Geleitwort des DVW-Präsidenten

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1 Geleitwort des DVW-Präsidenten Wofür stehen wir Geodäten? Was ist unser unverzichtbarer gesellschaftspolitischer Beitrag? Geodäsie ist eine Ingenieurdisziplin unter den Geowissenschaften. Sie trägt wesentlich zur Erfassung, Auswertung und Gestaltung des globalen Wandels bei und ist damit unverzichtbar für das Verständnis des Systems Mensch Erde. Planerische und soziale Kompetenz sind beim Landmanagement in städtischen und ländlichen Räumen gefragt. Wir Geodäten sind zwar von der Anzahl geschätzter Geo-Experten her überschaubar aber unsere tatsächliche Berufsausübung in Wirtschaft, Verwaltung, freiem Beruf, Wissenschaft, Forschung und Ausbildung ist ungemein vielseitig und vielfältig gleich ob für die Fachsparten Liegenschaftskataster und Landesvermessung, theoretisch-physikalische Geodäsie, Ingenieurvermessung, Geoinformation, Landmanagement oder Immobilienwertermittlung lokal, regional, national und global, ländlich und städtisch. Geodäten arbeiten in einer Wertschöpfungskette. Dienstleistungsfunktionen und Serviceleistungen für ein multidisziplinäres Produkt sind für die Außendarstellung und für die Nachwuchswerbung deshalb eine besondere Herausforderung. Im Blick auf die Dachmarke Geodäsie als Qualitätslabel muss es also darum gehen, diese Dienstleistung noch anschaulicher und prägnanter darzustellen, dabei systemischer zu denken und die geodätische Fachkompetenz in die gesellschaftlichen Megathemen wie Energie- und Klimawende, Katastrophenmanagement, Erhalt der Biodiversität oder Demographie einzuordnen. All die damit verbundenen Fragen lassen sich nämlich ohne räumliche und zeitliche Bezüge, ohne Verortung und ohne Koordinate weder analysieren noch beantworten. Im Blick auf die innere Orientierung und die äußere Wahrnehmung unseres Berufsbilds leistet dieses Jahrbuch dazu einen hervorragenden, vor allem umfassenden Beitrag. Der DVW Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement ist heute sowohl als technisch-wissenschaftlicher Verein als auch bei der Wahrnehmung berufspolitischer Interessen inhaltlich und organisatorisch auf gutem Wege. 13 DVW Landesvereine tragen ein aktives Vereinsleben, welches sich von der beruflichen Weiterbildung bis zur kollegialen Kontaktpflege erstreckt. Die sieben Facharbeitskreise zu den Themen Beruf, Geoinformation, Messmethoden, Ingenieurvermessung, Landmanagement, Immobilienwertermittlung und Höhere Geodäsie erfahren bei der Behandlung der wichtigen Themen des jeweiligen Aufgabenspektrums große Wertschätzung. Die Qualität der Facharbeit gleichermaßen auf nationalem und internationalem Level in der FIG, die Herausgabe von Publikationen, DVW Merkblättern und die Durchführung von Seminaren sowie der fachliche Input für die INTERGEO prägen den Ruf des DVW ganz entscheidend. Die zfv Zeitschrift für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement, eines der ältesten wissenschaftlich-technischen Publikationsorgane überhaupt, ist schon seit ihrem erstmaligen Erscheinen im Jahr 1872 ein Aushängeschild und heute in zeitgemäßer Ausprägung anerkanntes Fachjournal und Mitgliederinformation. Der DVW veranstaltet mit der INTERGEO die inzwischen weltweit größte und bedeutsamste Geo-Kongressmesse, die zugleich Flaggschiff der Vereinsarbeit und Imageträger allererster Güte ist. Die Erfolgsgeschichte des DVW ist zuvorderst dem ehrenamtlichen Wirken engagierter Mitglieder zu verdanken.

2 VI Geleitwort des DVW-Präsidenten Internationales Engagement und die Wahrnehmung internationaler Verantwortung gehören zwingend zur Marke Geodäsie in Zeiten der Globalisierung. Die Rückkopplung internationaler Entwicklungen und Standards auf unsere Berufsausübung hierzulande aber zugleich auch die Verpflichtung des hoch entwickelten deutschen Vermessungs- und Geoinformationswesens zur Übernahme von Verantwortung bei der internationalen Zusammenarbeit waren und sind Motivation des DVW, sich international, insbesondere in der FIG, zu engagieren. Die surveying profession steht beim globalen Wandel wegen des unmittelbaren Raum-, Land- und Bodenbezugs in besonderer Verantwortung, die aber auch zukunftsfähige Aufgabenfelder erschließt. Alle positiven Akzente dürfen aber nicht den Blick auf die offenkundigen Schwierigkeiten einerseits bei der Nachwuchsgewinnung und andererseits in der Außendarstellung unseres Berufsbilds verstellen beides steht in einem unmittelbaren Sachzusammenhang. Verwaltung, freier Beruf und Wissenschaft beklagen eine mittlerweile gravierende Unterdeckung an Studierenden und Absolventen und dies bei absehbar hervorragenden Berufsaussichten. Dreh- und Angelpunkt von Nachwuchswerbung und verbesserter öffentlicher Wahrnehmung ist das Branding insbesondere im Blick auf eine einheitliche, nach innen und außen Identität stiftende Berufsbezeichnung. Geodäsie ist ein solches Alleinstellungsmerkmal. Als Geodäten sind wir einerseits Notare der Erde und als solche der Erfassung und Dokumentation umweltrelevanter, wirtschaftlicher und soziographischer Informationen und Phänomene verpflichtet, andererseits als Ingenieure zu deren Gestaltung, Fortentwicklung und schließlich noch mehr als bisher zur Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit gefordert. In diesem Kontext haben sich DVW, BDVI und VDV in gemeinsamen Entschließungen für den Erhalt des akademischen Grades Diplomingenieur neben Bachelor und Master sowie für den Oberbegriff Geodäsie als Dachmarke für die gesamte Bandbreite der Tätigkeitsfelder ausgesprochen. Dies markiert eine neue Qualität im Zusammenwirken und ist getragen von der Einsicht, dass die Stärkung des Berufsbilds der Geodäten und eine angemessene öffentliche Wahrnehmung nur durch eine einheitliche Marke, ein gemeinschaftliches Auftreten gegenüber Gesellschaft und Politik sowie eine übergeordnete Marketingstrategie erreicht werden kann. In die gleiche Richtung zielt die sogenannte Bremer Erklärung der Geoverbände, mit der sich DVW, BDVI, DGfK, DGPF, VDV, DMV, DHyG und DDGI auf eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Fortbildung und Nachwuchsförderung verständigt haben. Die Herausgabe und Fortführung eines Jahrbuchs über das deutsche Vermessungs- und Geoinformationswesen trägt diesen Zielen in beispielhafter Weise Rechnung. Ich begrüße es außerordentlich, dass sich mehr als 35 Experten aus allen Bereichen unserer Tätigkeitsfelder zusammengetan haben, um topaktuell, authentisch, übersichtlich, gemeinsam und kompetent eine fachliche Klammer über die gesamte Bandbreite unseres Wirkens zu setzen. Damit erfährt die Entschließung der Geoverbände eine besondere Realisierung im gemeinschaftlichen Auftreten nach außen sowie für Ausbildung, berufliche Weiterbildung und Nachwuchsförderung. Ich wünsche den geneigten Fachkreisen und Interessierten die gleiche Freude an der Lektüre, wie ich Sie hatte, und übernehme im Namen des DVW gerne die Patenschaft für dieses Werk. Erfurt, im Oktober 2010 Prof. Dr.-Ing. Karl-Friedrich Thöne DVW-Präsident

3 Vorwort der Herausgeber Vor hundert Jahren, am 22. Juni 1910, erblickte in Berlin Konrad Zuse das Licht der Welt. Er entwickelte 1941 den weltweit ersten voll funktionsfähigen programmgesteuerten Rechner den Z 3 und schuf zum Betrieb dieses Computers auch die erste universelle Programmiersprache Plankalkül, auf der der sog. Freiburger Code und viele höhere Programmiersprachen aufbauten. Der geniale Erfinder Zuse gilt damit zu Recht als Vater des Computers und Mitbegründer der Informatik. Kaum bekannt ist allerdings, dass Zuses Z-Serie immer mit am ersten im Bereich der Geodäsie für den praktischen Einsatz getestet wurde. Zuse arbeitete nämlich bereits ab 1955 eng mit dem Münchener Vermessungsingenieur Dr.-Ing. Heinrich Seifers zusammen. Seifers baute zunächst völlig unabhängig von Zuse selbst einen relaisgesteuerten Arbeitsplatzrechner, der ab 1954 in der Bayerischen Flurbereinigungsverwaltung mit großem Erfolg eingesetzt wurde. Ergebnis der Zusammenarbeit von Zuse und Seifers war die Z 4, von der in kurzer Zeit weltweit 37 Anlagen davon allein 25 im vermessungstechnischen Einsatz verkauft werden konnten. Nach der Versetzung von Heinrich Seifers 1958 an die TH München an das von Prof. Max Kneißl geleitete Geodätische Institut wurde die Z 4 auch systematisch für die Aufgaben in Wissenschaft, Forschung und Lehre erfolgreich eingesetzt. Das kongeniale Erfinder-Tandem Zuse/Seifers revolutionierte die geodätische Rechenpraxis zu einem Zeitpunkt, zu dem andere Fachdisziplinen, Wirtschafts- und Verwaltungsbereiche noch nach geeigneten Anwendungen suchten. Durch Zuse/Seifers wurde die Geodäsie zur pragmatischen Wegbereiterin des Siegeszugs von Computern auf allen Gebieten des täglichen Lebens. Für die Geodäsie als messende, darstellende und ordnende Wissenschaft stellt der Umgang mit großen Datenmengen seit jeher eine besondere Herausforderung dar, der man Jahrhunderte lang bemerkenswert erfolgreich mit rechnerischen Näherungsverfahren oder durch mechanisch-optische Nachkonstruktion der streng mathematischen Gleichungen auf höchstem ingenieurwissenschaftlichen Niveau begegnete. Hier stellte der frei programmierbare, elektronisch gesteuerte Computer einen Quantensprung zur Beschleunigung und Verfeinerung zunächst der Rechenprozesse und schon bald auch der Messvorgänge dar. Rasch wurden auch die dazu erforderlichen mathematischen Algorithmen entwickelt, sodass Einzelund Mehrpunktausgleichungen, Netz-Anfelderungen und Aerotriangulationen durch homogene lineare Ausgleichungssysteme mit tausenden von Unbekannten abgelöst werden konnten. Das Phänomen des Computers, dessen limitierende Faktoren anfangs noch die Größe der Bauelemente, der Energieverbrauch und die daraus resultierende Abwärme waren, hat heute als Begrenzung meist nur noch die invariable Lichtgeschwindigkeit. Das Messen im Nano-Bereich und die Online-Auswertung der Geodaten haben mittlerweile das Arbeiten in integralen Raum-Zeit-Modellen standardisiert eine zwingende Voraussetzung z. B. bei der Beschreibung und Prognostizierung geologischer, maritimer und meteorologischer Prozesse. Musste sich die Umweltbeobachtung und -dokumentation noch vor nicht allzu langer Zeit bildlich gesprochen mit einzelnen Schwarz-Weiß- Standfotos zufrieden geben, kann heute mit hochauflösenden Filmen in beliebiger Wellenlänge im Zeitraffer gearbeitet werden.

4 VIII Vorwort der Herausgeber Damit lässt sich das Umweltmonitoring so präzisieren, dass zunehmend selbst hartleibige Skeptiker Tatsachen, wie Erderwärmung, Plattendrift und Pegelveränderungen akzeptieren müssen. Ein besonders aktuelles Beispiel hierfür ist das in Kapitel 4 vorgestellte ESA- Projekt GOCE. Geodäsie und Geoinformatik liefern nicht nur die Daten für die kontinentalen und globalen ökologischen Entwicklungen der Erde, sondern sie stellen auch die soziographischen, ökonomischen und rechtlichen Informationen für Politik, Wirtschaft und Verwaltung sowie über Internet auch für jeden einzelnen Bürger im regionalen ebenso wie im kleinräumigen Umfeld zu Verfügung. Die amtlichen deutschen Geoinformationssysteme ALKIS, ATKIS, VBORIS und X-Plan sowie grundlegende Basisdienste wie SAPOS sind nur einige Beispiele dafür. Den ungeheuer raschen Wandel der Entwicklungen in Geodäsie und Geoinformatik im Jahrbuch Das deutsche Vermessungs- und Geoinformationswesen möglichst umfassend aufzuzeigen, dazu soll der vorliegende erste Ergänzungsband 2011 dienen. Er komplettiert das in 2010 herausgegebene Grundwerk zu einem hochaktuellen Gesamtwerk, aktualisiert die Inhalte und fokussiert Themenschwerpunkte. Dabei wird augenscheinlich, welchen Einfluss Zuses Erfindungen nach wie vor speziell für das Vermessungs- und Geoinformationswesen haben: Der Weg von der elektronischen Geodäsie zur Internet-Geodäsie ist in vollem Gange! Der Web-GIS -Entwicklung besonders in der Geotopographie gebührt somit eine herausgehobene Aufmerksamkeit und sie ist deshalb auch ein Themenschwerpunkt des Ergänzungsbandes Den Herausgebern ist es darüber hinaus ein besonderes Anliegen, aktuell zu informieren über die Festlegungen der Föderalismuskommission zu den IT-Strategien für die Bundesrepublik, über die städtebauliche Innenentwicklung, die sich vollziehende Datenintegration in Form eines dreidimensionalen Raumbezugs, das Entstehen multifunktionaler GIS in den Kommunen zur Förderung bürgernaher Daseinsvorsorge und der Standortpolitik sowie über die Einbettung raumbezogener Aufgaben in das EDV-gestützte Grundbuch und das bundesweite Amtliche Liegenschaftskataster-Informationssystem ALKIS. Über die bloße Fortschreibung der einzelnen Kapitel des Grundwerks 2010 hinaus behandelt der Ergänzungsband gezielt auch besondere, das Gesamtwissen abrundende und bereichernde Themen, wie z. B. den Geoinformationsdienst der Bundeswehr, Aspekte des Datenschutzes im Geobereich, die Dokumentation unserer Staatsgrenzen und nicht zuletzt die plakativ ergänzte Darstellung der ländlichen Entwicklung in Deutschland, die neuen internationalen GIS-Aktivitäten, die Entwicklung der Immobilienwertermittlung sowie den aktuellen Stand und die Perspektiven beim Aufbau der nationalen Geodateninfrastruktur. Auch im Jahr 2011 wird die Staatengemeinschaft noch in erheblichem Umfang mit der Aufarbeitung der Finanz- und Wirtschaftskrise der schwersten seit 80 Jahren beschäftigt sein und sich darüber hinaus im Umwelt-Bereich intensiv der Nachbesserung des unbefriedigenden Ergebnisses des Kopenhagen-Protokolls vom Dezember 2009 zu widmen haben. Auch und gerade Deutschland muss sich dabei seiner Verantwortung bewusst sein und bei der Lösung der Herausforderungen aktiv mitwirken, damit auch unseren Nachkommen eine lebenswerte Welt erhalten bleibt. Das technologische Wissen und Können ist vorhanden und wird kontinuierlich durch die Weiterentwicklung unserer Qualifikationswege zukunftsorientiert gesichert. Besonders die Vermessungsingenieure, Geomatiker, Kartographen und

5 Vorwort der Herausgeber IX Geoinformatiker können zur nachhaltigen Nutzung und Erhaltung der uns gegebenen Ressourcen wichtige Beiträge leisten. Zu bescheidene Zurückhaltung wäre fehl am Platze. Unter Berücksichtigung der Vorschläge aus dem bereits erfreulich großen Leserkreis sieht die Konzeption für das Jahrbuch Das deutsche Vermessungs- und Geoinformationswesen nunmehr vor, das in 2010 herausgegebene Grundwerk alle fünf Jahre durchgehend zu aktualisieren und zu überarbeiten das nächste Mal also in Um auch innerhalb dieses Fünfjahreszyklusses den Wandel der Entwicklungen aufzeigen zu können, werden je nach Bedarf in den Zwischenjahren Ergänzungsbände herausgegeben, die das Grundwerk zu einem hochaktuellen Gesamtwerk komplettieren. Für 2011 ist mit diesem hier vorliegenden ersten Ergänzungsband von dieser Option angesichts richtungsweisender Entwicklungen Gebrauch gemacht worden. Verlag, Autoren und Herausgeber wünschen eine aktuelle, anregende und vor allem Nutzen stiftende Lektüre sowie wertvollen Erkenntnisgewinn beim UP-DATEN der grundlegenden Informationen zum nationalen Vermessungs- und Geoinformationswesen. Magdeburg und Rosenheim, im Oktober 2010 Klaus Kummer und Josef Frankenberger

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