eine deutlich schnellere Verarbeitung. Außerdem war es seitdem möglich, Programmänderungen sehr schnell vorzunehmen, ohne beispielsweise Änderungen an der Hardware vornehmen zu müssen. Die meisten der heute eingesetzten Computer basieren auf dem Grundprinzip der Von-Neumann-Architektur (siehe Abb.1, S. 7).

15 7 Abb. 1 Von-Neumann-Maschinen-Architektur [ Von-Neumann-Architektur 2006 ] Historisch unterscheidet man mittlerweile fünf Generationen der Von-Neumann-Maschinen: 1. Elektronenröhrencomputer (bis etwa Ende der 1950er Jahre), 2. Transistorencomputer (bis etwa Ende der 1960er Jahre), 3. Computer mit teilweise integrierten Schaltkreisen (seit Mitte der 1960er Jahre), 4. Computer mit hochintegrierten Schaltkreisen (seit Anfang der 1970er Jahre) und schließlich die 5. Generation seit den 1980er Jahren, welche die traditionellen Von-Neumann-Maschinen mit ihren neuen Parallelarchitekturen, wesentlich größeren Speicherkapazitäten, neuen Programmiersprachen und neuen symbolverarbeitenden Verfahren [...] schließlich ablösen sollte. [ Matis 2002, S. 17 ] Die Elektronenröhrencomputer der ersten Generation verbrauchten noch sehr viel Energie und entwickelten eine große Hitze, die Röhren hatten eine geringe Lebensdauer. Den kommerziellen Durchbruch brachte erst die Erfindung des Transistors, der billig herstellbar, energiesparend und verlässlich war. [ Matis 2002, S. 16 ] Die Einzeltransistoren in Rechnern der zweiten Generation wurden sehr bald durch Transistoren und Dioden in integrierten Schaltkreisen (Rechner der dritten Generation) und später durch die Mikrochips ersetzt, die die Entwicklung des Mikroprozessors ermöglichten. Durch die ständig verbesserte Technologie wurden die Kosten und der Energieverbrauch der Rechner stark verringert sowie die Rechenleistung und die Speicherkapazität bei abnehmender Größe laufend erhöht. Die ersten Rechenanlagen in den 1940er Jahren wurden ausschließlich für spezielle komplexe wissenschaftlich-mathematische Berechnungen eingesetzt und blieben daher zunächst die Domäne der Nachrichtentechniker und Mathematiker. Erst in den 1950er Jahren wandelte sich der Computer zu einem kommerziellen Produkt. Wegen der hohen Anschaffungs- und Wartungskosten konnten sich die ersten Großrechner aber zunächst nur größere staatliche Institutionen wie Regierungsstellen und das Militär, vereinzelt Universitäten, Forschungsinstitute und große Firmen leisten. Die Großcomputer umgab eine Aura der zentralisierten Macht, sie repräsentierten eine allmächtige Bürokratie; sie waren nicht nur enorm teuer, schwierig zu warten und zu programmieren, sondern auch nur den Experten zugänglich. [ Matis 2002, S. 168 ] Es wundert daher nicht, dass es in diesem frühen Stadium der Rechnerentwicklung nur wenige Bibliotheken wagten, die Nutzung der neuen und den Bibliothekaren noch weitgehend unbekannten Technologie für

16 8 bibliothekarische Belange ins Auge zu fassen. Anderseits gehörten die Universitäten zu den wenigen Institutionen, die damals über solche Rechenanlagen verfügten. Die Bibliothekare mussten daher häufig mit den Rechenzentren in Kontakt treten und für ihre Automatisierungsprojekte um personelle Unterstützung sowie die Bereitstellung von Rechenzeit bitten. Die für die ersten Automatisierungsschritte im Bibliotheksbereich eingesetzten Großrechner waren zunächst solche der zweiten Generation, die sich durch ein breites Spektrum externer Speichermöglichkeiten auszeichneten. In Bochum beispielsweise kam im Jahr 1964 der Transistorrechner Siemens 2002 zum Einsatz (vgl. Kapitel 2.1.1), der ca Operationen pro Sekunde durchführen konnte [Brühl 2006]. Das System verwendete einen Magnetkernspeicher als Programmspeicher [ "Siemens 2002" 2006 ]. Die peripheren Geräte waren über 4 parallele Kanäle angeschlossen [ Balensiefen 2007 ]. Als Ein- bzw. Ausgabeeinheiten für solche Großrechenanlagen wurden in den Anfangsjahren meist Lochkarten- oder Lochstreifenlesegeräte bzw. entsprechende Stanzgeräte und der sogenannte Schnelldrucker verwendet. Da der interne Hauptspeicher der damaligen Rechenanlagen für die Datenhaltung der umfangreichen Bibliotheksdaten nicht ausreichend war, wurden als externe Speicher beispielsweise Magnetbänder und die entsprechenden Lesegeräte eingesetzt. Der Einsatz der Magnetbanderfassungsgeräte löste in den wissenschaftlichen Bibliotheken zu Beginn der siebziger Jahre die Dateneingabe mittels Lochstreifen ab [ Pflug 1995, S. 16 ]. Auf den Rechnern der zweiten Generation wurden in der Regel sogenannte Offline-Systeme betrieben. Dabei erfolgte die Erfassung der Daten unabhängig von der Zentraleinheit des Rechners, d.h. die Daten wurden in der Regel auf Informationsträgern wie dem Lochstreifen zwischengespeichert und dann zur Rechenanlage transportiert. Die Datenverarbeitung erfolgte im sogenannten Batch-Betrieb, d.h. die auf Lochstreifen oder Lochkarten gespeicherten Daten wurden über entsprechende Lesegeräte vom Operator direkt am Großrechner stapelweise eingelesen und anschließend von dem Programm in einem Durchgang verarbeitet. Daher kommt der Name Stapelverarbeitung. Die Rechenergebnisse standen meist erst einen Tag nach der Datenerfassung zur Verfügung. Ab 1965 kamen die Rechenanlagen der dritten Generation auf den Markt. Die Verwendung integrierter Schaltkreise machte es möglich, deutlich kleinere, leistungsfähigere Rechenmaschinen zu bauen. Die Datenspeicherung erfolgte zunehmend auf Disketten und Plattenspeichern, die mit fortschreitender Entwicklung immer kostengünstiger wurden. Außerdem schufen diese Anlagen die technische Voraussetzung für sogenannte Online- Systeme. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass die Erfassung der Daten mittels Geräten (Terminals) erfolgte, die ständig mit der Zentraleinheit des Rechners verbunden waren und somit eine kontinuierliche Datenübernahme erfolgen konnte [ Boßmeyer 1969 ]. Weiterhin erlaubten die Rechenanlagen der dritten Generation erstmals die Direktverarbeitung der Daten, die Datenfernverarbeitung und den fast gleichzeitigen Zugriff mehrerer Teilnehmer auf eine Datenverarbeitungsanlage [ Stoltzenburg / Wiegand 1975, S. 73 ]. Eine Direkt- oder Real-Time -Verarbeitung lag vor, wenn die eingegebenen Daten unmittelbar durch die

17 9 Programme verarbeitet wurden. Häufig wurden diese Anlagen der dritten Generation zur optimalen Auslastung im sogenannten Time-Sharing -Verfahren genutzt, d.h., dass sich mehrere unabhängige Benutzer die Anlage teilten und jeder Benutzer ein bestimmtes Zeitfenster für den Zugriff und die Direktverarbeitung seiner Daten zur Verfügung gestellt bekam. Der Direktzugriff auf den Rechner im Time-Sharing -Verfahren mit mehreren Terminals eröffnete auch für Bibliotheken ganz neue Möglichkeiten (vgl. Kapitel 1.1.4). Die Diskussion um die Vorteile von Online-Systemen gegenüber den bis dahin gängigen Offline-Systemen setzte im Bibliothekswesen in den USA relativ zeitnah, in Deutschland mit einem gewissen Zeitverzug gegen Ende der 1960er Jahre ein (vgl. S. 29). Die Entwicklung der Mikroprozessoren ebnete schließlich ab Mitte der 1970er Jahre die Entstehung des Personalcomputers, der in den 1980er Jahren schließlich auch in den wissenschaftlichen Bibliotheken Einzug hielt und das Terminal als Ein- und Ausgabegerät ablöste. Der persönliche Computer wurde durch sinkende Preise schließlich zur Massenware und zum Standard. Ohne diese Entwicklung wäre das World Wide Web und die moderne Informationsgesellschaft nicht Realität geworden [ Matis 2002, S. 262 ; Schwarz 2004, S. 14 ] Die ersten Jahre der Automatisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken In den deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken war man sich nach dem zweiten Weltkrieg der Notwendigkeit einer Rationalisierung der bibliothekarischen Arbeit zunächst kaum bewusst. Man war von der ökonomischen und sachlichen Richtigkeit der traditionellen bibliothekarischen Arbeitsweisen überzeugt [ Pflug 1984, S. 11 ]. Bei der Wiederaufbauarbeit nach dem Krieg stand im Vordergrund, die Anpassung der Leistungsfähigkeit der Bibliotheken an die wachsenden Anforderungen durch die Aufstockung des Personals und den Ausbau der Räumlichkeiten zu erzielen. Die Zweckmäßigkeit einzelner Arbeitsabläufe zu prüfen und nach neuen Rationalisierungswegen zu suchen, wurde zunächst nicht in Betracht gezogen. Ansätze für Rationalisierungsmaßnahmen gab es hingegen in den USA, wo nach dem zweiten Weltkrieg in zahlreichen Bibliotheken konventionelle Lochkartenverfahren eingeführt wurden. Ein Grund für den vergleichsweise späten Einsatz von Automatisierungsverfahren in deutschen Bibliotheken dürften abgesehen von einer allgemeinen Abneigung der deutschen Bibliothekare gegenüber der Technik die damals verhältnismäßig geringeren Arbeitslöhne im deutschen Bibliothekswesen gewesen sein. Man stellte eher Personal ein, als durch den Einsatz konventioneller Lochkartenmaschinen Arbeitsschritte zu rationalisieren [ Lingenberg 1969, S. 2 ].

18 10 Die ersten Impulse zu einer Automatisierung kamen nicht aus dem deutschen Bibliothekswesen selbst, sondern gingen insbesondere von dem deutschen Dokumentationswesen aus [ Pflug 1984, S. 12 ]. Wegen des starken Zuwachses an Informationsmengen im wissenschaftlichen und technischen Informationswesen wurde die Archivierung und Auswertung der Datenmengen zu einem immer größeren Problem. Beispielsweise wurde die Zahl der pro Dokument zu klassifizierenden Merkmale stetig größer, so dass eine Archivierung in traditionellen Zettelkatalogen nicht mehr ökonomisch war. Diese Probleme versuchte man bis in die 1950er Jahre hinein durch den Einsatz konventioneller Lochkartenanlagen zu lösen, d.h. die Daten der Dokumente wurden auf Lochkarten abgespeichert. Wegen der geringen Speicherkapazität der Maschinenlochkarten wurden jedoch schon sehr bald die Grenzen ihres Einsatzes im Dokumentationswesen offenbar. Daher kam man in den 1950er Jahren immer mehr zu der Erkenntnis, dass die Einführung elektronischer Datenverarbeitungsverfahren von entscheidender Bedeutung sei. Die ersten elektronischen Datenverarbeitungsanlagen kamen erstmals Anfang der 1960er Jahre in Dokumentationsstellen von Firmen der chemischen Industrie zum Einsatz. Damals war der Einsatz elektronischer Rechenanlagen zur Bearbeitung nichtnumerischer Probleme, bei denen Texte aus Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen eingegeben, verarbeitet und wieder ausgegeben werden mussten, relativ neu und stellte an die Programmierung im Vergleich zu der rein numerischen Datenverarbeitung neue Anforderungen [ Schulte-Tigges 1964, S. 9 ]. Durch den Einsatz dieser Anlagen und die nichtnumerische Datenverarbeitung ließen sich im Dokumentationsbereich sowohl Ordnungsarbeiten als auch bestimmte Typen von Recherchen erstmals personal- und zeitsparend durchführen. Dabei kam bei der Datenerfassung sehr häufig die Lochstreifentechnik zum Einsatz. Vorangetrieben und gefördert wurde die Automatisierung im Dokumentationswesen im Wesentlichen von zwei Einrichtungen, dem 1961 gegründeten Institut für Dokumentationswesen in Frankfurt am Main und dem Deutschen Rechenzentrum in Darmstadt. Letzteres war eine Gemeinschaftseinrichtung der deutschen Bundesländer und hatte zunächst die deutschen Hochschulen auf dem Gebiet der rein numerischen Datenverarbeitung unterstützt. Anfang der 1960er Jahre wurde jedoch eine Abteilung für nichtnumerische Datenverarbeitung eingerichtet, die sich fortan mit Automatisierungsfragen in der Dokumentation und im Bibliotheksbereich beschäftigte. Der verstärkte Einsatz der konventionellen Lochkartenverfahren in Bibliotheken der USA nach dem zweiten Weltkrieg war von den deutschen Bibliotheken noch nahezu unbeachtet geblieben. Anfang der 1960er Jahre begannen die Pläne zur Entwicklung elektronischer Automatisierungsverfahren in US-amerikanischen Bibliotheken allmählich in das deutsche Bibliothekswesen vorzudringen. Hier ist beispielsweise die 1962 von den drei Amerikanern Schultheiss, Culbertson und Heiliger veröffentlichte Konzeption eines integrierten Datenverarbeitungssystems mit dem Titel Advanced Data processing in the University Library zu nennen, das jedoch schließlich nur in einem Teilbereich, der Zeitschrifteneingangskontrolle der University of Illinois Library realisiert wurde. Initialwirkung für die Automatisierung in deutschen Bibliotheken hatte schließlich der

19 11 Deutsche Bibliothekartag in Darmstadt Besondere Bedeutung kam hier dem bereits erwähnten Deutschen Rechenzentrum in Darmstadt zu, das neben den Fragen der Literaturerschließung im Dokumentationswesen erstmals auch die Einsatzmöglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung in Bibliotheken erläuterte. Der Leiter der Abteilung für nichtnumerische Datenverarbeitung des Deutschen Rechenzentrums in Darmstadt, Schulte- Tigges stellte dabei einer vorher noch weitgehend verständnislosen bibliothekarischen Öffentlichkeit die neuen Ideen aus den USA vor [ Lingenberg 1970, S. 42 ]. Es wurden erstmals die Automatisierungsmöglichkeiten in der Bibliotheksverwaltung, beispielsweise auf dem Gebiet der Ausleihverbuchung erläutert. Die Begeisterung hielt sich bei den meisten Bibliothekaren zunächst in Grenzen. Zu fremd war ihnen diese Materie [...], als daß durch diese Demonstration bei ihnen mehr als ein Gefühl der Verwunderung entstehen konnte. [ Pflug 1995, S. 11 ] Dennoch nahm nach dem Bibliothekartag in Darmstadt das Interesse an der elektronischen Datenverarbeitung bei den deutschen Bibliothekaren ständig zu. Bereits auf dem 53. Bibliothekartag 1963 in Saarbrücken wurden zum ersten Mal in speziellen Veranstaltungen technische Fragen zur Bibliotheksautomatisierung diskutiert. Ein zentrales Thema der Bibliotheksautomatisierung in den 1960er Jahren war die Ausleihverbuchung. Wegen fehlender Rechenanlagen hatte es anfangs an einigen deutschen Universitätsbibliotheken noch Pläne gegeben, in Anlehnung an die schon älteren USamerikanischen Verfahren zunächst konventionelle Lochkartenanlagen ohne Rechnerunterstützung in der Ausleihe einzuführen [ Pflug 1984, S. 38 ] und später durch elektronische Datenverarbeitung zu erweitern. Mit Ausnahme der Universitätsbibliothek Hamburg [ Lingenberg 1970, S. 41 ] wurden diese Pläne jedoch bald wieder verworfen und durch erste Pläne mit elektronischen Verfahren ersetzt. Trotz des wachsenden Interesses an der EDV kam Schulte-Tigges im Jahr 1963 noch zu der Einschätzung: Die Situation bei den deutschen Bibliotheken ist gegenwärtig so, daß bei aller Aufgeschlossenheit für Fragen der Rationalisierung und bei dem dringenden Bedarf an konkreten Realisierungen im täglichen Arbeitsbetrieb doch jede Bibliothek weitgehend auf ihre eigene Initiative angewiesen ist. Selbst bei den besten Absichten aber ist man wegen der Fülle der Tagesarbeit nicht imstande, die als notwendig erkannten Maßnahmen wirklich in die Tat umzusetzen. [ Schulte-Tigges 1963, S. 343/344 ] Im Jahr 1963 wurde vom Bibliotheksausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Unterausschuss für Bibliotheksrationalisierung eingerichtet, der die Automatisierungsinitiativen von Bibliotheken unterstützen sollte. Die wissenschaftlichen Bibliotheken erhielten finanzielle Unterstützung durch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den 1960er Jahren eingerichtete Förderprogramm Modernisierung und Rationalisierung, das nach anfänglicher Verwendung für konventionelle Rationalisierungsmaßnahmen später verstärkt für EDV-Vorhaben in Anspruch genommen wurde. Das Konzept der DFG sah vor, Modellversuche für die einzelnen Arbeitsvorgänge von der Erwerbung bis zur Ausleihe teilweise in verschiedenen Varianten zu unterstützen mit dem Ziel, daß die Verfahren dann von anderen Bibliotheken übernommen werden könnten [ Oertel 1976, S. 68 ]. Neben der

20 12 finanziellen Unterstützung einer Reihe von Projekten finanzierte die DFG auch Symposien, die sich mit einzelnen Gebieten der Bibliotheksautomatisierung beschäftigen. Das erste Symposium dieser Art fand 1966 in Bochum statt und hatte als Thema die automatisierte Ausleihverbuchung [ Lingenberg 1969, S. 3 ]. Neben der Automatisierung der Ausleihverbuchung wurde in Deutschland ab 1962 die Rationalisierung der Katalogisierung diskutiert. Hierbei gab es drei zentrale Themen: Das eine war die Überführung der vorhandenen Zettelkataloge auf ein geeignetes Speichermedium, um die Daten anschließend einer Rechenanlage zuführen zu können. Das im Mai 1963 von der Forschungsstelle für automatische Dokumentation CETIS veranstaltete Symposium über Lochstreifentechnik hatte der bibliothekarischen Fachwelt klar vor Augen geführt, dass dem Lochstreifen als Eingabemedium für bibliographische Daten gegenüber der Lochkarte eindeutig der Vorzug zu geben war [ Pflug 1995, S. 15 ]. Es musste aber noch geklärt werden, wie die bibliographischen Daten für die Verarbeitung in einem Computer zu gliedern waren und wie die Daten trotz des geringen Zeichensatzes von 64 Zeichen, der bei der Verwendung der damaligen Fünf-Kanal-Lochstreifen-Technik zur Verfügung stand, erfasst werden konnten. Das zweite intensiv diskutierte Thema betraf abermals die Frage des Zeichensatzes, diesmal jedoch auf Seiten der Datenausgabe. Hier ging es um das Problem des Druckbildes beim Katalogdruck (z.b. Groß- und Kleinschreibung) vor dem Hintergrund eines extrem geringen Typenvorrats der damals verfügbaren Schnelldrucker. Aus diesem Grund musste der bis dahin geltende umfangreiche Zeichenstandard in Frage gestellt werden: Der Entschluß zur Automatisierung der Katalogisierung bedeutete also einen Bruch mit dem Zeichenstandard der deutschen Bibliotheken. [ Pflug 1995, S. 15 ] Die dritte Herausforderung war die automatische Sortierung von Titelaufnahmen im elektronischen Katalog. Auch wenn sich dieses Problem auch bei Beibehaltung der Preußischen Instruktionen als Ordnungsprinzip hätte lösen lassen können [ Stummvoll / Mayerhöfer 1967, S.96 ], bedeutete die Entscheidung zur Ablösung der grammatischen Ordnung der Preußischen Instruktionen durch die Ordnung der Titel in gegebener Wortfolge zumindest eine Vereinfachung der Verarbeitung durch eine Datenverarbeitungsanlage. Allerdings waren auch hier ergänzende Techniken wie entsprechende Feldeinteilungen oder Steuerzeichen erforderlich, um eine bibliothekarisch korrekte, automatische Sortierung erreichen zu können [ Pflug 1995, S. 17 ] Die ersten Beispiele des praktischen Einsatzes der EDV in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken waren Arbeiten zur Automatisierung der Katalogherstellung in der Bibliothek der Kernforschungsanlage Jülich sowie zur Automatisierung der Ausleihverbuchung an der Bibliothek der Technischen Universität Berlin. In Berlin wurden im Herbst 1964 erstmals Ausleihvorgänge auf Lochstreifen gespeichert und anschließend durch eine Rechenanlage verarbeitet. Im gleichen Jahr stellte man sich an der Universitätsbibliothek Bochum das ehrgeizige Planungsziel, nicht nur einzelne Teilbereiche der Bibliothek zu automatisieren,

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